Das historische Vorwort (1924): Eine Rechtfertigung
Um die Tragweite von Wicklands Arbeit zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, wie radikal sein Ansatz vor einhundert Jahren war. Lesen wir dazu das Vorwort des ursprünglichen Herausgebers, Dr. Wilhelm Beyer, aus dem Jahr 1924:
Ein Werk wie dieses der deutschsprachigen Öffentlichkeit vorzustellen, bedarf einer sorgfältigen Begründung. Eigentlich verlangte es nach einer grundlegend neuen Psychologie als Vorwort. Doch es mag genügen, wenn wir uns mit der nötigen Offenheit mit der heutigen Seelenkunde auseinandersetzen.
Dr. Wicklands Buch berichtet von jenen rätselhaften Phänomenen der Besessenheit und dem Bemühen, diese therapeutisch zu lösen. Die Gattin des Verfassers hat ihm bei dieser lebenslangen, hingebungsvollen Tätigkeit im Ringen gegen die Besessenheit über mehr als drei Jahrzehnte hin als Medium gedient.
Viele Hunderte, ja Tausende von Persönlichkeiten haben im Laufe dieser langen Zeit aus ihr gesprochen und sich als scharf umrissene, eigenartige und eigenwillige Wesenheiten in ihrer ganzen, unverwechselbaren Einzigartigkeit zu erkennen gegeben. Das seien Geister Verstorbener, meint der Verfasser – meist unwissende, irrende Seelen von Menschen, die, von ihrem Körper endgültig getrennt, sich in ihren neuen Lebensverhältnissen nicht zurechtfinden konnten.
Da sie unvorbereitet auf diese Wandlung ihres Seins waren oder durch falsche Vorstellungen in die Irre geleitet wurden, suchten sie in ihrer Ratlosigkeit und Verlassenheit instinktiv nach Ankerpunkten in Menschen, die eine ähnliche mediale Resonanz boten. Bei dieser für beide Seiten unbewussten Begegnung komme es dann zu einer tiefgreifenden Erschütterung und schließlich zu einer völligen Inbesitznahme des betroffenen Menschen vonseiten des Verstorbenen.
Dass er selbst aus voller Überzeugung diese Auffassung vertritt, bekennt hiermit auch der Übersetzer und deutsche Herausgeber. Ja, gerade diese Überzeugung lässt es ihn als Pflicht erscheinen, den außergewöhnlich lehrreichen Inhalt dieses Buches, das von der tiefen, heilenden Qualität eines ärztlichen Lebenswerkes zeugt, der deutschen Leserschaft und im Besonderen den behandelnden Ärzten und Psychologen zugänglich zu machen.
Ich frage unsere modernen Analytiker: Wie kommt es, dass gerade Frau Wickland als stille und geduldige Partnerin in dem erfolgreichen ärztlichen Hilfswerk eines Ehemannes in ihrem Unterbewusstsein eine solche überraschende Fülle von „verschiedenen Bewusstseinsfragmenten, die wie autarke Persönlichkeiten handeln“, hervorbringen konnte? Das gilt doch wohl heute als die einzig annehmbare Erklärung für derartige Vorgänge, die als Dissoziation oder Spaltung der Persönlichkeit jedem Fachmann aus der therapeutischen Praxis geläufig sind. Aber wird solche Annahme nicht geradezu zur Unvernunft, wenn die Mannigfaltigkeit der auftretenden Identitäten in die Hunderte und in die Tausende geht?
Ich frage weiter: Wie kommt es zum vollständigen Verschwinden der psychischen Störungen in einem Kranken dadurch, dass Frau Wickland in ihrem Inneren eine wesensgleiche Verkörperung zeigt, welche exakt jene Züge offenbart, die den Kranken zuvor als psychisch krank erscheinen ließen? Eine solche Mannigfaltigkeit von verkörperten Wesenheiten im Medium und weit mehr noch ihre heilende Wirkung auf die psychisch Kranken nehmen den heute gebräuchlichen Erklärungen der neuzeitlichen Psychologie jede Glaubwürdigkeit.
Unsere neuzeitliche Seelenkunde ist beherrscht von einer unbezwinglichen Furcht – und zwar von der Furcht vor dem Unbekannten, dem Geistigen. Vielleicht ist es auch nur die Furcht vor dem Spott der strengen Rationalisten, für die es schon deshalb keine Geister geben kann, weil sie den eigentlichen Geist in sich völlig erstickt haben und den Götzen Verstand für den Geist halten.
Auffällig ist jedenfalls, dass die Seelenkunde von heute kein geistiges Gegenüber gelten lassen will, wenn solches nicht an einen sichtbaren und greifbaren Körper gebunden ist und als leibhaftiger Mensch vor aller Augen steht. Der gestorbene Mensch besteht für sie nicht mehr; er ist und bleibt verschwunden und hat sich keinesfalls mehr in irdisch-menschliche Angelegenheiten zu mischen.
Die moderne Psychologie fällt ein eindeutiges Urteil: Alles, was vorgibt, aus einer jenseitigen Welt zu stammen – ob es Stimmen sind, Visionen oder unerklärliche physische Phänomene –, entspringt letztlich nur dem Menschen selbst. Man behilft sich mit einem klinischen Vokabular, um alles als reine Projektion des eigenen Unbewussten zu erklären. Der Mensch, so die Lehre, erschafft all diese mysteriösen Erscheinungen aus seinem Inneren heraus.
Man hat also gar keinen Grund, sich vor Geistern oder Gespenstern zu fürchten; ja, man macht sich lächerlich damit, überhaupt nur zu glauben, dass es Geister gäbe. Das ist das Wiegenlied unserer Psychologie zur Einschläferung des Glaubens an Geister, was als Unsterblichkeitsglaube in letzter Folgerung zu der unbequemen Annahme eines persönlichen Gottes nötigt.
Ich will jedoch nicht behaupten, dass die Feststellungen der neuzeitlichen Seelenkunde gänzlich unzutreffend und wertlos seien. Vielmehr ist an allem, was sie herausgefunden hat, ohne Zweifel etwas Richtiges. Nur geht sie mit all ihren Erklärungen am eigentlich Wesentlichen vorbei. Versuchen wir einmal, einander auf halbem Wege entgegenzukommen. Mir will scheinen, dass wir damit der wirklichen Wahrheit sehr viel näher kommen können.
Doch bevor wir an solchen Einigungsversuch gehen, möchte ich der Eindringlichkeit halber noch an den faszinierenden Fall Mirabelli erinnern. Durch diesen außergewöhnlich begabten Mann, der in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts erstaunliche Materialisationen hervorbrachte, geschahen auch schriftliche Botschaften scheinbar jenseitiger Natur.
Viele Seiten lange Schreiben in 28 Sprachen wurden durch die Hand dieses Mannes mit einer geradezu verblüffenden Geschwindigkeit zu Papier gebracht, die selbst erfahrene Stenografen ratlos zurückließ. Darunter waren Sprachen, deren Schriftzeichen sämtlichen Anwesenden völlig unbekannt waren. Man musste nach Sprachforschern und Sprachwissenschaftlern suchen, um feststellen und sich belehren zu lassen, dass es sinnvolle und kenntnisreiche Abhandlungen in arabischer, koptischer, syrischer Schrift und Sprache waren – und das geschrieben im Schlafzustand von einem Manne in Südamerika, der bestenfalls in zwei bis drei Sprachen der dortigen Länder leidlich zuhause war.
Wie konnte Mirabelli so viele verschiedene Persönlichkeitsanteile in seinem unterbewussten Ich beherbergen, welche derartig ungewöhnliche Sprachkenntnisse und ausgedehntes Wissen im Inhalt ihrer Schriften bekunden konnten? Welche gedanklichen Klimmzüge sind dazu nötig, diese Aufzeichnungen nach den Regeln der wissenschaftlichen Psychologie als Ausdruck des Unbewussten des Menschen Mirabelli zu erklären?!
Treten wir jetzt dem vorgeschlagenen Einigungsversuche ernsthaft näher. Dafür wollen wir einen Ausspruch Goethes zum Ausgangspunkt nehmen: „Unsere Zustände schreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu und fehlen ein wie das andere Mal: in uns selbst liegt das Rätsel, die wir Ausgeburten zweier Welten sind.“
Derselbe Goethe hat auch gesagt: Wär‘ nicht das Auge sonnenhaft, wie könnte es die Sonn‘ erblicken?! Läg‘ in uns nicht des Gottes eigne Kraft, wie könnt‘ uns Göttliches entzücken?
Er hat damit aber gewiss nicht gemeint, dass das Auge erst die Sonne erschaffe; sondern er lässt der Sonne die Wirklichkeit ihres Daseins. Und ebenso wenig meint er, dass die in uns liegende Gotteskraft erst den Gott erschaffe; sondern die Fähigkeit, dem Rufe des allmächtigen Gottes, der auch ohne uns da ist, einen Widerhall geben zu können, ist ihm ein Zeichen unserer Wesensverwandtschaft mit Gott.
Da wir aber den dunkleren Abgründen der Existenz ebenso vertraut sind, und auch diese Sphäre mit ihrem Rufen in uns gar leicht Widerhall zu wecken vermag, liegt eben dort das Rätsel der Unausgeglichenheit und des Schwankens in unserem Innern; und von unserer Entscheidung hängt es ab, wessen Parteigänger wir sein wollen. Wie wir aber Gott und das Abgründige nicht erzeugen, sondern nur die Fähigkeit haben, beider gewahr zu werden, indem beider Kräfte in uns Widerhall finden, so erzeugen wir auch die Geister nicht, sondern geben ihrer Einwirkung auf uns nur einen Widerhall, da wir in unserem Innern gleichen Wesens mit ihnen sind.
Lassen wir den Geistern also auch in unserer psychologischen Vorstellung ihr autonomes Eigendasein und geben wir getrost die nachgerade komisch wirkende Scheu vor dem Ungreifbaren auf. Wir brauchen den Ausgangspunkt und Quell aller möglichen Erfahrungen, die über das Fassbare hinausgehen, nur nach rückwärts zu verlegen, hinter das Unbewusste, hinter die Seele des medialen oder magischen Menschen, und alles ist in bester Ordnung.
Was die Psychologie ergründet hat und behauptet, das stimmt aufs Haar genau. Alle jene geheimnisvollen, medialen, magischen, okkulten Erscheinungen – alle, ohne jede Ausnahme, kommen sie aus der Seele eines dabei beteiligten, körperlich lebenden Menschen. Aber diese Seele ist keineswegs der ursprüngliche Quellgrund, sondern nur Durchgang, Mittlerin, Leitungsbahn für jene Kräfte, welche die medialen Erscheinungen hervorbringen.
Ihren Ursprung haben alle okkulten Vorgänge und Erscheinungen in einer nicht-physischen, aber gänzlich realen Geistpersönlichkeit. Diese durchaus selbständigen, eigenbewussten Geistpersönlichkeiten entstehen nicht in, sondern stehen neben und hinter der Seele des medialen Menschen und haben für ihre Bekundungen in unserer Sinnenwelt keine andere Möglichkeit, als nur den Weg über eine solche Seele. Jegliche Geistbekundung von jenseitigen Daseinsebenen her an das Tagesbewusstsein körperlicher Menschen ist unumgänglich an die vermittelnde Mitwirkung einer noch im Körper lebenden Seele gebunden.
Selbst Gott und Christus haben keine andere Möglichkeit, sich einem Gläubigen sichtbar oder hörbar zu bekunden, als nur über dessen eigenes, geistig-seelisches Innere. Die Lichtstrahlen aber, welche die Erscheinung Christi dem Frommen vor Augen stellen, stammen nicht aus der Seele des Schauenden, kommen nicht aus seinem Unterbewusstsein, sondern über sein unterbewusstes Innere durch dieses hindurch aus einem wirklichen Lebensquell, was der Erlebende auch mit unverrückbarer Gewissheit erkennt. Nur eine streng mechanistische, gefühlsarme Vernunft wird sich weiterhin unter dem ihr selber unzugänglichen Erlebnis den Schemen einer aus der Seele des Schauenden abgespaltenen Christus-Persönlichkeit vorstellen.
Das selbe gilt auch für alle Stigmatisierungen: Die formenden Kräfte haben niemals ihren Ursprung in der Seele des Stigmatisierten, sondern nehmen nur ihren Weg zum Körper, den sie zeichnen, über diese Seele und kommen von einer Quelle her, die völlig außerhalb der menschlichen Persönlichkeit, dahinter oder darüber, zu suchen ist.
Ein unermesslicher Abstand und Gegensatz klafft zwischen den eben erwähnten heiligen Erlebnissen der echten, tief religiösen Mystiker (welche, nebenbei bemerkt, dem Verfasser, Dr. Wickland, anscheinend ganz unbekannt gewesen sind) und den unheimlich wirren und quälenden Bekundungen vonseiten durchaus zerstörerischer Besessenheitsgeister. Und doch haben heilige und dunkle geistige Einflüsse gleicherweise nur die eine Leitungsbahn, sind auf den gleichen Weg über die Seele des erlebenden Menschen angewiesen, sodass für den von außen beobachtenden Mediziner alles in gleicher Weise aus dem menschlichen Unterbewusstsein zu kommen scheint.
Dass dennoch der Weg der verschiedenen Einflüsse ein recht verschiedener ist, indem sie je nach ihrer andersartigen Herkunft und ihrem grundverschiedenen Werte ebenso verschiedene Eintrittsstellen in die Seele und nur ein und dieselbe Ausgangspforte haben, lässt sich in dem knappen Rahmen eines Vorworts nur andeuten und bedürfte einer eingehenden Darlegung in einer besonderen Geistlehre (Pneumatologie), welche aus den Erfahrungen der hoch entwickelten Mystiker klar und einleuchtend unschwer abzuleiten ist.
Zum Verständnis dieses Buches ist eine solche Geistlehre nicht unbedingt notwendig. Doch scheint es mir nicht unwichtig, daraus wenigstens einiges mitzuteilen. Zunächst dieses: „Die Geister“, denen wir in diesem Buche begegnen, haben eigentlich auf diesen Titel keinen Anspruch. Sie sind vielmehr lediglich Seelen, ungenügend erzogene, ungebändigte, unwissende und irrende Triebwesen, die zwar mehr oder weniger gute Verstandesfähigkeiten, aber keine Vernunft besitzen, weil sie viel zu unvollkommene, gänzlich ungenügende Verbindung mit dem zu ihnen gehörigen individuellen Geiste haben, der es nicht vermocht hat, sie während des Lebens im Körper richtig in seine Zucht zu nehmen und zu Vernunft und Erkenntnis zu bringen.
Man muss verstehen: In ihrem Wesen unterscheiden sich diese verwirrten Seelen kaum von der instinktgetriebenen Natur einfacherer Lebewesen. Ihr einziger, aber entscheidender Vorzug ist, dass sie untrennbar mit einem individuellen Geist verbunden sind. Nur aus diesem Kern könnten ihnen jene Fähigkeiten zufließen, die den Menschen vom Tier unterscheiden: Selbstbewusstsein und Individualität.
Doch die Berichte in diesem Buch stammen fast ausnahmslos aus der Sphäre dieser noch völlig ‚ungeistigen‘ Seelen – Wesenheiten, die zwar menschlich sind, aber noch gänzlich in ihren triebhaften, erdgebundenen Gewohnheiten feststecken
Diese haben je auch allenthalben die Zeichen großer menschlicher Unzulänglichkeit an sich und sind nicht anders zu bewerten als Äußerungen unserer lieben irdischen Nachbarn; d.h. sie müssen mit urteilendem Verstande nach Wert und Bedeutung ihres Inhalts abgewogen werden. Sie haben keinerlei Offenbarungscharakter, und ihre Quellen, die seelischen Personen, von denen sie ausgehen, entstehen nicht in der Seele des medialen Menschen als Abspaltungen von dieser, wie die wissenschaftliche Psychologie das auffasst, sondern stehen als höchst individuelle, selbständige und gleichwertige Wesen neben der Seele des medialen Menschen auf gleicher Stufe mit dieser. Auf ihrer eigenen Daseinsebene stehen diese Seelen einander als greifbar gegenständliche Gestalten gegenüber und haben dementsprechend auch eine Art Stofflichkeit, welche jedoch von der Stofflichkeit unserer irdischen Körperwelt grundverschieden ist.
Da dieser Art Kundgaben von der Seelenebene her die weitaus häufigsten sind, welche der psychiatrischen Forschung zum Gegenstand dienen, ist es leicht verständlich, dass sie ihrer menschlichen Unzulänglichkeit wegen die Forscher zu der Annahme verleiteten, es seien in ihnen lediglich Erzeugnisse der Seele des Mediums zu sehen. Die schier unerschöpfliche Mannigfaltigkeit dieser vermeintlichen „Personifikationen“ aber, sowie deren Übertragbarkeit von einem medialen Menschen auf einen anderen, lassen uns die Anschauungen der wissenschaftlichen Psychologie mit Sicherheit als Irrtum erkennen. Sie sind vielmehr ein eindringlicher Beleg dafür, dass sich tatsächlich ungezählte Millionen abgeschiedener, unwissender, irrender Seelen zwischen uns, den im Körper lebenden Menschen, herumtreiben, sich selbst und der Menschheit zur Last und Qual.
Neben diesen gewöhnlichen und häufigsten geistigen Kundgaben gibt es offensichtlich noch zwei ganz andersartige, welche sich sowohl von den bisher besprochenen als auch untereinander nach Wert und Herkunft scharf unterscheiden. Da steht zunächst hinter der Seele, und zwar in recht weiter Ferne hinter ihr, der zu ihr gehörige „eigentliche“ Geist, der innerste Wesenskern des Menschen, der Träger und Spender all der hoheitsvollen Fähigkeiten, welche den Menschen so deutlich über das Tier erheben. Auch er ist greifbar gegenständliche Gestalt für seinesgleichen und als solche wahrnehmbar und erkennbar sogar für Menschen, jedoch nur für solche, welche als hochentwickelte, religiöse Mystiker zu seinem Erleben befähigt sind.
Keiner der im landläufigen Sinne ‚hellseherisch begabten‘ Menschen ist in der Lage, diese reine Geistgestalt unmittelbar zu erblicken. Zu einer solchen Schau gelangt der Mensch meist erst durch eine tiefgreifende, oft herausfordernde innere Wandlung. Es ist eine Entwicklung, die sich dem bloßen, erzwingenden Willen entzieht und eher als ein organisches Reifen oder eine innere Berufung verstanden werden muss. Doch es bedarf keineswegs dieser vollkommenen Schau, damit der Mensch aus der Fülle seines Geistes schöpfen und der Welt bleibende Kunstwerke, Erfindungen oder Erkenntnisse zum Geschenk machen kann.
Die Ebene dieses eigentlichen Geistes ist der Quellgrund, aus dem die Schöpfertaten des Genies fließen. Auch diese hohen Kräfte haben keinen anderen Weg als nur den über die Seele, wenn sie für die Außenwelt und in ihr etwas gestalten wollen. Und der von außen her beobachtende Seelenforscher sieht auch diese sehr viel seltener zur Beobachtung kommenden Geistkundgaben aus der Seele herauskommen und lässt sich durch den Augenschein verführen, sie ebenfalls als Leistung des Unbewussten, der Seele, anzusprechen. Wohl kommen diese Leistungen nun wirklich aus der Persönlichkeit des Menschen selbst, doch nicht aus seiner unbewussten Seele, sondern aus seinem überbewussten Geiste.
Und noch höhere, noch seltenere Geistkundgaben sind uns bekannt und geläufig, deren Quelle in unermesslicher Höhe über Seele und Geist des Menschen zu suchen ist. Auch von dort her, aus dem ursprünglichen Lebensquell Gottes geht der Weg der Offenbarung geradlinig über den Geist durch die Seele bis in das Tagesbewusstsein des Menschen, freilich nicht jedes beliebigen Menschen.
Eine wirklich klare geistige Einsicht kann sich erst dort entfalten, wo der Mensch lernt, seinen oft hartnäckigen Eigenwillen einer umfassenderen, schöpferischen Führung unterzuordnen. Diese innere Wandlung – ein Prozess der Reifung und Klärung – macht den Weg frei für Erkenntnisse, die weit über das rein Menschliche hinausgehen. Solche Impulse entspringen letztlich nicht dem Verstand allein, sondern fließen aus einer universellen Quelle durch uns hindurch. Es ist der Akt einer bewussten Hingabe an das große Ganze, getragen von der Einsicht: ‚Nicht mein Wille, sondern der Deine geschehe‘.
In dem vorliegenden Buche finden wir nur Kundgaben der erstgenannten, niedrigsten Art, dürfen also von ihnen keine hohen Offenbarungen erwarten. Dennoch sind sie überaus wertvoll und lehrreich, denn sie veranschaulichen mit großer Deutlichkeit, dass jenseits des Grabes die Entwicklung des Menschen ohne Unterbrechung ihren Fortgang nimmt und jeder im anderen Leben erntet, was er hier gesät hat.
Charakter und Wesen werden durch das Ablegen des Körpers nicht verändert, sie treten nur mit größerer Deutlichkeit zu Tage und wirken sich mit unbeirrbarer Folgerichtigkeit auf die Gestaltung des jenseitigen Schicksals aus. Der Hauptwert des Buches aber liegt darin, dass es einen Weg zeigt, wie psychisch Schwererkrankten erfolgreich und nachhaltig zu helfen ist.
Um diesen Weg als Helfer gehen zu können, muss man sich freilich zuvor mit der Auffassung befreunden, welche dieses Buch vertritt. Da es nun erfahrungsgemäß gerade für den Fachmann besonders schwer ist, altgewohnte, tief eingefahrene Gedankengeleise zu verlassen, ist nicht damit zu rechnen, dass die gelehrten Seelenforscher dieser Auffassung gleich beitreten werden. Doch möchte ich die auf wirksames Helfen eingestellten Ärzte einladen, die hier vorgetragene Auffassung wenigstens als Arbeitshypothese gelten zu lassen und zu benutzen, um nach dem Vorbilde Dr. Wicklands zu segensreichen Erfolgen zu gelangen.