Prolog: Der blinde Fleck der Moderne – Gedanken zur Neuausgabe 2026

Als ich Ende der 1980er Jahre meine Ausbildung in der Psychiatrie begann, herrschte eine Atmosphäre des Aufbruchs. Die große Psychiatrie-Reform war in vollem Gange, die Sozialpsychiatrie entwickelte sich rasant, und wir glaubten fest daran, kurz vor einem fundamentalen Durchbruch zu stehen. Man wollte die alten, verwahrenden Strukturen hinter sich lassen – es war eine Zeit der Hoffnung.

Heute, über ein Vierteljahrhundert nach Beginn des neuen Jahrtausends, muss ich diese Hoffnung ernüchtert betrachten. Gewiss, die Fassaden wurden erneuert, und auch die sozialpsychiatrische Betreuung hat sich verbessert. Doch blickt man hinter die Kulissen der klinischen Praxis, erkennt man eine Stagnation: Die medikamentöse Therapie entwickelt sich nur in Trippelschritten weiter, viele Patienten sprechen auf bestehende Therapien unzureichend an, und grundlegend neue Ansätze jenseits des biochemischen Modells sind fast gänzlich ausgeblieben. Noch immer begegnen mir in Kliniken Zustände – etwa die Entseelung geriatrischer Stationen oder die rein verwaltende Behandlung chronisch Kranker –, die mich an die Zeit vor der Reform erinnern. Wir haben die Fassaden erneuert, aber das Wesen des Leidens aus dem Blick verloren.

Meiner Überzeugung nach hat die Psychiatrie den „großen Sprung“, den wir uns erhofften, nicht vollzogen. Und gerade deshalb ist es heute notwendiger denn je, kritisch zu prüfen, ob wir auf dem Weg der Moderne nicht wertvolle, alte Ansätze vorschnell über Bord geworfen haben.

Von der „Psyche“ zurück zur Seele

Einer dieser Verluste betrifft unsere Sprache selbst. Der moderne Mensch flüchtet sich in klinische Terminologie und spricht fast nur noch von der „Psyche“, während der Begriff der „Seele“ beinahe Scham auslöst. Diese Flucht ist im Grunde ein Verrat an unserer unmittelbarsten Wirklichkeit: Wir betrachten den Menschen als biochemische Maschine und übersehen dabei, dass das Bewusstsein nicht aus Materie entsteht, sondern der materielle Körper nur dessen zeitweiliges Werkzeug ist.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich der Ausdruck seelischer Not ständig wandelt. Im 19. Jahrhundert zeigte sich das Leid körperlich laut – durch Krämpfe und das Auftreten multipler Persönlichkeiten. Im 20. Jahrhundert versteckte sich die Not in den Organen und sprach durch Asthma oder Magengeschwüre. Heute erleben wir ein inneres Erlöschen, eine tiefe Erschöpfung, einen „Nebel“ im Kopf. Das Symptom wechselt seine Kleidung, doch der Kern bleibt derselbe: Die Seele verliert die Souveränität über ihre Hülle.

Um zu verstehen, wie es zu den Zuständen kommt, die Wickland als „Besessenheit“ beschreibt, müssen wir das Blut neu begreifen. Es ist keine statischer Flüssigkeit, sondern ein hochsensibles Medium – eine „flüssige Antenne“, die den Körper vollkommen durchdringt und als Brücke zwischen dem seelischen Impuls und dem physischen Körper fungiert. Die Resonanzfähigkeit dieser Antenne ist jedoch empfindlich: Traumatische Schocks können ihre gewohnte Frequenz schlagartig kappen; Alkohol, Drogen oder chemische Fehlstimmungen verändern ihre Ausstrahlung; und dauerhafte Überreizung vergröbert ihre Empfänglichkeit.

Tritt eine solche Dissonanz auf, entsteht ein „funktionaler Spalt“. In diesem Moment verliert der Mensch die Souveränität über seinen Körper – er ist, wie es der Volksmund treffend sagt, „nicht mehr ganz er selbst“. Genau hier setzt die Arbeit von Dr. Carl Wickland an. Wenn das eigene System nicht mehr stabil führt, können fremde seelische Dynamiken – oft orientierungslose, erdgebundene Seelen – an diesem Spalt andocken. Was wir heute als „Wahn“ oder „Stimmenhören“ abtun, ist keine bloße Fehlfunktion des Gehirns, sondern die unsicherer, verworrene Wahrnehmung einer tatsächlichen, feinstofflichen Realität durch eine überempfindlich gewordene Antenne.

Wicklands „30 Jahre unter Toten“ wurde vor über einem Jahrhundert ursprünglich für eine ärztliche Fachleserschaft verfasst. Es ereilte jedoch das Schicksal, das damals fast zwangsläufig war: Es wurde ignoriert, belächelt, nicht ernst genommen – und verschwand in der Vergessenheit, weil es das materialistische Weltbild seiner Zeit frontal angriff.

Für die vorliegende Neuausgabe habe ich mich bewusst entschieden, die ursprüngliche Form zu verändern. Wicklands Protokolle waren trocken, wissenschaftlich-streng und durch langatmige Dialoge oft schwer zugänglich. Ich möchte kein historisches Dokument für Medizinhistoriker bewahren, sondern dieses Werk dem interessierten Laien und jenen Fachleuten zugänglich machen, die bereit sind, über den Tellerrand der konventionellen Lehre hinauszuschauen. Ich habe die Dialoge daher gekürzt und den Fokus verschoben: weg von der bloßen Beweisführung spiritistischer Phänomene, hin zum Verständnis der Schädigung – zu der Frage, wie sehr Menschen durch fremdgeistige Einflüsse in Not geraten können.

Ein Wort zur „Naivität“ der Geister – Eine Mahnung gegen geistige Arroganz.

Wer heute die Protokolle von Dr. Wickland liest, mag sich gelegentlich über die Naivität, ja fast schon „Dummheit“ mancher der dort beschriebenen Geister wundern. Doch hüten wir uns davor zu glauben, dies sei ein Symptom der Begrenztheit der damaligen Zeit oder ein Zeichen mangelnder Intelligenz.

Diese vermeintliche Dummheit beruht nicht auf einem intellektuellen Defizit, sondern auf einer extremen Verengung des Wahrnehmungsfeldes. Wer sein Leben lang den Blick ausschließlich auf das Materielle richtet oder sich in einseitig verbogenen Dogmen – sei es in einem Fundamentalismus oder in rein materialistischen Philosophien – verliert, erleidet eine Form der seelischen Atrophie. Die Folge ist eine vollkommene Verwirrung der Seele in jenem Moment, in dem sie die vertraute materielle Hülle – den Erdenkörper – verlassen muss.

Wir dürfen uns hierbei keiner Illusion hingeben: Der moderne Mensch des 21. Jahrhunderts ist spirituell nicht weiterentwickelt als der Mensch vor hundert Jahren. Es steht zu befürchten, dass es einem Großteil der heutigen Menschheit nach dem Ableben genauso ergehen wird wie jenen verwirrten Seelen in Wicklands Berichten: Sie werden unwissend über ihren eigenen Tod auf der „anderen Seite“ erwachen und jene Armada desorientierter Geister verstärken, die als unbewusste Beeinflusser der jetzigen Menschheit fungieren.

Es gibt also keinen Grund, sich mit intellektueller Überlegenheit über diese Geister zu erheben. Vielmehr sollte uns die Lektüre mit einem tiefen Ernst erfüllen. Die Konsequenz aus diesen Erkenntnissen kann nur eine sein: Diese Erdenzeit muss genutzt werden.

Es geht um die Erweiterung des inneren Horizonts – eine offene, ehrliche Suche, frei von Dogmen und starren Denkmustern. Wir haben hier die Chance, unserer inneren Aufnahmefähigkeit so zu klären und zu weiten, nach oben zu öffnen, dass wir eben nicht als verwirrte Schatten enden, sondern als souveräne geistige Wesen. Dieses Buch ist somit nicht nur eine Dokumentation über das Leid anderer, sondern ein Weckruf zur eigenen inneren Arbeit und zur Wiederherstellung der Souveränität über das eigene Leben.