Kapitel 1 – Seelenkundliche Forschungen

Die Aufzeichnungen von Dr. Carl Wickland

Redaktionelle Notiz: Wir verlassen nun die einführenden Betrachtungen und widmen uns dem Kern des Werkes: Den klinischen Berichten und theoretischen Schlussfolgerungen von Dr. Carl Wickland selbst, wie er sie nach drei Jahrzehnten unermüdlicher Praxis niedergelegt hat.

Die psychologische Forschung berührt Grundlagen von höchster Bedeutung für die Menschheit und hat bereits weltweit einen bestimmenden Einfluss auf die Gestaltung unseres gesellschaftlichen Lebens erlangt. Es besteht kein Zweifel, dass die verschiedenen Forschungszweige ehrlich bemüht sind, ihre Ergebnisse auf einer streng psycho-physiologischen Grundlage zu ordnen.

Der Psychoanalytiker vertritt die Ansicht, dass viele der psychischen Störungen ihren Sitz und Ursprung in einer seelischen Verletzung haben, in einem tiefen Trauma, das der Betreffende entweder verbirgt oder vergessen hat. Der klinisch diagnostisch arbeitende Psychologe schafft durch Prüfung und Messung des Auffassungs- und Unterscheidungsvermögens die Möglichkeit, seelisch-geistige Schwächen und Mängel nach ihren wesentlichen Merkmalen präzise zu erfassen und übersichtlich zu ordnen. Ebenso trachten Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie eifrig danach, für die verschiedenen Formen von Nervenkrankheit, Geistesverwirrung und Wahnsinn die besonderen Ursachen zu ergründen und die besten vorbeugenden und behandelnden Ansätze ausfindig zu machen.

Diese Forschungszweige sind zwar nicht geneigt, die Annahme gelten zu lassen, dass unkörperliche Entitäten beim Zustandekommen vieler Seelen- und Geistesstörungen als Urheber mitbeteiligt sind. Nichtsdestoweniger leisten auch sie wichtige Dienste, indem sie die überaus wandelbaren Eigenschaften des nervlich Erschöpften, des hochsensiblen Menschen und der zu psychischen Krisen Veranlagten aufdecken und ans Licht bringen.

Der Forscher sieht für seine tiefenpsychologischen Untersuchungen zwei Hauptgebiete vor sich: die gesunde und die kranke Seele.

Bei der Erforschung des normalen Seelenlebens, sowohl vom Standpunkt des Arztes als auch des Seelsorgers, dreht es sich, neben manchem anderen, schließlich immer um die Endfrage: Was wird aus den Verstorbenen? Diese Frage ist doch von unmittelbarster Bedeutung für jeden Schwerkranken, der sich an der Grenze des Jenseits sieht, gewärtig, sie überschreiten zu müssen – voller Zweifel, ob es denn überhaupt ein zukünftiges Leben gibt, oder vielleicht voller Angst und Bangen, welch schweres Los wohl ihn, den Sünder, nach dem Tode erwarte. Wäre es angesichts dieser tiefen menschlichen Not nicht die vornehmste Aufgabe des Arztes, bei Ausübung seines Berufes aus wirklicher Kenntnis den Kranken versichern zu können, dass es in Wahrheit ja gar keinen Tod gibt, sondern dass das, was wir Tod nennen, eine Geburt ist hinein in eine neue Welt voller Möglichkeiten und Gelegenheiten zum Wirken und Schaffen auf höheren geistigen Ebenen?

Bei der Erforschung des krankhaften Seelenlebens handelt es sich für den Arzt darum, ein möglichst umfassendes und gründliches Wissen zu erlangen über das geheimnisvolle Wirken seelischer Essenzen, sowohl der entkörperten als auch der verkörperten. Die Forschungsergebnisse im Bereiche sowohl des krankhaften als auch des gesunden Seelenlebens deuten nicht nur auf das tatsächliche Vorhandensein von solchen Bewusstseinsformen hin, sondern liefern auch unzweifelhafte Beweise dafür, dass bei den verschiedenen nervösen und seelischen Krankheitszuständen und geistigen Störungen derartige Präsenzen eine wichtige Rolle spielen.

Mehr als irgend ein anderer hat zweifellos gerade der Arzt Gelegenheit, Fälle von Geistesstörungen zu sehen, die gar nicht so selten die Folge vorwitziger, spielerischer Versuche auf diesem sensiblen Gebiet sind. Denn der Arzt ist gewöhnlich der erste, der in solchen Fällen um Rat gefragt wird. Von seiner Entscheidung ist daher das fernere Schicksal des unglücklichen Opfers weitgehend abhängig. Und schon deshalb – von anderen Gründen ganz abgesehen – sollte es nicht nur das Vorrecht, sondern auch die dringlichste Pflicht des Arztes sein, sich mit den verschiedenen Zweigen seelischer Forschung gründlichst vertraut zu machen und die Gefahren genau kennenzulernen, welche dem gedankenlos leichtfertigen Laien, insbesondere dem nervlich-seelisch Empfindlichen, dabei drohen.

Die schweren Schäden, die man so oft als Folgen solcher unbedarften Versuche erlebt, veranlassten mich, einmal in einer systematischen Untersuchung den grundlegenden Ursachen nachzuspüren; denn gerade auf diese kommt es für den Arzt sehr an.

Aufmerksam wurde ich auf diese Frage zuerst durch einige Fälle von tiefgreifenden psychischen Krisen bei verschiedenen Personen, die sich völlig unerfahren an okkulte Versuche gewagt hatten. Die anscheinend harmlosen Übungen im automatischen Schreiben und am Skriptoskop hatten so schwere geistige Störungen zur Folge, dass die Betreffenden in stationäre psychiatrische Einrichtungen untergebracht werden mussten.

Der erste dieser Fälle war der einer Patientin, deren Versuche im automatischen Schreiben zu geistiger Verwirrung und einer massiven Veränderung der Persönlichkeit führten. Normalerweise war sie eine liebenswürdige, fromme, ruhige und kultivierte Frau, wurde nun aber heftig und ungebärdig, tobte umher, tanzte, gebrauchte vulgäre Redensarten, behauptete, sie sei eine Schauspielerin, und bestand darauf, für die Bühne kostümiert zu werden; sie müsse um eine bestimmte Zeit im Theater sein, wenn sie nicht ihre Stellung dort verlieren solle. Sie wurde schließlich in ihrem Verhalten derart unkontrollierbar, dass sie in einer Klinik untergebracht werden musste.

Ein anderer Fall war der einer hochgebildeten Künstlerin. Infolge ihrer Beschäftigung mit dem automatischen Schreiben wurde aus dieser Dame eine gänzlich veränderte und jähzornige Persönlichkeit. In den höchsten Tönen kreischend rieb sie sich beständig die Schläfen und rief: „Herr Gott hilf mir! Herr Gott hilf mir!“ Sie lief auf die Straße, kniete betend im Straßenkehricht, verweigerte die Nahrungsaufnahme mit der Begründung, wenn sie vor sechs Uhr nachmittags etwas äße, käme sie in die Hölle.

Eine weitere Betroffene, welche dieselben Versuche gemacht hatte, wurde ebenfalls geistig verwirrt und gewalttätig, sodass die Polizei eingreifen musste. Nachts stand sie auf, behauptete, sie sei Napoleon, und stellte sich in entsprechender Haltung in das Fenster ihres Modengeschäfts. Und da sie noch viele andere Verwirrtheitszustände durchlebte, die ihre Festsetzung notwendig machten, wurde sie in die geschlossene Abteilung gebracht.

In ähnlicher Weise bekam eine vierte Patientin Halluzinationen, in denen Gott beständig zu ihr sprach, ihr ihre Sünden vorhielt und sie dafür verdammte. Nachdem sie auf Verlangen dieses sogenannten Gottes einige Selbstmordversuche unternommen hatte, wurde auch sie in eine Klinik gebracht.

Viele andere unselige Folgen, welche der Gebrauch des angeblich „harmlosen“ Skriptoskops nach sich zog, kamen mir zu Ohren, und so veranlassten mich meine Beobachtungen aus dem klinischen Alltag zur Erforschung der seelischen Erscheinungen, um dort vielleicht eine mögliche Erklärung für diese seltsamen Begebenheiten zu finden.

Es stellte sich heraus, dass meine Frau ein vorzügliches Medium war und leicht von entkörperten Wesenheiten in Besitz genommen werden konnte. Als Antwort auf ihre Zweifel, ob es auch recht sei, wenn man „die Ruhe der Toten“ störe, behaupteten jene Wesen, dass wir Menschen hier noch eine völlig falsche Vorstellung von den Zuständen nach dem Tode hätten.

Sie versicherten uns, dass es in Wirklichkeit gar keinen Tod gäbe, sondern nur einen ganz natürlichen Übergang von der sichtbaren zur unsichtbaren Welt, und dass die höher entwickelten Geister ständig nach Gelegenheit trachten, sich mit uns Menschen zu verständigen, um uns darüber zu belehren, welche ungeahnten Möglichkeiten zur Aufwärtsentwicklung als Geister uns drüben erwarten. Aber das Sterben – die Loslösung des Geistes vom Körper – vollziehe sich so einfach und natürlich, dass die allermeisten den Wechsel kürzere oder längere Zeit gar nicht gewahr werden. Und da sie über die geistige Seite ihres Wesens nie belehrt worden sind, halten sie sich in ihrer Unwissenheit auch als Verstorbene noch weiter an den Stätten ihrer irdischen Wirksamkeit auf.

Ferner behaupteten sie, dass viele dieser Geister von der „magnetischen Aura“ der Menschen angezogen werden, in diese eindringen und so ihre Opfer umlagern oder besessen machen; dabei braucht weder dem Geiste noch dem davon betroffenen Menschen von solcher Aufdringlichkeit etwas bewusst zu werden. Und dennoch werden auf diese Weise Geister, ohne es zu wissen – aber freilich oft auch aus feindlicher Absicht – die Urheber von unsagbarem Unheil und Elend und verursachen körperliches Siechtum, moralische Minderwertigkeit, Verbrechen und scheinbares Irresein.

Von dieser Seite her das Übel an der Wurzel zu fassen, sagten die Geister, bringe für den Neuling auf dem Gebiete psychischer Forschung die schwersten Gefahren mit sich; aber noch gefährlicher sei es, in Unwissenheit über diese Tatsachen zu beharren, besonders für den empfindsamen Neurotiker.

Diese Geistwesen erklärten auch, dass sich durch eine planmäßige „Übertragung“ – d.h. indem man solche Besessenheitsgeister von ihrem Opfer ablenkt und in ein Medium hineinlockt – die Richtigkeit dieser Hypothese dartun und der Sachverhalt, wie er in Wahrheit ist, beweisen lasse. Durch solche Übertragung der seelischen Störungen auf ein Medium könnten die Kranken von ihren Quälgeistern befreit, diese letzteren aber der Einwirkung fortgeschrittener Geister zugänglich gemacht werden, die dann weiter für sie sorgten und sie über die höheren Lebensgesetze belehrten.

Sie behaupteten, in meiner Frau ein geeignetes Werkzeug für derartige Versuche gefunden zu haben und schlugen vor, mir die Richtigkeit ihrer Behauptungen zu beweisen, falls ich mit ihnen zusammenarbeiten wolle. Ich solle mich dabei der unwissenden Geister annehmen und sie belehren, während ihnen gestattet würde, für einige Zeit den Körper meiner Frau völlig in Besitz zu nehmen, ohne dass derselben daraus eine Schädigung erwachsen solle.

Eifrig darauf bedacht, festzustellen, ob diese überaus wichtigen Behauptungen auch wirklich zuträfen oder nicht, gingen wir auf ihren anscheinend so gewagten Vorschlag ein. Erwiesen sich die uns gemachten Eröffnungen als zutreffend, dann waren sie von größter Bedeutung für die Klärung vieler Rätsel, welche das Seelenleben sowohl des Verbrechers als auch anderweitig psychisch Kranker bisher aufgab.

In Ausführung ihres Vorschlages ließen die führenden Geister manche oftmals sehr unerwarteten Kundgebungen zu, deren einige schon stattfanden, als ich noch ganz am Anfang meiner medizinischen Studien stand.

Eines Tages verließ ich mein Haus, ohne selbst die Absicht zu haben, mich sogleich ans Sezieren zu machen, somit konnte auch das Unterbewusstsein meiner Frau an dem, was sich später zutrug, nicht beteiligt sein.

Die Studenten sollten die unteren Gliedmaßen eines Körpers sezieren; die erste dafür bestimmte Leiche war die eines Mannes von etwa sechzig Jahren, und an jenem Nachmittage begann ich eins der Beine zu sezieren.

Es war gegen fünf Uhr nachmittags, als ich die Schwelle unseres Hauses überschritt. Kaum hatte ich den Eingang betreten, wurde meine Frau von einem heftigen Übelbefinden ergriffen. Sie klagte, sich „seltsam“ zu fühlen, und schwankte hin und her, als gäbe der Boden unter ihren Füßen nach. In jenem Augenblick, da ich beruhigend meine Hand auf ihre Schulter legte, vollzog sich eine merkwürdige Wandlung in ihrer Haltung. Eine fremde, feindselige Präsenz schien von ihr Besitz zu ergreifen.

Mit einer Stimme, die nicht die ihre war, fuhr sie mich an, was ich mir eigentlich dabei dächte, sie einfach zu zerschneiden. Ich entgegnete ruhig, dass ich mir keineswegs bewusst sei, irgendjemanden zu zerschneiden. Doch die fremde Stimme beharrte erregt darauf – sie spüre es doch ganz deutlich, ich zerschnitte ihr Bein.

Es war eine erschütternde Beobachtung, der ich da beiwohnte. Während der physische Körper des Mannes weit entfernt im Seziersaal lag, erlebte sein Bewusstsein den medizinischen Eingriff in Echtzeit mit. Für diesen Geist existierte keine Trennung zwischen Fleisch und Energie – der Schnitt des Skalpells an der Leiche wurde ihm zu einer unmittelbaren, qualvollen Wirklichkeit. Er war noch immer so fest mit seiner Materie verwoben, dass er den Schmerz einer Sektion empfand, die er eigentlich längst hinter sich gelassen haben sollte.

Jetzt begriff ich; die Seele jenes Menschen, dessen Leiche ich zu sezieren begonnen hatte, war mir nach Hause gefolgt, und ich begann nun, mich mit dem Verstorbenen zu unterhalten, setzte aber zunächst meine Frau in einen Sessel.

Die Konfrontation mit der eigenen Körperlosigkeit ist für viele dieser Seelen ein Schock, der sich oft in heftiger Abwehr äußert. Als ich versuchte, die Situation zu klären, sträubte sich der Verstorbene energisch gegen jede Annäherung und fuhr mich entrüstet an, ich solle das unterlassen – ich hätte absolut kein Recht, ihn anzufassen.

Ruhig erwiderte ich, es sei doch wohl mein gutes Recht, meine eigene Frau zu berühren. Doch der Geist begriff nicht. Verwirrt rief er zurück, wovon ich denn überhaupt rede – seine Frau? Er sei keine Frau, sondern ein gestandener Mann.

Geduldig erklärte ich ihm, was geschehen war: Er habe seinen sterblichen Körper abgelegt und bediene sich in diesem Augenblick des Körpers meiner Frau. Sein Geist sei hier bei mir im Raum, während sein alter Körper drüben in der Hochschule liege. Er möge doch einmal überlegen – gesetzt den Fall, ich würde genau in diesem Moment seinen Körper in der Universität sezieren, es könnte ihn nicht mehr töten. Denn er selbst, sein Ich, stehe ja hier vor mir.

Es dauerte einen Augenblick, bis die Logik dieser klinischen Tatsache in sein Bewusstsein drang. Doch als er es begriff, schlug seine Haltung augenblicklich um. Resigniert, ja beinahe pragmatisch räumte er ein, das sei eine verdammt vernünftige Schlussfolgerung. Dann sei er also sozusagen „tot“, und für den alten Körper werde er wohl keine Verwendung mehr haben. Wenn man beim Aufschneiden etwas lernen könne – bittesehr, dann solle man nur losschneiden.

Kaum war diese Einsicht erlangt, lehnte er sich gleichsam vertraulich zu mir herüber und bat mich, wenn wir schon einmal dabei seien, ihm doch ein Priemchen Tabak zu geben, oder eine Pfeife – er rauche doch für sein Leben gern.

Diesen Wunsch musste ich ihm freilich abschlagen. Doch für mich war dieser Moment von höchster diagnostischer Bedeutung. Meine Frau empfindet seit jeher einen wahren Abscheu vor Tabak. Dass ein Wesen durch sie sprach, das mit solcher Inbrunst nach einem „Priemchen“ verlangte, macht es völlig ausgeschlossen, dass hier ihr eigenes Unterbewusstsein am Werk gewesen wäre. Es war das authentische Verlangen einer fremden Persönlichkeit, die ihre irdischen Gewohnheiten mit über die Grenze genommen hatte.

Nachdem ich ihm noch einmal genauer erklärt hatte, dass er tatsächlich, wie man das nennt, „tot“ sei, begriff er seine augenblickliche eigentliche Lage und verließ uns.

Nachträglich untersuchte ich noch die Zähne an seiner Leiche, und diese ließen deutlich erkennen, dass der Mensch sein ganzes Leben hindurch starken Tabakmissbrauch getrieben haben muss.

Es gibt Momente in der medizinischen Ausbildung, die sich tiefer ins Gedächtnis graben als jede Vorlesung. Ich erinnere mich an meine Zeit als Assistent in der Anatomie. Wir hatten gerade die Leiche eines farbigen Mannes zur Sektion erhalten; der Körper war noch vollkommen unversehrt. In jener Nacht geschah das Unerwartete. Meine Frau wurde plötzlich von einer fremden Präsenz eingenommen. Die Atmosphäre im Raum wandelte sich schlagartig, als eine raue, besorgte Stimme aus ihr drang.

Mit dem Tonfall eines einfachen Handwerkers wandte sich der Geist an mich und fragte besorgt, ob ich denn etwa vorhätte, den farbigen Kerl da drüben zu zerschneiden. Ruhig erklärte ich ihm, er müsse verstehen: Für diese Welt sei er das, was man „tot“ nenne. Er befinde sich nicht mehr in seinem alten Körper, sondern habe in diesem Moment von dem Körper einer Frau Besitz ergriffen.

Der Geist schnaubte ungläubig. Tot? Er? Ich solle ihm doch keinen Unsinn erzählen – er stehe doch genau hier und sehe mir in die Augen.

Sanft, aber bestimmt forderte ich ihn auf, sich einmal seine Hände anzusehen. Er möge sie genau betrachten. Diese Hände gehörten meiner Frau, sie seien weiß. Der Mann dort auf dem Tisch hingegen sei farbig. Ob er den Unterschied denn nicht erkenne?

Doch der Geist ließ sich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Mit einer geradezu schlagfertigen Selbstgewissheit wischte er den Einwand beiseite: Weiß? Ach, das sei doch nur Tünche an seinen Händen, Herr Doktor. Tünchen sei nun einmal sein Handwerk – da bleibe der Kalk eben an den Fingern kleben.

Dieser Geist zeigte sich recht störrisch, brachte eine Unmenge Einwände und Gegenerklärungen vor, ehe er endlich die Wahrheit annahm. Schließlich ließ er sich doch von uns überzeugen und entfernte sich.

An einem anderen Vorfall wird noch besser ersichtlich werden, bis zu welchem kaum glaublichen Grade die Geister an ihrer sterblichen Hülle hängen, nur weil sie ihren Hinübergang nicht gewahr geworden sind und nicht wissen, dass sie, wie man sagt, „tot“ sind.

Im Seziersaal lag die Leiche einer Frau von etwa vierzig Jahren, welche im vergangenen Juni im Cook-County-Hospital, Chicago, gestorben war. Im Januar, also sieben Monate nach ihrem Tode, wurde diese Leiche einer Anzahl von Studenten, unter denen ich selbst mich befand, zur Sektion zugewiesen. Ich konnte am ersten Abend nicht dabei sein, doch die Studenten begannen ihre Arbeit. Ich habe niemals erfahren, was sich in jenen kurzen Stunden zugetragen hat, aber aus irgendwelchen mir unbekannten Gründen haben die anderen Studenten diese Leiche nie wieder angerührt.

Am anderen Tage war nachmittags kein Unterricht, daher begann ich allein zu sezieren und arbeitete an Arm und Nacken. Der Sezierraum befand sich am äußersten Ende eines langen Erdgeschosses, und es herrschte dort lautlose Stille. Da hörte ich auf einmal ganz deutlich eine Stimme sprechen, leise und wie aus weiter Ferne – sie flehte mich an, ich solle ihn doch nicht morden.

Da ich nun nicht im geringsten abergläubisch und auch gar nicht geneigt bin, in jedem kleinen ungewöhnlichen Vorfall gleich eine Kundgebung von Geistern zu sehen, nahm ich an, dass diese Worte wahrscheinlich von Kindern auf der Straße kämen, obgleich ich keine in der Nähe hatte spielen hören.

Als ich am nächsten Nachmittage wieder allein arbeitete, erschreckte mich plötzlich ein knisterndes Geräusch. Es kam von einem Stück Zeitungspapier her, welches auf dem Fußboden lag, und es hörte sich so an, als ob jemand das Zeitungsblatt zerknittere. Doch schenkte ich dem keine besondere Aufmerksamkeit und erwähnte auch meiner Frau gegenüber nichts von dieser Begebenheit.

Es war einige Tage später, und dieser Vorfall war mir schon ganz aus dem Gedächtnis entschwunden. Wir hatten in unserer Wohnung eine mediale Sitzung abgehalten, und unsere unsichtbaren Mitarbeiter hatten uns bereits verlassen. Da merkte ich, dass meine Frau noch immer in einem halb-bewusstlosen Zustande verharrte. Ich trat an sie heran, um nach der Ursache zu forschen. Da erhob sie sich plötzlich, offenbar unter dem Einfluss eines Geistes, der nun zornig nach mir schlug und mir entgegenrief, er habe ein Hühnchen mit mir zu rupfen.

Ich hatte Mühe, den Fremdling zu bändigen, und fragte ihn, worüber er denn so aufgeregt sei. Mit schmerzlicher Anklage warf er mir vor, warum ich ihn denn töten wolle. Ruhig erwiderte ich, dass ich niemanden töte. Doch er beharrte entrüstet darauf – ich täte es sehr wohl, ich schnitte an seinem Arm und Nacken herum. Er habe mir doch zugerufen, ich solle ihn nicht morden, und er habe auf das Papier am Erdboden geschlagen, um mich zu erschrecken; aber ich habe ja nicht hören wollen.

Und unter schallendem Gelächter, offenbar höchst belustigt, fügte er noch hinzu, die anderen Kerle aber habe er tüchtig erschreckt.

Es bedurfte langer und eingehender Erklärungen, um dem Geiste seine augenblickliche Lage begreiflich zu machen. Er sagte, er heiße M. M. Endlich aber kam er doch zur Einsicht und verließ uns mit dem Versprechen, nach einem höheren geistigen Leben zu trachten.

Da es für die Geister sehr leicht und einfach ist, von meiner Frau als Medium Besitz zu nehmen, ist es den meisten nur sehr schwer begreiflich zu machen, dass sie verstorben sind und nur vorübergehend im Körper eines anderen Menschen stecken. Hat man es mit Geistern zu tun, die zu klarem und vernünftigem Denken fähig sind, dann braucht man sie nur in den Spiegel blicken zu lassen oder sie aufzufordern, sich doch einmal ihre Hände und Füße und ihre Kleidung genauer anzusehen. Wenn sie daraufhin nun den Körper des Mediums, den sie für den ihrigen halten, aufmerksam betrachten und sich in diesem so verändert finden, dann kommt ihnen im allgemeinen das Ungewöhnliche ihrer Lage noch am schnellsten zum Bewusstsein. Besonders wenn es sich um einen männlichen Verstorbenen handelt, weil dann die Veränderung ja sofort in die Augen springt.

Erkläre ich ihnen nun, dass der Körper, in dem sie sich befinden, meiner Frau gehört, dann bekomme ich in der Regel zur Antwort: „Ich bin nicht Ihre Frau!“, und nun bedarf es erst noch langer ausführlicher Erklärungen, bis sie zu der Einsicht gelangen, dass der Körper, in dem sie sich befinden, einem anderen gehört, und sie ihn nur vorübergehend benutzen dürfen.

Wieder andere Geister sind so starr und in eigensinniger Zweifelsucht befangen, dass sie sich hartnäckig dagegen sträuben, einzusehen, dass sie die irdische Körperwelt verlassen haben und in eine andere übergetreten sind. Diese wollen keine Vernunft annehmen, und es gelingt nicht, sie von ihrem veränderten Zustand zu überzeugen, selbst wenn ihnen ein Spiegel vorgehalten wird; sie erklären dann, sie seien hypnotisiert worden, und erweisen sich so unzugänglich, dass sie gezwungen werden müssen, sich zu entfernen. Sie werden dann von unseren unsichtbaren Helfern in Obhut genommen.

Die Übertragung der krankhaften Seelenzustände von einem Patienten auf das Medium wird erleichtert, wenn wir den Patienten mit Hilfe einer elektrischen Apparatur behandeln, was wir oft in Gegenwart des Mediums tun. Obgleich diese Anwendung für den Patienten völlig harmlos ist, ist sie doch von außerordentlich starker Wirkung, denn der besetzende Geist kann dieser elektrischen Behandlung nicht lange standhalten und wird aus dem Patienten vertrieben.

Der auf diese Weise ausgetriebene Geist kann nun mit Unterstützung unserer unsichtbaren Helfer Eingang in das Medium finden. Dadurch wird es möglich, sich mit dem betreffenden Geiste ganz unmittelbar zu unterhalten, und man macht nun den Versuch, ihn zur Erkenntnis seiner wahren Lage zu bringen und ihn zu belehren, dass er ja ein viel besseres Leben haben kann. Dann nehmen die höher entwickelten Geister ihn mit und sorgen weiter für ihn, während meine Frau in ihren normalen Bewusstseinszustand zurückkehrt.

Ganz im Sinne der geschilderten Erfahrungen hielten wir mit meiner Frau, als Medium, regelmäßige Sitzungen und bekamen in vielen Fällen höchst bemerkenswerte Beweise dafür, dass entkörperte Wesen die Urheber der krankhaften Seelenzustände waren. Auch wenn der Kranke weit entfernt von uns wohnte, gelang es häufig, die Besessenheitsgeister aus ihrem Opfer zu vertreiben und sie durch unsere unsichtbaren geistigen Helfer in unseren Zirkel zu bringen, wo sie von dem Körper des Mediums Besitz nehmen durften. Solche Geister beklagen sich oft darüber, dass man sie fortgejagt habe. Doch haben sie keine Ahnung davon, dass sie verstorben sind und als Geister Menschen besessen gemacht und gequält haben.

Erlebt man aber nun einerseits, dass der Besessenheitsgeist, wenn er sich durch das Medium kundtut, sich ganz ebenso gebärdet, wie er es zuvor im Kranken getan, und andererseits, dass seine Vertreibung aus dem Kranken dem letzteren Befreiung von seinen Beschwerden bringt, so beweist das doch ohne Zweifel, dass jener Geist der Urheber der krankhaften Störung war. In vielen Fällen ließ sich auch zweifelsfrei feststellen, welche menschliche Persönlichkeit wir als Verstorbenen im Medium vor uns hatten. Mit solcher „Übertragung“ auf das Medium und der dauernden Vertreibung des Geistes bessert sich das Befinden des Kranken. Doch kommt es oft genug vor, dass aus einem und demselben Kranken eine ganze Anzahl von Geistern zu vertreiben ist.

Nun mag manch einer fragen, warum denn die fortgeschrittenen Geister nicht auch, ohne sie zuvor in ein Medium zu bringen, die erdgebundenen Seelen in ihre Obhut nehmen und auf den rechten Weg bringen. Ganz einfach, weil viele dieser unwissenden Seelen für die fortgeschrittenen Geister gar nicht erreichbar sind, bevor sie nicht noch einmal in innigste und vollbewusste Berührung mit der irdisch-materiellen Körperwelt gebracht werden. Erst wenn sie dabei durch raue Tatsachen gewahr werden, dass sich doch wohl eine große Veränderung an ihnen vollzogen haben muss, kommen sie zur Einsicht über ihre Lage und lassen sie sich auf den Weg einer Aufwärtsentwicklung bringen.

Bekommt solch ein unwissender Geist Gelegenheit, sich in unserem Zirkel durch das Medium kundzutun, dann dient dieser Vorgang mehreren Zwecken. Gewöhnlich wird dabei dieser Geist zur Erkenntnis seiner Lage gebracht, und der ihn belehrende Forscher hat von jedem neuen Fall den Gewinn einer Bereicherung seiner Erfahrungen. Gleichzeitig werden aber stets ganze Scharen anderer Geister, die auch noch im Dunkel mangelnder Erkenntnis leben, um uns versammelt, damit sie aus dem Benehmen ihres Schicksalsgenossen und der ihm erteilten Belehrung auch für sich eine Lehre ziehen.

Viele Geister benehmen sich dabei, als ob sie nicht recht bei Verstande wären, und es ist sehr schwer, mit ihnen ein vernünftiges Wort zu reden. Das hat seinen Grund in starren Glaubenssätzen, vorgefassten Meinungen und irrigen Vorstellungen, die sie während ihres Erdenlebens in sich aufgenommen oder gebildet haben. Sie sind oft sehr ungebärdig; und wenn man sich deswegen genötigt sieht, dem Medium die Hände zu halten, um sie auf diese Weise in Schranken halten zu können, dann erheben sie heftigen Widerspruch dagegen.

Haben sie alsdann ihre wahre Lage erfaßt, dann überkommt viele Geister das Gefühl des Sterbens, und damit verlieren sie die Macht über das Medium.

Andere Geister wiederum sind stumpf und schlaftrunken und haben keinen anderen Wunsch, als dass man sie in Ruhe lasse. Bei solchen bedarf es sehr ernsthaften Zuredens, um sie wach zu bekommen, wie man aus nachstehenden Aufzeichnungen ersehen wird. Darin ist auch oft von einem „Kerker“ die Rede, in dem widerspenstige Geister untergebracht werden können; und zuweilen beklagen sich Geister, wenn sie durch das Medium zu uns sprechen, dass sie im Gefängnis gewesen seien.

Nach geistigem Gesetz bekommen nämlich die Geister mit wachsender Einsicht und Erkenntnis die Fähigkeit, für unwissende widerstrebende Seelen eine Umgebung zu schaffen, die diesen wie ein Gefängnis vorkommt – einen undurchdringlichen zellenartigen Raum, aus dem es kein Entrinnen gibt. Darin müssen sie bleiben, bis sie sich eines besseren besonnen haben und den guten Willen zeigen, ihrer veränderten Lebenslage Rechnung zu tragen und sich den Gesetzen der geistigen Entwicklung zu fügen. Währenddessen bekommen sie nichts anderes zu sehen als die Fehler und Mängel ihrer eigenen Persönlichkeit, die ihnen in tausenden von Spiegelbildern vor Augen geführt werden, wie auch ihr Tun und Lassen in dem hinter ihnen liegenden Erdenleben.

Wenn meine Frau sich als Medium betätigt und ihren Körper entkörperten Geistwesen zur Benutzung überläßt, dann geschieht das stets im Zustande der sogenannten Tief-Trance. Dabei sind ihre Augen geschlossen, ihr eigenes Bewusstsein gänzlich ausgeschaltet, und sie befindet sich die ganze Zeit über in tiefem Schlaf. Sie selbst hat hinterher keinerlei Erinnerung an das, was währenddessen geschehen und verlautet ist. Außerhalb dieser Trance-Zustände, in der Zeit zwischen unseren Sitzungen, ist sie keinerlei Beeinträchtigungen ausgesetzt. Sie ist dann jederzeit ganz und gar Herr ihres Bewusstseins, bei völlig klarem Verstande und bestimmt und sicher in ihrem Auftreten. Und nach vollen 30 Jahren unserer Forscherarbeit ist ihre Gesundheit in keiner Weise geschwächt oder geschädigt.

Sie steht beständig unter jenseitigem Schutze, über den eine Gesellschaft machtvoller Geister die Aufsicht führt. Sie nennen sich „Barmherzigkeits-Bund“, und sie sind es, welche unsere Arbeit leiten, in dem Bestreben, der Menschheit begreiflich zu machen, dass der Tod nur ein natürlicher Übertritt in eine andere Welt ist, und wie wichtig es ist, zu wissen, was aus den Seelen der Verstorbenen wird.

Der Zweck unserer Arbeit ist, zuverlässige und unanfechtbare Beweise für die Wirklichkeit eines jenseitigen Lebens aus erster Quelle zu erbringen. Dazu sind ausführliche Berichte über hunderte von Sitzungen stenographiert worden, damit wir unseren Lesern von dem Zustande der sich kundgebenden Geister eine möglichst getreue Schilderung übermitteln können.