Kapitel 10 – Eigensucht

Menschen, die zu Lebzeiten sehr oberflächlich gelebt haben und deren Wesen von Stolz, Eitelkeit, Ehrgeiz und Selbstsucht beherrscht war, bleiben nach ihrem Hinscheiden in der Erdsphäre, bis sie diese Neigungen überwunden und durch den Dienst an anderen ihr Mitgefühl und ihre Liebe entfaltet haben.
Häufig haben Verstorbene, die ihre Erdentage mit der Jagd nach Vergnügungen und in den Zerstreuungen der besser gestellten Gesellschaft verlebt hatten, in unserem Zirkel die erste Ahnung eines höheren Lebens gewonnen. Unter ihnen war einer, der 1912 mit der Titanic untergegangen ist.
Sitzung vom 22. Oktober 1916 – John J.A.
Nachdem W. T. Stead unserem Kreis einen kurzen Besuch abgestattet hatte, trat ein anderer Geist in das Medium ein, ruderte verzweifelt mit Schwimmbewegungen und rief um Hilfe. Hergebracht hatte ihn Stead, den er aber bereits nicht mehr wahrnahm. Er war blind — ob durch das Wasser, blieb ihm selbst unklar.
Es war eine andere Blindheit. Wer stirbt, ohne etwas vom höheren Leben zu wissen, findet sich zunächst in einer Dunkelheit wieder, die nicht den Augen gehört, sondern der Unwissenheit. Für einen Augenblick durchbrach diese sich — er stand bei seiner Frau und seinem Kinde, doch wurde er nicht beachtet; dann ging die Tür wieder zu, und er stand draußen in der Kälte. Auch in der eigenen Wohnung blieb ihm die alte Vertrautheit verschlossen.
Stück für Stück fasste er seine Lage. Er war nicht so gewesen, wie er hätte sein sollen — diese Einsicht stand vor ihm wie eine Anklage, der er nicht entrinnen konnte. Sein ganzes Leben hatte er allein für sich geführt, hatte an nichts gedacht als an Vergnügen und Geld. Nun war ihm der Blick auf seine Vergangenheit verstellt durch nichts als ebendiese Vergangenheit; er hätte gut anders handeln können, doch nun war es zu spät.
Als das Jahr aus ihm herauskam, nannte er 1912. Es war 1916.
Allmählich kam mehr ans Licht. Wohlhabend war er gewesen; nun aber fror und hungerte ihn, und an sein Geld kam er nicht heran. Es schien ihm, als sei er in einen dunklen Raum eingesperrt, in dem er nichts anderes sehen konnte als sein eigenes Leben, das in einem fort vor ihm vorüberzog. Was es heißt, arm zu sein, hatte er bis dahin nicht gewusst.
Auf dem Schiff war er Herrn Stead begegnet. Mit dessen Lehren hatte er nichts anzufangen gewusst; den Mann hatte er für alt und wunderlich gehalten, mit einem Fimmel behaftet, wie Ältere ihn nun einmal entwickeln. Er selbst hatte für solche Dinge nie Zeit. Sein Geld und seine gesellschaftlichen Verpflichtungen forderten alle Aufmerksamkeit; die Armen hatte er gar nicht zu Gesicht bekommen, auch nicht das Verlangen gehabt, sie zu sehen. Jetzt erst öffnete sich ihm ein anderer Raum, in dem Geld nicht mehr zählte.
Dann sah er seine Mutter. Sie hatte ihn lange nicht erreichen können, weil er sich wie verrückt benommen und auf sie nicht hatte hören wollen. Er nannte seinen Namen — John J. A. — bedankte sich und ging mit ihr.
W. T. Stead, einer der einflussreichsten englischen Journalisten seiner Zeit, kam 1912 mit der Titanic ums Leben. Er war Wegbereiter der modernen investigativen Presse und hatte 1885 mit seiner Aufsehen erregenden Artikelserie über den Kinderhandel in London die Heraufsetzung des Schutzalters in England erzwungen. Seit den 1890er Jahren befasste er sich intensiv mit den spiritistischen Forschungen seiner Zeit, gab die Zeitschrift „Borderland“ heraus und veröffentlichte mehrere Bücher dazu. Bemerkenswert genug hatte er Jahre vor seiner Atlantik-Überfahrt zwei kurze fiktive Berichte über Schiffsuntergänge im Mittelatlantik geschrieben — fast wie eine Vorahnung dessen, was ihn selbst treffen sollte.
Zehn Jahre nach seinem Tod erschien das schmale Buch „Die Blaue Insel“ („The Blue Island“), das nach Aussage der Beteiligten durch das Medium Pardoe Woodman im Beisein von Steads Tochter Estelle empfangen worden war: ein Bericht aus dem Jenseits über die ersten Stunden und Tage nach dem Tode — gerade für Verstorbene, die nichts von einem Weiterleben gewusst hatten. Für Leser, die diesem Faden tiefer nachgehen möchten, ist es bis heute eine eindrucksvolle Lektüre. Und sie wirft auf den vorhergehenden Fall ein doppeltes Licht: derselbe Stead, der drüben den Verirrten den Weg weist, bringt zu Beginn dieser Sitzung jemanden mit, dem er an Bord der Titanic schon persönlich begegnet war — und der seine Lehren damals für den Fimmel eines alten Mannes gehalten hatte.
Sitzung vom 5. November 1916 – Alfred V.
Einige Wochen später brachte John J.A. einen Freund mit, der ebenfalls der New Yorker vornehmen Gesellschaft angehört hatte und 1915 mit der Lusitania ums Leben gekommen war.
Wie sein Freund vor ihm, so trat auch Alfred V. mit Frösteln und Hunger in den Kreis. Sein Gewand schien ihm noch immer nass. Gehungert hatte er zu Lebzeiten nie. Nun, da er ertrunken war, kam er nicht mehr zur Ruhe.
Sein Fall liegt diagnostisch anders als der seines Freundes. John J.A. hatte schlicht nichts gewusst von einer anderen Seite des Lebens; Alfred hingegen hatte gewusst, dass etwas mit seinem Leben nicht in Ordnung war. Mehr noch: er hatte den ausdrücklichen Entschluss gefasst, dieser Einsicht keine Folge zu geben. Glücklich war er nie gewesen — er hatte zu sehr nach eigenem Kopf gelebt. Wohin das führen würde, hatte er gelegentlich gespürt; doch dann hatte er den Vorsatz gefasst, sich darüber keine Gedanken zu machen und es sich gut gehen zu lassen. In den Vergnügungen — der Gesellschaft, dem Sport, den Pferden — ließ sich untertauchen.
Das Gesellschaftsleben an sich war ihm gleichgültig. Was ihm wirklich am Herzen lag, waren seine Pferde. Ein schönes Pferd blieb einem treu durchs ganze Leben — das war die Treue, die er kannte. Frauen dagegen hatten sich ihm stets nur von einer Seite gezeigt: schmeichelnd oder hassend, in jedem Fall an seinem Geld interessiert. In der Liebe eines Pferdes hatte er Vertrauen gefunden; in der eines Menschen nicht. Er war Sportsmann gewesen, mit allem, was dazugehört; aber Dinge hatten sich angesammelt, derentwegen er die leise Stimme in sich, das Gewissen, zum Schweigen bringen wollte. Eine Sehnsucht nach einem wirklich guten Wesen hatte ihn nicht verlassen — gefunden hatte er sie nur unter den Pferden, nicht in der Gesellschaft.
Selbsterkenntnis fehlte ihm nicht: dass er zu Lebzeiten ein gut Teil Eigenwillen entfaltet hatte, wusste er um sich. Eine volle Wendung gelang ihm an diesem Abend noch nicht. Geöffnet hatten sich ihm aber die Augen, und mit der Aussicht, vielleicht einmal wirklich glücklich werden zu können, ging er.
Bei Alfred V. zeigt sich eine Form der Selbstsucht, die sich nicht durch Unwissenheit erklären lässt. Er hatte gewusst, dass etwas nicht stimmte. Was er entwickelt hatte, war der bewusste Vorsatz, seiner inneren Stimme keine Antwort zu geben. Er nannte es „Untertauchen“ – in der Gesellschaft, im Sport, in den Pferden, in allem, was die Tage füllte. Diese Lebensform trägt heute viele Namen: ständige Beschäftigung, vorgetäuschtes Wohlbefinden, Flucht in die Zerstreuung. Sie unterscheidet sich von der Eigensucht der Unwissenden dadurch, dass das Wissen vorhanden ist, die Konsequenz jedoch fehlt. – Doch, wo finden wir das heute nicht?
Frau Simons
In Chicago waren wir mit zwei jüdischen Damen bekannt, die eng befreundet waren: Frau Sr. und Frau Simons. Letztere konnte ein herrisches Wesen entfalten und war vor allem eine Gegnerin alles Spiritistischen — nach dem Tode, so meinte sie, werde jeder eine Blume, ein Vogel oder ein Baum. Frau Sr. hatte automatisches Schreiben versucht; Frau Simons hielt das für Täuschung.
Frau Simons starb im Beisein ihrer Freundin. Wassereinlagerungen im Körper und heftige Kreuzschmerzen hatten ihr Leiden bis zuletzt bestimmt. Einige Jahre später verfiel Frau Sr. in Kalifornien in Depressionen und litt ihrerseits unter starken Rückenschmerzen, sodass sie nicht mehr aufrecht gehen konnte. Drei Wochen ohne Besserung im Krankenhaus brachten sie schließlich zu uns. Eine einzige Sitzung genügte, um sie zu heilen.
Sitzung vom 27. Oktober 1919 – Frau Simons; Patientin: Frau Sr.
Der Geist kam stöhnend, mit beiden Händen am Rücken. Wer er war, woher er stamme, wie lange er tot sei — alles unzugänglich. Den Namen der Freundin in Chicago kannte er noch, ihren „Sonnenschein“, wie er sie nannte; an den eigenen Namen erinnerte er sich nicht.
Frau Simons hatte sich zu Lebzeiten nicht gefragt, was Leben oder Geist eigentlich sei; das spiritistische Forschen ihrer Freundin hatte sie als Quälerei abgetan. Nun aber sprach sie selbst, und der Körper, in dem sie steckte, fühlte sich eingeengt an. Sie war eine große Frau gewesen; in dem kleinen Raum — der Aura ihrer kleineren Freundin — hatte sie kein Gefühl mehr gehabt. Das Brennen der elektrischen Behandlung kannte sie ebenfalls — von Mal zu Mal.
Erst als Frau Sr. sich zu Wort meldete und sie an die Bäckerei, an Chicago, an Wickland und an das Medium erinnerte, fasste sie ihre Lage langsam. Bestürzt blieb sie eine Weile. Dann erschien ihre Mutter ihr — als Geist. Sie war nicht in ihr Haus gerufen, sondern auf den Berg der Erkenntnis. Ihren Seelenkörper, den sie sich aus Selbstsucht, Eifersucht und Härte gegen andere geschaffen hatte, bekam sie zu sehen — verkrüppelt, runzlig, häßlich. Diesen Körper würde sie tragen müssen, bis sie sich durch Dienst an anderen einen besseren erworben hätte.
Frau Sr. verzieh ihr. Mit dem Versprechen eines neuen Anfangs ging Frau Simons fort. Die Patientin war von ihren Schmerzen befreit.
Der Fall stellt uns vor eine Frage, die weit über den Einzelfall hinausreicht: Woran kann der nicht-hellsichtige Mensch — Arzt, Therapeut, Angehöriger oder der Betroffene selbst — erkennen, dass ein körperliches Leiden womöglich auf einer solchen Anheftung beruht?
Bemerkenswert ist zunächst, dass das Phänomen selbst der Medizin durchaus vertraut ist — vertrauter, als man vermuten würde, nur unter anderem Namen und mit anderer Deutung. Schon Erich Lindemann beschrieb in seiner klassischen Untersuchung über die Trauer, dass Hinterbliebene nicht selten genau die Beschwerden ausbilden, an denen ein geliebter Mensch gelitten hat oder gestorben ist; die Fachsprache nennt es Identifikationssymptome. Jemand stirbt unter Rückenschmerzen, und Jahre später quälen einen nahen, trauernden Menschen unerklärliche Rückenschmerzen — das ist der Medizin als Bild der unbewältigten Trauer geläufig. Sie deutet es als seelischen Vorgang im Hinterbliebenen; Wickland deutet dasselbe als ein Leiden, das von außen herangetragen wird. Doch die Beobachtung, von der beide ausgehen, ist dieselbe.
Und auch die Anzeichen, an denen sich ein solcher Verdacht festmacht, sind in beiden Deutungen fast die gleichen. Ein plötzliches Auftreten der Beschwerden ohne organischen Befund. Symptome, die dem Leiden eines kürzlich Verstorbenen gleichen — besonders eines geliebten Menschen, von dem nur schwer Abschied genommen werden konnte. Eine Stimmung, die sich aus der eigenen Lebenslage nicht erklären lässt, sondern wie von außen aufgesetzt wirkt. Ein Versagen der gewöhnlichen Behandlung über Wochen, ohne dass die Ursache näherrückt.
Keiner dieser Hinweise ist für sich genommen ein Beweis, und keiner zwingt zu der einen oder anderen Deutung. Aber sie treffen sich in einem ersten Schritt, den beide Wege teilen: im Erkennen, dass das Leiden mit dem Verstorbenen zu tun hat. Erst danach trennen sie sich — die eine Seite sucht die Lösung im Inneren des Hinterbliebenen, die andere im Verhältnis zu dem, der gegangen ist. Wer aber die Möglichkeit überhaupt kennt, kann sie prüfen; und schon im Prüfen, im Herstellen dieses Zusammenhangs, liegt oft der Anfang der Heilung.
Eine letzte Frage drängt sich auf: warum sollte sich eine solche Verbindung nur dort herstellen, wo Lebender und Verstorbener einander zu Lebzeiten nahestanden?
Alice
Fräulein F. H., eine zart veranlagte junge Musikerin, war Studierende an der Hochschule, als sie plötzlich gewalttätig wurde. Sie zerschlug alles um sich, riss sich die Kleider in Fetzen, schlug jeden, der ihr nahe kam, und wurde schließlich in ein Sanatorium eingewiesen — fast zum Skelett abgemagert. Die Diagnose lautete Dementia praecox.
In den Wochen darauf zeigten sich mehrere unterschiedliche Geister an ihr. Eine Margarete Jung aus England, die zwei Kinder behauptete. Ein Zeitungsjunge, der gierig nach dem Essen griff. Schließlich Alice — eine wohlhabende Dame aus Milwaukee, deren Geschichte das eigentliche Bild dieses Kapitels trägt.
Sitzung vom 6. Oktober 1920 – Alice; Patientin: Fräulein F. H.
Alice wusste nicht, wo sie war. Sie hatte gewandert und gewandert, schon sehr lange, im Dunkeln; ein erstes Licht war ihr in der Musik der Kranken aufgegangen. Sich vorzustellen lag ihr fern. Eines aber stand für sie fest: sie gehörte zur vornehmen Gesellschaft. Das allgemeine Gelächter im Kreis traf sie als Empörung; ihre Hände waren ihr fremd, der Körper nicht der ihre — doch das hinderte ihre Standesüberzeugung nicht.
Stück für Stück fanden sich Erinnerungen. Eine Reise mit der Eisenbahn. Eine Freundin namens Marie. Ein Feuer. Marie war zerquetscht. Alice selbst war in jenem Feuer gestorben — viele waren mit ihr verbrannt.
Doch der eigentliche Stoff ihrer Geschichte lag früher. Drei Gestalten traten ihr im Lauf der Sitzung entgegen, die sie nicht sehen wollte. Einer hatte sich das Leben genommen — Rudolf, ein junger Mann, den sie wirklich geliebt hatte, dem sie aber wegen seines Standes nicht hatte angehören dürfen. Stolz und der Wille der Mutter waren zwischen ihnen gestanden. Rudolf war arm gewesen, aber gut. An seinem Sarg hatte sie heimlich gestanden; ihre Mutter durfte das nicht erfahren.
Von jenem Tag an hatte sie sich vorgenommen, andere ebenso leiden zu machen, wie sie um der Liebe willen gelitten hatte. Sie hatte sich ins Gesellschaftsleben gestürzt, Männer entflammt, sie zu ihren Füßen gesehen — und es hatte ihr nichts ausgemacht, sie zum Zusammenbruch zu bringen. Carl war ein zweiter, der sich um sie das Leben genommen hatte; sie wusste es.
Eine weitere Gestalt trat zu ihr — ihre Mutter, als Geist, aber entstellt, runzlig, kein Bild der Schönheit mehr, die sie zu Lebzeiten gewesen war. Sie nahm auf sich, was an Alices Lebensentwurf ihre Schuld gewesen war: dass sie ihrer Tochter Stolz und Eigensinn als Lebensführung beigebracht und die Heirat mit Rudolf verhindert hatte. Auch sie diente nun — mit einem geistigen Leib, dessen Häßlichkeit sich mit jedem guten Werk ein wenig milderte.
Alice hatte 1901 noch von McKinley als Präsidenten gewusst — der noch im selben Jahr ermordet worden war. Geboren war sie in Milwaukee. Ihr ganzer Name kam ihr nicht in den Sinn. Mit Rudolf, der sie zu sich rief, ging sie.
Esther Sutherland
Das hoheitsvolle Bewusstsein ihrer Herkunft und der dazu gehörige Standesdünkel hatten den Geist einer feingebildeten englischen Dame lange in der Erdsphäre festgehalten. In dem Augenblick aber, da sie begriff, dass das Leben einen höheren Sinn hat, wachte ihr geistiges Urteilsvermögen auf, und sie kam schnell vorwärts.
Sitzung vom 4. Oktober 1922 – Esther Sutherland
Das Wesen, das nun in das Medium trat, sah sich hochmütig im Kreis um. Mit deutlich englischem Akzent ließ sich erkennen, dass es zur Aristokratie gehörte; eine eingebildete Lorgnette musterte den fragenden Arzt von Kopf bis Fuß. Sich vorzustellen war Esther Sutherland zuwider — in den Kreisen, in denen sie zu verkehren gewohnt war, sei das nicht Sitte.
Sie hatte die Geister im anderen Zimmer wahrgenommen – eine ganze Versammlung. Nachdem man sie wiederholt darum gebeten hatte, sich nach ihnen umzusehen, ließ sie sich schließlich überreden. Sie erkannte einen alten Herrn wieder, der gerade einen Vortrag hielt. Es war Dr. James Peebles, der bekannte amerikanische spirituelle Redner. Sie hatte ihn vor Jahren in England sprechen gehört, ohne zu verstehen, worüber er sprach. Nun war er in Amerika tätig und brachte Scharen verirrter Seelen zu Wicklands Kreis, damit ihnen geholfen würde.
Esther Sutherland gehörte nicht zur Königsfamilie, sondern war eine entfernte Verwandte des Herzogs von Sutherland; den Titel hatte sie geerbt, nicht das Vermögen. Geld habe immerhin sein Gegengewicht in der Standeszugehörigkeit. Von Königin Viktoria — der Königin, mit deren Tod der ihre ungefähr zusammenfiel — wusste sie, dass sie mit Geistern gesprochen hatte; man hatte sie für ein wenig verdreht gehalten. Vom Großen Krieg, vom Untergang des letzte Zaren- und Kaisergeschlecht Russlands, vom Abtritt der österreichischen und deutschen Monarchien wusste sie nichts.
Am Ende — und das war der eigentliche Sinn ihres Besuches — wurde ihr ein Tor gezeigt. Es war prächtig verziert; eine Inschrift trug es: Das Tor des Lebens, Erkenntnis des Lebens, wahrhafte Gotteserkenntnis. Sieben Standbilder im Inneren, die Tugenden — Weisheit, Wahrheit, Liebe, Erkenntnis, Rechtschaffenheit, Leben, Demut — mit Lichtern in sieben Farben, die in der Mitte zu einem weißen Licht zusammenflossen. Hineingehen durfte sie nicht. Erst musste sie ihre Last ablegen: ihren Stolz und ihre Unkenntnis der geistigen Gesetze. Mit demütigem Versprechen, zu dienen, verließ sie den Kreis.
Anna H.
John J.A. und Alfred V. brachten einige Jahre nach ihren eigenen Sitzungen eine gemeinsame Freundin in den Zirkel: Anna H., eine berühmte Schauspielerin.
Sitzung vom 8. September 1918 – Anna H.
Sie kam mit Schmerzen und Schwäche und verlangte nach Wasser. Sehr krank war sie gewesen und nach ihrem eigenen Empfinden noch immer; die Ärzte hatten ihr strikte Bettruhe verordnet. Mehr als alles sorgte sie sich um ihre Figur — niemand möge mit ihren Knochen unvorsichtig umgehen. Die Aufgabe, die sie sich stellte, war es, gesund zu werden und auf die Bühne zurückzukehren.
Sie war gerade gestorben — und wusste es nicht. Die beiden Männer, die sie zu uns geleitet hatten, waren ihr alte Freunde, ihre Bewunderer und Zechgenossen. Dass sie nun als Geister vor ihr standen, irritierte sie nur einen Augenblick; sie hielt das Ganze für einen Traum. Was sie aber nicht aufgeben wollte, war ihre Figur. Mehrfach kam sie darauf zurück, betastete sich, fand das Kleid am Körper des Mediums unpassend, das Gesicht fremd.
Was sie sich angetan hatte, kam Stück für Stück heraus. Aus Furcht, ihre Figur zu verlieren, hatte sie nicht gegessen; die Warnungen ihrer Ärzte hatte sie zurückgewiesen. Statt zu essen hatte sie sich geschnürt, massiert, gebadet. Eine Krankheit war daraus entstanden, an der sie schließlich starb. Bewunderung war ihr Lebensinhalt gewesen; der Verlust ihrer Anbeter traf sie als konkrete Härte. Aus Eitelkeit hatte sie sich selbst ihr Leiden geschaffen.
In dem Augenblick, in dem Alfred V. ihr eine andere Möglichkeit andeutete — ein Leben, in dem es Schöneres gebe als gute Figur und Selbstgefälligkeit —, verlor sie die Herrschaft über das Medium und ging.
Sitzung vom 22. September 1920 – Anna H.
Zwei Jahre später kehrte sie wieder, und es war eine andere Anna H. Sie sah ihr früheres Leben jetzt mit Abstand: ein Leben für sich selbst, für den Körper, für das Aussehen, für das Vergnügen. Wirklich glücklich war sie dabei nie gewesen — wer nur dem Vergnügen lebt, lebt immer in der Sorge, dass eine andere ihn überstrahlen könne.
Was sie zurückbrachte, war jedoch mehr als nur Dankbarkeit. Sie kam mit einer neuen Geschichte, von der in ihrer ersten Sitzung noch nichts zu hören gewesen war: einer Erzählung über jene Menschen, denen sie nun, jenseits, ihre Arbeit widmete. Es waren Frauen aus den niedrigsten Gesellschaftskreisen, Frauen, die auf Erden in das verschwunden waren, was man die Unterwelt nennt. Und sie sprach nicht in beschönigenden Worten. Die Pariser Unterwelt hatte sie aus eigener Anschauung gekannt, und damals hatte sie ein Schauder gepackt. Stolz und Vernunft waren diesen Frauen verloren gegangen, Scham hatten sie keine mehr. An Gott glaubten sie nicht – und ihrer Einsicht nach war es gerade jene christliche Gesellschaft, die sich Christen nennt und sie verdammt hat, die ihnen den Glauben genommen hatte.
Hier setzte sie zu einer langen Überlegung an, die die Sitzung in eine gesellschaftliche Betrachtung verwandelte. Wenn ein Mädchen strauchelt, wer hilft ihr wieder auf? Die Kirche, die das Evangelium predigt, nicht. Sie wolle mit dem Mädchen nichts zu tun haben, es tauge nichts, die Familien wollten nicht, dass die eigenen Töchter mit ihr verkehrten. So sei die Gefallene unten durch, die anständige Gesellschaft sei ihr verschlossen, ihr blieben nur die niedrigsten Kreise, wo man das Gewissen in Champagner ertränkt. Alle kannten die Worte Christi an die Sünderin – „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ –, befolgt wurde das Gegenteil jedoch nicht.
Die Männer dagegen — an deren Hand der Sturz häufig begonnen hatte — verloren in der Gesellschaft nichts. Sie zeichneten ein junges Mädchen aus und schmeichelten ihm, weil es ein niedliches Gesicht und ein anmutiges Wesen hatte; so begann das Straucheln. Die eigentliche Verdammung kam dann nicht von den Männern, sondern von der Gesellschaft selbst, die das Mädchen sinken ließ und dem Mann seinen Platz beließ.
Sie hatte sich von ihrer Eitelkeit befreit und arbeitete nun mit Menschen zusammen, die aufgrund ihrer Eitelkeit oder ihres Vertrauens in Männer und die Gesellschaft zugrunde gegangen waren. Zwei dieser Schicksale wollte sie bei einer späteren Gelegenheit selbst in den Zirkel bringen. Olive T. und Anna D., zwei junge Mädchen, die sich das Leben genommen hatten – vor ihr waren sie geflohen, weil sie wussten, dass sie tot war.
Was Anna H. hier umkreist, hat Victor Hugo in „Die Elenden“ an einer einzigen Figur entfaltet — an Fantine. Verführt von einem Studenten, der sie mit einem Kind allein lässt, versucht sie ehrbar zu bleiben; doch sobald die uneheliche Tochter bekannt wird, verliert sie ihre Stelle. Um das Pflegegeld aufzubringen, verkauft sie Haar und Zähne, schließlich sich selbst, und stirbt jung, ohne ihr Kind wiederzusehen. Fragt man hier nach der Schuld, so findet man sie reichlich — nur am wenigsten dort, wo die Gesellschaft sie suchte. Dem Mädchen ließe sich höchstens Leichtfertigkeit vorhalten — doch wer wüsste, wie tief ihr Empfinden war? In einer Hingabe liegt keine Verworfenheit. Die wirkliche Schuld sitzt anderswo: beim kalten Willen des Verführers, beim raubenden der Ausbeuter, beim erstarrten dessen, der Gesetz und Gerechtigkeit verwechselt; und vor allem bei denen, die die Schwäche des Verurteilten ausnützen, und sei es nur für ein kurzes Gefühl eigener Überlegenheit. Und sie sitzt, fast unsichtbar, bei den vielen, die urteilen.
Denn der Strudel, der das Mädchen hinabzieht, wird nicht von ihrem Fall erzeugt, sondern von den Händen der Verurteilenden. Jedes Urteil ist eine Hand, die nach unten drückt; und weil das Urteil bestätigt, was es behauptet, schafft es schließlich genau das Verworfene, das es zu sehen meint. Hier liegt die erste Umkehrung: Was die Gesellschaft als ihren Tiefpunkt verachtet, hat sie selbst erst hervorgebracht.
Diese Folgen der Verurteilung sind naturgesetzlich; sie wirken auch auf einer Ebene, die dem Auge entzogen ist. Zugrunde liegt hier in Wahrheit das Prinzip der Verführung – das zwar kein eigenes Naturgesetz ist, in seiner gesetzmäßig schädlichen Auswirkung aber wie ein Naturgesetz wirkt. Und diese Auswirkung fragt nicht, ob ein Mensch sie kennt. Wer einen anderen durch sein Urteil hinabdrückt, wie es die Gesellschaft mit Fantine tat, unterliegt selbst den Folgen seiner Tat – wie bei einem Sturz aus großer Höhe; die Schwerkraft fragt danach nicht, und auch der Boden nicht. Das Wissen verändert nicht die Tatsache der Rückwirkung, nur ihr Maß. Doch gerade hier greift die scheinbare Milderung nicht: Das Herabsetzen eines Menschen ist kein Versehen, sondern ein bewusster Akt, und das Gebot, nicht zu richten, ist gerade jener Gesellschaft seit zweitausend Jahren offen ausgesprochen. Was sich als Unwissenheit ausgibt, ist in Wahrheit ein Nicht-wissen-Wollen – und das mildert nicht, es erschwert. Verborgen bleibt allein die Rückwirkung auf den Urteilenden selbst, und diese Verborgenheit verleitet ihn zu glauben, er sei davongekommen.
Damit kehrt sich auch das Prinzip der Versuchung um. Die gewöhnliche Lesart sieht auf das Mädchen als Opfer der Versuchung, als moralisch Gefallene, und schöpft daraus ihre Verachtung. In Wahrheit liegt die gefährlichere Versuchung bei den Urteilenden: die Süßigkeit, auf der rechten Seite zu stehen, die sich nicht als Versuchung zeigt, sondern als Tugend, als berechtigte Empörung kleidet. Eine Versuchung, die man erkennt – wie jene des Verführers –, hat schon die Hälfte ihrer Macht verloren. Diese aber erkennt niemand, und darum verfängt sie am tiefsten. So bildet sich aus den vielen einzeln Urteilenden ein zweiter, größerer Strudel, der die Hundertschaften zieht. Sein Wesen ist, dass die Anziehung am Rand kaum spürbar ist; man treibt scheinbar frei, und weil so viele mittreiben, fühlt sich keiner gezogen. Die Menge wird zum Narkosemittel, mit dem der Einzelne sein eigenes Wissen einschläfert.
Und von hier aus öffnet sich die eigentliche Wendung. Der Strudel hat eine Gegenkraft, und sie ist nicht bloß das Stillhalten der Hand. Wer einem Menschen aus echter, innerer Zuwendung das Gute zutraut, ihn für mehr hält als seine Tat, legt nicht nur keine Hand nach unten – er legt eine Hand, die hebt. Dieselbe Gesetzmäßigkeit wirkt dann in umgekehrter Richtung. Und sie wirkt doppelt: Der andere wird leichter, weil das Zutrauen das Gute in ihm hervorruft, fast erschafft – der genaue Gegenmechanismus zu dem Urteil, das den Fallenden tiefer trieb. Zugleich aber wird der Verstehende selbst frei, weil er aus jedem Sog heraustritt, sobald er aufhört, nach unten zu drücken. Wichtig bleibt nur, dass diese Milde echt ist und nicht gemacht: Sie sieht die Tat durchaus und verharmlost nichts – sie schaut genauer hin als die Verachtung, nicht weg. Sie ist kein Werkzeug, das man zum eigenen Aufstieg bedient, sondern eine Haltung, die aus dem Erkennen von selbst erwächst. Wer die Wurzel sieht, über die ein Mensch gestolpert ist, kann ihn nicht mehr verhöhnen.
So führt der Stoff nicht zu einer Lehre über die Schuld der anderen – das wäre nur ein neues Urteil –, sondern zu der einen Macht, die jeder Mensch in jedem Augenblick in der Hand hält und fast nie gebraucht. Das Wasser kennt nur den einen Drall, hinab. Der Mensch kennt beide. Er ist das einzige Geschöpf, das den Strudel rückwärts drehen kann – durch nichts weiter als die Richtung, in die er einen anderen anschaut.
Die kursiv gesetzten Einschübe stammen nicht von Wickland, sondern vom Herausgeber dieser Bearbeitung.