Kapitel 4 – Quälgeister. Ehestörungen

Es gibt unter den erdgebundenen Geistern eine besondere Sorte, die ihre Opfer nicht aus Versehen quält, sondern mit Vorsatz. Manchmal ist es Rache; weit häufiger aber Strafe – Strafe dafür, dass der Lebende ihnen, wie sie es sehen, beständig in die Quere komme. Sie wissen nicht, dass sie selbst die Eindringlinge sind. Den Schmerzen, die sie dem Körper, in dem sie hausen, durch Bisse, Schläge und Selbstverletzungen zufügen, wohnen sie unbeteiligt bei. Und doch: viele halten den fremden Leib für ihren eigenen, und so erscheint ihnen der eigene Hass an einem Lebenden als Hausrecht.
Frau L. W. war nach dem Tod ihres Mannes in tiefe Schwermut gefallen, und mit der Schwermut waren die Stimmen gekommen. Sie hörte sie unaufhörlich. Manchmal raufte sie sich schreiend das Haar und stürzte aus dem Hause, als liefe ihr jemand nach. Ihre Tochter, hellsichtig, sah, wer der Mutter zusetzte: vor allem einen höhnischen Mann, der nicht von ihr abließ; und auch die Kranke selbst sah ihn manchmal und rief auf: da komme er wieder.
Man hatte die Frau aus St. Louis nach Los Angeles gebracht, hoffend, dass die andere Luft ihr guttue. Die Anfälle wurden heftiger. Sie biss sich in Hände und Arme, schlug sich mit dem Pantoffel ins Gesicht, riss sich die Kleider vom Leib. Schließlich war mit ihr nicht mehr fertig zu werden. Sie kam in eine Anstalt für unruhige Kranke, von dort in ein Sanatorium, blieb dort ein Jahr, entwich dreimal, ohne dass sich an ihrem Zustand etwas änderte. Erst als sie zu uns gebracht wurde, war innerhalb weniger Monate die ganze Schar ihrer Plagegeister aus ihr vertrieben. Die Dame ist seither gesund geblieben und hilft ihrer Tochter im Haushalt.
Wenige Tage nach ihrer Ankunft löste sich der erste – jener höhnische Mann, den die Tochter so oft an der Mutter gesehen hatte – und durfte durch meine Frau sprechen.
Sitzung vom 13. Januar 1918 – John Sullivan
Was an jenem Abend durch sie sprach, hatte mit der stillen Frau im Nebenzimmer nichts gemein. Ein wildes, fluchendes Wesen war in meine Frau gefahren, und wir mussten sie festhalten, damit nichts zu Bruch ging. Drohungen kamen sofort: Hölle, Rache, Abrechnung, sobald er nur frei sei. Wer er sei, gehe uns nichts an; er kenne uns nicht. Als wir scherzhaft anmerkten, sie sei doch ein recht kräftiges Mädchen, fuhr ein bitteres Lachen aus ihm – wir möchten nur genauer hinsehen.
Er war ein Mann, und der Körper, in dem er saß, war ihm ein Ärgernis. Dass die Hände, mit denen er sich gegen unser Festhalten wehrte, nicht die seinen waren, sondern die meiner Frau, ließ sich ihm nicht beibringen. Eng sei der Leib, klagte er – das stimmte; aber dass die Enge daher rühre, dass dieser Leib ein anderer sei, lag jenseits dessen, was er denken konnte. Auch die Frauenkleider, die er trug, ärgerten ihn, ohne ihn aufzuklären; Männerkleider habe er „nicht bekommen können“, und damit war diese Sache erledigt.
Er klagte über die Nadeln, die ihm den Rücken hinaufgefahren seien. Es war die elektrische Behandlung, mit der wir ihn aus der Patientin gelöst hatten. Sie habe ihn aus seinem Heim getrieben und eine Weile eingesperrt; nun sei er hier, und nur fort wolle er, irgendwohin, wo ihn keiner finde.
Stück für Stück kam heraus, woran sein Hass stammte. Eine Frau habe sich an ihn gehängt, die nicht von ihm lasse. Er habe sie geschlagen – sie hing weiter. Gebissen – sie hing weiter. Haare ausgerissen, ein Stück aus dem Handgelenk gerissen – sie hing weiter. Loswerden konnte er sie nicht, und eines Tages werde er sie umbringen.
Es war Frau L. W. selbst, die er da beschrieb. Was er als ihre Anhänglichkeit auffasste, war seine eigene Anhaftung an sie; und die Hände, die da bissen, schlugen, ausrissen, waren ein und dieselben Hände – nur dass er sie für die seinen, sie aber für ihre eigenen hielt. Was Pflegerinnen und Ärzte so lange ratlos vor sich hatten – die Bissspuren, die zerschlagenen Lippen, die Frau, die sich morgens nicht erklären konnte, woher die Wunden kamen – ergab sich aus seinem Mund von selbst.
War ihm denn nie aufgefallen, dass mit ihm etwas nicht stimme, fragten wir. Es kam die Antwort, mit der die meisten unwissenden Verstorbenen kommen: er sehe doch, höre doch, bewege seine Hände – also lebe er. Er sei nicht gestorben, und damit basta. Dass er es schon vor Jahren war, lachte er weg.
Wir baten ihn, sich umzusehen. Er erschrak. Vor ihm stand seine Mutter. Er fürchtete sich vor ihr, weil sie ein Geist sei – dass er es selbst war, blieb auch jetzt unerreichbar.
Hinter der Mutter erschien Lizzie, und mit ihrem Anblick brach die ganze Geschichte heraus. Eine Schlange sei sie, eine Lügnerin; sie brauche ihm gar nicht erst mit Erklärungen zu kommen. In Bruchstücken, immer wieder von vorn, kam heraus, was geschehen war. Lizzie war mit einem anderen Burschen gegangen; an einem Abend hatte er die beiden in der Straßenbahn gesehen, war heimgegangen und hatte sich das Messer ins Herz gestoßen. Sterben hatte er nicht wirklich gewollt – der Stich war zur Drohung gedacht; sie werde dann schon zu ihm kommen. Sie war nicht gekommen, und er war doch gestorben.
Lizzies Erklärung – sie habe den jungen Mann nur zufällig getroffen, er habe sie ein Stück die Straße begleitet – wies er ab, ehe sie ausgesprochen war. Mutter und Lizzie weinten, baten um sein Gehör; er ließ keine durch. Auch der Mutter gab er die Schuld. Sie habe ihn verzogen, alle Wünsche erfüllt; wäre sie strenger gewesen, säße er heute nicht hier. Ob er denn niemandem Sympathie entgegenbringe? Das Wort, antwortete er, könne er nicht hören.
Erst als wir ihm in Aussicht stellten, dass er nach dem Verlassen unseres Zirkels in einem dunklen Gefängnis sitzen werde, solange er nicht bereut habe, gab er kurz nach: er wolle Lizzie verzeihen, alles tun, er habe das Leben satt. Zu echter Einsicht aber war er nicht zu bringen. Man brachte ihn fort, dorthin, wo er bleiben sollte, bis ihm die Aussicht auf eine Frau erträglicher würde als der Hass auf sie.
Ein Mensch der Stimmen hört, sich selbst verletzt, sich an die Verletzungen nicht erinnern kann und von Klinik zu Klinik gereicht wird – das ist kein historischer Fall. Das sitzt heute in jeder Ambulanz, bekommt Olanzapin und Sertralin und lernt im besten Fall, „mit den Stimmen umzugehen“. Was die Tochter hellsichtig sah, bleibt heute unsichtbar – nicht weil es nicht mehr existiert, sondern weil niemand mehr hinsieht.
Ein Wort zu den „Nadeln“, über die so viele dieser Geister klagen. Es handelt sich nicht um das, was man heute unter Elektroschock versteht. Wicklands Apparat war ein elektrostatischer – ein Gerät, wie es um die Jahrhundertwende in der Hautheilkunde und bei Nervenleiden üblich war, mit hoher Spannung, aber verschwindend geringem Strom. Es verursachte keine Krämpfe, keine Bewusstlosigkeit, keine Erinnerungslücken. Was der Patient spürte, war ein prickelndes Kribbeln auf der Haut; was der anhaftende Geist spürte, beschrieben die Geister selbst: eine Art Nadelstiche oder sogar Blitze– höchst unangenehm, die durch ihren vermeintlichen Körper fuhren und sie aus ihrer Wohnstätte vertrieben. Die Wirkung war also nicht auf den Körper des Patienten gerichtet, sondern auf den unsichtbaren Gast in ihm.
Die spätere Psychiatrie hat diesen Weg verlassen und ist zur Elektrokrampftherapie übergegangen, die Cerletti 1938 in Rom einführte – eine Methode, bei der Strom durch das Gehirn geleitet wird, um einen generalisierten Krampfanfall auszulösen. Zwischen beidem liegt eine Welt. Es ist bemerkenswert, dass gerade die alte elektrostatische Behandlung nicht weiterverfolgt wurde; vielleicht deshalb nicht, weil sie in einem Weltbild stand, das der modernen Medizin fremd geworden war.
Wiederentdeckt wird etwas Ähnliches heute, unter anderem Namen und mit anderer Begründung: in der transkraniellen Magnetstimulation, die bei therapieresistenten Depressionen bestimmte Hirnareale durch rasch wechselnde Magnetfelder beeinflusst; in der transkraniellen Gleichstromstimulation, die mit schwachen Strömen arbeitet; in der Vagusnerv- und Tiefenhirnstimulation bei Zwangsstörungen. Die Erfolge dieser Verfahren sind beachtlich – und niemand weiß recht, warum sie wirken. Die übliche Erklärung – „Modulation neuronaler Aktivität“ – beschreibt nur, dass etwas geschieht. Wickland hätte vermutlich gesagt: sie vertreiben, was dort nicht hingehört. Man muss diese Deutung nicht teilen, um zu bemerken, dass die moderne Medizin hier auf Umwegen zu einer Methodenfamilie zurückkehrt, die sie vor hundert Jahren als Kuriosum abgetan hat.
Herr P. – ein Eifersüchtiger nach dem Tode
Vor einigen Jahren beklagte sich ein Freund unseres Hauses über seinen Geschäftsteilhaber, Herrn P. – Der Mann war wie ausgewechselt. Reizbar, herrisch, zu seinen Angestellten ungerecht; er stellte unmögliche Forderungen, fluchte in Anfällen, tobte. Zu seinem alten Wesen passte das nicht.
Wir nahmen ihn in Gedanken in unsere Sitzungen mit – das genügt, wenn die Verbindung steht; wir brauchten den Mann selbst nicht herzubringen. Nach einigen Wochen meldete sich, durch meine Frau, ein zorniger Geist, der unumwunden bekannte, Herrn P. zu quälen. Er habe Grund dazu: Herr P. mache seiner Frau den Hof. Das war zu Lebzeiten dieses Geistes tatsächlich der Fall gewesen – nur hatte er es damals nicht gewusst.
Sein Name fiel; in den Kaufmannskreisen seines Ortes hatte er hohes Ansehen genossen. Er war vor einiger Zeit gestorben und wusste es nicht. Lange sei er sehr krank gewesen, sagte er, doch nun sei er wieder ganz gesund und könne ohne Mühe überallhin. Dass seine Frau nicht mehr mit ihm sprach, sein Kind, das so an ihm gehangen hatte, ihn jetzt übersah – das alles war ihm rätselhaft und kränkend.
Einige seiner Freunde, behauptete er, hintergingen ihn. Sie hätten seiner Frau Aufmerksamkeiten erwiesen, Geschenke und Blumen gesandt, und an ihnen werde er gleichfalls Rache nehmen, sobald er mit Herrn P. fertig sei.
Klar denken könne er nicht; das komme wohl von einem Betäubungsmittel, das er kürzlich genommen habe. Die ungewöhnliche Beweglichkeit seines Körpers, das Gefühl, kein Gewicht zu haben – auch das schrieb er dem Mittel zu. Was ihm immer wieder zu schaffen machte, war eine seltsame Eigenschaft, die er an sich beobachtete: kaum dachte er an einen Menschen, fand er sich auch schon bei diesem ein und in dessen Geschäfte verwickelt. Bei Herrn P. sei er kürzlich gewesen und nicht wieder fortgekommen. Das hatte ihn maßlos erregt. Er hatte gewaltig geflucht, den Mann nachts nicht schlafen, ihn morgens zu früh aufstehen lassen und auf jede mögliche Weise belästigt.
Es brauchte einige Zeit, ehe er begriff, dass er gestorben war. Schwer fiel es ihm; er hatte zeitlebens geglaubt, der Tod mache allem ein Ende, und dann sei eben alles aus. Auf die Versicherung, dass jenseits des Sterbens Aufgaben und Entwicklungen seiner harrten und ihm dort alles erklärt werden würde, ging er endlich. Am folgenden Tag war Herr P. ein anderer. Sein Verhalten war so vollkommen normal, dass das ganze Büro die Wandlung bemerkte – nur er selbst wusste nichts von den Sitzungen, denen er sie verdankte.
Fräulein R. F. – der Wanderdrang
Sie wurde von Zeit zu Zeit von einem Drang befallen, davonzulaufen – ohne Ziel, einfach nur fort. Davor wurde sie unruhig, danach erschöpft. Niemand wusste, wohin es sie zog. Auch sie selbst wusste es nicht. Als sie in unsere Behandlung kam, fand sich der Urheber rasch ein.
Sitzung vom 15. September 1920 – Edward Sterling
Er nahm vom Medium Besitz, erhob sich vom Stuhl, versuchte fortzulaufen und wurde sehr ärgerlich, als wir ihn zurückhielten. Setzen wollte er sich nicht. Nach Hause wolle er, jetzt gleich – wo das war, wusste er nicht; nur weg. Auf die Bemerkung, sie sei doch eine recht nette Dame, sich so zu benehmen, kam ein knappes Nein: keine Dame, ein Mann.
Wir kamen rasch auf das, was die Patientin zuletzt am stärksten verstört hatte. Sie war eines Morgens aufgewacht und hatte ihr eigenes Haar, frisch abgeschnitten, neben sich auf dem Kissen gefunden, ohne sich an die Tat erinnern zu können. Warum er ihr das Haar abgeschnitten habe? Niemandem habe er das Haar abgeschnitten, antwortete er; das sei sein eigenes gewesen. Lange habe er geschlafen, sehr lange müsse das gewesen sein, denn beim Aufwachen sei das Haar so lang geworden, dass er nicht gewusst habe, wohin damit. Zum Friseur habe er sich geschämt zu gehen – so habe er es eben selbst geschnitten. Dass auch die Kleider an ihm Frauenkleider waren, ärgerte ihn nur insofern, als sich keine Männerkleider hatten auftreiben lassen.
Die Schere hatte die Hand der Patientin geführt, und das Haar, das fiel, war ihres gewesen. In seinem Bericht aber war das alles seines: sein Schlaf, sein Haar, seine Verlegenheit, sein Entschluss. Die Patientin selbst kam in seiner Welt nicht vor.
Er sei nicht tot, beteuerte er, nur eingeschlafen – ein langer Schlaf, in dem das Haar gewachsen sei, und sonst nichts. Auf den Hinweis, das eben sei der Todesschlaf, antwortete er trocken, dann sei er trotzdem nicht tot. Wäre er gestorben, müsste er doch im Grabe liegen, bis Gabriel die Posaune blase. Mehr wusste er nicht.
Auch er klagte über die Nadeln, die er im ganzen Körper gespürt hätte. Zweimal habe er zu fliehen versucht; beim ersten Mal habe ihn ein großer Indianer gefasst und in ein Gefängnis gesperrt, später sei er wieder freigekommen und hier gelandet. Wo „hier“ sei – Los Angeles, Kalifornien – sagte ihm nichts. Wie er denn überhaupt in den Körper dieser Dame geraten sei, fragten wir. Die Antwort hatte etwas fast Ergreifendes in ihrer Selbstverständlichkeit: wer lange im Dunkeln wandere und endlich ein Licht sehe, bleibe eben gern dort.
Dieses Bild vom Licht ist keine poetische Wendung, sondern eine der wiederkehrenden Aussagen der Geister selbst, quer durch Wicklands Sitzungen und weit über sie hinaus auch in anderer Literatur derselben Zeit. Bestimmte Menschen – man hat sie früher schlicht medial genannt – strahlen in die andere Welt hinüber wie eine Laterne im Nebel. Für den Umherirrenden, der seit langem in der Dunkelheit seines Zwischenzustands wandert, ist dieses Licht unwiderstehlich; er hält sich daran fest, rückt näher, und findet schließlich in dem lebenden Menschen eine Art Wohnstatt. Womit dieses Ausstrahlen im einzelnen zusammenhängt, bleibe dahingestellt – es ist jedenfalls keine Auszeichnung und kein Makel, sondern eine Veranlagung, vergleichbar einem besonders feinen Gehör oder einer dünnen Haut.
Allein das Leuchten genügt allerdings nicht. Damit ein Geist tatsächlich eintreten kann, muss außerdem eine Art Öffnung vorhanden sein – eine Stelle, an der die sonst selbstverständliche Geschlossenheit des Menschen gegen das Andere nicht mehr dicht ist. Solche Öffnungen entstehen durch Drogen und bestimmte Medikamente, durch Unfälle, durch schwere Schocks, durch Narkosen, manchmal auch durch die anhaltende Beschäftigung mit Dingen, die ihrerseits aus den dunkleren Regionen des Jenseitigen speisen – Sitzungen mit ungeschulten Medien, Gläserrücken, gewisse Formen der Trance. Erst wo Licht und Spalt zusammenkommen, wird aus der Veranlagung ein Leiden.
Das erklärt auch, warum das Phänomen oft so plötzlich auftreten und ebenso plötzlich wieder enden kann: Wird die Öffnung geschlossen – sei es durch Behandlung, sei es durch eine veränderte Lebensweise, sei es durch den Abgang des Geistes –, dann bleibt zwar die Medialität bestehen, aber sie wird wieder, was sie ursprünglich war: eine Gabe, keine Einbruchstelle.
Bald merkten wir, dass er sich auf nichts mehr besinnen konnte. Wer er war, woher er kam, welches Jahr es sei – alles ausgelöscht. Geblieben war ein einziger Eindruck: ein Wintertag um Weihnachten, ein heftiger Schlag auf den Kopf, dann nichts.
Erst als seine Mutter erschien, kam Bewegung in das Bild. Sie war in seiner Kindheit gestorben, lange vor ihm; er erkannte sie sofort. Sie nannte ihm seinen Namen – Sterling, Edward; er nickte. Aus Iowa stamme er, Holzfäller in Nord-Wisconsin sei er gewesen, und an jenem Wintertag um Weihnachten habe ihn etwas auf den Kopf getroffen. Wir nannten ihm das Jahr: 1920. Er hatte McKinley für den amtierenden Präsidenten gehalten – seit neunzehn Jahren war er, ohne Wissen davon, dass seine Lebenszeit längst abgelaufen war, durch die Erdsphäre gewandert, in einem fortwährenden, gedächtnislosen Heute.
Bevor er ging, machte er noch eine Mitteilung: er sei nicht der Einzige, der diese Frau quäle. Zwei weitere säßen noch bei ihr; sobald er Bescheid wisse, wolle er ihnen beim Hinausgehen helfen. Dann ging er mit der Mutter – müde, sagte er, sehr müde.
Neunzehn Jahre lang hat dieser Mann nach seinem Tod nicht gewusst, dass er tot war. Er hielt McKinley noch für den Präsidenten. Der Gedanke, dass jemand sich buchstäblich – nicht metaphorisch – in einem solchen Zustand befinden könnte, und dass solche Wesen in lebenden Menschen Unterkunft finden, ist schwer auszuhalten. Aber wenn er zutrifft, leistet er für das Verständnis solcher Fälle mehr, als sämtliche Modelle der modernen Neurochemie zusammen je geleistet haben. Die nächtliche Selbstverletzung ohne Erinnerung, die Diagnose „dissoziative Identitätsstörung“ – was, wenn hinter ihr nicht ein abgespaltener Anteil des Patienten steht, sondern jemand anderes?
Der Steinbruch in Wisconsin
In Spukhäusern treiben Geister häufig ihr Unwesen, um sich an erlittenem Unrecht zu rächen – mit einer Hartnäckigkeit, die das, was wir an verbitterten Lebenden kennen, weit hinter sich lässt. Bei einem Besuch in Wisconsin hielten meine Frau und ich in einem befreundeten Hause eine Sitzung ab. Eine Stimme nahm sie in Besitz, lachte hämisch und brachte ihre Geschichte in einem Satz unter: ein Mann, dem ein Steinbruch in der Nähe gehöre, habe ihn ermordet, und er räche sich nun – er spuke bei ihm. Vom Aufwärtsstreben, von dem wir sprachen, wollte er nichts wissen. Nach kurzem Wortwechsel verschwand er wieder.
Unsere Freunde erzählten uns dann, was es mit der Sache auf sich hatte. Vor zehn Jahren hatte der Steinbruch drei Männern gehört. Einer von ihnen wollte ihn für sich allein, hatte dem zweiten den Anteil abgekauft; der dritte aber, der im Hause neben dem Steinbruch wohnte, hatte sich geweigert. Wenige Tage später war er tot aufgefunden worden. Bewiesen werden konnte das nicht – in der ganzen Nachbarschaft galt jedoch der erste Partner als der Mörder.
Seither zeigte dieser einen merkwürdigen Widerwillen, im Steinbruch zu arbeiten, und es ging das Gerücht, er werde von seinem ermordeten Teilhaber verfolgt. Im Hause neben dem Steinbruch spuke es. Unsere Freunde hatten dies vor einem Jahr selbst erlebt. Sie waren zum Beerenpflücken hingefahren, hatten das Pferd in den leeren Stall gestellt und gingen kurz hinaus. Plötzlich begann das Tier wild auszuschlagen und ängstlich zu wiehern. Sie hörten ein heiseres Lachen, und als sie sich umsahen, stand ein grinsender Mensch in der Tür des verlassenen Hauses – jener, der vor einigen Jahren ums Leben gekommen war. Sie erkannten ihn auf den ersten Blick. Er lachte und verschwand. Sie zogen das Pferd heraus und fuhren davon.
Das Spukhaus der Frau G.
Aus einem Dorf im Staat New York erreichten uns über Wochen hinweg Briefe einer Frau, die wir hier Frau G. nennen wollen. Sie war Medium und hellsichtig und schrieb verzweifelt: Gesund sei sie mit ihrer Familie in das Haus gezogen, doch bald sei eine seltsame Schwere über sie gekommen, dazu Schmerzen in Beinen und Armen, die kein Arzt zu lindern vermöge. Geister, die sich als ihre Führer ausgaben, hätten ihr geraten, jeden Abend eine halbe Stunde lang eine Sitzung abzuhalten; ihr Leiden komme von der verstorbenen Erbauerin des Hauses, und sie werde es loswerden, sobald eine bestimmte Freundin bei der nächsten Sitzung zugegen sei.
Die Freundin kam, die Verstorbene zog mit ihr fort – das wenigstens hieß es. Von diesem Geist war die Schreiberin frei. Doch die Freundin erkrankte zuhause an genau jenem Übel, von dem die andere genesen war, und im Haus selbst gingen die Störungen unvermindert weiter. Sogar im Obstgarten war es nicht mehr ruhig; man hörte dort Stimmen, die drohten, jeden umzubringen, der den Garten betrete. Die Familie verkaufte das Haus schließlich und zog fort, ohne die neuen Besitzer zu warnen. Die ältere Mutter der Käufer ging am ersten Abend wohlauf zu Bett – und rief kurz darauf um Hilfe: Zwei Männer seien in ihr Zimmer gekommen und hätten gedroht, sie zu töten. Ehe der Morgen kam, war sie tot.
Frau G. selbst fand auch am neuen Wohnort keine Ruhe. Sie hielt ihre abendlichen Sitzungen weiter ab, aber es gelang ihr nicht, sich von dem Einfluss zu lösen. Sie hatte sich auch an eine spirituelle Heilbewegung gewandt, deren versprochene Hilfe ausblieb, und schrieb schließlich an uns. Niemand, so schrieb sie, bete ernsthafter um Hilfe als sie, niemand versuche gewissenhafter, das Rechte zu tun – und doch komme sie aus dem Übel nicht heraus.
In der nächsten Sitzung richteten wir unsere Gedanken auf das alte Haus und auf Frau G. an ihrem jetzigen Wohnort. Die Geister kamen von beiden Orten zugleich. Einer behauptete, gar nicht zu wissen, dass er Frau G. quäle. Ein anderer war Harry Harris, der seine Frau zu Lebzeiten so brutal geschlagen hatte, dass sie sich erschoss; wie er selbst geendet hatte, war ihm entfallen. Er versicherte, nicht tot zu sein, sondern in einem alten Haus mit einer ganzen Bande zu hausen, und niemand, der dort einziehe, komme lebend heraus.
An einem späteren Abend meldeten sich vier Geister aus dem Spukhaus nacheinander: zuerst zwei Frauen, dann Pete, ein zu Lebzeiten geschickter Taschendieb, und zuletzt Käthe, die er einst ermordet hatte und die ihm seither folgte.
Während Pete noch sprach, fuhr Käthe in ein zweites Medium, das mit am Tisch saß. Was sich nun ereignete, gehört zum Sonderbarsten, was wir in unserer Arbeit erlebt haben. Pete bekam einen Heidenschreck, Käthe wollte vor ihm davonlaufen. Jeder hielt den anderen für ein Gespenst; dass sie selbst Gespenster waren und in fremden Körpern saßen, kam keinem in den Sinn. Es brauchte eine ganze Weile, ehe sie begriffen, dass sie beide tot waren. Dann sank Pete in die Knie und bat Käthe um Verzeihung. Sie versöhnten sich und zogen ab, mit dem Versprechen, sich zu bessern.
Frau G. schrieb uns später, sie habe sich außerordentlich erholt. Auch aus dem Dorf erreichten uns Nachrichten: die Schar, die sich an den Mauern jenes Hauses gehängt hatte wie an einem letzten Halt, war fortgebracht; das Haus stand leer, und niemand sprach mehr von Stimmen im Obstgarten.
Hier ist ein Einwand unumgänglich. Wenn Menschen auf diese Weise „besetzt“ werden können, was hindert dann den nächsten Geist daran, einzuziehen, sobald der erste vertrieben ist? Das Problem ist so alt wie das Evangelium. Im Matthäusevangelium heißt es vom unreinen Geist, der einen Menschen verlassen hat: er wandere durch dürre Stätten, finde keine Ruhe, kehre zurück zu seinem Haus, finde es „leer, gekehrt und geschmückt“ – und bringe sieben andere Geister mit sich, schlimmer als er selbst, sodass es mit jenem Menschen am Ende ärger werde als zuvor.
Die Berichte sprechen von dauerhaften Heilungen, und wir haben keinen Anlass, an den Beobachtungen zu zweifeln. Doch die Frage bleibt: Warum zogen diese Geister überhaupt in gerade diese Menschen ein? War es Zufall, bloße Nähe im Sterben, eine Frage des magnetischen „Klangs“ zwischen Lebendem und Totem? Und was hinderte sie daran, wiederzukommen?
Die Fälle selbst geben einen Hinweis. Fast durchweg war den Betroffenen etwas zugestoßen, das ihre innere Festigkeit aufgebrochen hatte: Frau L. W. der Tod ihres Mannes, Frau Sl. die Geburt eines Kindes, Fräulein L. der Schock einer plötzlich verstorbenen Freundin, Herr Mc. die ungelöste Schuld einer früheren Beziehung. Die Tür, durch die der Fremde eintrat, war jedes Mal eine offene Wunde. Wenn die Austreibung dauerhaft wirkte, dann vermutlich nicht allein durch sie selbst, sondern dadurch, dass der Patient in der Zuwendung, die er während der Behandlung erfuhr, zugleich innerlich wieder zu sich kam – und dass mit dieser Rückkehr auch die Wunde zu heilen begann.
Hinzu kommt etwas, das sich dem äußeren Blick entzieht, aber in allen ernsthaften Überlieferungen erwähnt wird: Wer sich innerlich dem Höheren zuwendet – sei es im Gebet, im ehrlichen Ringen um Wahrheit, in einer klaren Ausrichtung des Willens –, dem kann auch ein Schutz zuteil werden, der ihn für solche Einflüsse verschließt. Das heißt umgekehrt nicht, dass, wer keine rasche Befreiung findet, sich zu wenig bemühe. Die Gründe, warum ein Mensch längere Zeit gebunden bleibt, sind vielfältig und liegen meist tiefer, als ein Außenstehender zu ermessen vermag. Ein Urteil darüber steht niemandem zu.
In den Büchern, die André Luiz durch das Medium Chico Xavier hinterlassen hat, wird dies für Wohnungen und Häuser geradezu anschaulich beschrieben: Eine gewöhnliche Wohnung steht den Geistern der erdnahen Sphäre offen wie ein öffentlicher Raum; sie gehen ein und aus, wie es ihnen gefällt. Das ändert sich jedoch schlagartig, sobald in diesem Haus wirklich gebetet wird – wobei mit „wirklich“ ein wahrhaftiges Gebet gemeint ist und nicht das bloße Herunterleiern einer Formel. Was für ein Haus gilt, gilt auch für den Menschen selbst: Wer es ernst meint, wird tatsächlich geschützt. Der rein technische Auszug eines Geistes, ohne dass im Inneren des Patienten etwas wächst, was den freigewordenen Raum ausfüllt, müsste nach jener alten Warnung früher oder später zur Wiederbesetzung führen – womöglich durch Schlimmere. Das ist die Stelle, an der eine heutige Anwendung solcher Einsichten ansetzen müsste.
Klopfen und Poltern in Pasadena
Eine dringende Bitte um Hilfe brachte uns in das Haus von Herrn und Frau C. in Pasadena. Klopfen und Poltern hielten die Familie allnächtlich stundenlang wach. Das Haus war von Herrn C. den Kindern einer älteren, kürzlich verstorbenen Dame abgekauft, auf sein Grundstück versetzt und umgebaut worden – eine Tatsache, die wir erst nachträglich erfuhren. Zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens schüttelte und rüttelte etwas die Tür eines Wandschranks zwischen zwei Schlafzimmern, klopfte, krachte, ließ niemanden zur Ruhe kommen.
Während wir in einem der betroffenen Zimmer saßen und die Sache besprachen, fuhr ein Geist in meine Frau, der über heftiges Rheuma klagte und die C.s mit Vorwürfen überschüttete. Wir wohnten in seinem Haus. Er werde uns hinausjagen. Es war die ehemalige Eigentümerin – nachträglich erfuhren wir, dass sie tatsächlich an schwerem Rheumatismus gelitten hatte. Dass sie tot sei, ließ sie nicht gelten; sie wohne nach wie vor hier, wenn auch von Eindringlingen behelligt. Wenn sie aber tot sei, fragte sie zurück, warum sei sie dann nicht im Himmel? – eine Frage, an der viele dieser Verstorbenen lange hängen bleiben.
Nach mancherlei Erklärungen kam sie zur Einsicht und räumte reumütig das Feld. Einige Monate später schrieb uns Herr C., dass jede Störung in seinem Hause aufgehört habe.
Hier stellt sich aber eine Frage. Wie kann ein Geist, der seinen Körper abgelegt hat, überhaupt auf die grobstoffliche Welt einwirken? Wie kommt es, dass eine Tür gerüttelt wird, ein Gegenstand fällt, ein Klopfen hörbar ist? Eine Seele für sich allein hat dazu nicht die Mittel – ihr fehlt genau jenes Werkzeug, das sie zurückgelassen hat.
Für solche Einwirkungen braucht es eine Brücke, und diese Brücke ist fast immer ein lebender Mensch im Haus – nicht selten ein junger Mensch in den Entwicklungsjahren –, dessen Ausstrahlung von einer Art ist, die sich für diesen Zweck eignet. Seine Kraft, ohne dass er davon weiß und ohne dass er es will, wird von den Seelen angezapft und verwendet; erst dadurch werden die Phänomene überhaupt möglich. Verlässt ein solcher Mensch das Haus, hören die Erscheinungen oft von selbst auf.
Das wirft ein anderes Licht auf die Spukgeschichten. Sie sind weder reine Einbildung noch das autonome Tun körperloser Wesen. Sie sind ein Zusammenspiel: Eine erdgebundene Seele mit einem Anliegen – Rache, Anhänglichkeit, Unvermögen loszulassen – findet im Haus einen Menschen, dessen Wesenheit ihr die Mittel leiht. Beides zusammen ergibt den Spuk. Ohne den einen oder den anderen bliebe es still.
Frau Sl. – der Wandertrieb auf der Farm
Dass bei Störungen des häuslichen Friedens oft Geister mit verantwortlich sind, die niemand sieht, dafür haben wir zahlreiche Beispiele.
Frau Sl. wurde als Kranke aus einem der Nordstaaten zu uns gebracht. Ihr Mann, ein Farmer in Dakota, war verwitwet gewesen und hatte sie nach dem Tod seiner ersten Frau geheiratet. Nach der Geburt ihres ersten Kindes hatte sich bei ihr ein krankhafter Wandertrieb entwickelt: sie lief davon, ohne Ziel, ohne sagen zu können, wohin oder warum. Zurückgebracht, gab sie unbestimmte Antworten, beharrte aber darauf, ihr Mann sei ihr untreu – ein soliderer, zuverlässigerer Farmer war kaum zu denken.
Als der Geist von ihr auf meine Frau überging, war es niemand anders als die erste Frau jenes Farmers. Sie war aufgebracht, beschuldigte den Mann der Untreue und war fest entschlossen, sich ihrer „Nebenbuhlerin“ zu entledigen. Dass sie selbst seit Jahren tot war, wusste sie nicht; sie hatte den Hof nie verlassen. Dass die Frau im Haus nicht eine fremde Rivalin, sondern die zweite Ehefrau ihres längst verwitweten Mannes war, konnte sie sich nicht vorstellen.
Nach den entsprechenden Erklärungen verließ uns die Verstorbene. Frau Sl., wieder Herrin ihrer selbst, kehrte gesund nach Dakota zurück.
Eine zweite Frau im Haus
Ähnlich erging es einem Bekannten unseres Hauses. Seine erste Frau war gestorben und hatte ihm ein Söhnchen hinterlassen. Bald nach seiner zweiten Heirat geriet das Familienleben in eine Schieflage, die niemand zu erklären wusste, und an einem Sonntagmorgen verließ die zweite Frau in heller Empörung das Haus. Der Mann kam ratlos zu uns, brachte den kleinen Jungen mit; sie blieben mehrere Stunden.
Am Abend, als der Junge noch einmal vorbeischaute, fuhr ein weiblicher Geist in meine Frau. Sie sei seine Mutter, sagte sie, und nichts in ihrer Welt deutete ihr an, dass sie längst gestorben war. Sie verlangte nach dem Jungen, immer nur das eine, immer dasselbe.
Dann brach die Eifersucht durch. Über die Nachfolgerin werde sie schon Herr; heute Morgen habe sie sie bereits einmal aus dem Hause gejagt – ein Triumph, den sie sich offen anrechnete. Was an jenem Sonntagmorgen zwischen den Eheleuten als Zerwürfnis ausgetragen worden war, hatte einen Dritten am Tisch sitzen gehabt, von dem niemand wusste.
Auch sie ließ sich ihre Lage schließlich begreiflich machen, und sie versprach, dem Familienfrieden nicht weiter im Wege zu stehen. Die zweite Frau kehrte zurück. In den zehn Jahren seither ist von Störungen nichts mehr gekommen.
Fräulein L. – die brünette Begleiterin
Fräulein L. war die junge Braut eines Witwers. Sie hatte mit dessen erster Frau in demselben Hause gewohnt; die beiden waren eng befreundet gewesen. Die Frau war ganz plötzlich gestorben, und einige Zeit nach ihrem Tod hatte der Mann sich mit der jungen Dame verlobt. Bald danach setzten geistige Störungen ein, die sich von Woche zu Woche verschlimmerten.
Im gesunden Zustand hatte sie ihren Verlobten hochgeschätzt. Nun konnte sie ihn nicht mehr ansehen. Lieber sterben, sagte sie, oder ins Irrenhaus, als ihn zu heiraten. Mehrere Selbstmordversuche lagen hinter ihr; jedes Mal war sie im letzten Augenblick wie aufgewacht und hatte um Hilfe gerufen.
Als sie in unsere Heilanstalt kam, sah meine Frau hellsichtig den Geist einer entschieden brünetten Frau an ihr hängen. Die Patientin selbst war blond. Die Vermengung war so eng, dass meine Frau Mühe hatte zu sagen, wer eigentlich vor ihr saß, eine Helle oder eine Dunkle. Die Mutter der Kranken und ihr Verlobter erkannten in der Schilderung sofort die verstorbene erste Frau.
Die Patientin war halsstarrig. Schreianfälle wechselten mit dumpfem Brüten; allein lassen konnte man sie keinen Augenblick. Auf jede Aufmunterung, sie werde bald wieder gesund, antwortete sie mit Spott. Sie sei irre, sagte sie selbst – und an diesem Irre-Sein wolle sie sterben, ehe sie diesen Mann nähme.
An einem dieser Tage fiel sie während einer Behandlung in einen Halbschlaf, und ein fremder Geist sprach durch sie aus, was ihn umtrieb. Heiraten solle er sie nie, niemals. Sie werde sie ins Irrenhaus treiben oder umbringen – haben werde er sie nicht. Unmittelbar darauf trat eine Kinderstimme an die Stelle, schützend, wie ein kleiner Junge die Mutter verteidigt. Die Schwester der Kranken, die zugegen war, erkannte den dreizehnjährigen Sohn der ersten Frau wieder, der lange vor ihr gestorben war.
An jenem Tag war die Patientin ungewöhnlich störrisch und gegen ihren Verlobten unverschämt; dann kam die Krise. Eine kräftige elektrische Behandlung ließ sie zur Ruhe kommen, und sie schlief erstmals wieder durch.
Nicht aber meine Frau. Bis vier Uhr morgens hielt ein Geist sie wach, ehe der Geist endlich in ihren Körper fuhr. Es war dieselbe brünette Frau. Mit großer Anstrengung war sie zum Reden zu bringen, mit noch größerer von ihrer eigenen Lage zu überzeugen. Heftige Vorwürfe brachen hervor – gegen den Mann, gegen die Kranke, die beiden hätten sie hintergangen –, die alten Drohungen wiederholt: ins Irrenhaus oder ums Leben.
Auf die Frage nach ihrem Sohn sagte sie, sie sehe ihn zuweilen; aber er sei doch tot, und mit Toten wolle sie nichts zu tun haben. Dass sie selbst zu diesen gehörte, blieb ihr lange verschlossen. Auch von einem höheren Dasein wusste sie nichts. Schließlich gab sie nach. Sie versprach, der Kranken nicht mehr nachzustellen; lieber aber wolle sie in der Erdsphäre bleiben, das Höhere, von dem wir sprachen, war ihr fremd.
Dann wurde sie schwach. Sie müsse sterben, sagte sie. Es kam Frösteln über sie, dann ein kräftiger Husten, dann ein Zustand, wie er einen Menschen befällt, den eine Lungenentzündung niederringt. Es war ihr eigener Tod, den sie ein zweites Mal durchlebte – jenes Sterben, das sie das erste Mal nicht als Sterben erkannt hatte. Dieses zweite Sterben haben wir mehrfach beobachtet; es kommt, wenn Verstorbenen endlich aufgeht, was an ihnen geschehen war, und sie durchlaufen mitunter genau die körperlichen Erscheinungen, unter denen sie ihren irdischen Körper verlassen hatten. Mit denselben Symptomen, an denen die erste Frau wirklich gestorben war, verließ sie unseren Zirkel; ihr Mann und die Mutter der Kranken bestätigten es uns hinterher.
Die Patientin erholte sich rasch. Sie ist heute verheiratet und glücklich.
Drei Fälle, drei eifersüchtige Verstorbene, drei zerbrochene Partnerschaften. Die heutige Paartherapie hat für so etwas keine Kategorie. Sie würde Kommunikationsmuster analysieren, Bindungsstile diagnostizieren, Ursprungsfamilien rekonstruieren – und den Dritten am Tisch, den niemand sieht, übersehen.
Herr Mc. in Chicago
Ein besonderer Fall war Herr Mc. in Chicago, ein in der Stadt bekannter Mann, dessen Familie in höchstem Ansehen stand. Plötzlich war er ein anderer. Er mied seine Angehörigen und erklärte Frau und Verwandtschaft, er gedenke fortan auf einer höheren Ebene zu leben, mit ihnen habe er nichts mehr zu schaffen. Eines Tages packte er den Koffer und verließ das Haus, um sich in einem armseligen Zimmer im verrufensten Viertel der Stadt niederzulassen.
Wir hatten ihn nie gesehen. Eine Verwandte, die von unserer Arbeit wusste, bat uns, ihn in unsere nächste Sitzung mitzunehmen. Es kam ein Geist, der nach mehrmaligem Drängen seinen vollen Namen nannte: er sei die erste Frau des Herrn Mc.
Ihre Geschichte trug sie ohne Scham vor. Auf der Weltausstellung in Chicago hatten sie sich kennengelernt und eine Zeit lang ohne Trauschein zusammengelebt, bis seine Verwandten dazwischenkamen und auf eine Heirat drangen. So war sie in eine Gesellschaft hineingeraten, deren Formen ihr nichts sagten und der sie selbst nichts sagte. Bei ihrer flüchtigen Natur konnte aus dieser Ehe nichts werden. Sie verließ ihn, zog auf die „West-Seite“ Chicagos, geriet in ein berüchtigtes Haus und blieb dort, obwohl sie das Törichte ihrer Lage zuweilen einsah. Morphinistin wurde sie, und Selbstmord war ihr Ende.
Doch zurückgekehrt war sie zu ihm. Als er wieder heiratete, fühlte sie sich tödlich getroffen, und Schritt für Schritt brachte sie ihn dazu, Frau und Kind zu verlassen und in das Viertel zu ziehen, in dem sie selbst sich heimisch fühlte. Was er für eine höhere Lebensführung hielt, war die Anweisung einer Toten, ihr bis an die Untergrenze ihrer eigenen Verirrung zu folgen.
Wir machten ihr klar, was sie ihm angetan hatte; das Versprechen einer eigenen Entwicklung in der geistigen Welt brachte sie schließlich dazu, den Mann freizugeben. Als wir die Verwandte später wiedersahen und ihre Geschichte erzählten, bestätigte sie alles bis ins Einzelne, einschließlich des Namens. Herr Mc. sei früher tatsächlich verheiratet gewesen; die Familie hatte das Kapitel als peinlich behandelt und nie davon gesprochen. Wenig später kam Herr Mc. nach Hause zurück, normal und gesund, und lebte wieder mit Frau und Kind.
„Midlife-Crisis mit dissoziativen Zügen“, würde die heutige Diagnose lauten. Ein Mann verlässt unerklärlich Frau und Kind, zieht in ein Armenviertel, spricht von höherer Lebensführung. Kein Lehrbuch sähe hier eine verstorbene erste Geliebte am Werk. Und doch: Er kehrte zurück, geheilt, als diese Geliebte losgelöst war. Was erklärt das besser – das psychodynamische Modell oder Wicklands Befund?
Für jeden dieser Fälle hielte die heutige Psychiatrie eine Diagnose bereit. Frau L. W. fiele unter eine schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen, akustischen Halluzinationen und Selbstverletzungsdrang – möglicherweise unter dem Etikett einer schizoaffektiven Störung. Fräulein R. F. mit ihrem ziellosen Weglaufen und der nächtlichen Selbstverletzung ohne Erinnerung daran würde als dissoziative Fugue oder dissoziative Identitätsstörung geführt. Herr P. erschiene als „Persönlichkeitsveränderung nach belastendem Ereignis“, Fräulein L. als schwere Angst- und Anpassungsstörung mit Suizidalität, Herr Mc. wohl als mittlere Lebenskrise mit dissoziativen Zügen.
Die moderne Psychiatrie beschreibt diese Bilder genau, klassifiziert sie sorgfältig und behandelt sie mit Medikamenten, Verhaltenstherapie und, in schweren Fällen, mit Elektrokrampf. Was sie nicht tut, ist eine Ursache anzugeben. Die Diagnosehandbücher sind Symptomverzeichnisse; kein einziges Kapitel darin erklärt, warum ein Mensch plötzlich Stimmen hört oder sich nachts die Haare abschneidet, ohne sich zu erinnern. Die Pathogenese bleibt offen; Genetik, Neurotransmitter, Kindheitstraumata werden als Bausteine genannt, aber das Bild fügt sich nicht. Wirksame Ursachenbehandlungen fehlen; was bleibt, ist das Dämpfen der Symptome und das Erlernen eines Umgangs mit der Krankheit.
Wicklands Deutung – dass hinter vielen dieser Zustände unerlöste Verstorbene stehen, die in ihrer eigenen Unwissenheit in Lebende hineingeraten sind und in deren Körpern ihr Eigenleben fortführen – könnte als Interpretation verstanden werden. Sie ist, solange die Psychiatrie keine bessere Ursachenlehre hat, weder mehr noch weniger als diese legitim. Sie hat überdies den Vorzug, etwas zu erklären, was der Klinik ein Rätsel bleibt: das Plötzliche des Einsetzens, die Fremdheit der Stimmen gegenüber dem Ich des Patienten, die oft geradezu biographische Konsistenz dessen, was die Stimmen sagen – als wären es Personen, nicht Fehlfunktionen.
Man wird diesen Schluss nicht ziehen müssen. Man wird ihn aber, nach den vorangegangenen Fällen, auch nicht mehr ohne weiteres von der Hand weisen können. Und wer ihn einmal als Arbeitshypothese zulässt, wird sich vor einem Patienten irgendwann die Frage stellen, die in jedem Lehrbuch fehlt: Spreche ich hier eigentlich mit diesem Menschen? Oder spricht durch ihn, ohne sein Wollen und ohne sein Wissen, jemand anderes?
Die kursiv gesetzten Einschübe in diesem und den folgenden Kapiteln stammen nicht von Wickland, sondern vom Herausgeber dieser Bearbeitung.