Vom Wasser, der Erde und dem Morast

In der Nacht hatte es lange und ruhig geregnet. Am Morgen war die Luft so klar, dass die Hügel näher schienen als sonst. Ich ging den Feldweg hinauf, der zwischen den Wiesen liegt. Der Boden war unter meinen Schritten dunkel und federnd; er nahm jeden Tritt auf und gab ihn weich zurück. Aus den Wiesen stieg jener Geruch auf, den es nur nach dem Regen gibt – die Erde, die getrunken hat.

Ich blieb stehen und nahm eine Handvoll davon auf, am Rand, wo der Maulwurf sie aufgeworfen hatte. Sie war weder übermäßig nass noch trocken. Sie war durchfeuchtet, und doch zerfiel sie in der Hand in lauter kleine Krümel, jeder für sich, dunkel und locker. Zwischen den Krümeln, dachte ich, müssen tausend kleine Kammern sein, und in jeder sitzt jetzt ein wenig von dem Regen der Nacht – gehalten, nicht gestaut. Das Wasser war einfach eingezogen, so als hätte die Erde genau darauf gewartet.

Wer hatte sie gebaut? Niemand und alle: die Würmer, die Wurzeln, die feinen Fäden der Pilze, das Unsichtbare, das in jeder Handvoll Erde arbeitet. Sie alle arbeiten ununterbrochen, doch sie tun es ohne eignen Plan und ohne Anleitung. Es sind die Wesen der Natur selbst, die sie lenken und antreiben, auch wenn sie es selbst gar nicht merken. Die Erde ist ja kein Stoff, sie ist ein Gebäude – und das Gebäude wird vom Leben errichtet, das in ihm wohnt. Das Wasser macht das Leben möglich, das Leben baut die Kammern, die Kammern empfangen das Wasser. Ein Kreis, in dem keines fehlen darf. Mir fiel ein, wie derselbe Regen weiter oben am Berg auf die Felsplatten gefallen sein musste: Dort war er einfach abgelaufen, in Rinnsalen, und hatte nichts zurückgelassen. Und auf dem verhärteten Stück am Ackerrand, wo im Sommer die Maschinen wenden, stand er jetzt wohl in flachen Lachen und wartete darauf, zu verdunsten. Derselbe Regen. Es lag nicht am Regen.

Es lag an der Bereitschaft des Bodens. Das Wasser kann nur dort Segen sein, wo etwas da ist, das es aufnehmen kann – doch aufnahmebereit zu sein bedeutet nicht, einfach nur weich zu sein. Brei nimmt nichts auf. Der Boden kann das Wasser nur halten, weil er eine innere Ordnung hat: dadurch, dass in ihm alles seine Stelle hat, das Feste und das Hohle, das Korn und der Zwischenraum. Ich ging weiter und dachte: Das ist vielleicht überhaupt das Kennzeichen des Lebendigen – nicht, dass es formlos nachgibt, sondern dass es in sich gefügt ist. Es gibt ein Oben und ein Unten in ihm und alles dazwischen, und nichts davon ist starr, alles wandert und atmet, und doch verliert nichts seinen Ort.

Der Weg senkte sich zur Mulde hin, wo die Quelle ist und die alte Tränke. Schon von weitem sah ich, dass dort kein Gras mehr stand.

Das Vieh war in den letzten Wochen oft hier gewesen. Rings um die Tränke, in weitem Halbkreis, war der Boden schwarz und glänzend, von tausend tiefen Spuren geformt, die ineinanderliefen, bis keines mehr zu erkennen war. Ich trat an den Rand und spürte, wie der Grund schon unter dem ersten Schritt nachgab – nicht federnd wie die Wiese, sondern schmatzend, ziehend, als wollte er den Fuß behalten. Ich blieb, wo ich war.

Hier war derselbe Regen gefallen wie auf die Wiese. Hier war dieselbe Erde wie dort. Und doch war aus beiden ein ganz eigener Zustand geworden, der keines von beiden mehr war. Das Wasser stand trübe in den Tritten, man hätte nicht daraus trinken mögen. Die Erde trug nicht mehr; sie war weder Grund noch Gewässer, nur noch dieses uferlose Dazwischen, das schon im Namen so schwer wiegt. Morast.

Ich stand eine Weile am Rand und versuchte zu verstehen, was hier eigentlich geschehen war. Kein Unwetter hatte gewütet, niemand hatte Gift verschüttet, nichts Böses war hinzugekommen. Wasser ist gut – es ist das Lebendigste, was wir kennen. Erde ist gut – alles steht auf ihr und kommt aus ihr. Hier aber hatten die beiden einander genommen, was jedes wertvoll machte: das Wasser der Erde ihre Festigkeit, die Erde dem Wasser seine Klarheit. Und es hatte dazu nichts gebraucht als viele Füße und einen Ort, zu dem alle kamen.

Denn das war ja das Eigentümliche: Der Morast lag nicht irgendwo. Er lag genau dort, wo die Quelle war – an der kostbarsten Stelle der ganzen Mulde, an der Stelle, zu der alles drängte, weil alles sie brauchte. Tritt um Tritt war die innere Struktur der Erde zerstört worden. Aber nun war der Boden so festgetrampelt, dass das Wasser weder versickern noch abfließen konnte. Es stand. Und stehendes Wasser in zerstörtem Grund – das genügt. Das genügte zur Entstehung des Morastes.

Vom Rand her roch ich ihn jetzt auch: diesen dumpfen, faulen Geruch, den jeder kennt. Auch der hat seinen Grund, dachte ich. Wo das Wasser steht, kommt keine Luft mehr in den Boden, und die kleinen Baumeister ersticken. Im lebendigen Boden wird alles Tote verwandelt – Laub wird Erde, Vergangenes wird Nahrung für Kommendes. Im Morast wird nichts mehr verwandelt. Es fault nur. Der Geruch des Morastes ist der Geruch der abgerissenen Verwandlung.

Und während ich so stand, fiel mir auf, dass der Morast im Grunde gar keine Landschaft ist. Er ist ein Zustand – der Zustand nach dem Verlust der inneren Ordnung. Und er hat eine Eigenschaft, die ihn von allem anderen Boden unterscheidet: Eine Wiese wird durch Begehen zum Pfad, und ein Pfad ist etwas Gutes; das meiste in der Natur fügt sich dem Gebrauch und wird durch ihn besser, geschmeidiger, brauchbarer. Der Morast ist etwas, das durch jeden weiteren Tritt nur tiefer wird. Er ist Boden, der durch Benutzung schlechter wird – und der gerade dadurch entstand, dass er zu viel benutzt wurde, eigentlich falsch benutzt wurde, gedankenlos, von allen, an der wichtigsten Stelle.

Ich ging den langen Weg zurück, und die Sonne stand schon tief. Und wie das so ist auf dem Heimweg, wenn der Körper geht und der Kopf frei wird, gingen die Gedanken weiter, ohne dass ich sie führte.

Es gibt also Dinge, die gebraucht werden wollen, dachte ich. Der Weg will begangen sein, das Werkzeug will in die Hand genommen werden, und die Wiese will gemäht werden – und alle werden dadurch besser. Und es gibt Dinge, deren Dienst ein anderer ist. Die Quelle will nicht durchwatet werden – sie will gefasst und geschont werden, damit man an ihr schöpfen kann. Und noch weiter oben gibt es Dinge, die gar nicht berührt werden wollen, deren einzige Aufgabe es ist, unberührt über uns zu stehen. Der Stern, nach dem der Wanderer geht, ist nicht dazu da, erreicht zu werden. Gerade dass er unerreichbar bleibt, macht ihn zum Kompass. Ein Stern, den man in die Tasche stecken könnte, wiese keinen Weg mehr. Es gibt eine Höhe, deren Nutzen die Höhe selbst ist.

Und auf einmal, ich weiß nicht mehr, bei welcher Wegbiegung, dachte ich an die Sprache.

Auch sie ist eine Landschaft – wie könnte es anders sein, sie ist aus demselben Leben gewachsen. Auch in ihr hat jedes Wort seinen Platz, sein Gewicht, seine Bedeutung. Es gibt die Alltagswörter, abgegriffen und gut wie benutztes Werkzeug, und das ist keine Schande, denn die Erde ist nichts Geringes. Es gibt Worte, die weiter oben wohnen und seltener gebraucht werden, weil sie mehr tragen. Und ganz oben gibt es ein Wort, das wie das Wasser ist – lebendiges Wasser: Es kommt von höher her, als wir reichen, und alles Untere lebt davon, dass es herabkommt. Ein Wort wie der Stern: nicht dazu da, dass wir es greifen und vernutzen, sondern damit es über allem steht und allem die Richtung gibt.

Und ich dachte an die Tränke. Daran, dass der Morast immer an der meistbesuchten Stelle entsteht. Wo ist die meistbegangene Stelle der Sprache? Die Floskel. Der Gruß. Die Redensart, die hundertmal am Tag durch alle Münder geht, bei der niemand mehr etwas empfindet – jeder Gebrauch so harmlos wie ein einzelner Tritt auf feuchten Boden; keiner ist einzeln zu verurteilen, niemandem kann man etwas vorwerfen. Und ausgerechnet dorthin ist das höchste Wort geraten. Tritt um Tritt, Generation um Generation. Wie sollte das noch Halt oder Hilfe bieten? Es ist nicht mehr heilig, es ist ein Alltagswort geworden und dadurch kraftlos. Es ist zu trübe, um daraus zu schöpfen, und zu haltlos, um darauf zu stehen. Und wer es eines Tages wirklich braucht, in der Stunde der tiefsten Not oder des größten Dankes – gerade dann, wenn man im eigenen Leben zu verdursten droht und nach jenem rettenden Trunk verlangt, der die Macht hätte, zu beleben und von innen heraus zu heilen –, der führt die hohle Hand zum Mund und trinkt doch nur den Schlamm.

Ein lebendiges, hohes Wort verwandelt den, der es ausspricht. Eine leere Floskel dagegen wird nur noch gedankenlos nachgeredet – und schon die Kinder plappern sie nach, ohne je zu ahnen, welche Kraft eigentlich einmal in ihr steckte.

Als ich am Haus ankam, war es fast dunkel, und über dem Hügel stand der erste Stern. Ich dachte an das trübe Wasser in den tiefen Spuren und daran, was mit ihm geschieht, wenn das Vieh im Herbst von der Weide kommt und niemand mehr durch die Mulde geht: Es klärt sich. Von selbst. Der Schlamm sinkt zu Boden, das Wasser wird wieder klar, und beide finden in ihre eigene Ordnung zurück. Die Vermischung brauchte den ständigen Tritt. Die Klarheit braucht nur Ruhe.

Vielleicht beginnt es also nicht mit vielem Reden. Vielleicht beginnt es mit einem einzigen Tag, an dem einer darauf achtet, wie er selbst mit den höchsten Worten umgeht – und mit dem Augenblick, in dem er sie lieber verschweigt, als sie achtlos auszusprechen. Das ist wenig. Aber an der Quelle hat noch jede Klärung so begonnen: damit, dass das Wasser zur Ruhe kam.