Kapitel 3 – Verhältnisse der Erdensphäre und magnetische Aura
Unwissende Seelen wandern oft viele Jahre ziellos in der Erdensphäre umher. Von einer höheren geistigen Welt, in die nur der gelangen kann, dessen Sinne sich ihr verstehend öffnen, wissen sie nichts. Ihre Unwissenheit hält sie in einem Zustand dumpfer Verwirrung gefangen, und sie leiden darunter, ohne zu begreifen, woran.
Manche bleiben am Schauplatz ihres irdischen Lebens haften und setzen die frühere Tätigkeit fort, ohne zu bemerken, dass die Welt sie nicht mehr sieht und nicht mehr hört. Andere fallen in einen tiefen Schlaf, aus dem sie nur mühsam zu wecken sind.
Wie unbewusst ein solcher Übertritt vollzogen werden kann, lehrte uns früh ein Vorfall, der sich in Chicago zutrug. Während einer Sitzung, die wir damals bei verlöschtem Licht abhielten, bemächtigte sich ein Verstorbener des Körpers meiner Frau und wunderte sich, weshalb wir im Dunkeln säßen. Es zeigte sich rasch, wer dort sprach: ein gebürtiger Schwede, Inhaber einer Drogerie in Chicago, der seit einem Jahr tot war. Im Krankenhaus war er gestorben. Weder meine Frau noch ich hatten je von ihm gehört; nur einer der an jenem Abend Anwesenden, ein alter Freund, erkannte ihn wieder.
Von seinem Tode wusste der Mann nichts. In seiner Vorstellung führte er sein Geschäft fort wie zuvor. Die Mitteilung, das Geschäft sei längst an seinen früheren Geschäftsführer übergegangen, ließ er nicht gelten – jener arbeitete für ihn, in seinem Auftrag. Mit großer Lebhaftigkeit schilderte er auch einen Einbruch, den drei Männer kürzlich in seinem Hause verübt hatten, und beschrieb die Eindringlinge bis ins Einzelne. Zuerst war er erschrocken gewesen, dann gefasst, hatte nach dem Revolver in der Schublade greifen wollen – doch seine Hand fasste die Waffe nicht. Er holte zum Schlag aus, und der Schlag fuhr mitten durch den Mann hindurch. Was diese sonderbare Ohnmacht zu bedeuten hatte, ging ihm nicht auf. Es war ein Rätsel, an dem er sich abarbeitete, ohne zu erkennen, dass nicht der Einbrecher unwirklich gewesen war, sondern er selbst.
Erst als wir ihm seine Lage allmählich zu Bewusstsein brachten, öffnete sich sein Blick. Verwandte und Freunde aus der geistigen Welt traten zu ihm heran und nahmen ihn in seinem neuen Heim auf.
Was er uns berichtet hatte, ließ sich später überprüfen und bestätigte sich in allen Punkten: die Drogerie war tatsächlich nicht verkauft, der Einbruch hatte sich genau so zugetragen, wie er ihn geschildert hatte. Die üblichen Einwände – das Unterbewusstsein des Mediums, Autosuggestion – tragen hier nicht: der Verstorbene war allen Anwesenden mit Ausnahme jenes einen Freundes unbekannt, und dieser Freund war seinerseits über den Verkauf falsch unterrichtet gewesen.
Sitzung vom 15. Januar 1918 – Minnie Day und ihr Vater
Das Medium fiel an jenem Abend unter heftigem Weinen in Trance, hielt sich den Kopf und klagte über tausend brennende Nadeln. Es waren nicht ihre eigenen Schmerzen. Sie waren die Empfindungen einer Patientin, die kurz zuvor im Nebenhaus elektrisch behandelt worden war. Durch diese Behandlung hatte sich der Geist, der sie quälte, von ihr gelöst – und war nun in der Aura meiner Frau gestrandet.
Es war ein Kind. Minnie hieß sie, gelebt hatte sie in St. Louis, ihr Alter wusste sie nicht. Was sie wusste, brach sofort aus ihr heraus. Ihr Vater war gekommen und hatte sie auf den Kopf geschlagen. Ihr Bruder Willi war mit ihm. Sie war außer sich vor Angst. Vom Tod hatte sie keinen Begriff, von einer Geisterwelt nichts gehört. Sie war ein kleines Mädchen, das geschlagen worden war und seither lief.
Allmählich gab sie Bruchstücke ihrer Geschichte preis. Nach dem Tod der Mutter war der Vater hässlich zu den Kindern gewesen und hatte sie oft geschlagen. Seit langem lief Minnie umher und suchte jemanden, der sie hörte. Eine Zeit lang war sie eingesperrt gewesen in dem, was sie einen „Kasten“ nannte – tatsächlich war es die Schar erdgebundener Seelen, die jene Patientin in St. Louis gleichzeitig besetzt hielten. Ein großer, gewalttätiger Mann unter ihnen tyrannisierte alle und stieß sie umher. Vor zwei Tagen war er aus der Patientin ausgetrieben worden und damit auch aus Minnies engster Umgebung. Sie hatte gehofft, nun Ruhe zu finden – stattdessen kamen die Nadeln.
Behutsam mussten wir ihr klarmachen, was geschehen war. Sie war mit einem anderen Körper in Berührung – dem meiner Frau. Die Schmerzen, die sie eben empfunden hatte, waren nicht ihre eigenen. Erstaunt blickte sie auf die Hand des Mediums und entdeckte einen Ring; aufgeregt versicherte sie, ihn nicht gestohlen zu haben. So wurde ihr nach und nach klar, dass weder Körper noch Ring ihr eigen waren. Höchstwahrscheinlich war sie in jenem Augenblick gestorben, als der Schlag des Vaters sie traf – doch der Geist lebt weiter, auch wenn der Körper vergeht. Dagegen wehrte sie sich noch lange: sie hörte sich doch sprechen, sie konnte ihre Hände bewegen, also war sie lebendig.
Plötzlich sah sie ihre Mutter, kurz darauf den Vater. Eine furchtbare Angst überkam sie, und sie flehte, man möge sie verstecken. Doch eine Flucht hätte ihr nicht geholfen. In der geistigen Welt kommt der Täter nicht weiter, ehe ihm sein Opfer nicht vergeben hat – ein Gesetz, das viel unausweichlicher gilt wie irgendein irdisches. Nach einem Augenblick der Stille wurde sie ruhig. Der Vater sagte nichts, weinte nur, ging dann zu Mama.
Der Vater übernimmt – William Day
Da entwich der Geist des Kindes, und an seiner Stelle nahm der Vater Besitz vom Medium. Mit ausgebreiteten Armen sank er in die Knie und weinte. Es war nicht das Weinen eines Mannes, der seine Tat verteidigte, sondern das eines Mannes, der sie nicht aushielt. Den Schlag, der das Mädchen traf, hatte nicht töten sollen. Die Kinder hatten Lärm gemacht, und seine Frau war wenige Tage zuvor gestorben; er war der Verzweiflung nicht Herr geworden. Schon oft hatte er seither versucht, sich Minnie zu nähern und um Verzeihung zu bitten – jedes Mal war sie vor ihm geflohen.
Was war seither aus ihm geworden? Nach der Tat war er fortgelaufen, jemand hatte ihn verfolgt, dann hatte ihn etwas am Nacken getroffen, und er war gestürzt. Vermutlich war er in jenem Augenblick gestorben. Doch er war wieder aufgestanden und seitdem, wie es ihm schien, jahrelang ohne Rast und Ruhe weitergelaufen. Vor jedem Menschen hatte er sich verborgen, in steter Furcht, des Mordes überführt zu werden. Nachts war seine Frau zu ihm gekommen und hatte ihn mit Vorwürfen überhäuft. Immerzu sah er das Kind vor sich, mit der klaffenden Wunde, blutüberströmt. Mitten in der Hölle steckte er, schlimmer konnte es nicht werden. Er hatte gebetet und gebetet, und nichts hatte geholfen.
Als wir ihm sagten, er befinde sich in Kalifornien, war er fassungslos – ob er den ganzen Weg von St. Louis hierher zu Fuß zurückgelegt habe. Den Gedanken an seinen eigenen Tod ließ er nicht zu: wäre er tot, müsste er doch im Grabe liegen, bis die Toten auferstünden. Mehr wusste er vom Sterben nicht. In solchen Fällen bestätigte sich uns immer wieder dasselbe: der Mensch verliert beim Hinübergang nur die fünf körperlichen Sinne. Solange er vom geistigen Leben nichts weiß, bleibt er im Dunkeln; sehen kann er erst wieder, wenn er – wie eben jetzt – durch einen lebenden Menschen Verbindung zur sichtbaren Welt aufnimmt.
Schließlich wagte er, seine Frau anzusprechen. Carrie nannte er sie. Er bat um Verzeihung, gestand, ihrer nie wert gewesen zu sein. Seine Kinder hatte er geliebt, doch er war jähzornig und aufbrausend gewesen; den Wochenlohn hatte er regelmäßig mit anderen Männern vertrunken und war dann heimgewankt, sich selbst wie ein Teufel vorkommend. Hier warf ich ein, dass er an alldem vielleicht nicht allein die Schuld trug – möglicherweise war er selbst besessen gewesen. Er bestätigte es sofort. Am Schnaps lag ihm nichts, schon der Anblick war ihm zuwider gewesen. Doch sobald er ihn nur roch, kam etwas über ihn, dem er nicht widerstehen konnte. In jenen Augenblicken war er nicht mehr Herr seiner selbst.
Auch zu Minnie sprach er nun und bat sie um Verzeihung. Halb ungläubig fragte er, ob er nicht träume, nicht gleich wieder im Dunkeln erwache. Doch er schlief und träumte nicht. Er begann endlich zu begreifen, was er getan hatte und wo er war. Noch einmal brach die Erinnerung an jenen Morgen aus ihm hervor: er war betrunken heimgekommen und hatte seine Frau im Sterben gefunden – so betrunken, dass er erst am nächsten Tag begriff, was geschehen war. Was hätte er tun sollen, allein mit den Kindern, die Frau tot.
Am Ende war es still in ihm. Frau und Kinder hatten ihm vergeben; er hatte sie wiedergefunden und wollte neu beginnen. Verwirrungen wie diese, seelische Leiden in der Erdsphäre, sind uns auf ähnliche Weise ungezählte Male geschildert worden. Es waren keine Botschaften aus einer höheren Welt. Es waren Berichte aus einem Zustand der Verlorenheit, dem keiner dieser Menschen gewachsen war.
Sitzung vom 9. März 1921 – Herr Mallory
Während wir zu Beginn das Lied „Jenes herrliche Gestade“ sangen, fuhr ein Geist in den Körper meiner Frau und brach in ein höhnisches, fast wildes Lachen aus. Was wir da sängen, sei Humbug. Glück gebe es nicht, habe es nie gegeben, werde es nie geben. Lachen oder weinen, sagte er, eines sei wie das andere – und um zu zeigen, was er meinte, lachte er weiter. Es war ein Lachen, das einem Schluchzen näher stand als der Heiterkeit. Wer so heftig nicht weinen will, weint längst.
Vom eigenen Tod wollte er nichts wissen. Er sei nicht tot, lachte er auf, er sei davongelaufen. Um sich herum sah er eine Schar Unsichtbarer, die mit ihm flohen, mit ihm lachten, ihn anriefen. Einer hieß Calango; mit dem hatte er manche Rauferei gehabt und war stets als Sieger hervorgegangen. Auf den Hinweis, dass auch höhere Geister im Raum anwesend seien, ging er nicht ein. Er blieb bei dem, was er kannte – bei Calango, beim Fluchen, beim Spott. Es war die einzige Welt, die ihm geblieben war.
Sechs seien sie, sagte er, die da um ihn herum hausten. Sie nannten sich, je nach Stimmung, die lachenden Narren, die fluchenden Narren, die schwörenden Narren oder die singenden Narren. Sie hungerten alle, hungerten beständig nach etwas, von dem keiner sagen konnte, was es war. Ihre Seelen schrien danach. Beten konnte keiner mehr. So zogen sie zu sechst durch die Erdsphäre und hielten sich aneinander, wie Verlorene es tun – die in der Gosse, fügte er hinzu, teilten zuverlässiger als die Frommen.
Stück für Stück gab er seine Geschichte preis. Er stammte aus der Nähe von Montreal, sein Urgroßvater war Franzose gewesen. Er hatte wie ein Sklave gearbeitet, von sechs Uhr morgens bis tief in die Nacht, für einen Mann, den man einen Diener Gottes nannte. Geld war ihm abgenommen worden mit der Mahnung, der rechte Glaube schenke alles. Schließlich hatte ihm jener Mann seine Frau genommen. Lange später fand er sie wieder – in einem jener berüchtigten Häuser, in die der Geistliche sie verschleppt hatte, als er ihrer überdrüssig geworden war. Sie hatte ihn rein wie eine Lilie geliebt; nun stand sie dort. Da war ihm der Glaube zerbrochen, und ein Gott, unter dem so etwas geschehen konnte, war für ihn keiner mehr.
Ein erster Umschwung kam, als er Charlie sah – seinen Sohn, der vor vielen Jahren gestorben war. Zuerst hielt er ihn für den kleinen Jungen, den er gekannt hatte; dann erschrak er, denn dieser Junge war ein Mann geworden. Hier, an diesem unscheinbaren Detail, dämmerte ihm, dass nicht die Welt, sondern er selbst stehen geblieben war. Bald sah er auch Klara, seine Frau. Er erkannte sie, vergab ihr und bat sie um Vergebung. Den sechs Gefährten, sagte er, werde er nicht zurücklassen; sie hätten gehört, was hier gesprochen wurde, und sollten mitkommen.
Erst jetzt nannte er seinen Namen: Mallory. Man habe ihn den lachenden Narren genannt. Voller Hass war er gekommen, und nun war der Hass verflogen. Eine letzte Frage stellte er, fast nachdenklich – ob es wirklich 1921 sei. Er hatte gedacht, es sei 1882. Neununddreißig Jahre lang war dieser Mann durch die Erdsphäre gewandert, in einer kleinen Schar Verlorener, in stetem Hunger nach etwas, dessen Namen er nicht mehr wusste. Er hatte nicht aufhören können, mit dem zu hadern, was sein Leben zerbrochen hatte – und an diesem Hadern war er hängen geblieben wie an einem Haken in der Mauer.
Sitzung vom 7. Juli 1922 – Lilian R.
An einem Sommerabend kam eine Stimme zu uns, die nicht wusste, wo sie war. Meine Frau hatte sich in Trance versetzt und ihren Körper jener unsichtbaren Besucherin überlassen. Die Frau, die nun aus ihrem Mund sprach, war ratlos. Sie sprach von New York, von London, von Orten, an denen sie zeitweilig gelebt hatte, und glaubte sich dort zu Hause. Ihre Glieder schmerzten, ihr Kopf war wie betäubt – jenes dumpfe Gefühl, das Menschen befällt, die aus tiefem Schlaf erwachen und die Umgebung nicht zuordnen können.
Wir versuchten, ihr behutsam zu sagen, dass sie sich in Los Angeles befand, in unserem Hause, und dass man sie hergebracht habe, um ihr zu helfen. Sie wehrte ab. Sie wisse nicht, dass sie Hilfe nötig habe. Doch kaum hatte sie zu sprechen begonnen, durchzuckten Schmerzen ihre Beine, vom Knie abwärts, und sie stöhnte heftig auf. Es war das Echo ihrer letzten Krankheit. Sterbende nehmen solche Empfindungen oft mit sich hinüber, weil das Bewusstsein an ihnen haften bleibt wie an einer offenen Wunde – und so trägt mancher seine letzten Schmerzen jahrelang weiter, ohne zu wissen, dass der Körper, der sie verursachte, längst zerfallen ist.
Sie sei sehr krank gewesen, erzählte sie, habe entsetzlich gelitten, und seither, so schien ihr, habe sie nur geschlafen. Erst jetzt, in diesem Augenblick, sei sie wieder erwacht – und alles sehe so eigentümlich aus. Wir versuchten, ihr die einfache Wahrheit darzulegen: dass sie ihren irdischen Körper verloren, einen geistigen aber gewonnen hatte, und dass jener Schlaf der Tod selbst gewesen war. Sie hörte uns, ohne zu begreifen.
Bemerkenswert war, dass sie schon vor ihrem Eintreten in unseren Zirkel Begegnungen gehabt hatte, die ihr hätten Aufschluss geben können. Ihre verstorbenen Freunde, so berichtete sie, kämen oft zu ihr, riefen sie an, forderten sie auf, mit ihnen zu gehen. Doch sie hatte sich gefürchtet, hatte die Augen nicht öffnen wollen, hatte niemanden sehen mögen. Sie hielt sich für nicht mehr ganz richtig im Kopf, weil ihr lauter Tote erschienen. Hier zeigt sich jene Erscheinung, die wir an so vielen Verstorbenen beobachten durften: dass die Unwissenheit über den eigenen Zustand stärker bindet als jede Krankheit. Wer nicht weiß, dass er gestorben ist, hält die Boten der geistigen Welt für Halluzinationen und stößt sie zurück.
Diejenige, die sie schließlich zu uns geleitet hatte, war eine Schauspielerin namens Anna H., mit der sie zu Lebzeiten engen Umgang gepflegt hatte – Lilian R. selbst war Schauspielerin gewesen, einst Lieblingsschauspielerin König Edwards. Anna H. war kurz zuvor auf demselben Wege geholfen worden und hatte daher die Aufgabe übernehmen können, eine andere herzubringen. Wir mussten Lilian R. nun klarmachen, dass sie sich in einem fremden Körper befand. Ich hob die Hand des Mediums in die Höhe, hielt sie ihr gleichsam vor Augen und sagte: dies sei nicht ihre Hand. Sie betrachtete sie mit Befremden und gab zu, dass sie ihr nicht gehöre. Es sei sonderbar.
Während wir so sprachen, ging eine allmähliche Wandlung in ihr vor. Sie erkannte das Zimmer, sah die Gestalten ihrer verstorbenen Freunde um sich versammelt, erkannte vertraute Gesichter, die sie zu Lebzeiten gut gekannt hatte. Diese, so wurde ihr nun klar, waren dieselben, die sie so lange gerufen und vor denen sie sich verschlossen hatte. Sie sprach noch eine Weile, offen und gelöst, über ihr Leben und über den Glauben an Gott, in dem sie sich von Kirchen und ihrem Urteil über Schauspieler nie hatte beirren lassen. Dann verließ sie den Körper meiner Frau und ging mit jenen, die sie so lange vergeblich zu sich gerufen hatten.
Magnetische Aura
Ein Wort sei zur Erklärung angefügt, weshalb solche Begegnungen in unserem Hause überhaupt möglich sind. Jedem Menschen entströmen feinstoffliche Kräfte, die seinen Körper mit einer Atmosphäre lebendiger, strahlender Feinstoffe umgeben. Wir nennen sie die magnetische Aura. Sie ist für das gewöhnliche Auge unsichtbar, doch sie ist da; sie ist gleichsam das Licht, das jeder Lebende in die ihn umgebende Welt hinein abstrahlt.
Den in Finsternis umherirrenden erdgebundenen Seelen wird diese Aura als Licht sichtbar. Sie zieht sie an, wie ein Licht in der Dunkelheit alles anzieht, was den Weg verloren hat. Besonders hell leuchten jene Menschen, die mediale Veranlagung besitzen. Damit wäre allein noch keine Gefahr verbunden – das starke Licht zieht zwar Suchende an, doch wer fest in sich gegründet ist, kann auch in einer hellen Aura unbehelligt bleiben. Schwierig wird es erst, wenn zur medialen Helligkeit eine zweite Eigenschaft hinzutritt: eine schlecht abgegrenzte Durchlässigkeit für geistige Einflüsse. Wo beides zusammenfällt – starke Anziehung und mangelnde Abgrenzung –, entsteht jene ungünstige Konstellation, mit der wir es in unserer Arbeit immer wieder zu tun haben.
Eine Seele, die einmal in die feinstoffliche Atmosphäre eines medialen Menschen hineingeraten ist, findet oft nicht von selbst wieder heraus. Sie muss von nun an das Leben des Besessenen mitleben, empfindet dessen Gegenwart als lästig, wird durch das Gefühl der doppelten Persönlichkeit an allem irre und richtet so eine heillose Verwirrung an – bei sich selbst und bei jenem Menschen, in dessen Aura sie gefangen ist. Eben hier setzt unsere Arbeit an.
Sitzung vom 23. Januar 1918 – Emily Julia Steve
An jenem Tage trat eine Seele durch meine Frau zu uns, deren Erscheinung von solcher Verworrenheit und solchem Leid zeugte, dass die Aufgabe, sie aus ihrer Finsternis zu führen, alle Geduld erforderte, derer wir fähig waren. Es handelte sich um eine jener vielfachen Besessenheiten, wie sie an unserer Patientin, Frau L. W., zutage getreten waren. Bereits in den vorausgegangenen Tagen hatten wir mehrere erdgebundene Seelen aus ihrer Aura gelöst – einen großen, herrischen Mann, der die Übrigen tyrannisierte, und ein weinendes kleines Mädchen, das beständig unter Kopfschmerzen gelitten hatte.
Nun aber meldete sich eine Stimme, die sich ganz anders gab. Sie bezeichnete sich als vornehme Dame und verlangte, mit jener Höflichkeit behandelt zu werden, die einer solchen gebühre. Empört beklagte sie sich, dass man ihr seltsame Dinge in den Rücken gestoßen habe – sie meinte damit die elektrische Behandlung, der wir die Patientin im Nebenhaus unterzogen hatten – und beschuldigte mich geradeheraus, sie ins Gefängnis gesteckt zu haben. An dieser ersten Empörung ließ sich bereits ablesen, dass diese Frau sich im Tod nicht verändert hatte: was im Leben Standesdünkel gewesen war, blieb es auch jenseits davon.
Wir versuchten, ihr begreiflich zu machen, dass sie ihren irdischen Körper verloren habe und nun durch den Leib meiner Frau spreche, doch sie wehrte jede Belehrung schroff ab. Sie sei kein Geist, sie höre nicht gern von solchen Dingen, und sie weigerte sich, das Wort allein in meinem Munde zu dulden. Selbst die mildere Wendung „freier Geist“ wies sie zurück. Wer im Leben ein bestimmtes Bild von sich gehabt hat, lässt sich nicht leicht in eine Lage hineinerklären, die diesem Bild widerspricht – und je vornehmer das Bild, desto unmöglicher die Einsicht.
Dennoch entrang sich ihr nach und nach der Bericht ihrer Lage. Sie sei lange Zeit in einem Hause mit vielen anderen zusammengepfercht gewesen, Männern und Frauen; alle hätten miteinander reden können, doch immer nur einer zur Zeit – jener nämlich, der jeweils ganz von der Kranken Besitz ergriff. Seit Kurzem sei sie allein in einem dunklen Raum. Ein großer alter Grobian habe sie alle gequält und gezwungen, ihm zu folgen, wohin er auch lief. Mitunter sei sie frei gewesen, habe schweben können; dann wieder sei sie völlig in seiner Macht gewesen. Auch ein kleines Mädchen sei mit ihnen gewesen, das beständig weinte und das jener Mann besonders schlecht behandelt hatte.
Diese Schilderung reicht weiter, als sie selbst ahnte. Sie beschrieb in Wahrheit das innere Leben einer kranken Frau, an deren Aura sie gehangen hatte – eine Frau, in der sechs oder mehr Stimmen abwechselnd das Wort führten, und in der einer der besetzenden Geister, jener tyrannische Alte, die übrigen unterdrückte. Wenn die Patientin sich heute nicht wiedererkannte, wenn ihr Charakter zwischen sanft und heftig hin und her sprang, so lag das nicht an einer Erkrankung ihres Gehirns, sondern an dieser stillen Versammlung in ihrer Aura.
Wir erklärten ihr, dass die elektrische Behandlung, die ihr so weh getan hatte – als ob ihr der Lebensnerv herausgerissen würde –, sie eben dadurch frei gemacht hatte von jenem Tyrannen. Doch sie konnte sich noch immer nicht als Verstorbene begreifen. Sie höre sich doch sprechen, sagte sie, sie könne ihre Hände und Arme bewegen, also lebe sie. Das ist die typische Beweisführung eines unwissenden Geistes: er nimmt die Tätigkeiten, die er durch den fremden Körper ausführt, als Beweise seines eigenen Lebens. Behutsam mussten wir ihr darlegen, dass die Hände, die sich bewegten, nicht die ihren waren, sondern die meiner Frau.
Auf unsere Frage nannte sie schließlich ihren Namen: Frau Emily Julia Steve. Sie sei verheiratet gewesen, doch ihr Mann sei vor Jahren gestorben. In Kalifornien sei sie nie gewesen; sie habe in Chicago gelebt, in der La Salle Avenue, nahe der Kreuzung mit der Division, und sei dann nach St. Louis gereist. Es war jene Stadt, in der auch unsere Patientin einst gelebt hatte und in der bei dieser zum ersten Mal die geistige Verwirrung aufgetreten war. Über dem Kopf habe sie heftige Schmerzen gehabt, ganz wie die Kranke selbst.
Während wir noch sprachen, geschah ein jäher Umschwung. Sie wurde sehr erregt, glaubte ihren Verstand zu verlieren, und sah plötzlich – wie sie ausrief – ihren Mann Hugo, ihre kleine Tochter Lily und ihre Mutter um sich versammelt. Dies sei nicht möglich, klagte sie, denn alle drei seien doch tot; und sie fürchtete sich, weil alle auf sie zukamen. Auch wir, gab ich zu bedenken, sprächen mit einem Geiste, ohne uns zu fürchten. Sie aber begann zu fragen, was denn die Ihren bei ihr wollten – seien sie denn nicht im Himmel glücklich, weshalb blieben sie nicht dort?
Nun erst öffnete sich ihr Herz in seiner ganzen Erschöpfung. Sie habe kein Heim, klagte sie, nicht einmal ein Ruheplätzchen für ihren müden Kopf. Sie sei von einem Ort zum anderen gewandert, habe gebetet, dass sie nur für eine kleine Weile Ruhe finde, doch immer sei einer gekommen und habe sie gestört. Sie wisse wohl, dass sie nicht sanft und freundlich gewesen sei – es sei ihr zumute gewesen, als stecke ein wildes Tier in ihr, und sie sei auf jeden losgegangen wie ein Tiger, um danach für Tage und Wochen völlig erschöpft daniederzuliegen.
Sie beschrieb hier nicht ihren eigenen Zustand, sondern die Anfälle der Kranken, an deren Aura sie gehangen hatte: jene plötzlichen Wutausbrüche und die darauffolgende tiefe Erschöpfung, die der heutigen Psychiatrie unter anderen Namen wohlvertraut sind. Manchmal, fügte sie hinzu, habe sie sich als große, kräftige Frau gefühlt, dann wieder kleiner. Auch dies war Beschreibung der Patientin – ein deutlicher Hinweis darauf, dass stets verschiedene Geister abwechselnd Besitz ergriffen hatten und die Kranke selbst die Empfindung wechselnder Körpergröße und wechselnder Persönlichkeit erlebte, ohne sich diese erklären zu können.
Da sprach Emily zum ersten Mal von Hugo mit großer Liebe. Nach seinem Tode habe ihr das Leben nicht mehr lebenswert geschienen; ihre kleine Lily sei ihm einen Monat später nachgefolgt, kaum drei Jahre alt. Hugo hatte sich auf einer Reise nach Alaska eine schwere Erkältung zugezogen und war an einer Lungenentzündung gestorben, das Kind war kurz darauf ebenfalls erkrankt. Nach diesem doppelten Verlust sei sie selbst ein nervöses Wrack gewesen, und man habe sie an einen Ort namens Elgien gebracht – ohne Zweifel eine Nervenheilanstalt. Als sie „gesund geworden“ sei, sei sie nach St. Louis gezogen, wo eine Schwester lebte. Mit „gesund werden“ meinte sie, ohne es zu wissen, ihren eigenen Tod.
Während unseres Gesprächs habe sich ihr alles gewandelt, gestand sie zum Schluss. Sie sei nun bereit, mit den Ihrigen zu gehen. Sie sah, wie sie sagte, ein herrliches Bett, auf dem sie sich endlich ausruhen könne; und da Hugo bei ihr sei, brauche sie sich nicht mehr zu fürchten. So verließ Frau Emily Julia Steve den Körper meiner Frau und ging mit ihrem Mann, ihrer Mutter und ihrem Kinde in die geistige Welt hinüber – heimgeholt aus jener Finsternis, in der sie so lange umhergeirrt war, ohne ihren eigenen Zustand auch nur zu ahnen.