Kapitel 8 – Waisen

Verschiedentlich sind uns Geister zugeführt worden, die im Erdenleben als Waisen niemals Familienbande gekannt hatten. Sie waren in der Regel wissbegierig und gern bereit, Belehrung über das höhere Leben anzunehmen.

So kam eines Abends der Geist eines verlassenen Waisenkindes zu uns – ein vereinsamtes Wesen, doch ehrerbietig, aufmerksam und eifrig nach Aufklärung verlangend.

Sitzung vom 25. Mai 1921 – Minnie von der Treppe

Eine Kinderstimme sprach aus Frau Wickland, die nicht wusste, wo sie war, und auch nicht wusste, dass sie irgendwo nicht war. Sie kannte weder Stadt noch Land, weder Tag noch Jahrzehnt; sie wusste nicht, wie sie hereingekommen war; sie wusste nur, dass jemand sie ansprach, und das war ihr selber das Verwunderlichste an diesem Abend.

Denn sonst sprach niemand mit ihr. Sie sah die Menschen, sie ging unter ihnen hindurch; sie kam in große Versammlungen, stieg auf die Rednerbühne und fragte hinunter, was denn eigentlich mit ihr los sei – aber sie war den anderen wie nicht da. „Vor dieser Zeit war ich Jemand“, sagte sie, „jetzt bin ich anscheinend ein Niemand.“ Sie sagte es ohne Klage, mit der Geduld eines Mädchens, das sich an seine Unsichtbarkeit halb gewöhnt hat.

Sie redete und hörte sich immer nur selber. Manchmal kam sie irgendwo hin, wo andere sprachen, setzte sich dazu, und „dann fühle ich mich – ach, ich weiß gar nicht wie. Ich fühle mich nur als halben Menschen, als ob ich jemand anderes wäre.“ Hunger hatte sie ständig, doch auch der ließ sich lösen: kehrte jemand in eine Küche oder ein Gasthaus ein, ging sie mit und aß mit – das amüsierte sie. „Immer bezahlt ein anderer die Rechnung“, erklärte sie, „das ist das Allerspaßigste. Ich bezahle nie etwas.“ Bald sei sie nach dem Essen krank, bald nicht; bald esse sie viel, bald wenig; bald sei sie ein Mann, bald ein Mädchen. „Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist.“

Als der Doktor sie bat, ihre Hände anzusehen, erkannte sie die Hände nicht. Auch das Kleid kannte sie nicht. „So eins habe ich mein Lebtag nicht gehabt.“ Ein Ring saß da, der ihr nicht gehörte. Sie nahm die Auskunft, sie benutze augenblicklich den Körper einer fremden Frau, mit der Sanftmut eines Mädchens, das längere Rätsel gewohnt war.

Nach und nach kam ihre Geschichte heraus. Aufgewachsen war sie in einem Heim, mit vielen anderen Kindern, ohne Vater, ohne Mutter; gefunden hatte man sie als Säugling auf der Treppe des Hauses – daher der Name „Minnie von der Treppe“, den sie hasste. Im Heim, sagte sie, sei es ganz nett gewesen. Schweres Leben, aber besser, als immerzu gescholten zu werden; die Anstaltsmutter sei „furchtbar nett“ gewesen.

Mit vierzehn habe eine fromme Dame sie aus dem Heim zu sich genommen – „das war mein Unglückstag“. Die Dame ließ sie von morgens bis abends die Bibel lesen, auf den Knien. Sie sollte auf den Knien rutschen statt zu gehen; sie sollte stundenlang knien beim Beten. Die Knie wurden wund. Wenn das Mädchen darüber einschlief, wurde es an den Haaren gezogen und geschlagen, denn Müdigkeit beim Beten war Sünde, sagte die Dame, und wenn das Mädchen nicht artig sei, würde der Teufel es holen. Die Dame selbst hatte ein Kissen unter den Knien und konnte es stundenlang aushalten. Sie betete in einer festen Reihenfolge: zuerst für sich, dann für ihre Schwester, ihre Mutter, ihren Bruder, ihre Freunde, „und zuletzt auch für Minnie“.

Über diese Pflegemutter hatte das Kind sich ein eigenes Urteil gebildet, das es uns vertraulich flüsternd anvertraute: „Dabei dachte ich oft, sie ist doch selber ein richtiger Teufel.“ Und einen zweiten Verdacht fügte es leiser hinzu, mit der Bitte, ihn niemandem weiterzusagen: dass der liebe Gott das alles wohl schon längst satt haben müsse.

Schließlich war sie davongelaufen. Sie ging weit, weit weg, in den Wald, denn sie wollte nicht gefunden werden; in das erste Haus traute sie sich nicht hinein, sie ging hungrig vorbei; sie wanderte einen Tag und eine Nacht und sah überall nur große Bäume und Wald; sie legte sich schließlich nieder und schlief. Das war ihr letztes Wachsein. Was darauf folgte, hielt sie für ein Aufwachen am nächsten Morgen – aber zwischen dem Schlaf im Wald und dem ersten Mitessen in einem Wirtshaus lag ihr eigener Tod, und davon hatte sie nichts gemerkt.

Als der Doktor ihr dies sagte, blieb sie zunächst bei einem leiseren Detail. „Ich war so durstig“, sagte sie. „Feste Nahrung vermisste ich weniger; aber mir war, als ob mir alles im Halse eintrocknete. Ich hätte ein ganzes Fass Wasser austrinken können.“ Was sie als Hunger und Durst durch die Jahre getragen hatte, waren die letzten Empfindungen jenes Körpers, der im Wald geblieben war.

Da sah sie etwas, das wir nicht sehen konnten – eine weinende Frau, die auf sie zukam. „Weinen Sie doch nicht so sehr, liebe Frau“, sagte sie zu ihr; „ich sehe nicht gern weinende Gesichter, und wenn Sie so weinen, fange ich auch noch an zu weinen.“ Die Fremde sagte, das Kind sei ihr Kind. Sie habe mit allen Kräften nach ihr gesucht und sie nicht finden können. Einst sei sie ein braves Mädchen gewesen; doch ein Mann habe sie in Schande gebracht, habe versprochen zu heiraten und sei dann fortgegangen; sie sei krank gewesen, niemand habe ihr helfen können. Aus dieser Not heraus habe sie das Kind auf die Treppe jenes großen Heims gelegt. Glücklich sei sie seither nie wieder geworden. Sie sei jung gestorben.

„Liebe Mutter“, sagte das Mädchen leise, „ich möchte bei Dir sein. Ich vergebe Dir, Mutter. Weine nicht. Ich habe nie eine Mutter gehabt, und Du willst jetzt meine Mutter sein.“ Und nach einer Weile, leiser: „Darf ich vor Freude weinen? Ich täte es gerne.“

Die Mutter sagte, das Kind heiße Gladys; sie selbst sei Clara Watsman aus St. Louis. So erfuhr Minnie von der Treppe an diesem Abend zum ersten Mal ihren eigenen Namen. „Denken Sie nicht an mich als Minnie von der Treppe“, bat sie. „Gedenken Sie meiner als Gladys Watsman. Jetzt bin ich doch wieder Jemand. Ich habe einen Namen erhalten. Das ist viel wert.“

So nahm sie Abschied. Sie wurde eine eifrige Helferin an heimatlosen Wandergeistern und brachte eine ganze Reihe von ihnen in unseren Zirkel; den ersten bereits wenige Wochen, nachdem sie selber aufgeklärt worden war.

Sitzung vom 13. Juli 1921 – Anna Mary

Schon wenige Wochen später kam Anna Mary, von Minnie selbst herbeigebracht – aus demselben Heim. Sie hatte das ewige Scheuern satt bekommen und war fortgelaufen, „weil ich die Welt sehen wollte“. Auch sie hatte Vater und Mutter nie gekannt; auch sie wusste nicht, dass sie gestorben war, und zehrte wie Minnie unbemerkt von fremden Mahlzeiten. Hier nahm eine Lehrerin namens Abbie Judson, die uns schon andere Heimatlose zugeführt hatte, das Mädchen an. „Wollen Sie meine Mutter sein? Darf ich Sie Mutter nennen?“, bat sie, die nie gewusst hatte, wie das ist.

Diese ersten beiden Geschichten werfen eine Frage auf, die den Leser leicht bedrücken kann: Wie kommt es, dass solche jungen Seelen nach dem Tod jahrelang in den erdnahen, dichteren Bereichen umherirren können – ja nicht einmal wissen, dass sie gestorben sind –, statt sogleich in lichtere Sphären einzugehen? Aus der spiritistischen Überlieferung, namentlich aus den Schilderungen André Luiz’, ergibt sich darauf eine Antwort, die zunächst überrascht. Denn das biologische Alter eines Menschen sagt nichts über das wahre Alter seiner Seele aus. Wer in jungen Jahren den Körper ablegt, ist seinem geistigen Wesen nach häufig sehr alt und trägt eine lange Geschichte vergangener Erdenleben in sich. Der Tod beendet allein das gegenwärtige biologische Kapitel; was er freilegt, ist die weit tiefer reichende seelische Gestalt, die sich darunter über lange Zeiträume gebildet hat.

Drei Beweggründe lassen erkennen, weshalb solche Seelen länger im Dazwischen verharren. Der erste liegt im Gesetz von Ursache und Wirkung: Mancher stirbt früh als Teil eines inneren Ausgleichs, und die Neigungen und tief verwurzelten Muster früherer Leben lösen sich nicht durch eine kurze irdische Existenz auf. Erwacht der Geist nach dem Tod, so spiegelt sein feinstofflicher Leib ungeschönt seinen innersten Zustand wider; trägt er ungelöste Konflikte, Reue oder starke Bindungen an Irdisches in sich, so bestimmt eben diese innere Schwingung seinen Aufenthaltsort – gleichviel, ob der abgelegte Körper fünfzehn oder achtzig Jahre zählte. Der zweite Grund ist die Anhaftung an das Irdische selbst. Gerade junge Menschen stehen oft inmitten einer Zeit starker Empfindungen, Pläne und Leidenschaften; werden sie daraus herausgerissen, bleibt ihre Aufmerksamkeit ganz dorthin gerichtet. Da ihnen der Körper fehlt, durch den sie all dies erleben könnten, leiden sie unter einem Verlangen, das sich nicht mehr stillen lässt, und halten sich – oft blind für das Licht, das ganz nahe wäre – an vertrauten Orten und bei vertrauten Menschen auf. Der dritte Grund schließlich ist die Bindung durch die Trauer der Hinterbliebenen: Der verzweifelte Schmerz, das Aufbegehren gegen den Tod und die unaufhörlichen Tränen der Eltern werden, so André Luiz, in der geistigen Welt zu dichten, fast greifbaren Strömen, die sich um die empfindsame Seele des Verstorbenen legen und sie an das irdische Zuhause ketten. Das Kind leidet dann unter dem Leid der Eltern, bleibt verwirrt gefangen und vermag oft nicht einmal die ausgestreckten Hände derer wahrzunehmen, die ihm helfen wollen.

Gerade dieser letzte Punkt wirft ein eigenes Licht auf diese beiden Geschichten – durch seine Abwesenheit. Denn die Kinder, von denen hier berichtet wird, waren Waisen; niemand weinte um sie, niemand hielt sie durch Trauer zurück. Was sie band, war allein die eigene Verwirrung und das ungestillte Verlangen nach dem, was ihnen das Leben versagt hatte. Und so kam ihre Lösung auf bezeichnende Weise nicht durch das Lockern einer fremden Fessel, sondern dadurch, dass sie endlich jene Bindung empfingen, die sie nie gekannt hatten: Minnie fand ihre Mutter und mit ihr ihren Namen, und Anna Mary fand in der Lehrerin Abbie Judson das Mütterliche, nach dem sie sich ihr Leben lang gesehnt hatte.

Lily

Mit der nächsten Sitzung trat zum ersten Mal eine lebende Patientin in den Vordergrund. Es war ein fünfjähriges Mädchen, medial empfänglich und seit langem von einem Geist behaftet. In den Wochen davor war es ungewöhnlich ungehorsam gewesen, weigerte sich, die Rechenaufgaben zu machen, benahm sich auffällig schlecht in den Kaufläden der Stadt und ließ sich nachts schwer zur Ruhe bringen. Die Mutter, die seit einiger Zeit die Behaftung als solche erkannte, hatte das Kind mehrmals mit einem kalten Wasserguss ernüchtert, mit gutem Erfolg.

Sitzung vom 2. August 1922 – Lily

Der Geist, der mit der elektrischen Behandlung aus dem Kinde herausgetrieben wurde, fuhr sofort in Frau Wickland und sprach mit einer wilden, kindlich zornigen Stimme. „Nein, fassen Sie mich nicht an! Ich fürchte mich vor dem Feuer!“ Zurück zum kleinen Mädchen wollte sie. „Sie gehört zu mir!“

Stück für Stück ergab sich, was dem Kind widerfahren war. Lily, wie sie sich nannte, hatte sich an die Kleine „angemacht“; sie war mit ihr im Auto gefahren, hatte mit ihr gespielt, ihre Spielsachen genossen – alles, was die Kleine tat, war ihr Tun gewesen. Wenn das Mädchen im Warenhaus tobte, weil das Mitkommen langweilig wurde; wenn das Kind nicht rechnen wollte; wenn es nachts wach blieb, damit der Geist nicht weichen musste, weil ein schlafendes Kind ihm keine Wohnung bot – das alles war Lilys Handschrift auf einem fremden Leben gewesen.

Sie selbst hatte einen erbärmlichen Anfang hinter sich. Eine Mutter, die sie schlug; davongelaufen; ein Haus mit vielen Kindern; auch von dort fortgelaufen; ein ganz großes Haus, in dem die anderen sie neckten und sie sich „mit ihnen geprügelt“ hatte. Eines Tages war sie hingefallen – und an nichts mehr erinnerlich. Sie war elf oder zwölf gewesen. In der Aura des Kindes lebte sie nun in zwei Alterswahrnehmungen, der ihren und der fünfjährigen, die sie mitvollzog.

Was sie sich aber wünschte, kam beim Abschied in einem Satz zur Sprache, der jeden Verfechter eines glücklichen Kinderschicksals beschämen müsste: „Kann ich nicht blaue Augen und helles lockiges Haar haben? Ich möchte gerne schön sein.“ Schön, antworteten wir, werde sie, indem sie anderen helfe; ihre Gedanken solle sie auf Schönes richten, dann werde geistige Schönheit von selbst folgen. So nahm sie Abschied – mit dem Versprechen, sobald sie zur Hilfe tauge, am Leben des Kindes das eigene wieder gutzumachen.

Betrachtet man diese Fälle, wird ein wichtiger Aspekt deutlich: Das, was hier als geistige Beeinflussung beschrieben wird, muss sich keineswegs immer als dramatische oder offenkundige Störung zeigen. Oftmals findet diese Begleitung auf einer überaus feinen und subtilen Ebene statt. Unsichtbare Wesen erfreuen sich schlicht an irdischen Vergnügungen und „empfinden“ alltägliche Situationen mit. Wie am Beispiel von Lily sichtbar wird, handelte es sich oft nur um das Mitgenießen von Spielsachen oder das Vergnügen, im Auto mitzufahren. Da sich solche Impulse für den lebenden Menschen vollkommen natürlich anfühlen, wird diese Begleitung von den meisten Erdenmenschen gar nicht als fremder Einfluss bemerkt. Sie halten die spontanen Launen, das plötzliche Verlangen nach einer bestimmten Speise oder kindliche Verhaltensweisen schlicht für ihre ganz eigenen Gedanken und Emotionen.

Lachende Ella

Eine Woche nach Lily kam ein anderer Geist in den Zirkel – auch eine Waise, doch von ganz anderer Art. Sie war von der Mutter des Kindes angezogen worden; und der Grund war eine Liebe, deren Spur über Jahrzehnte und einen Tod hinweg reichte.

Sitzung vom 9. August 1922 – Lachende Ella

Sie nannte sich Lachende Ella. Aufgewachsen in einem großen Kinderheim irgendwo in Kansas, hatte sie nie eine Mutter gekannt; was sie wusste, war Arbeit. Sechzehn oder siebzehn Jahre alt, hatte sie ein Dutzend kleiner Kinder zu waschen, anzukleiden und zu Bett zu bringen gehabt – „so dass ich mir schließlich vorkam, als wäre ich die Mutter von ihnen allen“. Eines Tages war sie auf einem Spaziergang nicht zurückgefunden; sie war krank geworden, hatte einen schlimmen Hals bekommen und war eingeschlafen. Den eigenen Tod hatte sie nicht bemerkt.

Was die Welt ihr an Härte bot, hatte sie sich vom Leibe gelacht. Wenn die Kinder weinten, fing sie an zu lachen, bis die Kleinen mitlachten. Wenn sie selber Schläge bekommen hatte, setzte sie sich in eine Ecke, sagte sich, sie habe sie wohl verdient, und nach kurzer Zeit lachte sie auch dabei. „Wenn man innerlich gut gestimmt wird durch Lachen“, erklärte sie uns, „dann empfindet man die äußeren Dinge nicht mehr so schlimm. Versuchen Sie es nur.“ So war sie auch nach dem Tode geblieben – und die Eröffnung, sie spreche durch einen fremden Körper, beantwortete sie zunächst mit einem herzhaften Lachen.

Was sie aber hierhergeführt hatte, war eine alte Kinderliebe. Die Mutter war als Kind gelegentlich besuchsweise in jenes Kansas-Heim gekommen; und Ella, das schaffende Waisenkind, hatte das vornehme kleine Mädchen lieb gewonnen, das mit Sonnenschirm und hübschem Kleid hereintrat wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Als die Erinnerung wiederkam, sah Ella die Mutter mit weit geöffneten Augen an: „Sie hatten so schönes Haar und immer so hübsche Kleider an. Wissen Sie noch, Sie hatten auch einen Sonnenschirm?“ Auch jener Tag, an dem die Mutter als Kind ins Wasser gefallen war und die Großmutter sie ausgeschalten hatte, stieg wieder herauf. Ein verlassenes Mädchen, das ein wohlbehütetes liebgewonnen hatte – und ihm über Tod und Jahrzehnte hinweg treu geblieben war.

Damit war hier ein anderer Befund klar als bei Lily. Diese Anhaftung war nicht das gewaltsame Mitleben eines fremden Schicksals, sondern eine Wiederannäherung aus Zuneigung; die Mutter hatte sie nicht erkannt, aber gespürt. Wir baten Ella, in die Geisterwelt überzugehen und sich dort darüber belehren zu lassen, wie sie dem Kind als Beschützerin dienen könne. „Vergessen Sie die ‚Lachende Ella‘ nicht!“, waren ihre letzten Worte.

Bei aller Tröstlichkeit dieser Schicksalswege bleibt am Ende dennoch leicht ein bedrückender Eindruck zurück, den die Fälle von Minnie, Lily und der Lachenden Ella hinterlassen: dass solche Kinder nach dem Tod schlicht vergessen und in den erdnahen Bereichen sich selbst überlassen würden. Zieht man jedoch tiefere geistige Gesetzmäßigkeiten heran, wie sie etwa Robert James Lees in seiner „Reise in die Unsterblichkeit“ schildert, so löst sich dieser Widerspruch auf. Die geistige Welt lässt niemanden allein. Was sich hier offenbart, ist vielmehr ein Grundgesetz des jenseitigen Lebens: Die Verlassenheit, die diese Kinder empfinden, ist keine Wirklichkeit der feinstofflichen Welt, sondern ein rein innerer, selbst geschaffener Zustand der Seele. Und weil das Jenseits nicht in erster Linie ein Ort, sondern ein Zustand des Bewusstseins ist, wird dieser innere Zustand für den Betroffenen zugleich zu seiner äußeren Wirklichkeit.

Lees beschreibt eindrücklich, dass heimatlose und vernachlässigte Kinder oft schon während ihres irdischen Schlafes in lichteren Sphären betreut und auf den Übergang vorbereitet werden; überschreiten sie die Schwelle des Todes, so ist ihr Kommen längst bekannt, und liebevolle Helfer erwarten sie bereits. Dass Seelen wie Minnie oder Anna Mary dennoch jahrelang heimatlos umherirren und nicht einmal wissen, dass sie gestorben sind, liegt allein an der Tiefe ihrer inneren Verwirrung. Der irdisch eingewurzelte Glaube, ungeliebt und allein zu sein, und die Unkenntnis des eigenen Todes wirken zusammen wie eine dichte Binde vor den Augen. Da das Jenseits ein Zustand des Bewusstseins ist, formt eben dieser Irrtum die Wahrnehmung und schließt die Seele in eine scheinbare Dunkelheit ein, die nirgends besteht als in ihr selbst.

Diese Seelen sind dabei niemals sich selbst überlassen. Jenseits der dichten Zonen, so André Luiz, bestehen geistige Heimstätten, die sich eigens der Aufnahme, Pflege und behutsamen Neuerziehung früh verstorbener Kinder widmen, und die helfenden Wesen greifen ein, sobald der innere Zustand des Verstorbenen und seine Bindung an die Familie es zulassen.

Hinzu tritt das Gesetz der geistigen Entsprechung, nach dem Gleiches stets Gleiches anzieht. Diese kindlichen Seelen schwangen noch ganz im Dichten, Irdischen: Sie empfanden Hunger, wollten spielen, suchten nach irdischer Zuwendung. In dieser Schwingung aber waren sie blind für die feineren, hell schwingenden Beschützer, die sie längst umgaben. Und da im Jenseits niemals Zwang geübt wird, sondern der freie Wille unverbrüchlich gilt, können die Helfer die Erkenntnis nicht von außen aufdrängen; sie müssen in großer Geduld warten, bis die Seele selbst fähig wird, ihre innere Ausrichtung zu wandeln.

Genau hier liegt die tiefere, heilende Bedeutung der Sitzungen Dr. Wicklands. Sie boten diesen verlorenen Kindern einen rettenden Umweg über die einzige Ebene, die ihnen noch zugänglich war. Indem die Seele den Körper des Mediums gebrauchen durfte, stand sie wieder in der gewohnten irdischen Schwingung und konnte von einem Menschen unmittelbar angesprochen und aufgeklärt werden. Dieser irdische Kontakt durchbrach den Bann der Verwirrung; und in dem Augenblick, da der innere Irrtum fiel, fiel auch die Binde von den Augen. Das Bewusstsein des Kindes öffnete sich, und mit einem Mal vermochte es die feinere Wirklichkeit wahrzunehmen – wie Minnie ihre Mutter erkannte oder Anna Mary die Lehrerin Abbie Judson, die als geistige Helferinnen die ganze Zeit über liebevoll wartend an ihrer Seite gestanden hatten.

So waren die medialen Sitzungen die notwendige irdische Brücke, um die innere Vereinsamung der Seelen aufzubrechen. Sie erlaubten den unsichtbaren Helfern, ihre Nähe endlich spürbar werden zu lassen, und führten die Waisenkinder in jenes Licht zurück, das sie seit ihrem Hinübergehen in Wahrheit niemals verlassen hatte.


Die kursiv gesetzten Einschübe stammen nicht von Wickland, sondern vom Herausgeber dieser Bearbeitung.