Kapitel 9 – Materialismus und Gleichgültigkeit gegenüber geistigen Dingen

Zweifelsucht, geistige Trägheit, Unwissenheit und Gleichgültigkeit gegenüber den Fragen des höheren Lebens üben einen so lähmenden Einfluss aus, dass viele Menschen nach ihrem Tode in einen Zustand hilfloser Verzweiflung geraten und aus Dunkelheit, Verwirrung und innerem Aufruhr nicht mehr herausfinden. Oft klammern sie sich dann an Lebende, weil sie keinen anderen Weg sehen, ihrer Not Ausdruck zu geben.
Der Mann, der seine Frau nach sich ziehen wollte
Vor Jahren lebte in New York eine Frau, die wir gut kannten. Sie war glücklich verheiratet, führte ein rühriges Leben und hatte Verständnis für die höheren Lebensgesetze; ihr Mann hingegen blieb zeitlebens beim Standpunkt des Materialisten und Fatalisten: Mit dem Tode sei alles aus. Daran hing ein Zweites. Er hatte sie wiederholt gedrängt, ihm zu versprechen, sich gleichfalls das Leben zu nehmen, falls er vor ihr stürbe; und stürbe sie zuerst, so wolle er ihr nachfolgen. Sie ging nicht darauf ein.
Er verschied plötzlich nach kurzer Krankheit. Vom ersten Abend an spürte seine Frau ihn — am stärksten nachts, wenn er sie wieder und wieder weckte und so erschreckte, dass sie nicht mehr in den Schlaf zurückfand. Ohne zu begreifen, was mit ihm geschehen war, hielt er für möglich, was er stets für möglich gehalten hatte: dass sie zu ihm käme. Unablässig rief er nach ihr; Tag und Nacht klang ihr seine Stimme im Ohr, und schließlich fürchtete sie um die eigene Sicherheit. Um nichts Unbedachtes zu tun, verließ sie New York, kam nach Chicago und bat uns um Hilfe.
In einer Sitzung wurde dem Geist gestattet, von Frau Wicklands Körper Besitz zu nehmen. Sobald er gewahr wurde, dass seine Frau neben ihm saß, ergriff er ihre Hand und küsste den Trauring; warum sie ihm denn nicht antworte, wenn er sie doch anspreche. Dann schloss er sie so heftig in die Arme, dass sie sich nicht mehr lösen konnte und um Hilfe rief. Erst nach langer Aussprache begriff er, dass er zwar in einem Körper steckte, doch nicht in seinem eigenen, und längst aus dem Erdenleben geschieden war. Als ihm die Lage aufging, bedauerte er zutiefst, was er seiner Frau unbeabsichtigt angetan hatte, und wollte lernen, wie er ihr fortan helfen könne. Sie kehrte ungestört nach New York zurück. Ihr Mann fand seinen Weg in den Kreis der helfenden Geister und meldete sich später noch zweimal.
In zwei späteren Sitzungen, im November 1920 und im Januar 1922, fügte sich seine Geschichte zusammen. Er war als Kind von zu Hause fortgelaufen, weil er es im Elternhaus nicht aushielt. Vater und Mutter waren streng rechtgläubig, verdammten jeden, der ihre Anschauungen nicht teilte, und waren von der Unfehlbarkeit ihres Glaubens so überzeugt, dass ihnen selbst das Unrecht, das sie taten, als Recht erschien. Die Atmosphäre des Hauses hatte derart an ihm gezerrt, dass ihm oft zumute gewesen war, als müsse er in Stücke gehen. Noch als Kind ging er fort.
Draußen lernte er, für sich selbst einzustehen, und sammelte Erfahrungen, die ihn auf manche bittere Weise belehrten. Eine Zeitlang zog es ihn zurück; aber zu Hause war alles geblieben, wie es gewesen war, und bald musste er wieder fort. So wanderte er weiter und gab dem Verlangen nach, dem Leben die helleren Seiten abzugewinnen. Mit dem Glauben seiner Eltern, mit Religion überhaupt wollte er nichts mehr zu tun haben. Wenn er sterbe, dachte er, sei alles vorbei.
Später traf er eine Frau, die ihn liebte und ihm ein Heim schuf. Zum ersten Mal in seinem Leben war er glücklich. Die Jahre an ihrer Seite blieben ihm unvergesslich; es waren wenige.
Als der Tod kam, war ihm, als sänke er in einen erquickenden Schlaf. Er erwachte und sah seine Frau weinen. Er rief sie an, fragte, was geschehen sei, erhielt keine Antwort und meinte, sie höre ihn nicht. In ihrer Trauer wurde er zu ihr hingezogen; ehe er sich versah, war er in ihrer magnetischen Aura gefangen und kam nicht mehr heraus. Dass er ihr überallhin folgen musste und kein unabhängiger Mensch mehr war, konnte er nicht begreifen — daher die Verzweiflung, daher die ständige Drängung, sie möge zu ihm kommen. Er liebte sie zärtlich, und gerade weil er sie liebte und vom Übergang nichts wusste, quälte er sie. Hätte sie das Wissen vom jenseitigen Leben nicht in sich getragen, so hätte er sie wahrscheinlich noch dazu gebracht, ihm in den Tod zu folgen — und niemand hätte sagen können, was dann aus beiden geworden wäre. Als er ein zweites Mal kam, trug er dasselbe noch einmal zusammen, ruhiger nun, mit demselben Nachdruck auf der Enge des Elternhauses und auf den wenigen glücklichen Jahren an der Seite seiner Frau.
Der Fall hat ein zweifaches Gesicht. Vordergründig scheint er die These des Kapitels — Materialismus als Verhängnis — zu bestätigen: ein Mann, der nicht an ein Weiterleben glaubt, drängt seine Frau, ihm in den Tod zu folgen, weil er nicht verstehen kann, warum sie ihm nicht folgen kann. Doch wer genauer liest, sieht, dass dieser „Materialismus“ keine wirkliche innere Überzeugung war. Hinter ihm steht keine aktive Auseinandersetzung mit den großen Fragen, sondern die Abwehr eines Menschen, der die rechtgläubige Enge des Elternhauses nicht hatte aushalten können. Sein Davonlaufen als Kind, sein erneutes Davonlaufen als junger Mann, seine Sehnsucht nach den helleren Seiten — all das zeigt einen, der in Bewegung war, ohne sein eigenes Ziel zu kennen.
Daher könnte ihm nach dem Tod so rasch geholfen werden. Wo eine echte Überzeugung das Hinübergehen behindern würde, kann eine bloße Abwendung sich lösen, sobald die Lage klar wird. Sein eigentlicher Halt war nicht seine Weltanschauung, sondern die Liebe zu seiner Frau und die wenigen glücklichen Jahre an ihrer Seite. Die kurze Strecke, auf der er glücklich gewesen war, trug ihn auch durch das Verstehen seiner neuen Lage. Und es war ihr Wissen vom jenseitigen Leben, das ihn — und damit auch sie — rettete. Die innere Sicherheit der Lebenden ist dem suchenden Verstorbenen eine reale Brücke; was sie weiß, wirkt durch sie hindurch in seine Welt.
Frank Bergquist
Im folgenden Fall erkannte die Mutter der Kranken den Verstorbenen an seiner Teilnahmslosigkeit und an einigen anderen kennzeichnenden Eigentümlichkeiten wieder. Sie hatte ihn zu Lebzeiten gut gekannt — er war ein Nachbarssohn gewesen — und konnte seine Angaben später bestätigen, ebenso wie ihre Tochter, die seit langem an schwerer Apathie litt. Beide waren aus Chicago angereist und nahmen an der Sitzung des 2. Dezember 1919 teil.
Der Geist, der durch Frau Wickland sprach, wusste nicht, wer er war, wie lange er tot war oder wo er sich befand; vor allem wusste er nicht, dass überhaupt etwas geschehen sein könnte, denn tot fühlte er sich nicht. Was er von sich wusste, war allein, dass er müde war — müde, eintönig, gleichgültig. Vom Nichtstun hatte er reichlich genug, doch was solle man machen.
Lange ließ sich nichts herausbringen. Auf jede Frage kam nur, er wisse es nicht. Sein Name war ihm entfallen, der Ort, an dem er gelebt hatte, ebenso. Geglaubt habe er an Gott, an Christus, an den Teufel und an all das andere; das sei für seinen Vater und seine Mutter gut genug gewesen und sei auch ihm gut genug. Seinen Beruf nannte er allerhand kleine Arbeiten. Alles, was er früher einmal gewusst hatte, war ihm gänzlich entfallen.
Erst als die Mutter der Kranken, die ihm gegenüber eine Bäckerei geführt hatte, ihn auf einzelne Punkte ansprach, schoben sich Bruchstücke zusammen: eine Methodistenkirche in der Nachbarschaft, eine Schwester, die in seine Bekanntschaft eingeheiratet hatte, eine Mutter, die ihn zum Helfen in die Küche schickte, was er nicht gern getan hatte. Viel unterwegs sei er gewesen, nirgends lange zu Hause, immer begierig, die Welt zu sehen; gearbeitet habe er nur, wenn es unbedingt nötig war, gerade so viel, dass es zum Auskommen reichte.
Was er sonst noch zustande brachte, war die Schilderung seiner Wanderjahre — wie er von Ort zu Ort weitergezogen sei, weil ihn nichts gehalten habe. Wann diese Wanderschaft aufgehört hatte, ein irdisches Leben zu sein, wusste er nicht. Auf die Eröffnung, er sei längst gestorben, antwortete er nur: „Das ist ja höchst spaßig — ist mir aber ganz gleichgültig.“ Bemerkt habe er es nicht; wie hätte er sich daran erinnern sollen.
Was er aber sehr wohl wusste: seit jener Zeit sei er fast nur in der Nähe von Frauen gewesen — durch die Auren wechselnder lebender Frauen mitgewandert, mitgegessen, anteilslos mitgelebt, bis er zuletzt nicht mehr wusste, ob er nicht selbst eine geworden sei. „Ich bin ein Mann, bin aber jetzt schon lange eine Frau.“ Wie er heiße, sei ihm gleich; man möge ihn nennen, wie man wolle.
Erst nach mehrfachem Insistieren kam der Name zurück. Er heiße Bergquist, der Vorname sei wohl Frank — ja, Frank; doch sei es Jahre her, dass er ihn zuletzt gehört habe. Seine Mutter, längst selbst verstorben, trat als Geist zu ihm, und er erkannte sie. Sie nannte ihn einen eigenwilligen Jungen und hielt ihn an, sich Mühe zu geben, aufzuwachen und ein anderer zu werden, denn drüben sei das Leben anders, und sein Glück werde er sich verdienen müssen. Er wollte mit ihr gehen und bat den Doktor für seine Unwissenheit um Entschuldigung.
Stand der erste Fall im Zeichen einer inneren Bewegung, die in die falsche Richtung gegangen war — so steht der zweite im Zeichen einer inneren Regungslosigkeit, einer anscheinend schlafenden Seele. Frank Bergquist hat zu Lebzeiten kein Verhältnis zum eigenen Inneren entwickelt. Er ist nicht aus Auflehnung in die Welt gegangen, sondern aus Müdigkeit; nicht gegen den Glauben seiner Eltern, sondern an ihm vorbei. Was er glaubte, was er tat, was er ließ — alles in derselben gleichgültigen Tonart. Auch sein Tod, soweit er ihn überhaupt wahrnahm, war keine Erschütterung. Das Hinübergehen geschah, und niemand war zu Hause, der es bemerkt hätte.
Daher liest sich auch der Bericht über ihn so leer. Wickland schildert ihn, wie er war — einen Mann ohne erkennbares Inneres. Dass uns beim Lesen langweilig wird, ist keine Schwäche des Textes; er bildet ab, was wirklich da war: nichts. Und diese Leere ist es, woran die Patientin krank wird. Bergquist bringt nur seine eigene Müdigkeit und Lustlosigkeit mit, dieselbe, die ihn schon zu Lebzeiten ausgemacht hat, und beides überträgt sich auf die Patientin, die empfindsam genug ist, es aufzunehmen. Was wir heute schwere Apathie oder chronische Erschöpfung nennen, hat in vielen Fällen vermutlich genau diese Gestalt: dass in einem Menschen ein anderer mitlebt, der selber kein eigenes Inneres entwickelt hat.
Damit wird sichtbar, was dieses Kapitel im Ganzen umkreist: nicht die Frage, was wir glauben, sondern die Frage, ob wir überhaupt ein Innenleben pflegen, in dem geglaubt oder verworfen werden kann. Ein behaupteter Materialismus und eine Gleichgültigkeit sind vollkommen verschiedene Zustände der Seele: der eine womöglich in verzweifelter Bewegung wie ein innerlich Ertrinkender — ein Suchender, der sich äußerlich den Anschein einer Überzeugung gibt —, der andere ohne Bewegung. Nur der erste ist von innen heraus ansprechbar; der zweite ist es nicht.
Fred Haupt
Viele erdgebundene Geister wissen sehr wohl, dass sie Menschen beeinflussen, und freuen sich ihrer Macht ohne sichtliche Gewissensbisse. Häufig hatten sie sich zu Lebzeiten von allem Kirchenglauben abgewandt und sich gegen höhere Ethik und alle Ideale verhärtet.
Ein Geist dieser Art wurde aus einem Mann ausgetrieben, der von Kindheit an unter heftigen Wutanfällen gelitten hatte. In den Wochen, in denen der Geist an die Oberfläche gebracht und für die Austreibung vorbereitet wurde, war der Mann besonders reizbar, vor allem am Steuer seines Wagens, und es kamen Zustände über ihn, in denen er sich von aller Welt fortwünschte. Nach der Austreibung änderte sich sein Wesen vollkommen, und er wurde wieder ganz natürlich. Er und seine Frau waren beide zugegen, als der Geist sich am 21. September 1922 durch Frau Wickland kundgab.
Sobald der Geist Besitz ergriff, versuchte er auszubrechen, und als man die Hände des Mediums festhielt, wehrte er sich wütend. Wer er sei, gehe niemanden etwas an; tot sei er nicht, wiederkommen werde er nicht, und nun, da man ihn nicht mehr in der Hand habe, werde er es allen zeigen. Auf jede Frage kam Drohung oder Hohn. Einen Groll, mit dem man ihm hätte helfen können, gab er nicht zu; man möge seines Weges gehen, dann gehe er den seinen. Seinen Namen verschwieg er, den Ring an der Hand des Mediums hielt er für seinen eigenen. Ein Mörder sei er nicht, sondern ein ehrbarer Mensch; nur wolle er stets seinen eigenen Willen durchsetzen, und gelang ihm das nicht, geriet er in Wut. „Ich kann rasend werden, ich kriege Wutanfälle.“ Mit den Füßen stampfend drohte er, das Haus über den Köpfen der Anwesenden zusammenzuschlagen, sobald er nur erst frei sei.
Dass er tot sei und durch einen fremden Körper spreche, ließ ihn gleichgültig. Er habe ohnehin verschiedene Körper, gehe von einem Ort zum anderen, sei einmal ein Mann, einmal eine Frau, und zu fassen kriege ihn keiner.
Lebhaft in Erinnerung war ihm die elektrische Behandlung, die der Mann zur Vorbereitung empfangen hatte. Diese Blitzstrahlen, wie er sie nannte, hätten ihn aus dem Körper getrieben, sodass er den Kopf zu verlieren geglaubt habe. Wütend sei er auf den Doktor, der ihn nun „in ein Gefängnis gesteckt“ habe, und auf alle, die ihn nicht in Ruhe ließen
Nach langem Hin und Her kam dem Verstorbenen der Gedanke, ob er nicht Tom kenne — einen anderen Geist, der schon einige Zeit zuvor aus demselben Mann ausgetrieben und inzwischen selbst zum Helfer geworden war. Tom war zugegen und sagte ihm, dass er den Mann seit Jahren ausgesaugt habe. Daraufhin hörte er auf zu schreien und stand still.
Stück für Stück kam dann seine Geschichte. Als Gelegenheitsarbeiter war er in Kansas tätig gewesen, im Hinterland südwestlich des Hauses, in dem der Mann seine Kindheit verbracht hatte. Eines Tages war er an einer Dreschmaschine schwer am Kopf verletzt worden. Was darauf folgte, wusste er nicht; ihm schien nur, er sei eingeschlafen. Wie lange das her war, ergab sich erst nach langem Nachfragen: 1892 — Cleveland war Präsident, und von einem Automobil hatte er nie gehört. So lange war es her, dass er seinen Körper verloren hatte.
Der eigene Name kam ihm zuletzt, nach Toms Hilfe: Fred Haupt. Er bat den Mann um Entschuldigung, denn Tom hatte ihm gesagt, wie viel Ungemach er ihm durch die verursachten Wutanfälle bereitet habe. Der Mann verzieh ihm.
Zuletzt trat Silber-Stern, die indianische Helferin des Kreises, in den Körper Frau Wicklands und wandte sich an den Mann. Nun habe man den Geist. So fest habe er in dessen magnetischer Aura gesteckt, dass es schien, als müsse man ein Stück des Körpers mit herausreißen, um ihn überhaupt zu lösen. Sehr lange sei er bei ihm gewesen — schon, als der Mann noch ein Kind war —, und immer, wenn etwas nicht nach seinem Willen ging, sei er in Wut geraten. Es werde eine große Erleichterung sein, ihn los zu sein; der Mann werde sich wie ein neuer Mensch fühlen und nicht mehr so reizbar sein. Der Geist selbst sei sehr schwach und pflegebedürftig; er habe unablässig an dem Mann gezehrt, und nun, da ihm diese Kraftquelle genommen war, sei er kaum noch fähig zu gehen.
Der dritte Fall wiederholt im Grunde den zweiten — dieselbe Inhaltslosigkeit unter rauerer Schale. Fred Haupt war zu Lebzeiten keiner, der ein eigenes Verhältnis zu sich, zur Welt oder zum Jenseits ausgebildet hätte; sein Tod kam plötzlich, er bemerkte ihn nicht, und seither hatte er nichts, woran er sich in der jenseitigen Welt hätte orientieren können. Was ihn von Bergquist unterscheidet, ist allein der Grundton seiner Natur: nicht müde, sondern reizbar. Diese Reizbarkeit hat er ein Menschenleben lang in dem Mann mitvollzogen — von dessen Kindheit an, dreißig Jahre hindurch — und sie war es, die ihn zu jenem cholerischen, von aller Welt sich fortwünschenden Menschen werden ließ, der er bis zur Austreibung dieses Geistes war.
Es lohnt sich, einen Augenblick bei dem zu verweilen, was dieser Fall andeutet. Hier ist ein Mann, dessen ganzes Leben von einem einzigen unwissenden Verstorbenen geprägt war. Wie viele solcher Verstorbener mag es insgesamt geben? Und wie viele Lebende sind empfänglich genug, einem von ihnen unbemerkt Wohnung zu geben? Wer sich das vor Augen führt, ahnt, dass hier ein großer Teil dessen sichtbar wird, was wir gemeinhin der Reizbarkeit, der Erschöpfung und der Aggression unserer Zeit zuschreiben. Die Welt sieht anders aus, sobald man ernst nimmt, dass viele unserer Stimmungen vielleicht nicht unsere eigenen sind.
Daraus ergibt sich, was dieses Buch im Kern leisten will. Wicklands Sitzungen heilten einzelne. Was hier in Buchform vorliegt, ist die Wissensvermittlung, die — angenommen, sie würde Verbreitung finden — den Kreislauf an seiner Wurzel berühren könnte. Eine Welt, in der die Menschen wissend hinübergingen, wäre eine Welt mit weniger schlafenden, müden, anhaftenden Geistern im Jenseits — und damit eine Welt mit weniger belasteten, depressiven oder jähzornigen Menschen im Diesseits. Die Frau aus dem ersten Fall konnte sich aus der Drängung ihres Mannes, ihm in den Tod zu folgen, lösen, weil sie das Jenseits kannte. Die Kranke des zweiten Falls konnte gegen den schlafenden Bergquist nichts ausrichten, weil ihr keine Sprache dafür zur Verfügung stand. Der Mann des dritten Falls wurde von Fred Haupt ein Leben lang geprägt, ohne überhaupt zu wissen, dass er einen Untermieter beherbergte. Diesen Untermieter überhaupt erkennen zu können — das ist es, was die Sitzungsprotokolle uns reichen. Nicht als Glaubensbekenntnis. Als Werkzeug.
Bleibt zuletzt die Frage, worum es bei jenem geistigen Wissen eigentlich geht, dessen Fehlen sich in diesen drei Fällen zeigt. Es ist nicht das Auswendigwissen theologischer Sätze und nicht das Fürwahrhalten einer Lehre. Es ist ein Verstehen — ein immer tieferes Eindringen in das, was das Lebendige und die feinere Welt hinter ihm in Wahrheit sind. Solches Wissen wächst nicht durch Anhäufung, sondern durch Vertiefung; und je tiefer ein Mensch in dieses Wissen vordringt, desto lebendiger, reicher, voller wird sein Bewusstsein.
Genau das Gegenteil zeigen unsere drei Fälle. Wo geistiges Wissen jeder Art fehlt, erscheint der Verstorbene nicht etwa nur ungebildet, sondern leer: müde, gelangweilt, ohne eigenen Halt — bis zu jenem Zustand, in dem von Bewusstsein kaum noch zu reden ist und er nur noch von der Kraft eines Lebenden zehrt. Der eine war in falscher Richtung in Bewegung, die beiden anderen waren es gar nicht mehr; allen dreien aber fehlte, was ein Bewusstsein von innen her trägt und nährt.
Darin liegt die eigentliche Erkenntnis dieser drei Fälle. An ihrer Verarmung wird kenntlich, woraus das geistige Wesen lebt. Ein Geist ist nicht ein für allemal fertig; er ist so wach, so weit, so wirklich, wie tief sein Verstehen reicht. Wer auf Erden zu verstehen begonnen hat, trägt dieses Verstehen hinüber als Licht; wer es versäumt hat, steht drüben so unwissend, wie er gegangen ist. Das ist kein Urteil über den Glauben des Einzelnen, sondern eine Aussage über die Natur des Geistes selbst: Bewusstsein ist kein Besitz, sondern eine Bewegung des Eindringens, die nicht aufhört, solange das Wesen lebt.
Die kursiv gesetzten Einschübe stammen nicht von Wickland, sondern vom Herausgeber dieser Bearbeitung.