Kapitel 6 – Geister, Rauschgifte und Trunksucht

So unbarmherzig die Rauschgiftsucht ihre Opfer ein Leben lang in ihren Klauen hält – jenseits des Grabes entfaltet sie ihre Macht noch grausamer. Jede Sucht wurzelt tief in der Seele; und die Qualen erdgebundener Geister, deren verzehrendes Verlangen ohne Körper keine Befriedigung mehr findet, sind unbeschreiblich.
Solche Geister verschaffen sich häufig eine teilweise Stillung, indem sie vom Körper medial veranlagter Menschen Besitz ergreifen und sie zwingen, sich an den Genuss eines Rauschgifts zu gewöhnen. In unseren Sitzungen haben wir oft mit Geistern zu tun gehabt, die schwer unter den Folgen ihrer eigenen Sucht litten; und manche eindringliche Warnung haben wir aus dem Mund Abgeschiedener gehört, die selbst einmal Sklaven dieser Leidenschaft gewesen waren.
Minnie Morgan
Fünfundzwanzig Jahre war es her, dass wir, zur Zeit meines Anatomiestudiums in Chicago, unsere erste Sitzung mit Minnie Morgan gehabt hatten. Da stellte sich der Geist der Verstorbenen, die zu Lebzeiten Morphinistin gewesen war, wieder einmal bei uns ein und berichtete uns einiges über die Verhältnisse in der Erdsphäre und auf den höheren Ebenen der Geisterwelt.
Sitzung vom 26. Juli 1922 – Minnie Morgan
Sie sprach mit Dankbarkeit. Vor fünfundzwanzig Jahren, als ihr aufgegangen war, dass sie tot war, hatte sie ihren Frieden gefunden; jetzt kam sie, um zu erzählen, wie es ihr seither ergangen war.
Sie war in Chicago aufgewachsen, war hübsch und hatte es eilig. Sie sagte sich: „Man lebt nur einmal. Wenn die letzte Stunde kommt, kann man immer noch Buße tun.“ So ging sie ins Leben hinaus. Sie hatte ihre Liebhaber, führte ein flottes Leben und strebte nach einem oberflächlichen, fragwürdigen Glück – jedenfalls etwas, das sie dafür hielt. Ab und zu ging sie auch in die Kirche – sicherheitshalber – und spendete Geld. Damit, so glaubte sie, bediente sie beide Welten.
Dann kam das Morphium. Sie konnte nicht mehr genau sagen, wie das erste Mal gewesen war; nur, dass nach dem ersten kleinen Bisschen ein zweites hatte folgen müssen, und nach dem zweiten ein drittes. Bald habe der Tag nur noch um die nächste Spritze gekreist. Sie habe Geld gestohlen, um sich Morphium zu verschaffen. Sie sei zum körperlichen Wrack geworden und in diesem Zustand 1897 in Chicago gestorben.
Doch als Geist habe sie dasselbe verzehrende Verlangen weitergehabt, das den Körper aufgezehrt hatte. In jedem Nerv habe sie das Brennen gespürt, als wäre sie nie gestorben. Hätte ihr in jenem Moment einer Morphium gegeben, sie hätte ihre Seele dafür hingegeben.
Ihren Körper habe sie zurückgewollt. Sie habe ihn auf dem Tisch eines Präpariersaals wiedergefunden, von Männern in Mänteln umringt – fünf oder sechs Studenten der Anatomie, die mit Messern an ihm hantierten. Sie sei rasend geworden vor Wut über das Picken und Schneiden, das durch sie hindurchging, als wäre der Körper noch der ihre. Mit aller Kraft habe sie sich gegen die Quäler geworfen, und einen nach dem anderen habe sie vertrieben; diese hätten den Körper nicht wieder angerührt.
Nur einer der Studenten ließ sich nicht vertreiben. Wie sie auch tobte, wie sehr sie ihn zu erschrecken versuchte, er wich nicht von ihrer Seite und schnipselte weiter an ihrem Leib herum. Da habe sie ihm nach Hause folgen wollen, um ihn dort zur Rede zu stellen. So sei sie in die Aura meiner Frau geraten, und in einer Sitzung wenige Tage später musste sie zu ihrer Überraschung begreifen: dieser Student war kein gewöhnlicher Mann, sondern jemand, der mit den Toten sprach; und sie selbst war eine Tote.
Fünfundzwanzig Jahre später lebte sie nicht mehr in der dichtesten Erdsphäre, aber sie war auch noch nicht weit von ihr entfernt. Sie arbeite, sagte sie, in den Spelunken – dort, wo die Morphinisten ihre Tage und Nächte verbringen, gehe sie hin und versuche zu helfen. Sie könne diese Menschen verstehen, weil sie ihren Zustand selbst kannte. Wer auf Erden in solchem Elend nicht gewesen sei, könne sich keinen Begriff davon machen, was es heiße, Stunde um Stunde Stoff beschaffen zu müssen, um nicht zu zerspringen.
Ihren alten Namen trug sie nicht mehr; er hatte für sie etwas Schreckliches. Sie habe ihn in die tiefste Schande gebracht, und schon wenn sie ihn ausspreche, packe sie Entsetzen. Einen neuen Namen aber habe sie noch nicht. Den müsse sie sich erst verdienen, und nach fünfundzwanzig Jahren war sie damit noch nicht weit.
Eines wolle sie weitergeben, ehe sie ginge. Begierde gehöre zur Seele, nicht zum Körper. Der Körper sei nur das Kleid. Alles, was man im Erdenleben an Schwächen und Süchten angesammelt habe, gehe mit ins Grab und über das Grab hinaus. Was zu Lebzeiten nicht überwunden worden sei, müsse jenseits, ohne die abstumpfende Hilfe des Stoffes, in voller Klarheit ausgerungen werden. Das sei der eigentliche Inhalt dessen, was die Menschen Hölle nennen.
Hätte ihr damals nicht jemand erklärt, dass sie tot war und dass die alte Begierde keine Stillung mehr finden konnte, sie wäre noch immer eine erdgebundene Seele, in die Aura irgendeines empfindsamen Menschen geraten, und hätte ihn zum Morphinisten gemacht. Sie kannte den Weg: nicht in einem Sprung, sondern in kleinen Schritten – ein Bisschen Stoff, ein weiteres, eines mehr. Dass die Sensitiven, denen das geschieht, dafür meist verachtet werden, sei die zweite Härte nach der ersten.
Sie bat uns deshalb, mit den Süchtigen nicht hart zu sein. Verdammt sie nicht, sagte sie; sie haben oft keinen eigenen Willen mehr. Schickt ihnen gute Gedanken, betet für sie. Schickt ihnen nicht eure Verachtung – die zieht die anderen herbei, die schon dort sind.
Die Universalität der Beeinflussung
Wicklands Fälle zeigen den extremen Fall: Ein Mensch wird buchstäblich übernommen, redet mit fremder Stimme, trinkt für einen anderen und vergisst Stunden seines Tages. Diese Schilderung wirkt jedoch leicht wie ein Sonderfall – das passiere eben den „Sensitiven“, den „medial Veranlagten“, während die übrigen Menschen nicht betroffen seien. Genau diese Lesart ist jedoch ein grundlegendes Missverständnis. Die Mechanik, die in der manifesten Besessenheit so deutlich zutage tritt, ist kein Ausnahmezustand. Sie ist die Regel – nur in einer abgeschwächten Form, die sie für das Tagesbewusstsein unsichtbar macht.
Was die ältere Literatur als „Resonanz“ oder „seelische Verwandtschaft“ bezeichnet, lässt sich gut nachvollziehen. Jeder Mensch erzeugt durch seine gewohnheitsmäßigen Gedanken, seine Sehnsüchte, Ängste und Laster eine bestimmte seelische Grundverfassung – gewissermaßen einen ganz eigenen Ton. Dieser Ton ist nicht in seinem Innern isoliert, sondern strahlt nach außen. Er zieht an, was auf derselben Wellenlänge liegt, sei es in einem Mitmenschen oder als feinstofflicher Einfluss in seiner Nähe. Demnach ist das Denken keine Privatangelegenheit, sondern eine Kraft, die in den Raum wirkt. Wir leben unseren Alltag in einem ständigen Strom solcher Kräfte, den wir nur deshalb nicht bemerken, weil er unaufhörlich ist.
Daraus folgt, dass die scharfe Linie zwischen „Medium“ und „Nicht-Medium“, die Wickland im klinischen Befund benötigt, in Wahrheit nur eine Frage der Empfangsstärke ist. Empfang findet bei jedem statt – und jeder strahlt aus. Wer er ist, was er denkt und was er begehrt, entscheidet darüber, was er empfängt.
Elisabeth Noble
Am Tag nach jener Sitzung wurden wir aus einer Nachbarstadt angerufen und gebeten, uns auf einen morphiumsüchtigen Apotheker einzustellen, der offenbar besessen war. Der Geist einer Morphinistin wurde aus ihm gelöst und schließlich zu uns in die Sitzung gebracht – ein Wesen voller Qual, das sich vor Begierde nach Morphium wand und ungestüm um „nur ein Körnchen“ bettelte.
Sitzung vom 21. März 1923 – Elisabeth Noble
Sie kam fluchtartig herein, einen Husten in der Kehle, der nicht aufhören wollte; sie hielt sich an die Brust, klagte über ein schwaches Herz und verlangte, sofort und um jeden Preis, Morphium. Fünfzehn Körnchen. Auch zehn. Auch eins. Eine Spritze in den Arm sei ihr am liebsten – das habe Dr. Russell immer so gemacht.
Wer wir seien, kümmerte sie nicht. Wo sie sei, kümmerte sie nicht. Welches Jahr, welcher Präsident, welcher Ort – nichts kümmerte sie als das eine: Morphium. Sie schlug mit den gekrallten Fingern in die Luft, schrie auf, wand sich. Auf jede Aufklärung, sie habe ihren irdischen Körper längst verloren und sei jetzt ein Geist, antwortete sie mit einer neuen Bettelei um den Stoff.
Es brauchte Zeit, die einfachsten Auskünfte aus ihr herauszubekommen. Sie hieß Elisabeth – „Betty“, wie ihr Mann sie genannt hatte. Frank Noble. Sie waren aus El Paso in Texas. Methodistin sei sie gewesen, regelmäßig in der Kirche. Zweiundvierzig Jahre alt. Ihren Mann hatte sie seit endlos langer Zeit nicht mehr gesehen.
Bei dem Namen Frankie brach es aus ihr heraus. Sie rief ihn, mit schriller Stimme, immer wieder – als rufe sie ihn zur Essenszeit, wie sie sagte, „ein lieber kleiner Kerl“. Dann sah sie ihn vor sich: er solle ihr Morphium besorgen, wie er es immer getan habe; eine Spritze nur, dann werde sie ihn nie wieder darum bitten. Doch der Mann, der vor ihrem geistigen Auge stand, antwortete, er werde ihr nichts mehr geben. Daraufhin wurde sie fortgeführt, und ihr Mann nahm an ihrer Stelle vom Medium Besitz.
Er hatte, sagte er, lange auf diese Stunde hingearbeitet. Geduld habe er aufbringen müssen, seine Frau zu uns zu bringen, damit ihr geholfen werde. Was sie war, wie sie geworden war – das wollte er uns erklären, denn der Anfang war ein anderer gewesen, als ihr letztes Bild es ahnen ließ.
Elisabeth war einst, sagte er, ein sehr braves Mädchen gewesen. Nach einer Entbindung war sie schwer krank geworden, von heftigen Schmerzen geplagt; der Arzt verordnete ihr Morphium. Sehr bald wollte sie mehr davon haben, und immer mehr; schließlich packte sie eine ganz wahnsinnige Sucht. Sie spielte die Kranke, ungezählte Male, wenn sie eine Spritze haben wollte; sie trieb das Spiel, bis ihr selbst das Kranksein zur Leichtigkeit wurde. Die Anfälle, die sie hatte, waren furchtbar; nichts blieb der Familie, als den Arzt zu rufen, der ihr eine Dosis verschaffte. Dann war sie wieder eine Weile zufrieden, manchmal einen Monat – bis der nächste Anfall kam.
Gestorben war sie schließlich an einem Hustenanfall. Sie hatte eine Pille eingenommen und war auf irgendeine Weise daran erstickt. Diese Todesstunde, sagte er, habe sie heute Abend bei uns noch einmal durchlebt; der Husten, der sie zerriss, war der ihres Sterbens.
Frank Noble selbst war kein wohlhabender Mann gewesen. Eine Ausbildung hatte er nicht genossen; er hatte zugefasst, wo Arbeit war – in den Minen, in den Wäldern, als Zimmermann –, um sein Heim zu erhalten. Seine Mutter war Medium gewesen; von ihr hatte er gewusst, dass es eine Geisterwelt gab. Elisabeth, die Methodistin, hatte das nie geglaubt und ihm gedroht, er werde dafür in die Hölle kommen.
Nach seinem Tod – er war vor seiner Frau gegangen – hatte er lange nach ihr gesucht. Wenn er sich ihr näherte, rannte sie fort und schrie nach Morphium; manchmal verlor er sie ganz aus den Augen. Mitunter geriet sie in andere Personen hinein – so wie zuletzt in den Apotheker, aus dem sie hatte gelöst werden müssen. Er fand sie immer wieder, aber sie fürchtete sich vor ihm. Heute Abend war es ihm endlich gelungen, sie an einen Ort zu bringen, an dem ihr geholfen werden konnte.
Er dankte uns für die Hilfe. Im Krankenhaus hatte man sie damals durch eine Spritze zum Einschlafen gebracht; nun werde niemand sie mehr belästigen, und sie würden zusammen bleiben.
Die Camouflage
Die alltägliche Beeinflussung verbirgt sich gerade deshalb so gut, weil sie nicht wie ein Einbruch wirkt. Wenn ein erdgebundener Geist ähnlicher seelischer Verfassung in die Aura eines Lebenden gerät, projiziert er sein Verlangen – nach Stoff, nach Zorn, nach Eifersucht, nach Trauer – nicht als aufdringliche Stimme. Er schickt es als Verstärkung in die schon vorhandene Vorstellungswelt des Lebenden hinein, dorthin, wo eine entsprechende latente Neigung ohnehin schwingt. Das Tagesbewusstsein nimmt keinen Eindringling wahr, sondern nur eine plötzliche Intensivierung der eigenen Sucht oder Stimmung. Wer in jener Stunde zur Flasche, zur Beleidigung greift oder in Selbstmitleid versinkt, wird beschwören, er habe es aus eigenem freien Willen getan. Subjektiv ist er davon überzeugt, objektiv hat er jedoch eine fremde Schwingung mitvollzogen, die sich in seine eigene eingeklinkt hat.
Dieser Befund verändert die Definition von „freiem Willen“. Nicht, dass der Mensch keinen freien Willen hätte, sondern dass er ihn weit weniger ausübt, als er meint. Er wählt seine seelischen Frequenzen zwar selbst, unterschätzt aber die unbewusste Resonanz: Was er einmal aussendet, zieht automatisch fremde Kräfte an, die ihn in seiner Richtung unfreiwillig verstärken.
Wallace R.
An einem Abend im Oktober 1923 trat ein wiederkehrender Gast in unseren Zirkel ein – Olive T., die sich schon mehrfach in unseren Sitzungen kundgegeben hatte. Sie sprach vom Glück der Liebtätigkeit und mahnte vor allem, alle zu warnen, die den Versuchungen des gesellschaftlichen Lebens und den Aufregungen der Filmwelt ausgesetzt seien, vor dem Genuss von Rauschmitteln. Dann fragte sie, ob sie uns einen Geist bringen dürfe, der in großer Not sei und aufgeweckt werden müsse.
Sitzung vom 9. Oktober 1923 – Wallace R.
Der Geist, den sie brachte, schien in einer Art Halbschlaf befangen. Er nahm vom Medium Besitz und brach vor Schwäche zusammen; angesprochen, wurde er erregt, machte verzweifelte Abwehrgebärden, als ringe er noch mit heftigen Schmerzen und mit dem Tode. Es dauerte eine Weile, bis er sich beruhigen ließ.
Auf Fragen antwortete er nur mit schwacher Stimme. Sein Name: Wally. Wally R. Mehr ließ sich aus ihm zunächst kaum herausholen. Auf jede Erklärung, er sei längst aus seinem irdischen Körper getreten und benutze jetzt einen fremden, antwortete er flüsternd, er sei krank. Er sehe Menschen, die gestorben seien; ja, sehr viele. Wir mussten ihm erklären: die, die er sehe, seien keine Toten, sondern Geister – wie er selbst. Auch er habe seinen Körper bereits abgelegt, sei aber nach seinem Tod nicht wirklich erwacht und wisse noch nicht recht, was geschehen sei.
Er war nicht zu vollem Bewusstsein zu bringen. Bald wurde er wieder fortgebracht.
An seiner Stelle trat einer der führenden Geister dieser Gruppe in das Medium und gab uns Auskunft über den jungen Mann. Er sei zu erschöpft gewesen, um wach zu werden; man habe ihn nur hergebracht, um ihn nun in der Geisterwelt in die Obhut nehmen zu können. Olive T. und andere widmen sich dort gerade jenen besonders Unglücklichen, die der Morphiumsucht verfallen sind. Viele Menschen, die für „morphiumsüchtig“ gelten, seien es nicht eigentlich – sie würden nur von morphiumsüchtigen Geistern dahin beeinflusst, die in ihrer Aura säßen.
Nach dem irdischen Tod war seine Seele wegen der Wirkung des Betäubungsmittels in eine Art Schlaf gefallen. In diesem Dämmerzustand sei er über die Erdebene gewandert, habe sein Heim und seine Familie gesucht und nicht verstanden, wo er war. Er habe geglaubt, sich verlaufen zu haben. Seine Frau habe ihm beizustehen versucht, soweit sie es konnte; aber er war zu schwach, ihre Hilfe anzunehmen. Nun würden helfende Geister sich seiner annehmen.
Eine Woche später kehrte Wallace zurück, einigermaßen gekräftigt.
Sitzung vom 17. Oktober 1923 – Wallace R.
Er war noch schwach, aber er konnte reden. Voriges Mal habe er wenig begriffen, sagte er; er sei im Dunkeln gewesen, müsse seine irdische Leidenschaft, die seiner Seele noch anhinge, erst überwinden lernen. Er bat um Kraft. Er habe sich nie ernstlich klargemacht, was es heißt, jenseits weiterzuleben; er habe in den Tag hineingelebt, ein richtiges Weltleben.
In der Zeit seiner Krankheit hatten wir uns gedanklich auf ihn eingestellt, weil wir Besessenheit vermutet hatten. Er habe diesen Krafteinfluss damals gespürt, eine Hilfe, die ihn zu sich selbst zurückführen wollte; aber er sei zu schwach gewesen, sie in Taten umzusetzen. Auf Erden hatte er versucht, sich zu entwöhnen. Es gab kein Mittel, das ihm hätte helfen können, als der Versuch einer Entwöhnung; das war seine einzige Hoffnung. Er war so elend und hilflos gewesen, dass sein Bewusstsein nicht immer Herr im eigenen Hause war: viele Geister hatten sich durch ihn kundgegeben, ohne dass er es zu wehren vermochte. Niemand in seiner Umgebung hatte verstanden, was eigentlich mit ihm geschah.
Nach dem Tod sei er noch tiefer in seine Sucht hineingerutscht. Die Menschen, sagte er, glaubten, mit ihrem Sterben würden auch die Begierden enden. Bei ihm war es umgekehrt gewesen. Als sein Körper fort war und seine Frau ihm im Kampf nicht mehr beistehen konnte, war er ganz hilflos gewesen. Sie war eine liebe, edle Seele und hatte ihm treu zur Seite gestanden; aber die Kraft, von der Sucht loszukommen, hatte sie ihm nicht geben können.
Dann war er in eine Art Schlaf gefallen. Erwacht, hatte ihn ein Verlangen nach Frau und Kindern überfallen und gleichzeitig nach dem Stoff, dessen Begierde nicht aufhörte. Er hatte furchtbar gelitten, immer wieder versucht, Hilfe zu finden, und nicht gewusst wohin. Erst durch das gedankliche Einstellen, das wir auf ihn richteten, war er allmählich zu Kräften gekommen.
Er wolle vor allem die warnen, die mit Rauschmitteln spielten. Anfangs sähen sie es als Spaß; was sie dann zu erleiden hätten, sei nicht zu beschreiben. Auch die Seele brenne vor Begierde. Wer hier auf Erden schon leide, leide nach dem Tod noch grausamer; dann brenne die Seele lichterloh.
Viele kehrten an den Schauplatz ihres Erdenlebens zurück und versuchten, sich Morphium zu verschaffen – Tropfen für Tropfen, durch andere hindurch. Er selbst, sagte er, habe oft genug gewusst, dass er es eigentlich nicht haben wollte; aber hinter ihm habe eine zwingende Macht gestanden, die ihn nicht losließ. Wenn die Welt nur Bescheid wüsste.
Seine Frau, sagte er noch, sei eifrig dabei, andere vor dem Schicksal zu warnen, das ihn ereilt habe – vor einem Tod wie dem seinen. (Nach Wallace R.s Tod spielte seine Frau die Hauptrolle in einem Film, der die schrecklichen Folgen der Rauschgiftsucht eindringlich zur Anschauung brachte.)
Jetzt befinde er sich in einer Schule, einer Heilanstalt, wo er lernen müsse, seiner Sucht Herr zu werden. Er werde eifrig lernen. Die Menschen meinten, mit dem Tod fänden auch ihre Nöte ein Ende; dabei sei das erst der Anfang eines wirklichen Lebens, und alle Begierden seien voll lebendig in einem, weil sie zur Seele gehörten, nicht zum Körper. Der Körper sei nur das Kleid.
Er dankte und nahm Abschied. Ehe er ginge, bat er, seiner Frau seinen Gruß zu bestellen; sobald er kräftiger sei, wolle er sich ihr selber fühlbar machen.
Das Mitgenießen
Der entkörperte Süchtige hat einen besonderen Ansporn, dem Lebenden zur Hand zu gehen. Er kann den Stoff nicht mehr selbst aufnehmen, da er keinen irdischen Körper mehr hat. Was ihm bleibt, sind die feinen Erregungen, die der Körper des Trinkers oder Süchtigen beim Konsum freisetzt: die nervöse Wärme, der Rausch, die euphorische Ausbreitung. An diesen Strömen partizipiert er, indem er sich in der Aura des Lebenden aufhält. Das ist sein eigentlicher Beweggrund. Er facht das Verlangen an, der Lebende vollzieht den Akt, und der Geist nährt sich am Erlebnis.
Die spiritistische Literatur des frühen 20. Jahrhunderts hat diese Konstellation aus der Innensicht beschrieben und Bilder davon gezeichnet, die schwer auszuhalten sind. Sie zeigt Orte des körperlichen Übermaßes – Bars, Vergnügungsstätten, Spielhallen, Schlachthöfe – als Plätze, an denen sich Scharen entkörperter Wesen drängen, die an den Ausdünstungen, an den Erregungen, am Blut der Lebenden. Wer dort einkehrt, kehrt selten allein wieder
All diese Beschreibungen ergeben ein Bild, das bestimmte klinische Erfahrungen – die zwanghafte Steigerung des Konsums, die Sogwirkung bestimmter Orte und die scheinbar selbsttätige Verstärkung der Abhängigkeit – widerspruchsfreier abbildet als die rein neurobiologische Lesart.
Paul Hopkins
Manche Trinker, die ihren Körper verloren haben und ihre Sucht auf dem gewöhnlichen Weg nicht mehr stillen können, heften sich an Lebende und bringen sie dazu, für sie zu trinken. Fälle dieser Art sind uns mehrfach begegnet. Der jüngste war eine Frau V., die seit längerem zeitweilig dem Trunk verfiel. Vergebliche Versuche, dieser Neigung Herr zu werden, lagen hinter ihr.
Eines Abends, nach einem erneuten gescheiterten Versuch, kam sie zu uns – noch unter der Wirkung des Alkohols – und bat um eine Behandlung. Nach ihrem Weggang hielten wir eine Sitzung ab, und der Geist eines Trinkers, den die elektrische Behandlung aus ihr getrieben hatte, nahm vom Medium Besitz.
Sitzung vom 4. April 1923 – Paul Hopkins
Er kam zornig herein, fluchend über die Hitze, die ihn überfallen habe – warum man ihn fortgejagt habe, gerade als er endlich wieder einmal etwas zu trinken bekam und es ihm wohlgewesen wäre. Er brannte, er verdurste, er wolle Whisky. Sofort. Nur ein paar Tropfen.
Das Feuer, von dem er sprach, war die elektrische Behandlung gewesen. Sie hatte ihn aus Frau V. vertrieben; er habe es noch nie erlebt, sagte er, und dachte, es sei die allerneueste Erfindung – als säße er in einem Ofen.
Er war nicht leicht zur Vernunft zu bringen. Alles, was er begriff, war sein Durst. Wir mussten ihn aufklären: dieser Körper, in dem er saß, gehöre ihm nicht – er gehöre meiner Frau. Sein eigener sei ihm längst abhandengekommen. Er sei ein Geist und für uns unsichtbar. Er werde es nicht glauben; ein großer Kerl wie er, ob wir ihn denn wirklich nicht sehen könnten? Vielleicht hätten wir auch zu trinken gehabt. Im Übrigen, wenn wir ihm Whisky gäben, wolle er uns in seinem Testament bedenken.
Dass er einer Frau das Leben vergällt habe, leugnete er trotzig. Er habe ja selbst getrunken; keine Dame habe etwas davon abbekommen. Erst nach längerem Hin und Her gestand er ein, dass er die „dicke, fette Frau“ kannte – sie sei recht gutmütig gewesen und habe jederzeit bereitgehalten, ihn zu bewirten; sie hatte Geld, er nicht mehr. Sie verstanden sich gut, fand er; sie hätten herrliche Tage zusammen gehabt.
Wir hielten ihm vor, dass er dieser Frau das Leben zerstört habe. Wir fragten, ob es ihm wohl gefiele, seine eigene Mutter so umringt von Trinkergeistern zu sehen, ihr Leben so vergällt. Das halte er für ausgeschlossen; seine Mutter sei gescheiter gewesen. Die war übrigens längst tot. Sie habe ihn Paul gerufen.
Wir bekamen weiter aus ihm heraus: Paul Hopkins, geboren in Yuma im Territorium Arizona, Sohn eines John Hopkins. Welchen Präsidenten Amerika habe, wisse er nicht – Lincoln? Nein, der sei vor langer Zeit gewesen. Cleveland? McKinley? Auch das sei weit zurück. Den Namen Wilson hatte er nie gehört. Vom großen Krieg in Europa wusste er nichts; und falls die Menschen einander gegenseitig totschlügen, sei das ihre Sache. Was ihn anginge, sei Whisky.
In Los Angeles war er früher gewesen, sagte er; nette Trinkstuben in der Hauptstraße, zwischen der zweiten und dritten Querstraße. Es habe sie sicher noch heute. Wir mussten ihn aufklären, dass diese längst geschlossen seien.
Dann sah er einen Geist neben sich treten. Er wollte aufstehen, sah hin – eine nette Dame, die ihn beruhige. Vielleicht sei das deine Mutter, sagten wir. Nein, die war eine alte Frau gewesen. Doch diese Dame sage, sie kenne seine Mutter; sie sei eine Krankenpflegerin. Wenn er vernünftig sei, dürfe er sich ins Bett legen und ausruhen. Das wollte er, müde wie er war. Würde es dort denn auch Whisky geben, wollte er wissen. Nein. Gut, sagte er, dann sei es ihm auch gleich; ein Heim habe er ohnehin nicht mehr.
Er rief nach seiner Mutter, und es brach aus ihm heraus. Sie war da. Er fragte sie, ob sie ihm verzeihen wolle – kein guter Mensch sei er gewesen, nie wieder werde er trinken. Sie wolle ihm helfen, sagte sie. Er folgte ihr.
Einige Tage später berichtete ein Freund, mit Frau V. sei eine merkliche Besserung eingetreten – ein weiteres Verlangen nach Alkohol habe sich nicht mehr gezeigt. Frau V. selbst bestätigte diese Wandlung und sprach uns ihren Dank aus.
Warum die Willenskraft scheitert
Aus dieser Mechanik folgt, was die Suchttherapie als Praxis längst kennt, aber nicht erklärt: Der frontale Kampf gegen das Laster gelingt fast nie. Zwei Gründe sind dafür anzuführen, und beide ergeben sich aus der vorhin beschriebenen Lage.
Der erste ist die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Was Aufmerksamkeit erhält, wird genährt. Wer Tag um Tag gegen das Trinken kämpft, denkt unausgesetzt daran. Die Spur, die das Verlangen im Inneren eingegraben hat, wird durch das Dagegen-Denken weiter vertieft und stabilisiert sich, statt zu verblassen. Es ist eine Eigentümlichkeit seelischer Kräfte, dass sie sich am Widerstand stärken wie am Zustimmen.
Der zweite Grund ist die Begleitung. Die mit dem Süchtigen verbundenen Wesen verlieren durch den Stoff ihr eigenes Mitgenießen und geraten selbst in einen Entzugszustand. Sie reagieren wie alles, was hungert: Sie drängen, sie quälen, sie überfluten ihn mit Reizbarkeit, Depressionen, Panik und dem ganzen Repertoire der inneren Folter, das einen Rückfall erzwingen kann. Der vermeintlich allein kämpfende Süchtige kämpft in Wahrheit gegen ein eingespieltes Kollektiv, das im selben Maße leidet wie er und das die Mittel hat, sein Inneres so umzustellen, dass das Aufhören unerträglich wird. Wer das nicht weiß, hält das eigene Versagen für eine Charakterschwäche. In Wahrheit verliert er einen Kampf, den er als Einzelner nicht gewinnen kann.
Was hilft, ist nicht ein stärkeres Niederkämpfen, sondern eine andere Bewegung. Im Grunde kennen wir das Bild: das menschliche Innere als ein Haus mit drei Stockwerken.
Das Untergeschoss steht für die evolutionäre Vergangenheit: die alten Triebe, die automatischen Gewohnheiten, die körperlichen Begierden, die Süchte, die Ängste, das Dumpfe. Was hier wohnt, stammt aus früheren Stufen des Daseins und ist eingegraben. Das Erdgeschoss ist das Tagesbewusstsein, der gegenwärtige Wille, der gewöhnliche Verstand – das, was wir „den Menschen, wie er ist“ nennen, wenn er funktionsfähig im Alltag steht. Das Dachgeschoss ist das, was über den Alltag hinausweist: die höheren Anliegen, das Suchen nach Sinn, die Hingabe an etwas, das größer ist als das eigene Ich, die Verbindung mit dem, was nicht stirbt.
Wer im Untergeschoss bleibt und dort gegen die Triebe kämpft, kämpft aus nächster Nähe und verliert, denn der Trieb ist auf seinem eigenen Boden zu stark. Wer dagegen die Treppe nach oben nimmt, wer seine Aufmerksamkeit auf Anliegen verlegt, die größer sind als das eigene Verlangen, auf Aufgaben, die andere brauchen, auf Bewegungen, die das eigene Ich übersteigen, bei dem versiegen die Kanäle des Lasters mangels Zufuhr. Die Verbindung zu den entkörperten Mitleidenden trocknet aus, weil sie nicht mehr beheizt wird. Die tätige Zuwendung zu anderen ist dabei keine moralische Empfehlung, sondern die einfachste Beschreibung des Vorgangs, durch den der Süchtige aus der Verstrickung herauskommt. Ein positiv besetztes Inneres – mit einem Werk, einer Sorge für andere oder einer Aufgabe, die das eigene Maß übersteigt – hat für das alte Verlangen keine Resonanzfläche mehr. Was die klassische Suchttherapie oft nur als Begleitmaßnahme am Rande erwähnt, ist in Wahrheit das eigentlich Wirksame.
Hier zeigt sich die tiefere Wahrheit jenes Prinzips, das Viktor Frankl für die Psychotherapie formuliert hat: „Menschsein heißt immer: Über-sich-selber-hinausweisen, Auf-etwas-ausgerichtet-sein – auf eine Aufgabe, die es zu erfüllen gilt, oder auf einen Partner, den es zu lieben gilt.“ Wo dieses Hinausweisen gelingt, verliert die Sucht ihre Macht, denn laut Frankl gilt: „Nur in dem Maße, in dem der Mensch Sinn verwirklicht, verwirklicht er auch sich selbst.“
Wo die psychisch Kranken wohnen
Hier liegt zugleich ein Schlüssel zum Verständnis dessen, was die Psychiatrie heute pauschal als „seelische Erkrankung“ zusammenfasst. Wer schwer depressiv, ängstlich, zwanghaft oder psychotisch erkrankt ist, hält sich in dieser Topographie meistens im Untergeschoss auf und kommt von dort nicht weg. Die ängstliche Fixierung auf den eigenen Körper, das endlose Kreisen um Symptome, Empfindungen, befürchtete Krankheiten, die Reduktion des Daseins auf körperliche Belange und unmittelbare Sorgen, das pausenlose Beobachten der eigenen Innenzustände, das Dumpfe, das Bedrückte, das Geängstigte – das ist die Bewohnungsweise des Kellers. Ins Erdgeschoss kommen diese Menschen nur selten und nicht für lange; es sind die Stunden, in denen sie als „normal“ gelten und das Leben mitvollziehen, wie andere es leben. Ins Dachgeschoss kommen sie fast nie. Die höheren Anliegen, die ihren Zustand auflösen würden – das Werk an anderen, der Blick nach oben, das Vergessen der eigenen Innenwelt zugunsten eines größeren Anliegens – sind ihnen so fern, dass der bloße Hinweis darauf wie Hohn klingen muss.
Die Diagnose nennt die Symptome dieses Bewohnungsmusters – Depression, Angststörung, Zwang und dissoziative Phänomene – und behandelt sie im Erdgeschoss mit Medikamenten und Gesprächstherapien. Der Keller wird damit ein wenig erträglicher gemacht, aber nicht verlassen. Solange der Patient nicht den Weg nach oben findet, bleibt er, wo er ist, und die Wesen, die in seinem Keller mitwohnen, bleiben mit ihm. Heilung im strengen Sinn – und nicht bloße Symptomdämpfung – beginnt erst dort, wo dieser Weg geöffnet wird. Das ist keine Frage des Glaubens, sondern eine Frage des Stockwerks.
Wachsamkeit
Was sich daraus für jeden ergibt, der mit niemandem aus Wicklands Fällen verwandt ist und sich auch sonst nicht klinisch krank fühlt, ist eine kleine, aber stetige Forderung: Wachsamkeit. Die Grenze zwischen dem eigenen Ich und der seelischen Umgebung ist fließend. Niemand denkt oder handelt in einem Vakuum. Die Mitleser unserer Stimmung – die ungesehenen Begleiter, die wir durch unsere Gedanken und Wünsche anziehen – haben wir durch unsere eigene Frequenz selbst ausgewählt. Wachsamkeit ist deshalb keine fromme Mahnung, sondern die nüchterne Empfehlung, die Qualität der eigenen Gedanken und Empfindungen zu prüfen. Eine seelische Schwingung, die über den niederen Begierden steht, entzieht den entkörperten Mitbewohnern die Brücke, die sie zum Mitgenießen brauchen. Es ist die einzige wirksame Hygiene in dieser Sache. So enthüllt sich hier die zeitlose Tiefe des alten Gebots: „Wache und bete“.
Und das wahre Gebet ist kein geistloses Wiederholen eingelernter Texte, sondern ein Unterstützen des Nächsten im Aufblick zum Licht.
Die kursiv gesetzten Einschübe stammen nicht von Wickland, sondern vom Herausgeber dieser Bearbeitung.