Kapitel 12 – Christliche Wissenschaft

Beherrscht eine einzige feststehende Lehrmeinung das ganze Vorstellungsleben eines Menschen, dann macht sie jedes weitere Wachsen unmöglich und lässt den Geist nicht mehr vorankommen. Das haben uns Geister bestätigt, die im Erdenleben strenge Anhänger der Christlichen Wissenschaft gewesen waren, fest überzeugt, dass es Materie in Wirklichkeit gar nicht gebe. Sie haben uns auch erzählt, wie schwer es ihnen drüben gefallen ist, sich von diesen falschen Vorstellungen wieder zu lösen.
Mary Baker Eddy
Frau Eddy hat in unserem Zirkel mehrmals gesprochen und dabei aus ihrem eigenen Leben berichtet. Aus diesen Berichten lässt sich ihr Weg zusammenfassen.
Schon als Kind war sie medial veranlagt und besessen; viele Jahre hindurch hatte sie eigentümliche Anfälle, und niemand wusste, was ihr fehlte. Erzogen in enger Rechtgläubigkeit, wandte sie sich später dem Spiritismus zu, blieb ihm einige Jahre, kam damit aber nicht weit und wurde schließlich regelrecht besessen. Geheilt hat sie Dr. Quimby: er trieb die Geister aus, lehrte sie Selbsterkenntnis und unterrichtete sie auch über den Geisterverkehr — darauf aber hörte sie nicht.
Eigenes Wissen brachte sie kaum mit. Nach Quimbys Tod nahm sie dessen Lehren auf und gab sie als ihre eigenen aus. Dazu kamen Bruchstücke aus ihren eigenen medialen Schauungen — darunter eine, in der sie sah, wie Verstorbene angewiesen wurden, ihre Vorstellungen von Materie und Körper abzulegen. Diese Weisung, die der jenseitigen Welt galt, nahm sie für eine Lehre an die Erde. Ihr Buch „Wissenschaft und Gesundheit“ entstand auf medialem Wege und war nicht ihrem eigenen Kopf entsprungen.
Daraus baute sie eine eigene Lehre: es gebe keine Materie, der Geist habe den Körper zu beherrschen. Getrieben von dem Wunsch, eine Persönlichkeit zu sein, zu der man aufschaut, gründete sie eine eigene Kirche. Sie hatte sich gewünscht, an ihrem Geburtstag sollten im ganzen Land die Kirchenglocken läuten, und noch zu Lebzeiten ging der Wunsch in Erfüllung. Ihre Kirche breitete sich über die Vereinigten Staaten aus und gewann zahllose Anhänger; ihnen verbot sie, etwas anderes zu lesen als die Bücher der Christlichen Wissenschaft.
In ihrer letzten Lebenszeit war sie kaum noch sie selbst. Sie verlor die Führung über sich; ein fremder Geist drängte sich hinein, sodass sie zuletzt wieder besessen war — ihre Anhänger ahnten nichts davon. Gestorben ist sie wie jeder Mensch.
Drüben kommen ihre Anhänger nun einer nach dem anderen an, ohne Verständnis, und hängen sich an sie. Legt sie ihnen die Wahrheit dar, so glauben sie ihr nicht: für sie ist diese Frau gar nicht die wahre Frau Eddy, denn die hatte etwas anderes gelehrt — und sie wenden sich ab. So hatte sie ihnen den Weg versperrt und kann ihn nun nicht mehr leicht öffnen. Sie hat die Vielen, die ihr gefolgt sind, in die Irre geführt und müht sich jetzt, sie zurückzubringen; und sie kommt selbst nicht weiter, bis ihr das gelungen ist.
Die Ursprünge der Christlichen Wissenschaft liegen in einer persönlichen Erfahrung von Mary Baker Eddy aus dem Jahr 1866: Nach Jahren chronischer Krankheit erlebte sie infolge eines Sturzes eine plötzliche Genesung, als sie einen biblischen Heilungsbericht las. Daraus entwickelte sie die Überzeugung, dass Heilung nicht durch Medizin, sondern ausschließlich durch das Begreifen göttlicher Prinzipien geschieht.
Ihre 1875 schriftlich festgehaltene Kernlehre beruht auf der radikalen Annahme, dass die physische Realität – und damit auch Krankheit, Schmerz oder Tod – eine reine Illusion ist. Die einzige Wahrheit sei der göttliche Geist. Wer krank wird, leidet demnach an einem „mentalen Irrtum“, der nicht medizinisch, sondern durch die spirituelle Erkenntnis dieser Täuschung durch das Gebet korrigiert werden muss. Historisch führte das dazu, dass Anhänger medizinische Hilfe strikt ablehnten, da der Gang zum Arzt die physische Illusion der Krankheit anerkennt und so die geistige Heilung blockiert.
Da die vollständige Verleugnung der materiellen Welt im Alltag jedoch unmöglich ist, räumte Eddy ein, dass sich die Menschheit in einem Übergangsstadium befinde. Bis das vollkommene spirituelle Bewusstsein erreicht sei, müsse man sich den Regeln dieses „kollektiven Traums“ – wie der Schwerkraft oder dem Bedürfnis zu essen und zu schlafen – noch beugen.
Ausblick: Verwässerung der Lehre
Betrachtet man die heutige Praxis der Bewegung, zeigt sich eine deutliche Diskrepanz: Die theologische Grundidee von der Nichtigkeit der Materie ist zwar unangetastet geblieben, ihre praktische Anwendung wurde im Laufe der Zeit jedoch stark verdünnt. Längst werden pragmatische Ausnahmen gemacht; Besuche beim Zahnarzt, beim Geburtshelfer oder das Richten von Knochenbrüchen durch Chirurgen werden toleriert. Der früher enorme soziale Druck ist einer weicheren Haltung gewichen, bei der die Kirche betont, die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe sei letztlich eine individuelle Entscheidung der Mitglieder.
Auch wenn diese Aufweichung der Lehre aus streng dogmatischer Sicht inkonsequent erscheinen mag, lässt sie sich im Hinblick auf das physische Wohl der Betroffenen im Grunde nur als Segen bezeichnen.
Hier zeigt sich ein Problem, an dem nicht nur die Anhänger dieser Gemeinschaft leiden: die Verleugnung der Naturgesetze. Dabei sollte es jedem denkenden und gläubigen Menschen doch klar sein: Auch die irdischen Naturgesetze sind Teil der Schöpfung – und können genauso wenig wie die geistigen Gesetze ignoriert oder missachtet werden, ohne dass der Betreffende Schaden nimmt.
Frau Baker müht sich, wie wir gesehen haben, drüben um die Anhänger, die sie an ihre Lehre – und damit an sich selbst – gebunden hat; sie versucht, ihren Irrtum gutzumachen. Das Erschreckende daran, von ihrer Warte aus gesehen, ist dies: Der Irrtum hörte mit ihrem Tod nicht auf. Er wuchs. Und die große Zahl ihrer Anhänger glaubt ihr nun nicht mehr.
Der Grund liegt in ihrer eigenen Lehre. Sie hatte die Menschen gelehrt, es gebe keine Geisterwelt wahrzunehmen und kein Fortleben, mit dem man sprechen könne – nur das eigene Selbst und das Unendliche. Was sie ihnen jetzt sagt, widerspricht allem, was Frau Baker zu Lebzeiten verkündet hat, und so erkennen gerade ihre treuesten Anhänger sie nicht wieder. Die Lehre, mit der sie die Menschen an sich band, ist dieselbe, die sie ihnen jetzt unkenntlich macht.
Herr H.M.
Ein Anhänger dieser Lehre war ein Freund von uns — ein gründlicher Kenner der Christlichen Wissenschaft, der zugleich auf dem Gebiet der Geisterkundgebungen geforscht hatte. Schon bald nach seinem Tod wurde er in eine unserer Sitzungen gebracht und im Körper meiner Frau wach gerufen.
Herr H.M. war lange krank gewesen und hatte vor seinem Tod schwer gelitten. Seine Torheit, wie er sie jetzt selbst beim Namen nannte, war es gewesen, sich allzu lange selbst kurieren zu wollen. Die Christliche Wissenschaft lehrt, der Mensch solle die Materie überwinden — und genau daran hatte er sich gehalten. Mit dem bloßen Willen aber lässt sich die Materie nicht regieren. Solange ein Mensch in seinem irdischen Leib lebt, braucht dieser Leib die Stoffe und Kräfte, aus denen er besteht; bekommt er sie nicht in der Nahrung, muss man sie ihm als Arznei zuführen.
Genau das hatte H.M. unterlassen. Er hatte seinem Körper die wichtigsten Grundstoffe vorenthalten; seine Organe verkümmerten, schrumpften und stellten nach und nach ihre Arbeit ein. Statt sich von einem Arzt helfen zu lassen, hatte er sich abgemüht, die erlahmenden Organe allein mit dem Willen wieder in Gang zu bringen. Es war, wie ihm jetzt aufging, als weigere sich einer, ein Loch in seinem Rock flicken zu lassen, mit der bloßen Behauptung, sein Rock könne ja gar keine Löcher bekommen.
Das Bittere lag für ihn darin, dass er es besser gewusst hatte. Schon zehn Jahre vor seinem Tod war ihm klar gewesen, dass er für seine versagenden Organe etwas tun müsse. Seine Anzüge hatte er gut in Acht genommen; auf seinen Körper hatte er kaum halb so viel Sorgfalt verwendet. Hätte er es umgekehrt gehalten, er lebte wohl noch. So aber war er an einer Lehre gestorben, die ihm den Blick auf das Einfachste verstellt hatte.
Sein Erwachen drüben verdankte er dem kleinen Silberstern, dem Indianermädchen, das dem Medium zur Seite steht. Weil er seines schweren Leidens wegen mit Morphium betäubt gewesen war, war er tief eingeschlafen in den Tod hinübergegangen und hätte sonst wohl noch lange weitergeschlafen. Silberstern rief ihn beim Namen und brachte ihn in eine Sitzung. Dort, im Körper der Frau Wickland, hielt er sich zunächst für einen Genesenden: ohne Schmerz, leicht und kräftig, kam ihm gleich der Gedanke, nun könne er sein Buch zu Ende schreiben. Erst als Wickland ihn schonend darauf hinwies, dass er eine Woche zuvor seinen Leib verlassen hatte, begriff er, dass er gestorben war.
Was er auf dem Rückweg zur Erde zu sehen bekam, hat ihn am tiefsten erschüttert. Geführt von Verwandten durcheilte er Zustände, für die ihm die Worte fehlten — die Sphäre der erdgebundenen Geister. Selbstsüchtige und eifersüchtige Wesen, ein jedes im Aussehen so, wie seine Gesinnung war, krochen dort übereinander wie ein Haufen aufgestörter Würmer. Und als er wieder auf die feste Erde kam und die Menschen ihrem geschäftigen Leben nachgehen sah, hing fast an jedem eines dieser übelgesinnten Wesen. Sie saßen an den Lebenden wie Muscheln an einer Schiffswand: schabt man einige ab, setzen sich neue an.
In einer späteren Sitzung kam er noch einmal auf dasselbe zurück. Die Christlichen Wissenschafter tadeln die Ärzte — Männer, die seit Jahrhunderten ihr Leben dem Studium des menschlichen Körpers widmen. Hätte er einen von ihnen zu Rate gezogen, einen, der die Körperkunde wirklich versteht, es wäre ihm besser ergangen. Jede Lehre, so sah er es nun, hat etwas Gutes; man solle sich das zu eigen machen und das Übrige beiseitelassen, statt sich in eine einzige Idee zu verrennen, bis man über ihr den Grundgedanken des Schöpfers selbst vergisst.
Diese Beschreibung spricht für sich. Wer seinen Körper durch diese Lehre auf ähnliche Weise geschädigt hat, wird ein ähnliches Schicksal erlitten haben. Wer aber im Namen seines Glaubens die ihm Anvertrauten auf diesen Weg gezwungen hat, trägt dafür die volle Verantwortung — und ebenso dafür, dass alles, was jenen dadurch an Möglichkeiten, an Segen und an Entwicklung entgangen ist, einmal nachgeholt werden muss. So reihen sich Millionen wie Kettenglieder an eine Idee, die jemand ohne jegliches Wissen gefasst hatte, allein aus dem Wunsch, eine eigene Religion zu gründen. Der Leser bedenke dabei: Dies ist nur eine von vielen.
Die kursiv gesetzten Einschübe stammen nicht von Wickland, sondern vom Herausgeber dieser Bearbeitung.