Kapitel 11 – Rechtgläubigkeit

Es wäre die Aufgabe einer Religions-Wissenschaft, das Wesen Gottes und des Jenseits in verständlichen Begriffen darzulegen und zu lehren. Stattdessen wird die Menschheit immer noch durch Furcht, Aberglauben, Glaubenssätze und verschiedene Bekenntnisformen in Abhängigkeit gehalten und ist zu keiner Freiheit gelangt, weil sie keine Klarheit darüber hat, was aus den Verstorbenen wird.

Die meisten Menschen erleben den Wechsel, den wir Tod nennen, ohne sich dessen bewusst zu werden, und wissen hinterher überhaupt nicht, dass sie gestorben sind. In gänzlicher Unwissenheit über ihre veränderten Lebensverhältnisse werden sie lange Zeit durch ihre verkehrten Anschauungen auf der irdischen Ebene festgehalten.

Solche unwissenden Geister halten sehr zähe an ihren Glaubensvorstellungen und beeinflussen häufig die noch im Körper Lebenden. Die Massenpsychosen, die im Gefolge religiöser Erweckungsbewegungen auftreten, sind Beispiele solcher Beeinflussungen — ihre äußeren Anzeichen, „Zungenreden“ und „Verzückungen“, sind bei vielen Erweckungen vorgekommen.

Religiöse Bußpredigten lösen leicht geistige Verirrungen aus, weil jederzeit unsichtbare religiöse Fanatiker bereitstehen. Sie wissen selbst noch nicht, dass sie gestorben sind, und haben ein höheres Leben nicht gefunden. So bleiben sie in ihren engen und starren Glaubensvorstellungen befangen und schüren durch ihre Gegenwart den Eifer ihrer Glaubensbrüder bis hin zu ekstatischen Ausbrüchen.

Häufig machen sich solche Wesen dem Ohr erregter, empfindsamer Menschen vernehmbar; bei solchen Versammlungen wird oft gefordert, auf die „leise zarte Stimme“ zu hören, die angeblich von Gott komme. Im Zustand religiöser Ergriffenheit ist die mediale Fähigkeit besonders gesteigert und gibt sowohl bösartigen als auch fanatischen Geistern Gelegenheit, ihre Einflüsse einzubringen. Solche Wesen scheuen sich nicht, sich als Engel, als „Heiliger Geist“ oder als „Geist Gottes“ auszugeben. Ihre Opfer fühlen sich dadurch besonders gehoben und sind erst recht nicht geneigt, vernünftigen Vorstellungen Raum zu geben.

Am schwersten von allen erdgebundenen Geistern sind die religiösen Fanatiker zu Vernunft und Einsicht zu bringen. Von einer engen, starren Idee beherrscht, im Widerspruch zu jeder logischen Folgerung und zu allem freien Denken, befinden sie sich nach ihrem Tode in einem Zustand der Selbstsuggestion und wiederholen unaufhörlich leere Redensarten im Sprachgebrauch ihrer Sekte. Für sie gibt es nichts anderes als ihre Glaubensformeln, und sie sind so unbeirrbar darauf versessen, sich selbst in ihrem Glauben zu bestärken, dass es oft Jahre dauert, bis ein erster Schimmer von Vernunft bei ihnen aufgeht.


Sarah McDonald

Sitzung vom 28. März 1923 – Sarah McDonald

Der Geist, der an diesem Abend in das Medium eintrat, sang mit kräftiger Stimme einen Choral. Andere Anstalten als das Singen und Beten kannte er nicht. Auf jede Frage des Doktors kam ein neuer Choral, ein Halleluja, ein Anruf des Herrn Jesus Christus, ein „Ehre sei Gott“. Wer er sei, wisse er nicht. Wo er sei, sei ihm gleichgültig. Wie lange er tot sei, kümmere ihn nicht, denn er arbeite im Namen Jesu Christi.

Es war eine Frau — eine Missionarin, wie sich nach einer Weile sagen ließ. Ihren Namen, Sarah McDonald, gab sie nur unter Mühe heraus, und auch das nur, indem sie ihn als Bekenntnis aussprach: jeder Satz endete bei ihr in der Formel ihres Glaubens. Auf den Hinweis, sie sei seit Langem tot, antwortete sie mit einem weiteren Gebet. Auf den Hinweis, ihre Vorstellungen seien wahnhaft, mit einer Fürbitte für die Anwesenden, die sie für Sünder hielt, denen Gott vergeben möge. Auf den Hinweis, ihre Frömmigkeit sei eine Hülse, mit Tränen und einem neuen Halleluja.

Unmittelbar danach trat ein Kind in das Medium ein, jämmerlich weinend.


Sitzung vom 28. März 1923 – Mary Ann McDonald

Das Kind, das nun durch das Medium sprach, weinte und hustete wie unter einem Erstickungsanfall. Es vermisste seine Mutter und wusste nicht, was geschehen war. Sechzehn oder siebzehn Jahre alt, war es Sarah McDonalds Tochter — Mary Ann.

Ihre Geschichte kam langsam heraus, und sie war die eigentliche Sache des Abends. Mit der Mutter, die nichts tat als beten und singen, war Mary Ann in einer großen Stadt aufgewachsen — San Francisco, wie sich nach längerem Nachfragen ergab; die Familie wohnte in der Mission Street, in der Nähe des Bahnhofs. Mary Ann arbeitete bei Strauß Brothers in der Mantelfabrik, schon seit ihrem neunten Jahr. Den eigenen Vater hatte sie nie gekannt; er war früh gestorben.

Was sie verdiente, kam nicht ihr zu, sondern dem Herrn. Der Pfarrer ihrer Gemeinde verlangte, dass die Gläubigen ihr ganzes Geld der Kirche gäben, von trockenem Brot und Wasser lebten, auf dem Fußboden schliefen, ihren Körper zur Übung der Frömmigkeit peinigten. Wer das nicht tat, kam in die Hölle. Die Mutter nahm Mary Ann jeden Abend mit in die Gebetsstunden; alles Geld, das das Mädchen verdiente, ging dem Herrn anheim — was praktisch hieß: dem Pfarrer.

Mary Ann hatte das alles längst über. Mehr als einmal hatte sie ihre Mutter gefragt, ob denn Gott so arm sei, dass er all ihr Geld brauche, und ob er denn so grausam sei, dass er ihr nicht einmal ein neues Kleid gönne. Die Antwort war immer dieselbe gewesen: das seien Fragen vom Teufel. Mary Ann hatte trotzdem nicht aufgehört zu fragen.

Eine letzte Hoffnung war geblieben, als die Großmutter mütterlicherseits starb und der Mutter etwas mehr als tausend Dollar vererbte. Mary Ann hatte gedacht, nun werde es ein neues Kleid geben. Stattdessen ging am nächsten Sonntag das ganze Geld an die Kirche; der Pfarrer verkündete von der Kanzel, die Mutter werde dafür in den siebenten Himmel kommen, und Mary Ann erhielt ein altes Stück Kleidung aus dem Sammelbestand der Gemeinde.

Wie sie gestorben war, kam erst gegen Ende der Sitzung heraus. Es muss das große Erdbeben in San Francisco gewesen sein; das Haus stand in Flammen, sie war im Schlaf erstickt, bevor sie es gemerkt hatte. Seither hatte sie sich mit der Mutter im selben verirrten Zustand befunden — die Mutter immer noch betend, sie selbst krank davon.

Erst als ihre Großmutter, ihr Vater und ein Bruder, der als kleines Kind gestorben war, als Geister zu ihr traten und Silberstern, das indianische Helferkind, sie an die Hand nahm, fand sie hinaus. Eine Wiese mit Bäumen und Blumen, ein See, Kinderstimmen, eine Musik, die in Farben überging und auf den Blumen sichtbar wurde — die Geisterwelt, von der ihr niemand etwas gesagt hatte. Bei ihrer Großmutter solle sie nun wohnen. Mit Silberstern ging sie, und ein neues Kleid versprach man ihr — keines aus Sackleinen.


In der geistigen Welt geschieht nichts willkürlich. Eine Seele, die nach dem Tod tief im Leiden festsitzt, ist meist in ihre eigene dichte Hülle eingeschlossen und in Gedanken gefangen, die nur um sie selbst kreisen. Diese Einengung schneidet sie ab. Sie nimmt nichts Feineres mehr wahr und vermag nicht einmal einen Gedanken an etwas Höheres zu fassen, der stark genug wäre, um Hilfe zu rufen. Ihre Befreiung kommt darum nicht durch ein auswendig gelerntes Gebet, sondern durch einen einzigen selbstlosen Augenblick: Sobald sie Mitgefühl für ein anderes Wesen empfindet, bricht ihre Abgeschlossenheit für einen Moment auf, und sie sendet — ohne es zu wissen — ein Zeichen aus, das in den lichteren Bereichen sogleich wahrgenommen wird.

Dahinter steht ein klares Gesetz, so verlässlich wie ein Naturgesetz: Gleiches verbindet sich nur mit Gleichem. Der kurze Lichtblitz des Mitgefühls schwingt in einer höheren Tonlage als alles, was bisher um die Seele lag; er verdünnt die dunkle Hülle, und für einen Augenblick entsteht eine echte Verwandtschaft mit den rettenden Ebenen. Erst dann können die Helfer eingreifen. Sie steigen in die unteren Schichten hinab, senken ihre eigene Schwingung und sind darauf geübt, gerade diese winzigen Lichtsignale aufzuspüren. Haben sie eines gefunden, so dient es ihnen als Eingangstor: Sie verbinden sich mit der Seele, beruhigen ihr Feld und führen sie an einen Ort, an dem die eigentliche Genesung beginnt.

So weit die Mechanik. Und genau hier hält der nachdenkliche Leser inne.

Denn er erinnert sich an die junge Frau, von der diese Betrachtung ausging: hineingeboren in Armut, ohne Bildung, früh und unvorbereitet bei einem Unfall gestorben — und danach lange in der Nähe eines Pfarrers und einer Mutter, die ihr beide nicht helfen konnten. Sie hat nichts Böses getan. Wo also ist die Gerechtigkeit in einem Gesetz, das eine Unschuldige stranden lässt? Wenn alles nach einer Mechanik des Gleichklangs abläuft, dann scheint diese Mechanik die Ungerechtigkeit nur zu besiegeln, statt sie zu beantworten.

Das muss man ehrlich aussprechen. Die Mechanik erklärt das Wie, aber sie tröstet nicht. Für sich allein beschriebe sie nur kühl, dass die Unvorbereiteten zurückbleiben — und wäre damit keine Antwort auf die Frage nach der Gerechtigkeit, sondern bloß deren Bestätigung. Die Antwort muss also weitergehen.

Der erste und wichtigste Schritt ist die Frage, woran dieses Gesetz eigentlich ankoppelt. Es koppelt nicht an Wissen, nicht an Bildung, nicht an die richtige Lehre. Es koppelt an eine Bewegung des Herzens — an das Aufflackern eines Wunsches zum Guten. Und genau dies ist jeder Seele möglich, der ungebildetsten ebenso wie der gelehrtesten. Äußere Bildung hat mit der Reinheit einer Seele nichts zu tun; eine reine Seele braucht keine Schule, um gut zu sein. Die arme, ungeschulte junge Frau war nie von dem Einen ausgeschlossen, auf das es ankam: Eine einzige echte Regung der Liebe hätte ihr augenblicklich Hilfe gebracht. Ihre Bildungslosigkeit verschloss ihr vieles, aber niemals diese Tür.

Damit verschiebt sich die ganze Frage nach der Gerechtigkeit. Das Gesetz bevorzugt nicht die Klugen, die Belesenen, die religiös Geschulten. Es hängt an dem Schlichtesten und zugleich Gerechtesten, das es gibt — an etwas, das im ärmsten wie im reichsten Inneren jederzeit geschehen kann. Was zunächst wie Willkür aussah, erweist sich bei näherem Hinsehen als die größtmögliche Gleichheit aller Seelen vor dem Licht.

Bleibt die letzte Frage: Warum dann überhaupt das Warten, das Verweilen bei jenen, die nicht helfen konnten, das entbehrungsreiche Leben? Hier liegt der zweite Schritt der Antwort. Es geht weder um Lohn noch um Strafe, sondern um Reifung. Jedes Erdenleben ist eine Werkstatt für den Geist — und die Zeit zwischen den Leben ist es ebenso. Gemessen am ganzen Weg einer Seele ist selbst eine dunkle Zwischenzeit kurz; was uns als endloses Stranden erscheint, ist im großen Bogen nur ein Übergang.

Auch die Umstände eines Lebens fallen nicht aus dem Zufall. Sie werden gewoben — präzise, wenn auch nicht nach einem Plan vom Reißbrett — von jenen Kräften, die das Schicksal ordnen. Was wie bloße Entbehrung aussieht, ist oft zugleich ein zurückkehrender Faden aus früherem Wirken und der genaue Boden, auf dem eine bestimmte Reifung geschehen kann. So war auch das Verweilen der jungen Frau bei Menschen, die ihr nicht helfen konnten, Teil dieses Gewebes — die Erfahrung, durch die sich in ihr endlich etwas regen konnte. Und als es sich regte, war die Hilfe sogleich da.

So ist das Gesetz des Gleichart nicht das letzte Wort, sondern das erste. Die Mechanik ist gleichsam der Leib des Geschehens: notwendig, verlässlich, unbestechlich. Aber sie ist um das Eine herum gebaut, das jeder Seele immer offensteht — um die kleine, freie Regung zum Guten. Darin liegt die eigentliche Gnade. Nicht darin, dass die Gesetze ausgesetzt würden, sondern darin, dass sie so geordnet sind, dass die ärmste und unwissendste Seele genau denselben Zugang hat wie jede andere. Die Gerechtigkeit liegt nicht neben der Mechanik, sondern in ihr — in der Tatsache, dass das rettende Tor nicht aus Wissen besteht, sondern aus Liebe, und dass dieses Tor niemandem verschlossen ist.


J.O. Nelson

Frau A., eine Kranke aus Chicago, war ungewöhnlich empfänglich für geistige Beeinflussung. Ihre Mutter, Frau H.W., hatte seit einiger Zeit in Haltung und Gesten der Tochter eine auffallende Ähnlichkeit mit einem ehemaligen Pastor ihrer Gemeinde bemerkt — einem Mann, der vor einer Reihe von Jahren bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen war. Sie hatte Herrn A., den Mann ihrer Tochter, darauf hingewiesen, und beide nahmen mit der Kranken an der folgenden Sitzung teil.

Sitzung vom 18. November 1919 – J.O. Nelson; Patientin: Frau A.

Der Geist, der nun in das Medium eintrat, war benommen und litt unter Brustschmerzen. Er wusste nicht, wer er war, woher er kam, was mit ihm geschehen war. Auf jede Frage kam ein wirres Stück Antwort, das sich nicht zu einer Geschichte fügen wollte. Was ihm vor Augen stand, war Feuer und Donnerwetter — eine Hölle, in die er gestürzt sei; ihm war dabei elend, denn er war doch berufen gewesen, anderen den Weg zur Seligkeit zu zeigen, und nun saß er selbst dort, wo er die Sünder gepredigt hatte. (Das Feuer und Donnerwetter war die elektrische Behandlung gewesen, die der Patientin verabreicht worden war, um ihn aus ihrer Aura zu vertreiben.)

Stück für Stück kam zurück, wer er gewesen war. Pastor in Western Springs, vor acht Jahren bei einem Zugunglück verunglückt. Ein Zug war gekommen, als er die Schienen überqueren wollte; ein Stoß vor die Brust war das letzte, dessen er sich entsann. J.O. Nelson hieß er — Frau H.W. erkannte ihn aus ihrer alten Gemeinde wieder.

Was ihn nach seinem Tode bei den Lebenden gehalten hatte, war doppelt. Nach Hause war er gegangen, hatte mit Frau und Kindern sprechen wollen — und niemand hatte ihn beachtet. Die Hand, die er nach seiner Frau ausstreckte, ging durch sie hindurch. Daraufhin war er in eine Menschenmenge geraten, die ihn beständig schob; das waren, wie sich nun zeigte, jene seiner Gemeinde, die seinen Predigten gefolgt waren und nun gemeinsam mit ihm in der Finsternis hingen. Schließlich hatte er ein Licht erblickt — die Aura der Frau A. — und sich in deren Körper gedrängt.

In dem langen Gespräch, das nun folgte, kam ans Licht, dass Nelson sein Pfarramt nie wirklich überzeugt geführt hatte. Vom Bischof war er von Ort zu Ort versetzt worden, oft so kurzfristig, dass ein ganzes Monatsgehalt für den Umzug draufging; manchmal hatte er sich Geld leihen müssen, um überhaupt zu reisen. Seine Predigten hatten seine Gemeinde nicht gefesselt; er hatte schon zu Lebzeiten gewünscht, einen anderen Beruf gewählt zu haben. Was er gepredigt hatte, war das, was er im Seminar gelernt und vom Bischof aufgetragen bekommen hatte — die strenge Lehre von Sünde, Erlösung und Hölle. Selbst überzeugt war er davon nicht gewesen; wenn er auf die Kanzel stieg, war sein Herz nicht bei der Sache.

Im Verlauf der Sitzung öffneten sich Nelson nach und nach die Augen. Er ging mit der Bitte an Frau H.W., seiner Frau auszurichten, dass das jenseitige Leben ernster sei, als er es sich gedacht hatte.

Sitzung vom 14. März 1923 – J.O. Nelson

Drei Jahre später kehrte Nelson noch einmal zurück. Es war ein anderer Nelson.


Henry Wilkins

Sitzung vom 19. Juli 1922 – Henry Wilkins

Der Geist, der jetzt in das Medium eintrat, lag tief nach vorn gebeugt, mit dem Oberkörper auf den Knien — als Krüppel. Sich aufrichten könne er nicht, sein Rücken sei gebrochen, und das schon seit Jahrzehnten.

Henry Wilkins war Schuhmacher gewesen, einst Farmer in Texas. Mit etwa dreißig war ihm bei einer Fahrt das Pferd durchgegangen; er fiel vom Wagen und brach sich das Rückgrat. Seither konnte er nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten. Schuheflicken war das einzige, was ihm geblieben war.

Verlobt war er gewesen — mit Mary Hopkins, einer Frau, die ihn nach seinem Unglück verließ; sie wolle, sagte sie, keinen Krüppel heiraten. Er hatte sie geliebt und liebte sie auch jetzt noch. Geblieben war ihm der Laden, der gewohnte Sitz, und der Vorsatz, im Methodisten-Glauben rechtschaffen zu leben. Jeden Sonntag in die Kirche, jede Sonntagsschule besucht, jeden Beitrag der Gemeinde geleistet — auch wenn das oft mehr war, als für Brot und Butter blieb.

Eines Tages — er wusste nicht wann — war er gestorben. Bemerkt hatte er es nicht. Über die folgenden Jahrzehnte war er in seinem Laden geblieben, hatte weiter Schuhe geflickt, ohne zu verstehen, warum kein Geld mehr zu ihm kam. Ein junger Mann hatte sich, wie es ihm vorkam, mit der Zeit auf ihn draufgesetzt und alle Einnahmen für sich genommen. In Wahrheit war der junge Mann der neue Inhaber, dem der gestorbene Henry, ohne dessen Wissen, die Handgriffe seines Handwerks beigebracht hatte.

Auch seine Eltern hatte er mehr als einmal gesehen, als Geister. Die Mutter hatte ihn gerufen, mit ihr zu kommen. Er hatte nicht gehen können, weil er sich noch immer mit seinem verkrüppelten Körper in seinem Laden saß und seinen Lebensunterhalt verdienen musste — und vor allem, weil ihm beigebracht worden war, wer nicht zur Kirche gehe, komme in die Hölle.

Als Wickland ihm seine Lage erklärte — dass er bereits seit etwa dreißig Jahren tot war (Cleveland war noch Präsident gewesen, als er starb), dass der Körper, in dem er nun sprach, der Frau Wicklands gehörte, dass er sich keinen anderen Aufenthaltsort als seinen Laden gesucht hatte, weil sein Herz dort hing — wurde ihm die Sache langsam fasslich. Seine Mutter trat zu ihm und sagte, er brauche kein Krüppel mehr zu sein.

Was darauf folgte, war eine längere Eröffnung der Mutter, die ebenfalls zum Wort kam und ihre eigene Geschichte mit der Familie nachzeichnete. Sie war Methodistin gewesen wie er, und ihr Glaube und das Dogma hatten sie nach dem Tode lange zurückgehalten. Sein Vater, der zu Lebzeiten nicht zur Kirche gegangen war und stattdessen in Swedenborgs Schriften und in spiritistischen Sitzungen geforscht hatte — den hatten sie zu Lebzeiten für nicht recht bei Sinnen gehalten —, war im Jenseits viel schneller vorangekommen als sie, und er war es, der ihr nach ihrem Tode die Augen geöffnet hatte.

Mehr noch: Sie war an ihrer eigenen Tochter — Henrys Schwester — hängengeblieben, hatte sie nach dem Tode in deren Aura aufgesucht und schließlich derart bedrängt, dass die Tochter in eine Irrenanstalt eingewiesen wurde. Man hielt das Mädchen für geisteskrank, weil es nach einem Kind weinte, das es gar nicht hatte; in Wahrheit war es die Mutter selbst, die im Inneren der Tochter nach ihrer Tochter weinte. Erst als die Tochter starb, war die Mutter frei.

Was sie daraus für sich gelernt hatte, gab sie nun Henry mit, und durch ihn allen Hörenden: die eigenen Kinder nicht zu vergöttern, nicht alle Liebe auf einen einzelnen Menschen zu richten, sondern lernen, jedes Kind als Gottes Kind zu lieben. Wer im Übermaß nur an seinem eigenen hänge, ziehe es nach dem Tode in seine Aura und mache es krank. Sie betreute jetzt in der Geisterwelt mehr als hundert Kinder, die zu Lebzeiten keine Mutter gehabt hatten.

Mit ihr ging Henry.


Es gibt einen tröstlichen Gedanken, der den meisten Menschen fremd ist: Das Können eines Lebens geht mit dem Tod nicht verloren, und der Lebende steht bei seiner Arbeit niemals so allein, wie er glaubt. Zwischen den Verstorbenen und den Lebenden fließt weit mehr hin und her, als wir ahnen — und gerade im Werk, im Handwerk, in der täglichen Tätigkeit zeigt sich das auf eine Weise, die nichts Unheimliches hat, sondern etwas zutiefst Hoffnungsvolles.

Man kann diesen Austausch in zwei Formen beobachten.

Die erste geschieht ganz unbewusst, auf beiden Seiten. Wenn ein Mensch eine Arbeit aufnimmt und sich mit voller Aufmerksamkeit in sie versenkt — sagen wir, er übernimmt die Werkstatt eines verstorbenen Handwerkers und beginnt, dieselben Handgriffe zu tun —, dann gerät er in Gleichklang mit jenem, der dieses Werk vor ihm betrieb. Nach dem schlichten Gesetz, dass Gleiches sich mit Gleichem verbindet, berühren sich ihre Gedanken an demselben Ort und an derselben Sache. Über diese Berührung fließt etwas hinüber: die Erfahrung, das Gefühl in den Händen, die kleinen Kniffe, mit denen sich ein Problem lösen lässt. Der Lebende erlebt es nicht als fremden Einfluss, sondern als eigene Eingebung, als rasches, natürliches Hineinwachsen in das Handwerk. Der eine lehrt, der andere lernt — und keiner von beiden weiß darum.

Diese Form hat eine Schattenseite, die man nicht verschweigen muss: Ein Verstorbener, der zeitlebens nur an seine Werkstatt dachte, kann durch eben diese Fixierung an seinen alten Platz gebunden bleiben, bis ihm jemand hilft, sich zu lösen. Aber das Licht in dieser Sache überwiegt bei Weitem. Es bedeutet, dass die Meisterschaft eines Lebens nicht einfach erlischt. Sie kann weiterwirken, weitergegeben werden, von Hand zu Hand über die Schwelle hinweg.

Die zweite Gestalt ist bewusst, jedenfalls auf der Seite des Helfenden. Hier hat ein Verstorbener eine Aufgabe zu seiner eigenen gemacht — das Heilen etwa — und sucht gezielt jene Lebenden auf, die mit aufrichtigem Willen und gesammelter Aufmerksamkeit dasselbe tun. Ein Arzt vor einer schwierigen Entscheidung, der wirklich helfen will, erzeugt gleichsam ein klares, hochgestimmtes Feld; und ein erfahrener Helfer von der anderen Seite tritt hinzu und legt sein Wissen, seine ruhige Sicherheit in die Gedanken des Lebenden. Der erlebt es als plötzliche Klarheit, als sichere Hand, als treffenden Blick, der ihm im rechten Augenblick zufällt — ohne zu ahnen, woher.

Das geschieht in zwei Maßstäben. Im Kleinen, im Notfall, ist es ein rascher, gebündelter Anstoß: der Drang, nachts noch einmal nach dem kranken Kind zu sehen; der instinktive Griff zum richtigen Mittel; das Ausweichen im Bruchteil einer Sekunde. Solche Verbindungen sind kurz und lösen sich, sobald die Gefahr vorüber ist. Im Großen aber gibt es die lebenslange Begleitung: einen unsichtbaren Kollegen, der über Jahre, oft über Jahrzehnte hinweg denselben Menschen begleitet — einen Forscher, einen Arzt, einen Künstler —, weil ihm daran liegt, dass ein Werk vollendet, eine Heilkunst begründet, etwas Gutes in die Welt gebracht wird. Solche Begleitungen werden bisweilen schon vor der Geburt verabredet. Mit den Jahren wird der Gleichklang so eng, dass die beiden fast wie ein Einziger denken; der Unsichtbare studiert weiter, wo wir nicht hinsehen können, und legt seine Einsichten dem Lebenden in den stillen Stunden nahe, im Nachdenken oder im Schlaf. Kein großes Werk der Wissenschaft, der Heilkunst oder der Kunst, so darf man getrost sagen, ist je das Werk eines einzelnen, für sich stehenden Gehirns. Es ist immer auch Zusammenarbeit über die Schwelle.

Und es sind nicht nur verstorbene Menschen, die so mitwirken. Neben ihnen steht eine ganze Ordnung von Wesen, die in die Natur und in den Alltag eingewoben sind — man kann sie Naturwesen nennen. Die alten Traditionen wussten von ihnen. Sie kannten die hilfreichen Geister der Werkstatt, die kleinen Helfer, die ein Werk gelingen lassen, deren Namen man einst dankbar aussprach, um sie herbeizurufen. Etwas davon klingt noch in unseren Märchen nach — man denke an den Schnitzer, dem ein gütiges Wesen zur Seite tritt und sein Werk lebendig werden lässt. In Wahrheit hat jeder Mensch solche zugeordneten Helfer um sich, die im Allerkleinsten wirken: die das Fallende auffangen, ehe es zerbricht, und denen, die für sie offen sind, vieles besser gelingen lassen als anderen — so wie unsichtbare Hände die Pflanzen und Blumen pflegen, damit sie blühen.

Hier liegt das eigentlich Neue, und doch ist es, einmal ausgesprochen, leicht vorzustellen. In der europäischen, christlichen Vorstellung trägt die Hilfe aus der anderen Welt fast immer das Gesicht des Engels — und man denkt sie sich religiös: als Beistand für die Seele, für die Stunde des Gebets oder der Gefahr. Dass dieselbe Hilfe aber auch an die Werkbank reicht, ins Labor, ins Atelier, in den Operationssaal, in jede ehrliche Tätigkeit hinein — das ist den meisten fremd. Dabei ist es nur folgerichtig: Der Himmel nimmt nicht allein an unseren Gebeten Anteil, sondern auch an unserem Werk. Der Tischler, der Arzt, der Forscher, der Künstler — keiner von ihnen arbeitet allein.

So ist die Welt bevölkerter und kameradschaftlicher, als sie aussieht. Vieles von dem, was wir Begabung nennen, die glückliche Hand, den plötzlichen Einfall, die treffende Ahnung, ist in Wahrheit ein stilles Zusammenwirken über eine Schwelle, die wir nicht sehen. Der Tod verschwendet kein erworbenes Können, und der Lebende ist bei seinem Handwerk begleitet. Es gibt nur eine Bedingung, und es ist dieselbe wie immer: eine innere Offenheit, der aufrichtige Wunsch, ein gutes Werk zu tun. Das ist es, was uns auf die helfenden Hände einstimmt. Wer in diesem Geist arbeitet, ist nie allein — und wer es weiß, darf seine Arbeit mit einer leisen, dankbaren Zuversicht tun.


Die kursiv gesetzten Einschübe stammen nicht von Wickland, sondern vom Herausgeber dieser Bearbeitung.