Geist und Wesen
Zwei grundverschiedene Arten des Seins

Wir Menschen gehen im Denken und Empfinden ganz selbstverständlich von uns selbst aus. Wir kennen die Willensfreiheit – auch wenn wir uns nicht immer völlig frei fühlen, so wissen wir doch: Wir können wählen, entscheiden, unseren eigenen Weg gehen.
Doch diese Freiheit ist keineswegs selbstverständlich. Wer einmal darüber nachgedacht hat, wird erkannt haben, dass den Tieren diese Art von freiem Willen nicht gegeben ist. Ein Vogel folgt seinem Instinkt, eine Biene ihrem angeborenen Bauplan – sie handeln nicht aus freier Entscheidung, sondern aus innerer Notwendigkeit.
Das liegt daran, dass Tiere zu einer anderen Gruppe von Geschöpfen gehören: zu den Wesen. Diese unterscheiden sich in ihrem Wesen grundlegend vom Menschen. Zu ihnen zählen nicht nur die Tiere, sondern auch jene Geschöpfe, die wir als Naturwesen kennen – Elfen, die in Pflanzen und Blüten wirken, Zwerge und Gnome, die mit den Kräften der Erde verbunden sind, Salamander im Feuer, Undinen im Wasser, Sylphen in der Luft.
Wenn wir uns von der Vorstellung lösen können, dass diese Wesen nur ins Reich der Märchen gehören, sollten wir auch verstehen lernen: Auch ihnen ist der freie Wille des Menschengeistes nicht eigen. Alle diese Wesen – ob bewusst oder unbewusst – wirken unter einem höheren Gesetz. Wir könnten vom Willen Gottes sprechen, von der göttlichen Ordnung, die die Schöpfung durchzieht. Sie wirken in diesem Gesetz und führen es aus. Sie sind – in ihrer unendlichen Vielfalt – der lebendige Ausdruck des göttlichen Willens. Gott wirkt durch sie.
Der Unterschied wird deutlich, wenn wir uns zwei Bilder vor Augen führen:
Der menschliche Geist gleicht einem Künstler vor einer leeren Leinwand. Er hat die Freiheit, seine eigenen Farben zu wählen und sein Bild nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Er trägt die Verantwortung für sein Werk und muss lernen, seine Fähigkeiten zu entfalten, um etwas Wertvolles zu schaffen. Diese Freiheit birgt Risiko und Chance zugleich.
Das Wesen hingegen gleicht einem Musiker im Orchester. Es spielt sein Instrument nach den Vorgaben des Komponisten und fügt sich harmonisch in das Gesamtwerk ein. Seine Aufgabe ist klar, und es erfüllt sie mit natürlicher Präzision und Hingabe. Es kann gar nicht anders wollen, als dieser Ordnung zu dienen.
Der Geist ist frei und schöpferisch, das Wesen treu und zuverlässig in seiner göttlichen Bestimmung. Beide sind für die Schöpfung gleichermaßen wichtig: So wie ein großes Werk sowohl den freien Künstler braucht, der nach eigenem Willen gestaltet, als auch jene Kräfte, die das Geschaffene mit Leben erfüllen und in die Wirklichkeit tragen.
Der Mensch trägt einen geistigen Kern in sich, der sich erst entfalten muss. Auf diesem Weg lernt er, seinen freien Willen allmählich in Einklang mit dem Willen Gottes zu bringen – nicht durch Zwang, sondern durch Erkenntnis und freie Entscheidung.