Die Ursache von psychischen Problemen

Wenn wir die Ursachen für seelische und psychische Probleme ergründen wollen, müssen wir den Blick über die rein wissenschaftliche Betrachtung hinaus auf die innere Erlebnis- und Wirkungsebene der Seele richten. In der Tiefe lassen sich psychische Leiden oft auf zwei grundlegende Zustände zurückführen, die zwar beide die Lebenskraft schwächen, aber in ihrer Entstehung grundverschieden sind: die seelische Verletzung und die seelische Verunstaltung.
Die seelische Verletzung entsteht primär im Zwischenmenschlichen als Ergebnis einer folgenschweren Begegnung, bei der ein Individuum dem anderen tiefes Leid zufügt. Dieser Vorgang ist weit mehr als ein flüchtiger Schmerz; wenn eine Kränkung oder Untat geschieht, die nicht vollständig verziehen werden kann, bleibt eine Verbindung zwischen den Beteiligten bestehen. Es knüpfen sich unbewusste Bindungsfäden die wirken wie Ketten, die Täter und Opfer fest aneinander binden. Ein entscheidender Aspekt dieser Verletzungen ist ihre Beständigkeit über das Ende des Erdenlebens hinaus. Die seelischen Fäden setzen sich im Jenseits fort und erzeugen eine fortwährende Bindung zwischen den Seelen, ganz gleich, ob sie sich verkörpert oder im abgeschiedenen Zustand befinden. Solange kein aufrichtiges Verzeihen des Betroffenen stattfindet oder bis die Folgen der Tat durchlebt und damit abgegolten sind, bleibt diese seelische Verbindung bestehen.
Diese ungelösten Bindungen führen dazu, dass Seelen in bestimmten Konstellationen immer wieder gemeinsam geboren werden, was wir als schicksalhafte Familien-Muster erleben. So kommt es mitunter vor, dass eine Mutter ihre früheren Peiniger oder einstigen Opfer als Kinder aufnimmt. Dies erklärt, warum sich das Familienleben oft nicht so harmonisch gestaltet, wie es wünschenswert wäre, und stattdessen die Ursache für schwere Leiden bildet, die bereits in der Kindheit beginnen. Die tiefen Abneigungen oder Spannungen sind oft das Echo weit zurückliegender Konflikte. Doch das Ziel dieses Geschehens ist nicht Bestrafung, sondern Heilung. Die natürliche Liebe innerhalb einer Familie soll als Brücke dienen, um einstige Feinde einander so nahe zu bringen, dass durch tägliche Sorge und Zuneigung gegenseitiges Verständnis und Vergebung möglich werden. Dabei steht der Verursacher eines Problems oft im Zentrum einer sozialen Gruppe, um die Abarbeitung der Fäden zu erzwingen; ein schwieriges Kind kann so zum zentralen Punkt werden, an dem die gesamte Familie lernen muss, alte Groll-Verbindungen durch Liebe zu lösen.
Davon abzugrenzen ist die seelische Verunstaltung, deren Ursache weniger in der Verletzung durch andere als vielmehr in der eigenen Lebensführung liegt. Jede Seele hat eine Bestimmung, eine Reinheit und eine geistige Reife, die sie erreichen möchte. Verunstaltung bedeutet, dass die Seele eine Form annimmt, die diesem Ideal nicht mehr entspricht. Ein wesentlicher Faktor hierfür ist extreme Einseitigkeit oder die freiwillige Beschäftigung mit dauernd ablenkenden, überflüssigen oder niedrigen Dingen. Was als harmlose Zerstreuung beginnt, kann bei fehlender innerer Begrenzung eine gefährliche Eigendynamik entwickeln. Wenn der Geist sich zu lange im Belanglosen verliert, verkümmert die Fähigkeit zur lichten Entwicklung. Die Seele gewöhnt sich an diesen ziellosen Rhythmus, bis er ihr über den Kopf wächst und aus der freien Entscheidung eine innere Fixierung wird. Dies kann die tiefere Ursache für zwanghaftes Verhalten sein: Die Seele hat sich so sehr in unsinnige Bahnen eingefahren, dass sie den Impuls zur Wiederholung nicht mehr aus eigener Kraft stoppen kann. Was lästig beginnt, wird schließlich zur seelischen Deformation, die den freien Willen einengt.
Ein hilfreiches Bild für diesen Prozess ist das vom Töpfer. Stell dir das Leben wie Ton auf einer sich drehenden Scheibe vor. Die Scheibe selbst versinnbildlicht die Gesetze des Lebens und der Bewegung; sie dreht sich beständig und setzt uns immer wieder alles neu vor. Der Ton auf dieser Scheibe sind wir selbst – unsere seelische Form. Der Druck der Hände entspricht dem, wie wir innerlich reagieren: unsere Haltung, unsere Entscheidungen und ständigen Wiederholungen. Daraus entstehen harmonische oder unharmonische Formen. Wenn sich eine unschöne Form ergibt, muss sie früher oder später ausgeglichen werden – nicht als Strafe, sondern weil nur eine stimmige Form wirklich trägt. Dabei ist es für die Wirkung zweitrangig, ob die Verformung absichtlich geschah oder als Schutzreaktion auf eine schwere Lebenslage wie Armut oder erzwungene Einsamkeit: Was Form angenommen hat, wirkt weiter, bis wir es bewusst neu und besser gestalten.
Viele dieser Eigenschaften bringt der Mensch bereits aus vorigen Leben mit als Ergebnis vergangener Einseitigkeiten. So kann extreme Armut in der Vergangenheit einen tief sitzenden Geiz oder die ständige Angst, nicht genug zu bekommen, eingeprägt haben. Für Mitmenschen sind solche Züge oft lästig oder belastend, sei es soziale Kälte oder zwanghaftes Verhalten. Hier liegt die Verantwortung beim Individuum, zu erkennen, dass diese Eigenschaften Symptome einer seelischen Verformung sind. Erst durch diese Selbsterkenntnis kann die aktive Arbeit an der Harmonie beginnen. In späteren Inkarnationen spiegeln die äußeren Umstände diese innere Form oft wider, ergänzt durch das Ähnlichkeitsprinzip. Ein Mensch, der sich dem Alkohol hingegeben hat, wird oft in eine Familie mit Suchtproblematik geboren, um die Folgen aus einer neuen Perspektive zu erleben und eine Abneigung dagegen zu entwickeln. Ebenso führt früherer Drang zur Einsiedlerei oft zu Schwierigkeiten, soziale Bindungen einzugehen, da die Fähigkeit zum Kontakt schlicht nicht entwickelt wurde.
So lässt sich sagen, dass die Verletzung Anderer eine Heilung durch das Lösen von Bindungen benötigt, die eigene Verunstaltung aber eine bewusste Arbeit am Charakter erfordert. Der Mensch muss das Ungleichgewicht erkennen und einseitige Prägungen – insbesondere die Neigung zum Sinnlosen und Niedrigem, die in Zwängen münden kann – durch neue, lichte Handlungen ausgleichen. Denn beide führen zu dem, was wir heute als psychisches Leiden bezeichnen: Ein Zustand, in dem die Seele nicht mehr in ihrer vollen Kraft und ursprünglichen Form wirken kann.