Kapitel 5 – Geister und Verbrechen

Schlechte Gewohnheiten, Leidenschaften und Süchte wurzeln in der Seele. Sie bleiben Eigentümlichkeiten jedes Einzelnen auch dann, wenn er seinen Körper längst abgelegt hat – bis er sie durch eigene Anstrengung überwunden hat.

Die Geister vieler Verbrecher und Mörder – vor allem derer, die hingerichtet worden sind und sich rächen wollen – halten sich unabsehbar lange in der Erdsphäre auf. Sie sind eifrig darauf bedacht, ihr verbrecherisches Tun fortzusetzen, und suchen sich dafür unter den Lebenden Menschen, die einer besonderen Empfindlichkeit wegen ihrem Einfluss leicht erliegen. Der fremde Körper wird ihnen zum Werkzeug für das, was sie ohne ihn nicht mehr ausführen können.

Es spricht vieles dafür, dass viele aufsehenerregende Morde, gründlicher untersucht, sich als Taten erweisen würden, die unter dem Einfluss solcher entkörperter Geister begangen wurden – von Menschen, die ohne den Zwang dieses fremden Willens nie zu Mördern geworden wären.

So ist es zum Beispiel kaum zweifelhaft, dass der Mord an dem bekannten New Yorker Architekten Stanford White, den Harry K. Thaw im Jahre 1906 im Madison Square Roof Garden vor aller Augen beging, unter dem Einfluss von Geistern verübt wurde.

Harry Thaw war ein Medium und hat dafür sein ganzes Leben über zahlreiche Beweise geliefert. Was für persönliche Beweggründe er auch gehabt haben mag, als er Stanford White tötete – fraglos war er in jener Stunde von rachsüchtigen Geistern besessen, die Vergeltung üben wollten für wirkliches oder vermeintliches Unrecht, das ihnen oder ihren Angehörigen widerfahren war. Thaw war nur die Mittelsperson, das körperliche Werkzeug, durch das ein Drama der unsichtbaren Welt zur Aufführung kam. Die wirklichen Täter waren unwissende, rachsüchtige Geister.

Harry K. Thaw und der Mord an Stanford White

Hundertzwanzig Jahre nach der Tat sei der Hintergrund kurz vorausgeschickt, wie er den Zeitgenossen vor Augen stand. Harry K. Thaw, Erbe eines Pittsburger Vermögens von vierzig Millionen Dollar, war in den New Yorker Kreisen als unberechenbarer Playboy bekannt; mehrere Vorfälle von Misshandlung junger Frauen waren in der Familie durch Schweigegelder unter dem Tisch gehalten worden. Verheiratet war er mit Evelyn Nesbit, der berühmtesten Modellfigur der Epoche.

Stanford White, einer der einflussreichsten Architekten des Gilded Age, hatte die damals sechzehnjährige Evelyn Jahre zuvor in seinem heimlichen Apartment mit der „roten Samtschaukel“ betäubt und missbraucht – eines unter vielen Vergehen einer systematischen, von Reichtum und Verbindungen gedeckten Übergriffspraxis.

Am Abend des 25. Juni 1906, auf dem Dachgarten des Madison Square Garden während der Premiere einer Komödie, trat Thaw vor hunderten Zeugen an Whites Tisch und schoss ihm dreimal ins Gesicht. Mit erhobener Pistole ging er zu seiner Frau hinüber – er habe ihn getötet und sie damit gerettet, sagte er – und übergab sich der Polizei. Ein Teil der Öffentlichkeit sah in ihm einen Helden, der ein Raubtier zur Strecke gebracht hatte. Wicklands Sitzungen begannen wenige Wochen später.

Wenige Wochen nach der Tat, am 15. Juli 1906, fiel meine Frau in tiefe Trance und stürzte der Länge nach zu Boden. Wir hoben sie in einen Sessel; der Geist, der von ihr Besitz ergriffen hatte, wehrte sich gegen das Anfassen, verlangte barsch nach Ruhe und – nach einem Whisky mit Soda. Wer er sei? Stanford White, wenn man es wissen müsse. Er glaubte sich noch im Madison Square Roof Garden, fasste sich an den Hinterkopf, dann an Brust und Leib, als spüre er heftige Schmerzen, und rief erneut nach dem Kellner. Da schreckte er auf: er sah Verstorbene hinter sich her sein, sprang vom Stuhl, lief in eine Ecke des Zimmers und wollte mit aller Gewalt entkommen. Vor Erregung verlor er die Verbindung mit dem Medium und verschwand.

An seiner Stelle nahm sofort ein anderer Geist Besitz, lief erregt im Zimmer auf und ab und triumphierte: er habe den Hund getötet, da liege er. Er wies auf die Stelle, wo White eben verschwunden war. Jahrelang habe er auf diese Gelegenheit gewartet. Sein Name, den wir mühsam aus ihm herausbekamen, war Johnson. White habe den Tod verdient – er habe zu lange mit unseren Töchtern gespielt. Die Anklage weitete sich aus: die Reichen stehlen den Eltern ihre Töchter, kleiden sie elegant, und niemand erfährt mehr, was aus ihnen wird.

Dass er selbst tot sei, lachte er weg. Wie könne ein Toter denn reden? Der Doktor habe zwar von Auszehrung gesprochen und seinem baldigen Ende, aber er habe sich noch nie so wohl gefühlt wie jetzt. Auf die Aufforderung, sich Hände, Füße und Kleidung anzusehen, wunderte er sich, wie er, ein Mann, in einen Frauenkörper geraten sein könne. Erst nach längerer Auseinandersetzung war er von seinem Tod zu überzeugen. Dann verließ er uns voller Reue.

Ein dritter Geist folgte unmittelbar. Anders als die beiden vorigen war er sich vollkommen bewusst, dass er ein Geist sei und nur vorübergehend in einem geliehenen Körper sprach. Er sei der Vater Harry Thaws. Sein Sohn, beschwor er uns, sei unschuldig. Er werde nicht hingerichtet werden – was sich später bestätigte. Harry sei seit Kindheit für Geistereinflüsse empfänglich, von einer Erregbarkeit, die die Eltern stets gescheut hatten, durch Strenge zu reizen, aus Sorge, er werde irrsinnig. Heute, von der geistigen Seite her, sehe er den Irrtum: Harry sei zeit seines Lebens das Werkzeug selbstsüchtiger, erdgebundener Geister gewesen, und in jener Stunde, als er Stanford White erschoss, sei er von rachsüchtigen Geistern besessen gewesen.

Auf jedem ihm möglichen Weg, sagte der Vater, habe er versucht, in die Außenwelt durchzudringen, um dies bekannt zu machen: Harry sei nicht irrsinnig, sondern Medium. Er bat uns, an seine Frau und an seinen Anwalt, einen Herrn Olcott, zu schreiben und ihnen zur Pflicht zu machen, diese Zusammenhänge zu begreifen. Dass Olcott tatsächlich Thaws Anwalt war, wussten wir damals nicht; wir bestätigten es uns später. Wir versprachen, seinem Wunsch zu entsprechen, und der Vater verließ uns.

Richard Ivens und der Mord an Bessie Hollister

Dass Richard Ivens, der im Jahre 1906 in Chicago wegen Mordes an Frau Bessie Hollister gehängt wurde, ein Opfer fremder Einflüsse geworden war, lag so klar zu Tage, dass Irrenärzte, Kriminalisten und Psychologen einhellig erklärten, Ivens sei unschuldig und habe die Tat unter dem hypnotischen Zwang einer ihm unbekannten Persönlichkeit begangen. Er gab seine Schuld abwechselnd zu und bestritt sie ebenso entschieden wieder; mit fremdem, abwesendem Blick beharrte er darauf, ein „starker Mann“ habe ihn zu der Tat gezwungen.

Hugo Münsterberg, Professor der Psychologie an der Harvard-Universität, schrieb dazu im Juni 1906: „Es ist ein interessanter und ziemlich klarer Fall von Persönlichkeitsspaltung und Selbstsuggestion … Die Hexen des 17. Jahrhunderts wurden auf Grund solcher Bekenntnisse verbrannt, und das allgemeine Verständnis für seelische Verirrungen hat seit jener Zeit nicht viel Fortschritte gemacht.“

Sein Kollege William James urteilte: „Ob schuldig oder nicht, Ivens muss in einem Zustand von Persönlichkeitsspaltung gewesen sein … Er war nicht sein eigenes natürliches Selbst während jener schicksalsschweren Tage, sondern das Opfer einer jener seltsamen Persönlichkeitsveränderungen, von denen wir wissen, dass sie entweder durch Suggestion oder ganz von selbst bei dafür veranlagten Personen auftreten.“

Sitzung vom 7. März 1907 – Richard Ivens

Beim Eintritt des Geistes fiel das Medium scheinbar leblos zu Boden; eine halbe Stunde lang waren wir bemüht, ihn ins Bewusstsein zurückzurufen. Als er schließlich sprach, stöhnte er, man möge ihn loslassen – ob wir ihn noch einmal hängen wollten. Sein Nacken sei gebrochen, er sei tot, und das wolle er auch bleiben; rufe man ihn jetzt ins Leben zurück, würde man ihn ein zweites Mal hängen.

Sein Name: Richard Ivens. Schuldig am Mord an Frau Hollister? Er wusste es nicht. Hätte er es getan, dann ohne sein Wissen. Schuldig bekannt habe er sich nur, weil drei Geister ihn dazu gezwungen hatten – allen voran ein starker Mann mit einem Messer, der gedroht hatte, ihn zu erstechen. War der starke Mann nicht da, dann war er bei seiner Wahrheit geblieben: er wisse nicht, ob er die Dame getötet habe.

Da brach Furcht aus ihm hervor. Er sah den großen Mann wieder. Er fasste sich ans Knie, schrie auf: das Messer fahre ihm durch das eine, durch das andere Bein. Wir mussten ihm allmählich begreiflich machen, dass seine Peiniger Geister waren und dass auch er selbst, seines irdischen Körpers ledig, körperlichen Schmerzen nicht mehr ausgesetzt sein konnte. Er solle sich umsehen.

Er erkannte einige Geister. Andere als seine Feinde – und Frau Hollister selbst. Auf unsere Bitte fragte er den Mann mit dem Messer, warum er ihn so verfolgt habe; der grinste nur. Warum er die Dame habe töten wollen? Weil er Frauen hasse. Hier brach Ivens ab; er beobachtete atemlos einen heftigen Kampf, in dem unsichtbare Helfer die Geister fortbrachten. Danach beruhigte er sich.

Seine Erinnerung an die Tat: Als er an jenem Abend die Frau erblickt hatte, war auch der große Mann da gewesen. Ihm war seltsam im Kopf geworden, er war am Halse gepackt worden, hatte das Bewusstsein verloren. Als er zu sich kam, sagte der große Mann, er habe die Frau ermordet. Er hatte diesen Mann seit etwa einem Monat gekannt, ohne zu ahnen, dass er ein Geist war.

Hinterher hatte ihm niemand geglaubt. Wenn er von dem großen Mann erzählte, der das Messer über ihm gehalten und ihn zum Geständnis gezwungen hatte, war man darüber hinweggegangen. Polizei, Gefangenen-Aufseher, jeder, der ihn fragte – allen hatte er die Wahrheit gesagt; niemand wollte sie hören. Sollte er das Verbrechen wirklich begangen haben, sagte er nun, so bedaure er das aufrichtig; aber er wisse nichts davon, dass er es getan habe. Warum hatte man ihn gleich mit dem Tode bestraft?

Wir erklärten ihm, dass das Leben auch nach dem Tode weitergehe. Er fragte hoffnungsvoll, ob dann die Dame auch noch lebe – und ob sie ihm verzeihen könne. Sie war gekommen, ihm zu verzeihen; er hatte ihren irdischen Körper zerstört, war aber für die Tat nicht verantwortlich gewesen, missbraucht von Geistern, die ihn hypnotisiert hatten. Erschöpft nahmen unsichtbare Helfer ihn in ihre Obhut. Sie erzählten uns später: der „starke Mann“ und seine Gefährten hatten zu Lebzeiten der Bande der „Weiß-Mützen“ angehört, die einige Jahre lang in England und Amerika ihr Unwesen getrieben und viele Frauen verstümmelt und ermordet hatten.

Carl der Fechter

Mehrere Monate später kam der Geist jenes „starken Mannes“ selbst in unseren Zirkel.

Sitzung vom 6. Juni 1907 – Carl der Fechter

Der Geist erschien benommen, wie betrunken, und war beim Erwachen so kampflustig, dass mehrere Hände nötig waren, ihn zu bändigen. Carl der Fechter, schrie er, sei sein Name, und er werde uns alle erschießen lassen. Dann fluchte er andere Unsichtbare an, die ihn hierher gelockt hätten, anstatt ihm zu helfen.

Erst nach längerem Reden ließ er sich zum Anhören bewegen. Wir baten ihn, sich seine Hand anzusehen. Als er sie als Frauenhand erkannte, fuhr er heftig zurück und schrie, man möge sie wegnehmen; er wolle sie nicht mehr sehen. Was es denn mit dieser Hand auf sich habe, fragten wir. Niemals werde er das erzählen – lieber sterbe er. Da sei ja auch ihr Gesicht, brach es aus ihm heraus, und die Hand, die er abgeschnitten hatte, um den Diamantring zu bekommen; das verfolge ihn die ganze Zeit.

Entsetzt blickte er umher und schien eine ganze Versammlung von Geistern zu sehen. Habe er all diese Leute umgebracht? Kamen sie ihn anzuklagen? Da war ja auch dieser Junge – Ivens. Er war damals gehängt worden, und nun war auch er hinter ihm her. Carl gab unumwunden zu: er habe die Frau getötet und Ivens veranlasst, sich schuldig zu bekennen, um den eigenen Hals zu retten.

Schließlich begriff er, dass weiteres Widerstreben keinen Zweck habe. Er erzählte uns seine Verbrecher-Laufbahn. Gemordet habe er aus Rache, gestohlen, um Whisky zu kaufen, getrunken, um sein Gewissen zu betäuben und den Gespenstern zu entgehen, die ihn andauernd verfolgten.

In früher Jugend, unter der Obhut seiner eigenen Mutter, war er glücklich gewesen. Nach ihrem Tod hatte ihn die Stiefmutter so unbarmherzig misshandelt, dass er oft schluchzend in sein Zimmer geflohen war und kniend zu seiner toten Mutter um Hilfe gebetet hatte. Das hatte die Stiefmutter erst recht zur Raserei gebracht; allen Einsprüchen seines schwachen Vaters zum Trotz hatte sie auf ihn eingeschlagen und ihm verboten, den Namen seiner Mutter je wieder zu erwähnen.

In dem Knaben wuchs ein unbezähmbarer Hass gegen sie und gegen alle Frauen. Voll Rachedurst gelobte er, wenn er erst groß sei, möglichst viele Frauen umzubringen. Diesen Vorsatz hatte er konsequent ausgeführt; sein ganzes Leben hatte er an Untaten gegeben, die hauptsächlich Frauen zum Opfer fielen.

Selbst war er 1870 bei einem Streit mit Genossen umgekommen, ohne es zu bemerken. Er brüstete sich, viele Jahre lang immer neue Verbrechen verübt zu haben und der Polizei stets entkommen zu sein. In Boston hatte er einmal einen Polizisten erschlagen wollen, war hinter ihn geschlichen und hatte ihn mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen. Doch der Knüppel fuhr durch ihn hindurch und tat ihm nichts; der Polizist drehte sich nicht einmal um.

Er glaubte sich nun in den Händen der Behörden und erklärte sich bereit, sich zu ergeben, um den Gesichtern seiner vielen Opfer zu entgehen. In die Hölle gehe er gerne, wenn er nur diese Quälerei loswerden könne. Während wir noch zu ihm sprachen, sah er seine rechte Mutter vor sich stehen. Ihre Erscheinung überwältigte ihn. Der hartgesottene Verbrecher sank im Stuhl zusammen und weinte jämmerlich. Er folgte ihr reumütig, einer Kindesseele gleich, in die Geisterwelt.

Harry Hayward und die Eis-Creme

Im Jahre 1894 hatte Harry Hayward, ein hübscher, gewissenloser Lebemann, einen Burschen dazu gedungen, seine Geliebte in Minnesota zu ermorden, und wurde dafür gehängt. Im Gefängnis behielt er eine unbekümmerte Haltung, spielte Karten mit seinem Aufseher und ließ sich seine Lieblingsspeise bringen, Eis-Creme, sooft er sie bekommen konnte. Er gehe nun in die Hölle, hatte er zum Aufseher gesagt; wenn der dort nachkomme, werde er ihn mit Eis-Creme bewirten. Anonym hatte ich ihm in jenen Wochen ein Buch und einige Aufsätze über die Geisterwelt zugehen lassen.

Vierzehn Jahre später, am 27. Februar 1908, bat uns eine Krankenschwester um Hilfe für Frau Mc A., eine junge Frau mit anhaltenden Schwächezuständen. An jenem Tag hatte die Kranke ungewöhnlich dringend nach selbstgemachter Eis-Creme verlangt, obwohl sie sich sonst nichts daraus machte. Als die Schwester sie hereinbrachte, fühlte sie sich plötzlich angefallen; ein Würgen, ein Erstickungsgefühl zwang sie hinaus. Sie war selbst medial – sie kam zurück, riss das Fenster auf und gab im Stillen, ohne ein Wort auszusprechen, den Befehl, jedes fremde Wesen habe den Raum sofort zu verlassen.

Am Abend meldete sich in unserer Sitzung ein Geist mit Schmerzen im Nacken: er habe das Genick gebrochen, als er gehängt worden sei. Sein Name: Harry Hayward. Ob wir ihm Eis-Creme geben könnten, fragte er sofort – er habe es heute schon fast geschmeckt, sei aber von einer Frau aus dem Fenster geworfen worden, ehe er es bekam.

Auf seine Frage nach dem Gefangenen-Aufseher, mit dem er Karten gespielt hatte, vermutete ich, der sei vielleicht inzwischen gestorben. Hayward schwieg, dann widersprach er bestimmt: nein, der Mann sei nicht tot; er sehe ihn im Hause seines Sohnes in Minneapolis Karten spielen. Nach dieser Sitzung besserte sich der Zustand der Frau Mc A. auffallend. Auf unsere briefliche Anfrage bestätigte sich: der alte Wärter lebte und hatte am Abend unserer Sitzung tatsächlich im Hause seines Sohnes in Minneapolis Karten gespielt.

Pete Neidemeyer und der Car-Barn-Mord

Der „Car-Barn-Mörder“ von Chicago war ein Verbrecher anderer Art – ein Opfer seiner Umgebung. Einige Zeit nach seiner Hinrichtung wurde er unserm Zirkel zugeführt, als er einer Nachbarstochter nachlief, die meine Frau besuchen kam.

Pete Neidemeyer – in den Zeitungsberichten meist Peter Niedermeier geschrieben – gehörte 1903 in Chicago zur dreiköpfigen Bande, die als „Car-Barn-Bandits“ bekannt wurde, neben Gustave Marx und Harvey Van Dine. Ihr blutigster Coup war ein Überfall auf das Depot der City Railway Company in der 61. Straße; ein Kassierer und ein Wachmann wurden dabei kaltblütig erschossen. Die anschließende Fahndung war eine der größten in der Geschichte Illinois‘. Sie endete in einem stundenlangen Schusswechsel an einem Unterstand nahe Indiana, bei dem noch ein Polizist getötet wurde, bevor die drei gefasst werden konnten. Im Prozess fiel Neidemeyer durch eine fast unheimliche Gleichgültigkeit auf. Am 22. April 1904 wurde er im Cook County Jail durch den Strang hingerichtet.

Sitzung vom 21. September 1918 – Pete Neidemeyer

Im Erdenleben sei er nichts anderes als ein wildes Tier gewesen, sagte er. Seine Mutter habe sich um ihre Kinder nicht gekümmert; wenn er etwas gestohlen hatte, hieß sie ihn einen fixen Jungen. So war er in eine Bande geraten, ein Dutzend Jungen, immer frecher; je tiefer hinein, desto besser hatte es ihnen gefallen.

Er sei einer Nachbarstochter, die er gern gehabt hatte, eines Tages aus dem Haus gefolgt, ohne zu begreifen, dass er gehängt worden war. Nach seiner Hinrichtung war er nach Hause gegangen und einige Zeit dort geblieben, ohne zu bemerken, dass er verstorben war. An jenem Tag, als er dem Mädchen ins fremde Haus folgte, fand er sich auf einmal in einer Versammlung wieder. Er hörte singen, und ehe er begriff, was geschah, war er wieder ganz lebendig: er konnte reden, sein Hals tat nicht mehr weh.

Sitzung vom 30. August 1922 – Pete Neidemeyer

Vier Jahre später kehrte Neidemeyer zurück, um eines klarzustellen: er habe beim Car-Barn-Mord keinen Menschen umgebracht. Er sei dabei gewesen, hatte aber nur Schmiere gestanden; der eigentliche Täter entkam. Vier von ihnen wurden gehängt, weil sie dabei waren.

Bestätigt hatte sich ihm seitdem, dass seine Mutter besessen gewesen war. Sie hatte ihn mit ihren Gedanken sehr ungünstig beeinflusst, und er war empfänglich. Vater und Bruder waren gute Menschen; in der ganzen Nachbarschaft konnte niemand seine Mutter leiden. Er aber war ihr Liebling und konnte alles haben.

Nachdrücklich bat er uns, soweit es uns möglich sei, auf die Abschaffung der Todesstrafe hinzuwirken. Er selbst war voller Hass gewesen, als man ihn hängte, und hatte sich vorgenommen, falls es ein Weiterleben gebe, sich Rache zu holen. Wenn Menschen gehängt würden, sei ihr Herz voller Hass und Rachegelüste; sie kämen zurück, übten Einfluss auf empfängliche Menschen aus und stifteten diese zu allerhand Verbrechen an. Sobald die Todesstrafe abgeschafft würde, gäbe es nicht mehr so viele Morde.

Die Todesstrafe ist in den meisten westlichen Ländern abgeschafft – Neidemeyers Mahnung ist insofern angekommen. Doch der heutige Strafvollzug hat den Kern seiner Beobachtung kaum besser gelöst. Wer ins Gefängnis kommt, sitzt seine Strafe ab in einer Umgebung, die genau jene Hass-, Demütigungs- und Ohnmachtsempfindungen verdichtet, die ihn ursprünglich zur Tat geführt haben. Das Gefängnis wirkt damit weniger als Heilstätte denn als Schule der Kriminalität, in der das destruktive Innenmaterial verdichtet und unter Mitgefangenen weitergetragen wird. Was beim Gehängten als Rachegeist in die Erdsphäre zurückkehrt, kehrt beim Entlassenen als verhärteter, sozial gebrandmarkter Mensch in dieselbe Gesellschaft zurück – eine Stufe weniger drastisch, nicht prinzipiell anders.

Eine Reform im Sinne Wicklands hätte zwei Forderungen einzulösen. Die Strafe müsste in eine echte Lebensschule übergehen, in der nicht Moralpredigten, sondern reale Erfahrungen von Würde, Selbstwirksamkeit und gutem Vorbild den inneren Ort der Verirrung schließen. Und nach verbüßter Strafe müsste die Gesellschaft fähig sein, die Akte zu schließen – das lebenslange Brandmal des „Schuldigen“ zu tilgen, sodass der Entlassene nicht in dasselbe Feld zurückgesogen wird, aus dem er gerade entlassen wurde. Solange Strafe nur Herabsetzung ist, produziert sie das, was sie zu bekämpfen vorgibt.

Geister und Selbstmord

Viele überraschende Selbstmorde, die ohne ersichtlichen Anlass begangen werden, haben ihre Ursache in der Besessenheit durch erdgebundene Geister. Manche dieser Geister treibt einfach die Lust, ihre Opfer zu quälen. Andere haben selbst Selbstmord begangen und sehen sich dennoch weiter am Leben; von einer geistigen Welt wissen sie nichts. So leben sie in dem bedrückenden Irrtum, ihre Tat sei misslungen, und unternehmen immer wieder neue Versuche – nicht an sich selbst, sondern an dem medialen Menschen, dessen Aura sie bewohnen, ohne es zu wissen.

Das Schicksal eines Selbstmörders ist in der Regel äußerst jämmerlich. Seine übereilte Tat hält ihn in der Erdsphäre so lange fest, wie sein Leben bis zu seinem natürlichen Ende gedauert hätte.

Frau X. – die Sonntagsschullehrerin

Ein Fall, der mir nahe ging, betraf eine Frau X., die mich in meiner Kindheit in Europa in der Sonntagsschule unterrichtet hatte – meiner Frau aber war sie unbekannt. Eine kluge, geistig rege Frau, ernstes Mitglied der Kirche, glücklich verheiratet, Mutter mehrerer Kinder. Ohne erkennbares Anzeichen, in sichtlich heiterem Befinden, hatte sie sich plötzlich erhängt. Der zu Tode erschrockene Mann und die Kinder fanden keinerlei Erklärung.

Fünfzehn Jahre später, an einem Wintertag, waren meine Frau und ich in unserem Hause in Chicago allein, als unvermittelt ein Geist von ihr Besitz ergriff, der nach Atem rang und zu ersticken schien. Wie viele andere war auch er sich nicht bewusst, in einem fremden Körper zu stecken, und durchlebte in der engen Fühlung mit der Materie noch einmal seinen letzten Todeskampf. Auf vieles Fragen wurde mir zu meiner Überraschung klar, dass ich eine gute Bekannte aus längst vergangenen Tagen vor mir hatte.

Sobald sie sich außerhalb ihres Körpers befunden, sagte sie, sei ihr die Ursache der voreiligen Tat klar geworden. Böse Geister, denen missgünstige Gedanken übelwollender Menschen den Weg gewiesen hatten, hatten um sie herumgestanden und sich in teuflischer Genugtuung über ihr Werk gefreut. Sie selbst habe nicht den geringsten Grund gehabt, an Selbstmord auch nur zu denken. Ein unwiderstehlicher Drang sei plötzlich über sie gekommen; sie habe sich den Strick um den Hals gelegt, und erst als es zu spät war, begriffen, was sie getan hatte.

Sie hätte die ganze Welt darum gegeben, ihren Körper zurückzubekommen. Heim zerstört, Mann untröstlich, Kinder unversorgt; sie hatten ihre Nähe nicht spüren können, wenn sie zu ihnen kam. Getröstet durch die Belehrung war sie bereit, mit höheren Geistern zu gehen.

Viele Jahre später, als wir eine Kranke im Hause hatten, die sich mit Selbstmordabsichten trug, kam Frau X. noch einmal zurück.

Sitzung vom 17. November 1918 – Frau X.

Sie wandte sich an die junge Dame, die sich mit Selbstmordgedanken trug. Vor vielen Jahren sei sie eine glückliche Frau gewesen – zwei liebe Kinder, ein lieber Mann, ein verträgliches Haus. Ihr Glück hatte sie zur Zielscheibe vieler neidischer Gedanken gemacht; medial war sie damals gewesen, ohne es zu wissen.

Eines Tages habe ihr Mann wie gewöhnlich seinen Dienst angetreten; sie hatte ihn beim Abschied geküsst und war guter Dinge gewesen. Kaum war er fort, überfiel sie etwas. Sie wusste nicht, was sie tat. Sie wusste überhaupt nichts. Als ihr alles wieder klar wurde, sah sie ihren Mann zu Tode erschrocken weinen – und ihren eigenen Körper im Schuppen hängen.

Zehn Jahre lang habe sie nichts vor Augen gehabt als diese Tat. Sie konnte sehen, wie sehr ihre Kinder sie brauchten, und sie konnte nichts für sie tun. Mann und Kinder würden ihr das nie ganz verzeihen, obwohl sie besessen gewesen war. Sie warne jeden, der sich mit dem Gedanken trage: Tilgt jeden Selbstmordgedanken aus.

Die zehn Jahre ihrer Leiden seien jene Zeitspanne gewesen, die ihr Leben noch hätte dauern sollen. Nach diesen zehn Jahren wäre sie ohnehin gegangen – aber sie hätte für Mann und Kinder noch sorgen können. Stattdessen war ihre Strafe gewesen, beständig ihre hängende Leiche vor Augen zu haben.

Hier wirft sich eine Frage auf, die der Text nicht beantwortet – eine Strafe wofür? Frau X. war, wie sie selbst sagt, besessen, als sie sich den Strick um den Hals legte; sie hatte in jenem Moment keine Gewalt über ihren Körper. Verantwortung aber setzt Handlungsfähigkeit voraus. Wer ohne eigenen Willen tut, was er ohne Besetzung niemals getan hätte, kann dafür nicht im moralischen Sinn schuldig gesprochen werden. Was also hat sie zehn Jahre lang an die zerstörte Leiche und an die unversorgten Kinder gefesselt?

Wicklands Bericht gibt keine Antwort. Denkbar sind mehrere. Vielleicht ist das, was hier wie Strafe aussieht, in Wahrheit eine natürliche Folge: der Selbstmord trennt das Bewusstsein zu früh vom Leib, und das nicht ausgelebte Stück Leben muss in der Erdsphäre ausgewartet werden, gleichgültig wodurch die Tat zustande kam. Vielleicht handelt es sich gar nicht um eine Sanktion von außen, sondern um das eigene Nicht-Loslassen-Können – der Anblick der hängenden Leiche, das Wissen um die unversorgte Familie, all das fesselt aus sich selbst heraus. Vielleicht aber ist auch die vollständige Besessenheit, in der gar kein eigener Wille mitgewirkt habe, eine nachträgliche Schonung des Selbstbildes; in der Praxis braucht das Eintreten eines fremden Geistes fast immer eine innere Schwäche oder Öffnung des Lebenden, sodass ein Rest eigener Mitwirkung kaum je ganz auszuschließen ist. Die Antwort verlagert sich dann auf die Frage, wie viel oder wie wenig eigene Disposition man dem Lebenden zuschreibt. Die Frage selbst aber bleibt aufgeworfen.

Minnie Harmening – das Mädchen aus Palatine

Am 20. November 1904 hielten meine Frau und ich bei Freunden in Chicago eine Sitzung. Da hörte meine Frau jemanden sagen, er sei im Finstern. Niemand im Zimmer hatte gesprochen; doch ein Herr neben ihr bestätigte, die Stimme ebenfalls gehört zu haben. Einen Augenblick später fiel meine Frau in Tiefschlaf zu Boden, und der Geist, der in sie gefahren war, fasste sich an die Kehle und rief, man möge den Strick fortnehmen. Im Finstern sei sie; warum sie das nur getan habe?

Es war ein junges Mädchen. Minnie Harmening, von einer Farm bei Palatine. Sie sprach unter Schluchzen so stockend, dass es Mühe machte, sie zu verstehen. Am 5. Oktober – ohne erkennbaren Anlass – sei sie von einem unwiderstehlichen Drang befallen worden, sich das Leben zu nehmen. Allein war sie in die Scheune gegangen und hatte sich an einem Balken aufgehängt.

Ein Mann mit schwarzem Bart, sagte sie, habe sie dazu gedrängt. Sie habe ihn in der Scheune getroffen, und er habe sie hypnotisiert. Ihr Bruder John hatte sie später gefunden und abgeschnitten; die Eltern waren außer sich. Sie selbst aber – so glaubte sie – sei doch gar nicht tot. Sie sei die ganze Zeit zu Hause und spreche mit Vater und Mutter; doch sähe niemand sie an, niemand höre sie. Ihre Leute säßen um den Tisch und weinten, ihr Stuhl stehe leer; warum antworte ihr niemand?

Wir konnten sie nur mühsam überzeugen, dass es nicht ihr eigener Körper sei, durch den sie sich uns mitteilte. Schließlich ging sie unter der Obhut von Helfern.

Vor diesem Erlebnis hatten weder meine Frau noch ich von dem Selbstmord etwas gehört, und wir wussten überhaupt nicht, dass es ein Mädchen dieses Namens gab. Einige Tage später kam ein Berichterstatter einer Chicagoer Tageszeitung zu uns. Als ich ihm von der Sitzung erzählte, war er überrascht: gerade er hatte über den Fall berichten sollen. Das Mädchen hatte tatsächlich in Palatine im Cook County, Illinois, gelebt; man hatte ihre Leiche in der väterlichen Scheune hängend gefunden. Niemand wusste einen Grund. Die zerrissenen Kleider und die Kratzwunden am Hals hatten die Behörden zu der Annahme verleitet, es liege ein Mord vor und die Leiche sei nachträglich aufgehängt worden, um die Spur zu verwischen.

Am Erntedankfest, dem 24. November, kam Minnie noch einmal. Sie war stark bekümmert über den Schmerz der Eltern und über die Haltung der Dorfbewohner. Sie war ein treues Mitglied der deutschen lutherischen Kirche gewesen; doch weil sie Selbstmord begangen hatte, hatte der Pastor die Begräbnisfeier in der Kirche verweigert und ein Begräbnis auf dem geweihten Friedhof nicht erlaubt. Die Feier hatte im Elternhaus stattgefunden – der Pastor jedoch hatte den Anblick der Leiche für eine Entweihung gehalten und war draußen geblieben, während andere ihr die letzte Ehre erwiesen. Den ohnehin schwer betrübten Eltern war damit zusätzliches Leid auferlegt worden. Auch diese Angaben fand ich später in den Zeitungen bestätigt.

Auf meine Frage, wovon ihre Kleider so zerrissen gewesen seien, gab sie zur Antwort: das habe sie selbst getan. Der große Mann mit dem Bart habe verlangt, sie solle sich aufhängen. Als sie die Kiste unter ihren Füßen fortgestoßen hatte, war ihr der Strick um den Hals zusammengezogen, und in jenem Augenblick war sie zum Bewusstsein gekommen. Sie hatte sich in den Strick gekrallt und zerkratzte sich dabei.

Sitzung vom 20. Oktober 1918 – Minnie Harmening

Vierzehn Jahre später kam Minnie zurück. Sie wolle danken, sagte sie, für die Hilfe, die sie damals empfangen habe. Knapp sechzehn Jahre alt war sie gewesen, als sie die Tat beging. Sie wiederholte, was ihren Eltern durch die Haltung der Kirche zusätzlich angetan worden war: der Pastor zu heilig, um mit ihrer Leiche in einem Zimmer zu sein, der Leichenzug nicht eines Blickes wert.

Sie habe die Tat ja gar nicht selbst begangen; sie sei besessen gewesen. Sie warne jeden: niemand schaffe sich durch Selbstmord eine Zuflucht im Jenseits. Sie gehe sehr oft zu ihrer alten Mutter; und sie sei in gewisser Hinsicht glücklich – aber nicht ganz, weil sie unter dem Kummer ihrer Eltern leide.

Olive T. und Anna D. – zwei Schauspielerinnen aus Paris

Ein plötzlicher Tod, bei dem zweifellos Geistereinfluss im Spiel war, traf die bekannte Filmschauspielerin Olive T. An einem Abend im Frühherbst des Jahres 1920 hatte sie in Paris Selbstmord begangen; sechs Tage später ihre beste Freundin Anna D. ebenfalls.

Sitzung vom 22. September 1920 – Olive T.

Sie wand sich in Krämpfen und weinte. Vor ihr sah sie ein schreckliches Gesicht – das eines Geistes, der sie nicht losließ. Sie verlangte Champagner, eine Zigarette; sie war sich nicht bewusst, dass beides ihre Welt nicht mehr betraf. Erst als sie einen anderen Geist erblickte – ihre Freundin Anna D. –, ließ sie sich besänftigen.

Sie war Olive T. Anna D. war kurz vor ihr gestorben und nun in ein zweites Medium gefahren, das an unserer Sitzung teilnahm. Beide, sagten sie, hatten unter dem Einfluss desselben Mannes gestanden – jenes Geistes, der ihnen die schrecklichen Grimassen schnitt. Er hatte Olive an dem Abend dorthin gebracht, wo sie sich umbrachte; auch Annas Tod war sein Werk. Ihren häufigen Stimmungswechsel zu Lebzeiten hatte niemand erklären können, weil niemand vom Quälen durch Geister wusste.

Helferinnen aus der geistigen Welt – Anna H., eine Frau Case und eine Abbie Judson – nahmen die beiden auf.

Sitzung vom 19. April 1922 – Olive T.

Eineinhalb Jahre später meldete sich Olive T. noch einmal. Sie dankte für all das Glück, das sie inzwischen empfangen habe. Lange sprach sie über die Erziehung der Kinder und über den Film, den sie als Lehrmittel sah – wenn er nur richtig genutzt würde, um den Menschen zu zeigen, dass es keinen Tod gibt. Sie selbst habe ein hohles Scheinleben geführt.

Verderblich für die Jugend, sagte sie, seien Alkohol und Morphium. Was die Menschen verböten, locke die jungen Leute erst recht; und die Gedankenströmungen, die ständig um diese Stoffe kreisten, könnten mediale Menschen, kämen sie nur einmal damit in Berührung, ganz wild machen. So gehe es immer tiefer und tiefer.

Sie selbst sei in Leidenschaften so tief verstrickt gewesen, dass sie durch sie den Tod gefunden habe. Sie habe sich das Leben genommen aus einer leidenschaftlichen Laune – eigentlich nicht gewollt. Wenn die Leidenschaft sich rege, mache man einfach kehrt: damit verschließe man die Tür vor jedem bösen Geist. Hätte sie es so gemacht, hätte sie die Tat nicht begangen.

Hier kommt der Bericht – fast unbemerkt – zu einer Antwort auf die Frage, die wir bei Frau X. offen gelassen haben. Olive T. nennt zweierlei beim Namen, was sie in den Zustand der Besetzung gebracht hat: das Morphium und die ungehütete Leidenschaft. Damit wird der Ort der Verantwortung sichtbar. Nicht die Tat selbst – sie geschah unter fremder Gewalt –, sondern das, was die Tür dafür geöffnet hatte, fällt auf den Lebenden zurück. Drogen und Alkohol wirken nach Wicklands Beobachtung wie Lösungsmittel der schützenden Aura; sie senken die innere Schwingung so weit ab, dass erdgebundene Geister Anschluss finden. Wer sich dieser Mittel bedient, betritt aus eigenem Antrieb das Vorzimmer jener Wesen, die ihn dann zur Hand nehmen.

Olive T. nennt aber noch ein zweites Tor, das ihr vielleicht wichtiger war als das chemische: die ungehütete Leidenschaft. Sie rät, einfach kehrtzumachen, sobald Zorn, Selbstmitleid oder maßlose Begierde sich regten – damit verschließe man die Tür vor jedem bösen Geist. Das ist der Punkt, an dem die Verantwortung sitzt. Sie endet dort, wo die Besetzung beginnt; aber sie war in vollem Maße gegeben, als der Weg dorthin durch Substanzen, durch unbeherrschte Affekte oder schlicht durch ein hohles, kernloses Leben geebnet wurde. Ihr Selbstmord, so gesehen, ist eher ein Versäumnis als eine Tat – das Versäumnis, das eigene Haus zu sichern. Die Geister konnten ihre schrecklichen Grimassen nur deshalb schneiden, weil sie die Zugänge selbst niedergerissen hatte.


Die kursiv gesetzten Einschübe stammen nicht von Wickland, sondern vom Herausgeber dieser Bearbeitung.