Reinkarnation


Jeder Mensch trägt ein tiefes Gefühl für Gerechtigkeit in sich. Es meldet sich, wenn wir Unrecht beobachten; es lässt uns aufbegehren, wenn die Verhältnisse schief liegen. Dieses Empfinden ist so tief in uns verwurzelt, dass wir es kaum hinterfragen. Es ist einfach da – wie der Hunger oder der Durst.

Doch dann blicken wir in die Welt. Wir sehen einen Menschen, der sein Leben lang redlich handelt und am Ende verarmt und krank stirbt. Wir sehen einen anderen, der betrügt und ausbeutet und dabei in Wohlstand alt wird. Wir sehen Kinder, die mit schweren Bürden geboren werden, und andere, denen alles in die Wiege gelegt scheint. Und unser Gerechtigkeitsempfinden? Es steht daneben und versteht die Welt nicht mehr.

Hier lohnt es sich, einen Moment innezuhalten. Denn eigentlich haben wir es mit einem seltsamen Rätsel zu tun: Wozu besitzen wir ein so starkes, so unbestechliches Gefühl für Gerechtigkeit, wenn die Wirklichkeit es offenbar ständig verspottet? Ein Hunger, der niemals Nahrung findet, wäre sinnlos. Ein Durst ohne Wasser wäre eine Grausamkeit der Natur. Warum also dieses tiefe Wissen um Ausgleich und Richtigkeit – wenn es doch anscheinend nirgends eingelöst wird?

Vielleicht liegt der Fehler nicht im Gefühl, sondern im Rahmen, in dem wir nach seiner Erfüllung suchen.

Stellen wir uns vor, jemand liest einen Roman – aber nur ein einziges Kapitel, irgendwo in der Mitte. Er erfährt, dass der Held gerade im Kerker sitzt, während der Schurke auf dem Thron feiert. Empört klappt er das Buch zu und erklärt die Geschichte für ungerecht. Doch wer den ganzen Roman kennt, weiß: Die Fäden laufen zusammen, die Rechnung geht auf – nur eben nicht auf einer einzelnen Seite.

Unser Erdenleben gleicht diesem Kapitel. Wir lesen mittendrin und wundern uns über die Handlung. Doch was, wenn die Geschichte schon lange vor unserer Geburt begonnen hat? Und was, wenn sie nach unserem Tod weitergeht? Dann wäre das, was wir heute erleben, nicht das ganze Bild, sondern ein Ausschnitt – verständlich nur im Zusammenhang mit dem, was vorher war und was noch kommt.

Wer so denkt, steht freilich vor einer Hürde. Denn in vielen Schulen des Lebens wurde uns beigebracht, nur mit dem zu rechnen, was sichtbar vor uns liegt. Alles andere gilt als Spekulation. Es ist ein wenig so, als hätte man einer Schulklasse jahrelang nur die Grundrechenarten vermittelt – Addition, Subtraktion, feste Zahlen, klare Ergebnisse.

Eines Tages betritt ein neuer Lehrer den Raum und schreibt ein „x“ an die Tafel. Eine Variable. Eine Unbekannte. Es ist der Einstieg in die höhere Mathematik. Er erklärt, dass manche Gleichungen erst lösbar werden, wenn man akzeptiert, dass nicht alle Werte sofort sichtbar sind. Die Klasse ist empört. „Was soll das sein? Das stand in keinem unserer Bücher!“ Der Lehrer steht an der Tafel und wartet geduldig. Er weiß: Die Mathematik wird sich nicht ändern, nur weil sie für den Moment unbequem ist.

Mit dem Gedanken an frühere Leben verhält es sich ähnlich. Er ist für viele ungewohnt, vielleicht sogar ärgerlich. Aber er löst ein Problem, das sich anders nicht lösen lässt. Wenn unsere jetzige Situation auch das Ergebnis von Ursachen ist, die wir vor dieser Geburt gesetzt haben, dann ergibt das scheinbar Ungerechte plötzlich einen Sinn. Nicht als blinde Strafe oder willkürliches Schicksal, sondern als gesetzmäßige Folge. So wie eine Ernte immer ihre Saat voraussetzt, zeigt sich hier ein Zusammenhang, der lediglich weiter zurückreicht als dieses eine Leben. Das Kind, das mit einer Bürde geboren wird, trägt nicht die Laune eines unberechenbaren Gottes, sondern einen Faden, den es selbst mitgewoben hat.

Nun wird mancher sagen: Aber das kann man doch nicht beweisen! Und er hat recht – im Sinne eines naturwissenschaftlichen Experiments. Doch beweisen lässt sich auch nicht, dass das Leben überhaupt einen Sinn hat. Wer ernsthaft über Gerechtigkeit nachdenkt, hat diese Frage allerdings bereits still beantwortet. Denn in einer sinnlosen Schöpfung wäre Gerechtigkeit ein leeres Wort. Wer das Wort benutzt, wer sich nach Ausgleich sehnt, wer empört ist über Unrecht – der glaubt bereits an einen Sinn, auch wenn er es vielleicht nicht so nennen würde.

Und wenn das Dasein sinnvoll ist, dann muss sich die Gerechtigkeit irgendwo erfüllen. Nicht unbedingt in diesem Jahr. Nicht unbedingt in diesem Leben. Aber im großen Bogen der Reinkarnation, den wir nur in Ausschnitten überblicken.

Das Gerechtigkeitsempfinden in uns ist somit kein Irrtum der Evolution und keine romantische Illusion. Es ist ein Kompass, der auf etwas Wirkliches zeigt – ein innerer Motor, der uns zur aktiven Suche nach Wahrheit antreibt. Denn seinen Frieden findet der Mensch erst dann, wenn er durch eigene Erkenntnis jene Weisheit erlangt hat, in der sich das Rätsel des Schicksals zur vollkommenen Logik der Gerechtigkeit löst.