2. Unterbewußtsein und Auto-Suggestion, Unhaltbare Hypothesen
In dreißig Jahren unermüdlicher Forschung im Kontakt mit Verstorbenen haben wir so viel Aufsehenerregendes erlebt und erfahren, dass es einem geradezu unglaublich erscheint, wie vernünftig denkende Menschen, nur weil ihr Denken ganz andere Wege ging, so lange achtlos an diesen einfachen Tatsachen vorübergehen konnten – Tatsachen, die sich doch so leicht nachprüfen und bestätigen lassen.
Täuschung oder Betrug liegen bei unseren Sitzungen außerhalb jeder Möglichkeit. Es werden fremde Sprachen gesprochen, die meiner Frau völlig unbekannt sind. Es werden Ausdrücke und Redewendungen gebraucht, die sie nie gehört hat. Dagegen ließ sich immer wieder feststellen, wen wir in dem sich zeigenden Geist vor uns hatten, und wir haben bezüglich dieser Feststellungen unzählige Bestätigungen erhalten.
Einmal hatte ich Gelegenheit, mich mit einundzwanzig verschiedenen Geistern zu unterhalten, die alle durch meine Frau sprachen. Die meisten von ihnen gaben mir überzeugende Beweise dafür, dass sie tatsächlich jene Freunde und Verwandten waren, die ich zu ihren Lebzeiten gekannt hatte. Insgesamt sprachen sie sechs verschiedene Sprachen, während meine Frau nur Schwedisch und Englisch beherrscht.
Aus einer Patientin, die aus Chicago zu uns gebracht worden war, wurden dreizehn verschiedene Geister ausgetrieben, denen wir gestatteten, sich durch meine Frau mitzuteilen. Der erste war ein Geistlicher, früher Pastor an jener Methodistenkirche, deren Mitglied die Mutter der Patientin ist. Er berichtete, dass er vor neun Jahren bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen sei, sich dieser Tatsache aber bis zu jenem Augenblick nicht bewusst gewesen sei.
Ein anderer Geist gab sich als ihre Schwägerin zu erkennen. Es folgten drei ältere Frauen, langjährige Freundinnen der Familie, weiter ein Nachbarssohn sowie die Schwiegermutter der Patientin – allesamt meiner Frau völlig fremd. Die Mutter der Patientin unterhielt sich lange und ausführlich mit jedem einzelnen von ihnen, während sie durch meine Frau sprachen.
Unzählige Angaben und Aussagen dieser Geister konnte sie als zutreffend bestätigen, und sie half eifrig mit, ihnen verständlich zu machen, welche Wandlung mit ihnen vorgegangen sei und auf welche Weise sie ihre Tochter in Besitz genommen hätten. Die Patientin ist heute völlig gesund. Sie widmet sich wieder der Musik und ist allen Anforderungen gewachsen, die das Familien- und Gesellschaftsleben an sie stellt.
Ein anderer Fall wird deutlich zeigen, dass die Psychose sich tatsächlich von Patienten auf das Medium übertragen lässt, und er macht zugleich die Unmöglichkeit deutlich, dass dabei das „Unterbewusstsein“ oder eine „Persönlichkeitsspaltung“ des Mediums eine Rolle spielen könnte. Eines Sommerabends wurden wir in die Wohnung einer hochgebildeten Dame gerufen. Sie war eine Musikerin ersten Ranges und hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten, da die an sie gestellten gesellschaftlichen Anforderungen zu groß geworden waren.
Sechs Wochen lang hatte sie unablässig unter Tobsuchtsanfällen gelitten, so dass niemand mit ihr fertig wurde und auch ihre Ärzte ihr keine Ruhe verschaffen konnten. Sie bedurfte ständiger Aufsicht, und tags wie nachts musste eine Pflegerin an ihrer Seite sein. Wir fanden die Patientin in ihrem Bett sitzend vor. Ein Weilchen lang weinte und jammerte sie wie ein Kind, dann wieder rief sie voll Angst immer wieder den Namen Matilla.
Plötzlich schlug sie um sich und gebärdete sich, als müsse sie einen Ringkampf austragen. Dabei sprach sie wild und erregt ein Gemisch aus Englisch und Spanisch – wobei ihr Letzteres im normalen Zustand völlig unbekannt war. Meine Frau durchschaute aufgrund ihrer medialen Wahrnehmung die Sachlage sofort. Es stand für sie außer Frage, dass es sich um einen Fall von Besessenheit handelte, und das fand auch unerwartet schnell seine Bestätigung.
Denn als meine Frau, schon im Mantel zum Aufbruch gerüstet, noch am Fußende des Bettes stand, fiel sie plötzlich in Tiefschlaf. Wir betteten sie auf ein Sofa im Musikzimmer, wo ich dann zwei Stunden lang nacheinander mit verschiedenen Geistern sprach, die sie unmittelbar von der Patientin auf sich übertragen hatte. Es waren drei Geister – ein Mädchen namens Mary, ihr Verehrer, ein Amerikaner, und sein mexikanischer Nebenbuhler Matilla.
Beide Männer waren leidenschaftlich in das Mädchen verliebt gewesen, und ebenso leidenschaftlich hatten sie einander gehasst. Rasend vor Eifersucht hatte der eine das Mädchen getötet, und anschließend hatten die beiden Rivalen sich in einem verzweifelten Ringen gegenseitig umgebracht. Keinem von ihnen war bewusst geworden, dass sie „tot“ waren.
Mary klagte jämmerlich weinend, dass sie schon gedacht habe, die beiden würden sich gegenseitig umbringen, doch sie lebten immer noch und hörten nicht auf zu raufen. Diese Tragödie von Liebe, Hass und Eifersucht hatte also mit dem körperlichen Tod durchaus noch kein Ende gefunden. Ihres veränderten Zustandes nicht bewusst, waren die drei Verstorbenen in die seelische Atmosphäre der Patientin geraten und setzten dort ihren Kampf und Streit fort.
Da nun zu jener Zeit gerade bei der Patientin die Widerstandskraft ihrer Nerven außerordentlich gering war, hatten die Geister einer nach dem andern auch von ihrem Körper Besitz ergriffen. So war es zu den schweren Störungen gekommen, die sich ihre Ärzte und Pflegerinnen nicht erklären konnten. Es war recht schwierig, die drei Geister davon zu überzeugen, dass sie ihren irdischen Körper verloren hätten. Schließlich aber erkannten sie die Wahrheit und wurden dann von unseren unsichtbaren Mitarbeitern fortgebracht.
Hier ist die Fortführung der Bearbeitung unter Berücksichtigung deiner Vorgaben:
Unterdessen war die Patientin aufgestanden, hatte sich vernünftig mit der erstaunten Pflegerin unterhalten und war ruhig in ihrem Zimmer umhergegangen. Bald aber legte sie sich wieder zu Bett und erklärte, sie werde diese Nacht einmal gut schlafen. Sie schlief ohne ihre gewohnten Schlafmittel ein und ruhte die ganze Nacht hindurch ungestört.
Am nächsten Tag wurde sie von der Pflegerin in unser Haus gebracht. Wir entließen die Pflegerin und setzten die Medikamente ab. Nach einer elektrischen Behandlung aß die Patientin zu Mittag mit den anderen Kranken im gemeinsamen Speisesaal und nahm am Abend an einer Veranstaltung teil, die in unserem Gesellschaftszimmer stattfand.
Am darauffolgenden Tag wurde noch ein weiterer Geist aus ihr vertrieben – ein kleines Mädchen, das bei dem Erdbeben in San Francisco ums Leben gekommen war. Die Kleine weinte unaufhörlich und klagte, sie habe sich im Dunkeln verlaufen. Selbstverständlich wurde sie getröstet und alsbald von geistigen Freunden in Obhut genommen, die sie nicht hatten erreichen können, solange sie in der Aura der medial veranlagten Patientin verstrickt war. Nach einigen Monaten der Behandlung, der Ruhe und der Erholung kehrte die Patientin in ihr Haus zurück und nahm ihr normales Leben wieder auf.
Eines unserer frühesten Erlebnisse hatten wir in Chicago am 15. November 1906. Während einer unserer Sitzungen fiel meine Frau, von einer fremden Wesenheit in Besitz genommen, zu Boden und blieb einige Zeit in schwerer Bewusstlosigkeit liegen. Der in ihr steckende Geist wurde schließlich zur Besinnung gebracht und gebärdete sich, als hätte er große Schmerzen. Immer wieder klagte er, warum er bloß nicht mehr Karbolsäure genommen habe; er wolle sterben, er habe das Leben so satt.
Mit schwacher Stimme beklagte der Geist sich über die tiefe Dunkelheit um ihn her. Er war nicht imstande, das elektrische Licht zu sehen, das ihm voll ins Gesicht schien. Leise flüsterte er von seinem armen Sohn. Und als wir in ihn drangen, uns zu sagen, wer er sei, gab er an, sein Name sei Mary Rose, und sie habe in der South Green Street Nr. 202 gewohnt – eine Straße, die uns damals völlig unbekannt war.
Anfangs vermochte die Verstorbene sich überhaupt nicht zu entsinnen, welches Datum wir wohl gerade schrieben. Als man sie aber fragte, ob nicht heute der 15. November 1906 sei, entgegnete sie, dass dies nicht stimme und erst in der nächsten Woche der Fall sei. Das Leben hatte ihr schwere Enttäuschungen gebracht, sie war fortwährend an einem chronischen Magenleiden erkrankt gewesen und hatte schließlich, um ihrem trostlosen Dasein ein Ende zu bereiten, Gift genommen.
Zunächst vermochte sie nicht zu begreifen, dass es ihr nur gelungen war, ihren irdischen Körper zu zerstören. Denn wie die meisten Selbstmörder wusste sie nicht, dass das Leben doch unzerstörbar ist, und dementsprechend wusste sie auch nichts von der Wirklichkeit des Jenseits. Als wir mit ihr über den wahren Lebenszweck sprachen und ihr darlegten, wie doch alle Erfahrungen und auch die Leiden ihren tiefen Sinn hätten, da überkam sie ehrliche Reue, und sie bat flehentlich um Vergebung.
Nun öffneten sich auch die Augen dieser Seele, und sie erblickte, wenn auch zunächst noch undeutlich, die Gestalt ihrer Großmutter, die gekommen war, um sie in die Geisterwelt mitzunehmen. Anhand der Angaben, die die Verstorbene uns über ihre Wohnung gemacht hatte, stellten wir Nachforschungen an und fanden alles bestätigt. Eine Frau dieses Namens hatte in jenem Hause gewohnt. Auch lebte ihr Sohn dort, und dieser teilte uns mit, dass Frau Rose in das Cook County Hospital gebracht worden und dort in der vergangenen Woche verstorben sei.
Auf unsere Nachfrage im Hospital fanden wir noch weitere Angaben als Tatsachen bestätigt. Man schickte uns eine Abschrift der Eintragung in das Krankenregister des Cook County Hospital, Chicago, Illinois, über Mary Rose, aufgenommen am 7. November 1906, gestorben am 8. November 1906 durch Karbolsäure-Vergiftung (Nr. 341106).
Noch ein anderer Fall mag zeigen, dass es oftmals möglich ist, die Persönlichkeit eines Geistes eindeutig festzustellen. Eine Patientin, die mehrere Ärzte als hoffnungslos irre bezeichnet hatten, war in gesunden Tagen eine gebildete Dame von angenehmem und ruhigem Wesen gewesen. Jetzt zeigte sie sich sehr ungebärdig und widerspenstig, fluchte unablässig und schlug mit solcher Heftigkeit um sich, dass mehrere Personen nötig waren, um sie zu bändigen.
Zuweilen fiel sie in schwere Bewusstlosigkeit, dann wieder suchten sie leichtere Ohnmachtsanfälle heim. Sie verweigerte die Nahrungsaufnahme, gab vor, sie stehe mit himmlischen Mächten in Verbindung, und erging sich in besonders gemeinem Gerede. Diese verschiedenen Zustände wechselten bei ihr fortwährend ab. Aber ein sicherer Beweis dafür, dass es sich um Besessenheit handelte, war nicht zu erlangen gewesen, bis die Patientin eines Tages die Sprache verlor und unter sinnlosem Stammeln eine völlig Taubstumme mimte.
An jenem Tag kam zufällig ein Herr aus einem Nachbarstaat zu einem unserer Kranken auf Besuch. Dieser Herr war eben angekommen, als die Pflegerin der Patientin mir die Meldung machte, der Zustand ihrer Patientin habe sich soeben schon wieder verändert; sie spreche nun wie ein kleines Kind. Dieser neue Wechsel war ganz verblüffend, und ich lud den herrn ein, mitzukommen und sich die Patientin ebenfalls anzusehen.
Er war ihr völlig unbekannt, doch als er das Zimmer betrat, zeigte sie mit dem Finger auf ihn und rief mit heller Kinderstimme aus, dass sie diesen Mann kenne; er habe ihr immer Schleifchen an die Schultern gesteckt und an ihren Zuckerstangen gezupft. Auch habe er sie ins Zigeunerlager mitgenommen. Er habe ihnen gerade gegenüber in derselben Straße gewohnt und sie „Rosenknöspchen“ genannt. Sie fügte hinzu, dass sie vier Jahre alt sei.
Hier ist die Fortführung deiner Bearbeitung. Ich habe die Absätze weiter unterteilt, die indirekte Rede konsequent umgesetzt und alle Änderungen auf Wortebene fett markiert.
Der Herr war höchst erstaunt und bestätigte alle diese Angaben. Er hatte in seiner Heimatstadt in Iowa ein solches Kind gekannt. Die Kleine war aber vor einem Jahr gestorben. Er erläuterte, dass er Kinder sehr gern habe und das Kind einige Male in ein Zigeunerlager mitgenommen habe. Wenn er der Kleinen Zuckerstangen gekauft habe und sie daran gekaut habe, habe er daran gezupft und ihr scherzend gedroht, er werde ihr damit die Zähne ausziehen.
Es war klar, dass die Zuneigung zu ihrem Freund die kleine Verstorbene angezogen hatte, und sie fand nun in der Patientin ein Werkzeug, durch das sie dem Herrn ihre Gegenwart kundtun konnte. Die Patientin wurde von diesem Geist und allmählich auch von anderen Wesen, die sie besessen hielten, befreit und erlangte ihre Gesundheit vollständig zurück, so dass sie einige Monate später auch von Gerichts wegen als völlig zurechnungsfähig anerkannt und zur verantwortlichen Unterzeichnung von Urkunden zugelassen wurde.
Ein anderer Fall dieser Art betraf eine Köchin, die in einem Gasthaus arbeitete und an einer ihrer Kellnerinnen ein seltsames Benehmen beobachtet hatte. Diese Kellnerin litt offenbar unter Sinnestäuschungen und Halluzinationen, und die Köchin brachte sie zu mir in die Sprechstunde. Nach einer elektrischen Behandlung gab die Patientin an, sich viel wohler zu fühlen, und ging wieder nach Hause.
Aber in derselben Nacht wurde die Köchin von einem unerklärlichen Zustand befallen, der sie nicht schlafen ließ. Diese Unruhe dauerte bis zum folgenden Morgen gegen zehn Uhr. Sie befand sich schon mitten in den Vorbereitungen für das Mittagessen, da wurde sie tobsüchtig, raufte sich das Haar und drohte, sich ein Leid anzutun. Ich wurde gerufen, und als ich eintraf, fand ich die Köchin im Zustand des Wahnsinns.
Sie klagte, sie werde hin und her gejagt und könne nirgends Ruhe finden. In der Vermutung, dass ein fremdes Wesen in ihr stecke, setzte ich sie auf einen Stuhl und fesselte ihr die Arme, um Tätlichkeiten vorzubeugen. Nach verschiedenen Bemerkungen gab der Geist an, er sei ein Mann; aber er wolle nichts davon wissen, dass er „tot“ sei und eine Frau besessen halte. Er nannte sich Jack und gab an, ein Onkel der gestörten Kellnerin zu sein, der zu Lebzeiten ein Vagabund gewesen sei.
Nach längeren Auseinandersetzungen begann er seine Lage zu begreifen. Er versprach, künftig niemanden mehr zu belästigen, und entfernte sich dann. Die Köchin kam darauf sofort wieder zu klarem Bewusstsein und ging wieder an ihre Arbeit, ohne jede weitere Beunruhigung zu erleiden. Später bestätigte die Kellnerin, dass sie einen Onkel namens Jack gehabt habe, der ein Vagabund gewesen und nun verstorben sei. In diesem Fall hatte die Köchin als Medium gedient; auf sie war die Besessenheit von der Kellnerin übertragen worden.
Vor einer Reihe von Jahren berichtete Doktor Lydston in den Chicagoer Zeitungen über einen Patienten, der, obgleich er weder Kenntnis des Französischen noch der Melodie besaß, ganz richtig auf Französisch die „Marseillaise“ sang, sobald er ein Betäubungsmittel erhalten hatte. Doktor Lydston, der an ein Fortbestehen des Ichs nach dem Tod nicht glaubte, erklärte diese Erscheinung als eine Äußerung des gesteigerten Bewusstseins oder unterbewussten Gedächtnisses.
Er stellte sie in Vergleich mit dem Fall jenes gänzlich ungebildeten Dienstmädchens, das im Fieberwahn klassisches Latein sprach – so fließend, wie es ihr ehemaliger Dienstherr, ein Lateinprofessor, zu seinen Lebzeiten gesprochen hatte. Ich erwiderte darauf in einem Zeitungsaufsatz, dass man solchen Erscheinungen bei der Mediumforschung sehr häufig begegne, und stellte fest, dass diese Fälle deutlich bewiesen, dass die Verstorbenen jenseits des Grabes weiterleben und befähigt seien, sich durch Menschen medialer Veranlagung kundzutun.
Ich fügte hinzu, wer die Wahrheit kenne, werde sie auch in diesen beiden Fällen dahingehend bestätigt finden, dass jener Mann medial veranlagt sei und, wenn er französisch singe, unter dem Einfluss eines fremden Wesens stehe, während aller Wahrscheinlichkeit nach das Dienstmädchen, wenn es Latein sprach, von dem Geist des verstorbenen Professors besessen gewesen sei. Kurz darauf besuchte mich der Herr, auf den sich Doktor Lydstons Veröffentlichung bezogen hatte. Er erklärte mir, er wisse nichts von Französisch, aber er wisse, dass er von Geistern zu Tode gequält werde.
Neuzeitliche Seelenforscher leugnen die Möglichkeit, dass es sich dabei um Äußerungen und Kundgebungen geistiger Wesen handeln könne, mit der Begründung, dass diese Persönlichkeiten weder übernatürliches Wissen bekundeten noch selbst behaupteten, selbständige Geistwesen zu sein. Im Gegensatz dazu haben unsere Erfahrungen uns gelehrt, dass die allermeisten dieser Wesen sich ihres Übergangs in die andere Welt gar nicht bewusst sind.
Im Fall einer jungen Dame in Boston handelte es sich um vier verschiedene Persönlichkeiten, die in der Patientin abwechselnd auftraten. Doktor Morton Prince erwähnt nichts davon, dass in Erwägung gezogen worden sei, es seien vielleicht irgendwelche fremden Geistwesen für diesen Persönlichkeitswechsel verantwortlich zu machen. Und doch betonte die dritte Persönlichkeit, die sich Sally nannte, nachdrücklich, sie sei nicht die Patientin selbst; vielmehr sei ihr Bewusstsein von deren Bewusstsein ganz verschieden.
So berichtete sie etwa aus der Zeit, als die Patientin laufen und sprechen lernte, sie erinnere sich sehr deutlich an jene Zeit, als die Patientin noch ein ganz kleines Mädchen gewesen sei und eben laufen gelernt habe – und wie deren Denken ganz getrennt neben dem ihren einhergegangen sei.
Ähnlich war es im Fall einer jungen Schülerin aus Ohio, in der ihr normales Ich fortwährend abwechselte mit einer Persönlichkeit, die sich Polly nannte und sich als ein sehr ungezogenes Kind aufführte. Alles deutete hier auf Beeinflussung durch ein entkörpertes Geistwesen hin, das sich wahrscheinlich seines Übergangs nicht bewusst war und sich an die Schülerin gehängt hatte. Dass diese „Persönlichkeiten“ selbständige Wesen sind, ist unter geeigneten Versuchsbedingungen leicht zu beweisen, indem man sie auf ein Medium überträgt, wie das in so vielen ähnlichen Versuchen schon zur Genüge dargetan worden ist.
Jeder Versuch, unsere Erlebnisse nach der bekannten Lehre vom Unterbewusstsein als „Autosuggestion“ oder als mehrfache „Persönlichkeitsspaltung“ zu erklären, wäre unhaltbar. Denn erstens ist es offenkundig nicht gut möglich, dass meine Frau an die tausend Persönlichkeiten haben sollte. Und zweitens ist es ja mit Leichtigkeit möglich, den krankhaften Seelenzustand von der angeblich geisteskranken Person auf meine Frau zu übertragen, wodurch zugleich beim Patienten die krankhaften Erscheinungen zum Verschwinden gebracht werden.
Auf diese Weise tritt gerade deutlich zutage, dass diese Störung von entkörperten Geistwesen verursacht wurde, deren Persönlichkeit oft genug einwandfrei festzustellen ist. Hellhörig Veranlagte leiden oft schwer unter der anhaltenden Belästigung durch Stimmen von Besessenheitsgeistern. Das sind die bei Wahnsinnigen so oft zu beobachtenden „Gehörshalluzinationen“. Und wohnt ein Hellhöriger einer solchen Sitzung bei, in der Geister ausgetrieben und auf das Medium übertragen werden, dann kommt es zu recht lehrreichen Enthüllungen.
Ein Beispiel hierfür ist der Fall einer hellhörigen Patientin, die sich fortwährend mit Besessenheitsgeistern herumzuschlagen hatte und die durch Teilnahme an unseren Sitzungen von ihren unwillkommenen Begleitern befreit wurde. Die nachstehend mitgeteilten Gespräche, die durch meine Frau als Medium mit den Geistern geführt werden konnten, werden die kennzeichnenden Besonderheiten der verschiedenen Wesen am besten erkennen lassen.
Frau Burton war seit Jahren eine geplagte Frau. Sie hörte Stimmen, fühlte sich begleitet, bedrängt, und unter all diesen unsichtbaren Mitbewohnerinnen war eine besonders hartnäckig: jemand, der nachts sang, sich einmischte, ihr ins Leben hineinredete. In der Sitzung bei Dr. Wickland sollte dieser unsichtbare Gast endlich herausgeholt werden – und zwar in den Körper von Frau Wickland, die als Medium diente. So konnte man mit dem Geist tatsächlich sprechen, von Angesicht zu Angesicht sozusagen. Was dann geschah, war eine merkwürdige Mischung aus Verhör, Streitgespräch und Aufklärungsversuch.
Kaum hatte der Geist Besitz vom Medium ergriffen, war klar: hier war kein demütiger, einsichtiger Verstorbener, sondern eine eigensinnige, gereizte, fast trotzige Persönlichkeit. Auf die freundliche Frage nach ihrer Identität antwortete sie patzig, man solle gefälligst ihre Hände loslassen; sie wollte wissen, weshalb man sie überhaupt so behandle und was das alles solle. Sie fühlte sich wie eine Gefangene. Dr. Wickland versuchte es mit Höflichkeit – wenn ein Fremder ins Haus käme, wolle man doch wissen, wen man vor sich habe.
Doch die Fremde beklagte sich, sie sei gar nicht freiwillig hier. Irgendjemand habe sie hereingestoßen. Sie sprach von schrecklichen Erfahrungen: es habe einen Lärm wie Donner und Blitz gegeben und etwas habe auf sie eingeschlagen, bis ihr die Sinne vergangen seien. Das war die elektrische Behandlung gewesen, mit der man die Patientin Frau Burton von ihr befreit hatte – nur dass der Geist es als persönliche Folter erlebte. Die entscheidende Frage stellte Dr. Wickland behutsam, wie lange sie denn schon tot sei.
Empörung. Sie entgegnete, dass sie nicht tot sei; sie sei so lebendig wie nur irgend möglich und fühle sich überdies wieder ganz jung. Das ist der typische Kern solcher Fälle: der Geist weiß gar nicht, dass er gestorben ist. Er hängt sich an einen lebenden Menschen, übernimmt dessen Körper als Ersatz und führt sein altes Dasein in einer Art schlafwandlerischer Dämmerung fort.
Auf weiteres Fragen kam es nach und nach heraus: Sie hieß Carrie Huntington und hatte in San Antonio in Texas gelebt. Den Namen ihres Mannes wollte sie um keinen Preis nennen, da sie sich aus dem Mann nie viel gemacht habe und seinen Namen schon gar nicht tragen möge. Ihre letzte klare Erinnerung war, dass sie in El Paso schwer krank geworden war. Was danach kam, beschrieb sie als nebelhaftes Mitlaufen: ein Stück zu Fuß, dann mit der Eisenbahn, gerade so, als ob sie Luft wäre. Niemand habe sie beachtet. Sie klagte, dass sie Frau Burton habe folgen müssen wie eine Bediente, was sie maßlos ärgere.
Nun entspann sich die wohl bizarrste Szene: Frau Burton und Carrie Huntington stritten sich, beide leibhaftig anwesend, die eine in ihrem eigenen Körper, die andere durch das Medium sprechend. Frau Burton erkannte die Stimme sofort wieder – jene Person, die sie nachts geweckt hatte, die unentwegt sang, um sich bemerkbar zu machen.
Carrie verteidigte sich damit, dass sie nichts Unrechtes getan habe. Sie habe schließlich auch ein Recht zu leben. Sie behauptete, es sei ihr Körper und nicht der von Frau Burton. Letztere mische sich in alles ein und esse zu viel, wodurch sie zu kräftig werde und Carrie die Macht über den Körper verliere, den sie für ihren eigenen halte. Sie habe Frau Burton schon so oft ermahnt, weniger zu essen, aber diese höre ja gar nicht zu. Hier wird mit Händen greifbar, was die Besessenheit ausmacht: ein anderer Wille, der sich im Leib eingerichtet hat und ihn sogar zu erziehen versucht.
Geduldig erklärte Dr. Wickland, dass sie ihren irdischen Körper abgelegt habe, vermutlich damals in El Paso, als sie krank gewesen sei. Er setzte ihr auseinander, dass sie jetzt ein Geist sei, im Körper seiner Frau sitze und dies endlich einsehen müsse. Doch Carrie wehrte ab. Sie entgegnete, dass Geister doch gar nicht sprechen könnten. Wenn man tot sei, liege man einfach da. Die Seele gehe ihrer Meinung nach zu Gott in den Himmel, dorthin, wo Jesus sei.
Auf den Hinweis, sie solle doch einmal ihre Hände anschauen, ob das die ihren seien, kam ein Stutzen. Sie gab zu, dass diese nicht wie ihre eigenen aussähen, aber sie wisse gar nicht mehr, was sie denken solle, da sich in letzter Zeit so vieles verändert habe. Auf den Vorschlag, sich nach ihrer Mutter umzusehen, weigerte sich Carrie hartnäckig. Sie behauptete, die Mutter sei im Himmel, eine gute Frau bei Gott und den Heiligen. Hier könne der Himmel ja wohl nicht sein – falls doch, dann sei er ihrer Ansicht nach schlimmer als die Hölle. Dr. Wickland entgegnete trocken, da der Himmel ein Zustand der Seligkeit sei, könne ihre Mutter mit einer solchen Tochter unmöglich dort selig sein.
Erst als ihr gesagt wurde, sie befinde sich in Los Angeles in Kalifornien, fuhr Carrie zurück. Sie rief aus, es möge Gott walten. Wie sie denn nur hierhergekommen sei? – Indem sie sich an Frau Burton gehängt habe, durch halb Amerika getragen, ohne es zu merken. Doch zur eigentlichen Einsicht war Carrie nicht zu bewegen. Ihre Eitelkeit, da sie ihr Alter nicht verraten wollte, ihr Trotz und ihr Beharren auf ihrem vermeintlichen Recht machten sie unzugänglich. Als sie schließlich anfing, vor irgendeiner Erscheinung zurückzuschrecken, die nur sie sehen konnte, war klar, dass hier das Gespräch endete. Höhere Geister holten sie fort, da mit ihr selbst nichts mehr anzufangen war.
Frau Burton aber war von ihrer nächtlichen Sängerin befreit. Bei späteren Sitzungen sollten weitere Begleiter aus ihr ausgetrieben werden – und jeder von ihnen, so versichert der Bericht, brachte beim Sprechen durch das Medium seinen ganz eigenen Charakter mit. Carrie Huntington war nur die erste, und vielleicht die störrischste, dieser unfreiwilligen Gäste.
Bei der nächsten Sitzung kam ein neuer Gast – diesmal kein weibliches Wesen, sondern ein Mann, der sich Jimmie nannte. Kaum hatte er Besitz vom Körper Frau Wicklands ergriffen, schleuderte er die Schuhe von den Füßen, ganz verstört, und schien überhaupt nicht begreifen zu können, wo er war und was mit ihm geschah. Auf die ersten Fragen reagierte er mürrisch und einsilbig. Er wolle gar nicht sagen, wer er sei, und fragte, warum er das überhaupt erklären müsse.
Allmählich erst kam etwas heraus. Er berichtete, er sei umhergewandert, ohne rechtes Ziel, und habe das Gefühl gehabt, irgendwo eingesperrt zu sein. Tatsächlich war er, ohne es zu wissen, in der Aura von Frau Burton gefangen gewesen. Dort hätten viele Leute geredet, die sich alle besonders fein gedünkt hätten, und vor allem sei da eine Frau gewesen, die immerzu gesprochen habe. Sobald er selbst etwas habe sagen wollen, sei sie ihm zuvorgekommen. Er klagte, dass ein Mann keine Aussicht mehr habe, zu Worte zu kommen, wenn eine Frau erst einmal zu reden anfange.
Aus diesem Stoßseufzer wuchs ein ganzes Klagelied. Er behauptete, die Frau – wobei er unwirsch auf Frau Burton deutete – höre nie auf, und es sei doch nichts dahinter. Er habe sie schon manchmal tüchtig schütteln mögen, habe aber gar keine Kräfte mehr gehabt. Inzwischen seien obendrein neue Gäste hinzugekommen, die alles noch schlimmer machten. Er beklagte zudem diese fürchterlichen Blitze, die ihm um den Kopf gezuckt seien und die einen jedes Mal trafen. Sterne hätten ihm vor den Augen getanzt. Es war die elektrische Behandlung gewesen, mit der man ihn aus der Patientin getrieben hatte.
Sein Name kam ihm nur mühsam wieder in den Sinn. Er stellte fest, dass es lange her sei, dass er seinen Namen gehört habe. James habe er eigentlich geheißen, aber die Mutter habe ihn immer Jimmie gerufen. Er gab an, ein Mann von etwa fünfzig Jahren aus Texas zu sein, in einer Schmiede gearbeitet zu haben und viel umhergekommen zu sein. Welches Jahr man gerade schreibe, wisse er nicht, aber er war sich sicher, dass Roosevelt Präsident sei und das auch erst seit kurzem. McKinley sei auch ein guter Mann gewesen, aber Mark Hanna habe eine unheimliche Gewalt über ihn gehabt.
Dr. Wickland versuchte es dann mit der entscheidenden Eröffnung, dass er seinen Körper längst abgelegt habe und ein Geist sei. Jimmie wehrte sich heftig. Er beteuerte, dass er doch einen Körper habe, wenn nur diese Frau endlich den Mund halten wollte. Als der Doktor ihm erklärte, dies sei nicht sein Körper, sondern der seiner Frau, brach es aus Jimmie heraus. Er rief bei allen guten Geistern aus, dass er nicht seine Frau sei. Er fragte, wie er seine Frau sein könne, wo er doch ein Mann sei. Und als der Doktor seine Hand fest umschlossen hielt, beschwerte er sich rundheraus, dass dies doch ein kärgliches Vergnügen sei – wenn man schon Hände halten wolle, dann doch bitte die einer Dame.
Dass er tot sein solle, leuchtete ihm nicht ein. Er argumentierte, dass er schließlich hier sei, zuhöre und antworte; er fragte sich, wie ein Toter das könne. Erst als der Doktor ihm sagte, er befinde sich in Los Angeles, in Kalifornien, fuhr er auf. Er rief beim Himmels-Element aus und wollte wissen, wie er nach Kalifornien gekommen sei, da er doch kein Geld gehabt habe.
Dann fielen ihm die anderen Geister auf, die wie eine Bande Kobolde um Frau Burton herumsprangen, und auch eine zweite Frau, kränklich aussehend, die nicht so viel rede wie die erste, aber sichtlich verärgert sei. Allmählich kamen die Erinnerungen zurück, in Bruchstücken. Das Letzte, woran er sich besinnen konnte, war Dallas. Er berichtete, dass er ein Pferd habe beschlagen sollen und einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen habe; er fragte sich, ob ihn das wohl getötet habe. Offenbar, sagte der Doktor; das habe ihn aus seinem Körper getrieben, und sterben könne ohnehin niemand wirklich.
Den Wendepunkt brachte ein einziger Satz, als der Doktor ihn aufforderte, sich einmal umzusehen, ob er niemanden erkenne. Jimmie schaute – und plötzlich, ganz erregt, rief er aus, dass da Nora komme. Seine Schwester. Im selben Moment fiel ihm ein, dass sie doch tot sei, er sei ja bei ihrer Beerdigung gewesen. Genau das, erklärte der Doktor geduldig, sei sein eigener Zustand auch. Nora, eine fortgeschrittene Seele, eine Missionarin, wie sie sich nannte, sei jahrelang auf der Suche nach ihm gewesen, ohne ihn zu finden. Nun rief sie ihn nach Hause.
Sie solle nicht nur ihn mitnehmen, riet ihm der Doktor, sondern die ganze Gesellschaft, auch die andere unglückliche Frau, auch die Kobolde – sie alle hätten im Leben nie etwas vom Jenseits gehört, das sei kein Vorwurf, aber jetzt sei der Augenblick gekommen, ihnen einen besseren Weg zu zeigen. Jimmie zögerte noch, etwas verwirrt. Er wollte wissen, was für einen Körper er habe, wenn er hier herausgehe, und ob man einfach so von einem in den anderen springen könne. Der Doktor beruhigte ihn – seine Schwester werde ihm das alles erklären, und im Land der Geister bewege man sich durch die Kraft der Gedanken.
Jimmie rief begeistert aus, dass dies eine feine Sache sei, und nun fing er an, schläfrig zu werden. Er sammelte die anderen um sich. Er forderte die ganze Gesellschaft auf, nun mit ihm zu kommen; sie wollten jetzt gehen und alle sollten nun loslegen. Schließlich verabschiedete er sich. So zog Jimmie Huntington, der ehemalige Schmied aus Texas, ab – mit seiner Schwester an der Hand und einer ganzen Schar verirrter Seelen im Gefolge. Frau Burton war damit eines weiteren ihrer Plagegeister ledig. Bei einer der nächsten Sitzungen sollte sich noch ein gewisser Harry einfinden.
Ein paar Tage später wurde ein neuer Geist in den Zirkel hereingeführt – einer, der sich Harry nannte. Er war noch verwirrter als seine Vorgänger, beinahe benommen. Wo er sei, wisse er nicht. Was geschehen sei, wisse er nicht. Wer er sei – nun, das wisse er wohl, aber sagen wolle er es nicht. Auf jede Frage kam dieselbe ratlose Abwehr, dass er nicht wisse, was los sei. Als der Doktor ihn aufforderte, einmal zurückzudenken, sich zu erinnern, an die Vergangenheit, kam ein wunderbar wörtliches Missverständnis. Er entgegnete, dass er nicht rückwärts schauen könne, da er hinten keine Augen habe.
Allmählich war herauszuhören, dass dieser Mann lange umhergewandert war, ohne je irgendwo anzukommen, und nun ganz unvermittelt in einem hellen Raum gelandet war, wo Menschen im Kreis saßen und sangen. Er hatte es für eine Betstunde gehalten und war geblieben. Vorher, sagte er, habe er ja auch geglaubt, taubstumm und blind zu sein – er hatte einfach nichts mehr wahrgenommen. Auf den Hinweis, er möge doch einmal seine Hände betrachten, kam sofort der Protest. Er betonte, dass das nicht seine Hände seien und er keinen geliehenen Frauenkörper haben wolle. Er sei immer ein Mann gewesen, nie eine Frau, und denke nicht daran, eine zu werden.
Den Trauring an dieser fremden Hand habe er jedenfalls nicht gestohlen, das wolle er gleich klarstellen. Locken trage er nicht, einen Kamm im Haar schon gar nicht; er fragte, ob man je einen Mann habe einen Kamm tragen sehen. Erst nach einigem Drängen kam der Name Harry. Verheiratet sei er nicht gewesen, und wenn man ihn nach dem Grund seines unverkennbaren Frauenhasses fragte, verstummte er. Er erklärte, dass er vor so vielen Damen seine Geheimnisse gewiss nicht ausbreiten werde, damit diese nicht dasäßen und ihn auslachten.
Dann aber fiel sein Blick auf etwas, was die anderen nicht sehen konnten. Er fragte, was mit dem Mann dort drüben los sei, und meinte den hinter der Dame. Er deutete auf Frau Burton, und dort, in ihrer Aura, sah er einen Geist stehen, einen hässlichen Kerl, wie er fand, der wie angeleimt an ihr klebe und sich mitbewege, sobald sie sich bewege; er komme ihm vor wie ein Affe. Frau Burton, die diesen Plagegeist längst spürte, ohne ihn sehen zu können, bestätigte sofort, dass sie Männer hasse und der dort ihr endlich vom Halse bleiben solle.
Hier nun zeigte sich etwas Lehrreiches: Harry, selbst ein Geist, hielt den anderen Geist für einen leibhaftigen Menschen. Auch eine Frau klebe an Frau Burton, sagte er, fest wie Leim. Als Frau Burton scherzhaft meinte, die Tür stehe doch weit offen, der Mann könne hinaus, fuhr Harry fast erschrocken auf. Er bat um Gottes Willen darum, die Tür bloß wieder zuzumachen; einen solchen Menschen möge er nicht zum Begleiter haben. Und gleich riet er, man solle die Polizei rufen, die werde den Kerl schon wegschaffen. Erst als der Doktor ihm erklärte, das alles seien Geister – wie er selbst –, begann es ihm zu dämmern.
Er fragte verwundert, ob das denn lauter Blinde seien. Er könne sie alle sehen und noch eine Menge andere mehr; der ganze Raum sei voll von Menschen. Nun versuchte der Doktor, ihn ganz behutsam zur Wahrheit zu führen, und sagte ihm, dass er tot sei. Harry tat dies als einen guten Witz ab. Aber selbstverständlich, fügte der Doktor sofort hinzu, sei er in Wirklichkeit gar nicht tot; nur sein irdischer Körper sei zurückgeblieben. Harry erinnerte sich, wie viel er umhergewandert war, ohne je anzukommen. Er war müde. Er wollte wissen, ob es nicht irgendwo ein Ruheplätzchen für einen erschöpften Menschen gebe, ein Bett, in das er sich legen könne.
Auf welches Jahr er sich denn besinne, fragte der Doktor. – Auf gar keines. Wer Präsident sei, darauf antwortete er, dass er Cleveland glaube. Das war vor sehr langer Zeit gewesen. Heimat, sagte er, sei Detroit in Michigan. Inzwischen mischte sich noch ein anderer der Geister ein. Harry hatte den Namen des an Frau Burton hängenden Mannes herausbekommen: Jim MacDonald nenne er sich.
Hier ergab sich ein wichtiger Wink für Frau Burton und einen weiteren Patienten, der im Zirkel dabeisaß: Man dürfe diese Geister nicht mit körperlicher Gewalt bekämpfen, das gebe ihnen nur neue Spannkraft und binde sie geradezu fester an einen. Mit geistigen Waffen müsse man ihnen begegnen. Dann aber kam der entscheidende Augenblick. Harry erblickte zunächst ein paar hübsche Mädchen und wehrte sofort ab. Er werde nicht mit ihnen gehen, sie sollten nicht versuchen, ihn zu betören; mit ihrem Lächeln seien sie ja ebenso gefährlich wie die anderen Frauen.
Doch dann, plötzlich erstaunt, rief er aus, dass dort seine Mutter sei, die schon lange tot sei. Sie sei nicht tot, sagte der Doktor ruhig. Damit war Harrys Widerstand gebrochen. Er erklärte, dass er mit ihr gehen wolle, sie sei eine gute alte Frau. Er kommandierte die anderen in schroffem Ton zusammen, sie sollten nun alle mit ihm kommen. Wenn einer von den verfluchten Kerlen nicht mitkommen wolle, kriege er von ihm eine Tracht Prügel; sie sollten sich allesamt schämen, dass sie sich so an diese Frau hängten.
Und so zog Harry ab, mit seiner Mutter, mit MacDonald und der ganzen unsichtbaren Gesellschaft. Er bemerkte noch, dass sie kämen und er gut auf sie achtgeben wolle, bevor er sich verabschiedete. So endete eine der merkwürdigsten Sitzungen, in der ein Geist einem anderen Geist die Augen öffnete.
Bei einer der nächsten Sitzungen meldete sich noch ein weiterer Quälgeist, der lange Zeit an Frau Burton geheftet gewesen war. Frank, so nannte er sich am Ende, wenn auch erst nach langem Kreisen und Tasten – denn von allen, die bisher gekommen waren, war er der ratloseste, einer, der buchstäblich nicht mehr wusste, wer er war. Auf jede Frage des Doktors nach seiner Herkunft, seinen Bekannten oder seinem Namen entgegnete er mit demselben hilflosen Achselzucken, dass er sich selbst nicht kenne und ihm nicht sagen könne, was er nicht wisse.
Auffällig war, was er als allererstes wahrnahm: die seltsame Anordnung der Menschen ringsum, die im Kreise saßen. Auch er hatte irgendwann ein Singen gehört und war hineingegangen. Vorher war er lange umhergewandert und hatte jeden gefragt, den er traf – aber niemand hatte ihn beachtet. Er berichtete, dass die Menschen an ihm vorbeigegangen seien, als wäre er Luft, und so getan hätten, als sei er ihnen zu gering oder als seien sie zu vornehm, um mit einem Burschen wie ihm zu reden. Die Leute kämen ihm alle wie Wachspuppen vor.
Manchmal, sagte er, komme ihm etwas Eigentümliches in die Kehle und nehme ihm die Sprache, dann werde er wieder gesund. Auf die Frage nach seinem Alter antwortete er fast wehmütig, dass er das nicht mehr wisse; niemand habe ihn lange gefragt, und so habe er es vergessen. In diesem Augenblick fuhr draußen ein Eisenbahnzug vorbei. Er horchte auf und bemerkte, dass da ein Zug komme, was er schon lange nicht mehr gehört habe; er sei wohl mal wieder für eine Weile am Leben.
Den Doktor erkannte er bald wieder. Er hielt ihm vor, dass dieser derjenige sei, der ihm das Feuer gegeben habe. Diese Nadelstiche und das Stechen am Kopf habe er gehörig gefühlt und nur wie ein schlagender Stier ausgehalten. Besonders schlimm sei es immer dann gewesen, wenn er sich plötzlich als Frau mit langem Haar gefunden habe. Er beteuerte beim wahrhaftigen Gott, dass dies das Schlimmste sei, was er in seinem ganzen Leben erlebt habe. Auch hier war die Verwirrung über die eigene Gestalt das Hauptproblem. Er betonte, dass er doch ein Mann sei und man ihn nicht am Arm festhalten müsse, da er stark genug sei, allein ruhig zu sitzen.
Erst als der Doktor ihn aufforderte, seine Kleider anzusehen, brach es aus ihm heraus, dass er um Gottes Willen wahrhaftig eine Frau sei; er fragte sich beim Herrn seines Lebens, wie er zu diesen Kleidern gekommen sei. Verheiratet sei er aber nicht, fügte er sicherheitshalber hinzu, und er habe auch gar keine Lust, mit dem Doktor verheiratet zu sein. Nach und nach fügten sich die Bruchstücke seiner Geschichte zusammen. Frank war kein Bösewicht, sondern eher ein Eigenwilliger, der zeitlebens mit den Kirchen gehadert hatte.
Schon als ganz junger Mensch, sagte er, habe ihm ein Geistlicher mit der Hölle gedroht. Er berichtete, er sei aber auch sonst kein schlechter Mensch gewesen. Aus Trotz habe er es bei einer anderen Kirche versucht, doch dort habe man verlangt, er solle Gott sein Geld und seinen Tabak opfern. Er habe nicht einsehen können, was der liebe Gott mit seinem Tabak und dem bisschen Geld eines kleinen Mannes anfangen solle. Einmal sei er aus Übermut in eine Kirche gegangen. Er erzählte, wie der Pfarrer ihm gepredigt habe, der Teufel sei ihm dicht auf den Fersen. Er habe sich umgesehen, ob er den Teufel irgendwo entdecke, habe ihn aber nicht gesehen.
Der Geistliche habe ihn aufgefordert heranzukommen, damit man seine Seele vor der Hölle rette. Schließlich sei er nach vorne gegangen. Am schönsten sei es gewesen, wie all die Mädchen ihre Hände auf seinen Kopf legten und für ihn beteten. Doch heucheln habe er nicht wollen. Auf das Drängen zu beten, habe er ehrlich erwidert, dass er wohl ein Sünder bleiben müsse, wenn er einer sei, und an einen persönlichen Teufel sowieso nicht glaube. Da sei der Pfarrer böse geworden. Schließlich habe er sich davongemacht, sei aber verfolgt worden und einen Berg hinabgerollt.
Der Doktor sagte leise, dass dies wahrscheinlich der Zeitpunkt gewesen sei, an dem er seinen sterblichen Körper verloren habe. Frank hielt dagegen, dass er nicht gestorben sei. Und doch passte alles. Danach war er nur noch gewandert. Einmal habe er eine Dame getroffen, die ihm gesagt habe, er solle mitkommen. Mit ihr habe er sich unterhalten und sie habe gesungen. Frau Burton schaltete sich ein und fragte, ob sie sich nicht im letzten November getroffen hätten. Frank bejahte dies und sagte, seither sei er auch immer krank gewesen. Sein Todesjahr vermutete er um 1888 oder 1891.
Dann kam der entscheidende Augenblick. Er rief aus, dass er dort seine Mutter sehe und bat sie, ihm zu verzeihen, da er nicht so geworden sei, wie sie ihn gerne gehabt hätte. Er fragte sie flehentlich, ob sie ihn mitnehmen wolle, da er so müde sei. Die Mutter sprach nun durch ihn und erklärte, dass sie lange nach ihm gesucht habe. Sie sagte zu Frank, dass sie vom wahren Leben nichts gewusst hätten, da man sie nicht gelehrt habe, was man sie hätte lehren sollen. Man müsse um Gotteserkenntnis ringen. Sie wolle ihm nun die wunderbare Welt der anderen Seite zeigen.
Sie forderte ihn auf, nun mit ihr in die Geisterwelt zu kommen, wo man Bescheid wisse. Er dürfe niemanden mehr belästigen, wie er es bisher getan habe, und sie wollten nun in ihr hübsches Heim gehen. Und so verabschiedete sich Frank an der Hand seiner Mutter. Er dankte ihnen und verabschiedete sich. Mit ihm zog wieder ein Stück jener unsichtbaren Gesellschaft fort. Wochen waren vergangen, und ein letzter Eindringling sprach nun durch das Medium: eine Frau namens Maggie Wilkinson.
Kaum im Körper des Mediums, forderte sie auf, man solle ihre Hand loslassen und sie nicht anfassen. Sie komme aus Dallas. In Los Angeles könne sie unmöglich sein; sie betonte, sie sei in Texas, und damit basta. Die ganze Zeit habe sie getobt, da man sie in einem Gefängnis festgehalten habe. Sie beklagte sich verdrießlich, dass alle anderen fort seien, außer ihr, und dass ihr das nicht gefalle. Auf das schreckliche „Feuer“ kam sie immer wieder zurück. Sie wollte wissen, wie ein Mensch es aushalten könne, wenn so nach ihm geschossen werde.
Wie alle ihre Vorgänger weigerte sie sich, an den eigenen Tod zu glauben. Sie sagte kurz und entschieden, dass ihr Körper nicht im Grabe liege. Auf die Frage nach einer schweren Krankheit antwortete sie, dass sie sehr krank gewesen sei und sich nach der Besserung in einem Gefängnis befunden habe. Eine Frau habe sie belästigt. Als sie auf ihre Kleider angesprochen wurde, reagierte sie empfindlich, dass dies niemanden etwas angehe und sie gewiss kein Dieb sei. Sie drohte, den Doktor verhaften zu lassen, weil er sie einen Dieb genannt habe.
Ihre Haarfarbe gab sie als dunkelbraun an, was nicht zum Medium passte. Sie meinte, es kümmere sie nicht, ob dies ihre Kleider seien; sie habe sie nicht haben wollen. Zwischen ihr und Frau Burton kam es zum Wortwechsel. Sie wollte vorwurfsvoll wissen, weshalb man sie festgehalten und nicht herausgelassen habe. Frau Burton entgegnete, sie habe ihr immer wieder gesagt, sie solle gehen, worauf Maggie antwortete, sie wisse das zwar, aber die Tür sei nicht aufgemacht worden, sodass sie gar nicht fort gekonnt habe.
Der Doktor erklärte ihr, sie hätte sich nur frei denken müssen. Maggie sagte hilflos, dass sie sich nicht frei denken könne. Aber sie war froh, aus dem „Gefängnis“ heraus zu sein. Sie gestand unumwunden zu, dass sie geklopft habe und das Feuer sie endlich freigesetzt habe. Sie spottete über die „Teufels-Maschine“ und erklärte würdevolll, dass sie freilich in den Himmel kommen wolle, da sie stets eine fromme Frau gewesen sei. Sie erinnerte sich noch an einen Unfall mit Pferden, nach dem alles dunkel geworden sei.
Schließlich sah sie helfende Geister. Auf die Frage des Doktors, ob das Indianermädchen Silberstern heiße, antwortete sie mit Ja. Maggie gab sich endlich zufrieden. Wenn diese mit ihr gingen, würde man sie in ein hübsches Heim bringen, was schön wäre, da sie schon lange keines mehr gehabt habe. Sie verabschiedete sich schließlich. Damit war der letzte ihrer Begleiter gegangen, und Frau Burton war frei. Sie konnte später wieder eine geregelte Arbeit als Schreiberin aufnehmen.