Kapitel 13 – Theosophie

Unter den Fällen von Besessenheit, die in unsere Behandlung kamen, bildeten die folgenden eine eigene Gruppe: Geister, die sich wiederverkörpern wollten — und zwar so, wie sie es sich zurechtgelegt hatten: durch den Einzug in ein Kind, das schon lebte. Sie fanden sich in dessen Aura eingeschlossen und schufen dadurch ihren Opfern und auch sich selber großes Leid.

Jack T.

An einem kleinen Jungen in Chicago, Jack T., der sich bis zu seinem fünften Lebensjahr ganz natürlich entwickelt hatte, traten auffällige Züge einer ganz unnatürlichen Frühreife zutage. Er fing an, sich über Dinge Gedanken zu machen, die einem Kind für gewöhnlich fernliegen, und benahm sich in vieler Hinsicht wie ein Erwachsener. Er regte sich über Kleinigkeiten auf, lag nachts wach und murmelte seltsam vor sich hin, äußerte Ahnungen und hatte zeitweise unausstehliche Launen.

Dabei war er ein hübscher Junge — und hielt sich selbst für alt, gewöhnlich und hässlich; davon sprach er beständig. Er war so unzugänglich, dass alles Schelten und Strafen nichts fruchtete. Der Zustand verschlimmerte sich so sehr, dass die Familie schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, den Jungen je wieder bei gesunder Vernunft zu sehen. Ein Verwandter, der von unserer Forschungsarbeit auf dem Gebiet seelischer Erkrankungen wusste, schrieb an unsere Anstalt und bat uns, uns bei einer Sitzung einmal auf diesen Jungen einzustellen.

Das geschah, und ein Geistwesen, dessen Benehmen und Redeweise sich mit dem Betragen des Jungen vollständig deckten, wurde auf meine Frau als Medium übertragen. Er nannte sich Charlie Herrmann und wusste, dass er gestorben war. Sein Gesicht war unschön gewesen und obendrein von Pockennarben bedeckt; niemand hatte ihn leiden können, und das war ihm sehr zu Herzen gegangen. Sein einziger Wunsch war gewesen, gut auszusehen, damit andere ihn nicht verabscheuten.

Irgendwer hatte ihm einmal von der Wiederverkörperung erzählt: Wer stirbt, kommt wieder und kann dann werden, was er gern sein möchte. An diesen einen Satz hängte er seine ganze Hoffnung und machte nach seinem Tod den Versuch. Das Ergebnis war, dass er in die seelische Aura eines kleinen Jungen geriet und sich nicht mehr daraus befreien konnte. Als er merkte, dass er hilflos gefangen war und sich niemandem verständlich machen konnte, packten ihn Wutanfälle, bei denen er zerplatzen zu müssen meinte. Die Leute um ihn her riefen ihn Jack — dabei wusste er genau, dass er nicht so hieß, und begriff nicht, wie sie darauf kamen.

Unsere gedankliche Einstellung auf den Jungen hatte den Geist aus seiner Gefangenschaft befreit, und er war von Herzen dankbar dafür. Hässlich zu sein brauchte er nicht länger — er musste nur die alten Gedanken fahren lassen, überhaupt nicht mehr so viel an sich selbst denken und sich ernstlich Mühe geben, anderen zu helfen. Das leuchtete ihm ein, und er ging bereitwillig mit den Geistern, die gekommen waren, um ihm zu helfen.

Einige Tage später kam ein Brief der Mutter: Mit Jack war eine auffallende Veränderung vorgegangen. Er war wieder ein Kind, die ganze Woche brav gewesen, wirklich wieder so, wie er früher immer gewesen war. Er blieb auch weiterhin gesund und kam in der Schule ungewöhnlich gut voran.

William Stanley

Einmal galt unsere Sitzung einem gelähmten Kind in Hollywood und brachte sehr beachtenswerte Ergebnisse. Der Geist, der im November 1916 auf meine Frau übertragen wurde, kam aus dem Staunen zuerst gar nicht heraus: Er konnte sprechen, er konnte Arme und Beine bewegen — beides hatte er seit Jahren nicht gekonnt. Im ersten Augenblick nahm er das für den endlich erbrachten Beweis, dass die Wiederverkörperung doch wahr ist.

Sein Leben setzte sich nach und nach zusammen. Er hieß William Stanley — auch das fiel ihm erst gegen Ende der Sitzung wieder ein — und hatte lange Jahre in Indien gelebt, die meiste Zeit in Kalkutta; sein Vater war Offizier der Armee. Dort lernte er die großen Leuchten der Theosophie kennen: Frau Blavatsky, Anna Kingsford, Dr. Hartmann; den Oberst Olcott mochte er besonders. Er schloss sich der Theosophischen Gesellschaft an, glaubte an sein Karma und wollte ein „Meister“ werden. In Indien war er dann gestorben, schon vor mehreren Jahren; wann genau, das wusste er nicht mehr.

Nach dem Tod wollte er ins Erdenleben zurück, um sein Karma weiter auszuleben — und um den Theosophen zu zeigen, dass die Rückkehr möglich ist. Hinein in das Kind kam er wohl; heraus kam er nicht mehr. Er lag völlig gelähmt, konnte nicht sprechen, sich niemandem verständlich machen, und benahm sich wie ein Kind. Er hatte das Kind zum Krüppel gemacht — und damit, so sagte er es jetzt selbst, zugleich die Seele des Kindes und seine eigene verkrüppelt. Obendrein war er in die seelischen Schwingungen der Mutter geraten. Der Zustand, in dem er sich all die Jahre befunden hatte, war die schlimmste Quälerei, die einer haben kann.

Mitten in der Sitzung wandte er sich an jemanden, den nur er sehen konnte, und wurde bitter: Frau Blavatsky stand dort. Ihr gab er die Schuld an seiner Lage — ihr, die ihm einst die Lehre von der Wiederverkörperung beigebracht hatte. Und eben diese Frau Blavatsky gab sich nun alle Mühe, ihm zu helfen und ihm den Weg aus seiner Lage zu zeigen.

Von seinem alten Wunsch war nichts übrig. Er warnte eindringlich davor, es ihm nachzutun und sich in ein lebendes Kind hineinzudrängen; was er durchgemacht hatte, wünschte er keinem. Er dankte für die Aufklärung, die er erhalten hatte, und verabschiedete sich.

Ein Wort zu den Ausdrücken, die in diesem Bericht und im folgenden so zahlreich und so leichtfertig fallen — Karma, Devachan, „Meister“ und Ähnliches: Sie sind hier so wiedergegeben, wie William Stanley und die anderen Geister sie selbst gebraucht haben — mit eben dem Mangel an Verständnis für tiefere Einblicke, der diesen Geistern zu eigen war. Der Leser nehme diese Worte also nicht als Erklärung dessen, was die Begriffe in ihrer eigentlichen Bedeutung besagen. Gerade der unbedarfte Gebrauch gehört zum Bild: Man hört hier Seelen, die eine Lehre nur dem Wortlaut nach aufgenommen haben.

Edward Jackson

J. A., ein lebensmüder siebenjähriger Junge, verkrüppelt und mit der Redeweise eines Erwachsenen, kam aus Chicago als Patient zu uns. Er litt an krampfhaften Zuckungen, stotterte mühsam, war ganz eigenartig wählerisch in seiner Kost und bekam öfter heftige Wutanfälle. Durch unsere gedankliche Einstellung auf ihn wurde ein Geist aus ihm verdrängt: ein oberflächlicher Theosoph, der sich in einer eigentümlichen Selbsthypnose befand.

Das Gespräch mit ihm kam anfangs kaum von der Stelle. Er sprach gedehnt, Wort für Wort, als koste ihn jedes einzelne Mühe. Sein Alter wusste er nicht, seinen Namen ebenso wenig. Zu seiner Herkunft sagte er nur so viel: Er kam von da, wo man mit Feuer auf ihn geschossen hatte — so hatte er die elektrische Behandlung des kranken Jungen erlebt. Und von der geistigen Welt wollte er nichts wissen; sie kümmerte ihn schlicht nicht.

Nach und nach setzte sich dann doch ein Leben zusammen. Von Geburt an war er verkrüppelt gewesen, die Knie zu schwach, die Fußknöchel ebenso, dazu ein schweres Stottern. Geheiratet hatte er nie — einen Krüppel, so sagte er es selbst, mag doch keine. Gelesen hatte er viel, alles, was ihm in den Weg kam; von Strenggläubigkeit hielt er nichts. Irgendwann brachten ihm Freunde Bücher über Frau Blavatsky. Damals hieß er Edward Jackson. Von da an hatte sein Denken einen festen Kreis: Karma, Devachan, Astralhüllen — und die Hoffnung, einmal ein „Großer Meister“ zu werden und kein Krüppel mehr zu sein.

Was wir Besessenheit nennen, hieß in seiner Rechnung Wiederverkörperung. Viermal, so zählte er selbst, hatte er sich seit seinem Tod wiederverkörpert, zweimal davon wieder als Krüppel. Die letzte Station hatte ihm gut gefallen: der Sohn eines reichen Mannes zu sein, der nicht zu arbeiten braucht, war ganz nach seinem Geschmack — der reiche Mann war der Vater des kranken Jungen, aus dem wir ihn eben vertrieben hatten. Dass er dabei jedes Mal ein Kind zum Krüppel machte und ihm das Leben vergällte, erreichte ihn nicht. Das war eben sein Karma, und in das Karma darf niemand eingreifen.

Alle Mühe, ihm seine Lage begreiflich zu machen, lief ins Leere. Dass er gegenwärtig im Körper einer Frau steckte, deutete er sofort um: Dann hatte er sich eben in dieser Frau wiederverkörpert — nein, wiederverkörpern kann man sich nur als Kind — dann war er eben doch wiedergeboren, wenn auch wieder als Krüppel. Wurde ihm eine Antwort zu eng, wich er auf sein Karma aus; das musste er ausleben, bis das Devachan ihn aufnahm, und wenn man ihn ermordete, war auch das sein Karma.

Am Ende blieb nur, ihn fortzuschicken — samt seinem Karma. Von seinem Karma, gab er zurück, kann ihm niemand etwas abnehmen; er war ganz zufrieden und ging schon. Mit einem glücklichen Lächeln verschwand der Geist.

Wie ist ein solcher Vorgang überhaupt zu erklären? Es kann ja wohl kaum sein, dass ein Geist, wie es ihm gerade einfällt, den Körper eines Kindes in Besitz nimmt. Hierfür muss es natürliche Grenzen geben, die so etwas im Grunde unmöglich machen. Kommt es dennoch einmal vor, haben wir es sicherlich mit einer Ausnahme zu tun, die bestimmten Voraussetzungen folgt. Ein gesunder kindlicher Körper lässt die innere Annäherung eines Jenseitigen nicht zu — und dafür gibt es eine bemerkenswerte Erklärung: Die Menschenseele ist während der Kindheit durch den noch unreifen Erdenkörper geschützt. Wir können diesen Zustand mit einer Burg vergleichen, deren Zugbrücke hochgezogen ist: Alles Dunkle, Üble findet in dieser Zeit keinen unmittelbaren Zugang zur Seele; der Körper bildet eine schützende Scheidewand, bis er seine Reife erreicht hat.

Erst mit der körperlichen Reife und dem Erwachen der Sexualkraft wird diese Zugbrücke herabgelassen. Nun entsteht die Strahlungsbrücke, über die der Geist vollständig im Erdenkörper wirken kann — und zugleich wird die Seele für Einwirkungen aus der feinstofflichen Welt zugänglich: für gute wie für schlechte Strömungen, und ausdrücklich auch für Jenseitige, die auf eine entsprechende innere Verbindung des Menschen warten. So erklärt sich, warum schwerere Beeinflussungen dieser Art meist erst mit der Pubertät oder im Erwachsenenalter auftreten.

Schutzlos wird der Mensch mit diesem Übergang nicht. Nach den Schöpfungsgesetzen kann von außen nur eine Kraft einwirken, der der Mensch eine gleich starke innere Kraft entgegenzusetzen vermag. Ausschlaggebend bleibt der eigene Wille.

Kommt es doch einmal dazu, wie hier beschrieben, und liegt keine schicksalhafte Verbindung zwischen dem eindringenden Geist und dem Kind vor, die einen solchen besonderen Vorgang erlaubte, dann lag möglicherweise eine Schwächung des Kindeskörpers vor — etwa durch eine schwere vorausgegangene Krankheit —, die den natürlichen Schutz herabgesetzt hat. Wir dürfen nicht vergessen: Im vorigen Jahrhundert gab es noch keine so gute ärztliche Versorgung der Kinder wie heute, und die Antibiotika waren noch nicht bekannt, sodass jede kleine Infektion größere Auswirkungen haben konnte als heute.

Und doch – vielleicht kennt der Leser diesen Fall längst — aus einem der berühmtesten Gedichte deutscher Sprache:

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? / Es ist der Vater mit seinem Kind.“ Ein Vater reitet mit seinem kranken Kind durch die Nacht. Das Kind sieht den Erlkönig, hört seine Versprechungen und fühlt zuletzt seinen Griff — „Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an! / Erlkönig hat mir ein Leids getan!“ Der Vater sieht nichts als Nebel, Weiden und raschelndes Laub. Als er den Hof erreicht, ist das Kind in seinen Armen tot.

Goethe hat hier genau die Lage gezeichnet, die uns in diesen Berichten immer wieder begegnet. Das Kind ist durch eine schwere, fieberhafte Erkrankung geschwächt; die Scheidewand zur jenseitigen Welt ist durchlässig geworden. Was dem gesunden Erwachsenen verborgen bleibt, drängt sich dem geschwächten Kind auf — und der Erwachsene erklärt beruhigend weg, was das Kind mit aller Deutlichkeit wahrnimmt. Jeder, der je an einem Fieberbett gesessen hat, kennt diese Szene von innen.

Ralph S.

Ralph S. war der Schwiegersohn einer Dame, die fleißig an unseren Sitzungen teilnahm. Er und seine Frau hatten sich in früheren Jahren eingehend mit der Theosophie beschäftigt, und als er in die Geisterwelt kam, fiel es ihm schwer, sich von seinen vorgefassten Meinungen wieder freizumachen. Zwischen 1920 und 1922 hat er dreimal durch meine Frau gesprochen; aus diesen Besuchen ergibt sich sein Weg.

Das Ehepaar hatte sich die höchsten Ziele gesteckt. Beide trieben ihre theosophischen Studien, um das Gesetz zu ergründen, nach dem sich der geistige Aufstieg des Menschen vollzieht — und versäumten darüber nachzuforschen, ob das alles überhaupt auf Wahrheit beruht. Sie hielten strenge Diät, weil sie das für ein Erfordernis geistiger Höherentwicklung hielten, und weil sie ihrer Überzeugung solche Opfer brachten, dünkten sie sich besser als viele andere. Nach den einfachsten Tatsachen des Weiterlebens aber hatten sie nie gefragt.

Vor allem hatten die beiden eine Verabredung getroffen: Wer von ihnen zuerst stirbt, dem ruft der Hinterbliebene nicht nach; keiner versucht, mit dem anderen in Verbindung zu treten. Jede solche Verbindung galt ihnen als Behinderung des Egos auf seinem Aufstieg zum Devachan.

Drüben fand Ralph S. die Verhältnisse nicht so vor, wie er sie sich vorgestellt hatte. Trotz allem Lesen und Forschen wusste er wenig und befand sich im Finstern. Und er stand vor einer verschlossenen Tür: Er hätte sich seiner Frau so gern kundgegeben — aber sie hätte sich davor gefürchtet, und sie hielt an der alten Verabredung fest. Die Schuld daran, das sprach er klar aus, trug er ebenso wie sie: Er hatte ihr die Tür genauso verschlossen, wie sie ihm nun den Zugang versperrte. Und diese Tür, das wusste er, würde noch einige Zeit verschlossen bleiben, weil von der alten dogmatischen Einstellung noch zu viel in ihnen beiden lebendig war.

Manches sah er jetzt mit großer Klarheit. Das Verlangen, um jeden Preis ein „Meister“ zu werden, erkannte er als das, was es gewesen war: Selbstsucht — man entzieht sich allem und allen und nennt es Entwicklung. Besessen werden kann man nicht nur von Geistern, sondern auch von Ideen; und seine Frau, das war nun seine Sorge, wurde durch jedes weitere Jahr in dieser Lehre für fremde Einflüsse nur empfänglicher. Seine Arbeit bestand jetzt darin, den Anhängern dieser Lehre zu helfen, hüben wie drüben — Menschen, die sich wie er in ihr Studium verbohrt hatten. Er hatte ungeheure Mühe damit; denn die einfache Wahrheit wird immer zurückgewiesen, das Geheimnisvolle dagegen gern angenommen.

Bei seinem letzten Besuch, fast drei Jahre nach seinem Tod, war von der alten Verstiegenheit nichts mehr zu spüren. Der Gedanke, ein Kind besessen zu machen und zu zweit in einem Körper zu hausen, bis auch dieses stirbt, war ihm unbegreiflich geworden. Er wollte lieber seiner Frau helfen und denen, die noch in der Lehre feststeckten. Auch die Meisterwürde hatte ihren Glanz verloren; auch die größten Meister müssen dienen. Sein Schlusswort taugt als Merksatz: „Seid Meister im Lernen, aber demütig im Dienen.“

Madame Blavatsky

Ganz unerwartet besuchte uns im November 1922 der Geist jener Frau, deren Predigten und Schriften die Theosophie weltbekannt gemacht haben: Madame Blavatsky.

Ihr Rückblick auf das eigene Leben war ohne Schonung. Von Jugend an war sie medial gewesen, hatte zahlreiche eigene Beweise des Geisterverkehrs erlebt und sich in jungen Jahren auch spiritistisch betätigt; dann machte sie sich an das Studium der Theosophie. Es war einmal ihr sehnlichster Wunsch gewesen, eine Führerin zu sein — eine, zu der die Menschen aufschauen. Und ihr Urteil darüber fiel jetzt hart aus: Wohl hatte sie viele aus ihrer Starrgläubigkeit befreit, aber nur, um sie an neue Glaubenssätze zu binden — und damit an sich selbst. Sie war ein gutes Medium gewesen und hätte der Menschheit damit dienen können; stattdessen wurde sie besessen.

Ihre Fehler hat sie eingesehen, und sie ist nun mit aller Kraft dabei, wieder gutzumachen. Wie Frau Eddy rechnete auch sie damit, dass die eigenen Anhänger sie nicht wiedererkennen — man wird einwenden, das ist ja gar nicht Frau Blavatsky, so etwas würde sie niemals sagen. Sie ist es doch.

Ihre Arbeit führt sie hinab in die Erdsphäre, dorthin, wo die Geister in aller Art Elend sitzen. Sie beschrieb die Scharen, zu denen sie hinuntersteigt: die Fanatiker, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend singen und beten und mit denen nicht zu reden ist; die Geizhälse, deren Gott das Geld ist und die so eifrig zählen, dass niemand an sie herankommt; die Verbitterten, die im Leben alles verloren haben und nur noch Rache kennen — wie Schwämme, in schlammiges Wasser getaucht und als Schwämme kaum mehr zu erkennen; die Schläfer, die sich, wie man es sie gelehrt hatte, zu einem richtigen Todesschlaf bis zum Jüngsten Tag zurechtgelegt haben.

Und sie beschrieb, wie man an diese Seelen herankommt. Nicht mit Predigten — da schließt sich die Tür sofort. Zuerst Musik, ganz leise, kaum hörbar, dann allmählich lauter; wie böse, wie heruntergekommen eine Seele auch ist, auf Musik hört sie immer. Dann malen Künstler ihnen Bilder aus dem höheren Leben vor. Dann wird ihnen die eigene Lebensgeschichte gezeigt, in Bildern, eine Begebenheit nach der anderen, bis sie gewahr werden, welche Fehler sie gemacht haben, und von selbst zu fragen anfangen. Die Unerreichbarsten aber müssen ins Erdenleben zurückgebracht werden, in einen Zirkel wie den unseren, wo die enge Berührung mit dem Irdischen im Körper eines Mediums sie aufweckt.

Ein Letztes gab sie den Lebenden mit. Von denen, die auf Erden nach der Meisterwürde streben, kommt die Mehrzahl zu Fall — und eigentlich kommen nicht sie selbst zu Fall: Ihre Übungen machen sie hochempfindlich und medial, und dann dringen erdgebundene Geister in sie ein, die selbst noch nicht wissen, dass sie gestorben sind, und bringen die Übenden zu Fall.

Das Zimmer war an diesem Abend voller Geister, die der Unterhaltung zugehört hatten. Vielen von ihnen war damit geholfen, und sie gingen noch in derselben Nacht mit hinüber ins geistige Leben.

Der Leser muss sich nicht groß mühen, um hier Ähnlichkeiten mit dem vorigen Kapitel zu finden: der Wunsch, groß sein zu wollen — und der leichtfertige Umgang mit dem, was wir „geistiges Wissen“ nennen.

Einen Menschen, der sein Leben in Gleichgültigkeit und Unwissenheit verbracht hat, erwarten die Folgen dieser Einstellung in einer dunklen Öde — in der Verkümmerung seiner geistigen, besser gesagt: seiner seelischen Sinnesorgane und seines seelischen Körpers. Der Mensch, der sein Leben in Lastern und Sünden führt, findet die unwerten Ergebnisse auf der anderen Seite unseres Daseins wieder — in Ebenen von Traurigkeit, Sinnlosigkeit und Schmerz — und er muss die Folgen seiner Taten an den Menschen wiedergutmachen, die er durch seine Lebensart mitbelastet hat.

Wer aber leichtfertig mit den hohen Dingen umging — gemeint ist jede Beschäftigung mit dem, was über das irdische Leben hinausreicht: Religion und Glaubenslehren ebenso wie alles, was man heute Esoterik oder Spiritualität nennt —, der sieht sich oft mit Folgen konfrontiert, die sich ausbreiten wie eine Krankheit oder wie ein Steppenbrand, von einem zum anderen. Und er muss dann sehen, wie er alle diese Menschen, die er mit seinen Vorstellungen leichtfertig inspiriert hat, wieder auf den richtigen Weg zurückführt und ihnen hilft, die vergeudete Zeit wiedergutzumachen.

Dieses Erkennen der großen Verantwortung darf nun aber nicht ins Gegenteil umschlagen — in eine lähmende Angst, die den Menschen dazu verleitet, die geistigen Dinge aus falscher Scheu auf eine unerreichbare Stufe zu stellen und gar nicht mehr anzurühren. Wer etwas in Händen hält, das eine große Macht in sich trägt, lässt es ja nicht liegen, weil er sich die Finger verbrennen könnte — er lernt, damit umzugehen. Und dafür muss er es vollständig kennen.

Denn Glaubensdinge und geistige Wahrheiten sind ihrer Natur nach zutiefst lebendig. Sie sind keine starren Dogmen, die man auf ein Podest stellt und aus Ehrfurcht nicht anzufassen wagt. Sie wollen bewegt, geprüft und im Alltag erprobt werden; sie tragen eine Kraft in sich, die sich entfalten und von Mensch zu Mensch weiterwirken will. Diese geistige Bewegung ist der eigentliche Kern, den jeder Mensch in sich trägt und den er entwickeln soll.

Wahre Ernsthaftigkeit ist deshalb kein freudloses, verbissenes Ernstsein. Sie ist die aufrichtige Bereitschaft, sich mit diesen Inhalten so gründlich zu beschäftigen, dass sie im eigenen Inneren klarer und sicherer werden. Ein solcher Reifungsprozess verlangt ganz natürlich, dass man über die Dinge nachdenkt, sie von allen Seiten betrachtet, sie im praktischen Leben ausprobiert — und sich durch Phasen des Suchens und des Zweifelns hindurch zu einer echten, unerschütterlichen Überzeugung durchringt. Gerade dieses innere Ringen ist es, das den Menschen entwickelt.


Die kursiv gesetzten Einschübe stammen nicht von Wickland, sondern vom Herausgeber dieser Bearbeitung.