Kapitel 14 – Philosophie und Schlusswort

Fortgeschrittene Geister, die eifrig bemüht sind, der Menschheit zum richtigen Verständnis der geistigen Gesetze zu verhelfen, haben uns manchen Einblick in ihre Lebensweisheit gewährt. In diesem Kapitel sprechen also einmal nicht die Verirrten und Gefangenen, sondern die Helfer — und zwar jene, die der Leser aus den vorangegangenen Kapiteln schon kennt: die Schutzgeister, unter deren Obhut unsere Arbeit steht.
Frau Lackmund
Vor vielen Jahren war meine Frau eng mit einer Frau Lackmund befreundet, deren kleine Tochter im Alter von zweieinhalb Jahren nach einem Krampfanfall plötzlich schwachsinnig geworden war. Die Mutter war überzeugt, dass Besessenheit dahintersteckte, und machte sich gemeinsam mit meiner Frau an die Klärung des Falles. Dabei trafen die beiden Frauen eine Verabredung: Wer von ihnen zuerst ins andere Leben hinüberginge, sollte versuchen, sich der Hinterbliebenen kundzugeben — mit dem verabredeten Stichwort: „Die Verständigung mit Verstorbenen ist Tatsache.“
Ein Jahr darauf starb Frau Lackmund. Zwei Wochen nach ihrem Tod erschien sie meiner Frau nachts, so lebenswahr, dass diese gar nicht auf den Gedanken kam, einen Geist vor sich zu haben. Frau Lackmund berührte ihre Freundin leicht an der Wange; meine Frau fuhr hoch — und hörte das verabredete Wort, dazu die Aufforderung, mit der Arbeit an den Besessenen fortzufahren, und das Versprechen ihrer Hilfe. Bald darauf erschien sie noch einmal bei einer Materialisationssitzung und wiederholte dieselben Worte. Seither gehört sie zu dem Bund von Unsichtbaren, in dessen Schutz meine Frau steht.
Ihre Lehre lässt sich in zwei Sätze fassen. Statt Gottes Namen im Munde zu führen und ihn anzuflehen, das zu vollbringen, was man selber tun müsste, sollen die Menschen begreifen: Gott ist die Liebe und das Licht der Erkenntnis. Und ihr Vermächtnis an die Lebenden galt den Kindern: Lehrt sie die rechte Lebensart und den rechten Begriff von Gott, dann treten sie einst nicht als erdgebundene Geister hinüber.
Das Niedliche Mädel
Die als Kinder Verstorbenen entwickeln sich in der geistigen Welt weiter und sammeln oft zusätzlich irdische Erfahrungen, indem sie als Schutzgeister mit Erdenmenschen in enge Verbindung treten. Einer der Führergeister meiner Frau, das „Niedliche Mädel“ genannt, kam einst als fröhlicher, mutwilliger Kindergeist zu ihr — und ist inzwischen ein ernster Philosoph geworden, der die Gesetze des Lebens aus eigenster Erfahrung kennt.
Ihre Geschichte: Sie wurde am 11. August 1875 im Londoner Elendsviertel Whitechapel geboren. Die Eltern waren beide Trinker; sie versteckte sich vor ihnen, wenn sie nach Hause kamen, wurde verflucht und beschimpft und lebte meist auf der Straße. Sie hatte helle Locken und blaue Augen, und Vorübergehende streichelten ihr manchmal den Kopf: niedliches kleines Mädel. Es sind die einzigen freundlichen Worte, an die sie sich aus ihrem Erdenleben erinnert — sie hörte sie so oft, dass sie sie für ihren Namen hielt. Eine Nachbarin war der einzige Mensch, der für sie sorgte. Mit fünf Jahren starb sie, an Diphtherie.
Acht Jahre später, 1888, wurde sie Frau Wicklands Schutzgeist — und zwar gerade wegen ihrer dunklen Kindheit: Wer das Erdenleben von seiner dunklen Seite kennengelernt hat, kann mit Menschen in Not tiefer mitfühlen als einer, der Kummer und Sorgen nie gekannt hat. Aus dem Schützling wurde mit den Jahren der Helfer, Ratgeber und Lehrer.
Jeder Mensch, so ihre Lehre, hat während seines Erdenlebens einen Geist als Führer. Mitunter aber drängt sich ein erdgebundener Geist ein und reißt die Führung an sich — dann ist die Besessenheit da. Und aus dieser Kenntnis stellte sie eine Frage an die irdische Gerechtigkeit, die man nicht leicht vergisst: Oft weiß ein Mörder nichts von dem Verbrechen, dessen er beschuldigt wird, denn die Tat hat ein rachsüchtiger Geist durch ihn begangen. Mit welchem Recht verurteilt man einen solchen Menschen zum Tode? Der Hingerichtete geht hasserfüllt hinüber, kehrt rachedurstig zurück und stiftet neue Morde und Selbstmorde an. Statt abzuurteilen, sollten Richter, Rechtsgelehrte und Geistliche die Gefallenen belehren und ihr besseres Selbst zur Entfaltung bringen.
Silberstern
Wegen der großen Einfachheit ihrer Lebensverhältnisse und dank ihrer Vertrautheit mit den Gesetzen der Natur sind die amerikanischen Indianer nach ihrem Tod selten im Geist gebunden. Darum werden sie oft zu Hütern medialer Menschen bestellt — so auch Silberstern, die indianische Türhüterin meiner Frau, die dem Leser aus früheren Kapiteln vertraut ist. Sie ist eine Chippewa, 1883 auf einer Reservation im nördlichen Wisconsin geboren und noch als Kleinkind an den Folgen eines Sturzes gestorben. Seit 1893 versieht sie ihr Amt als Türhüterin, die das Medium vor erdgebundenen Geistern schützt; bei ihrer ersten Kundgabe konnte sie nur die Chippewa-Sprache sprechen, ihr Englisch haben ihr die Sitzungsteilnehmer im Lauf der Jahre beigebracht.
Warum gerade Indianer dieses Amt so oft versehen, erklärte sie einfach: Sie haben drüben keine Glaubenssätze abzutragen. Von frühester Kindheit hören sie vom Großen Geist, dem Schöpfer aller Dinge; sie leben in der Natur, sterben meist eines natürlichen Todes und bringen, wenn sie durch ein Medium sprechen, einen Einfluss von Kraft und Gesundheit mit. Und sie machen höchst selten Menschen besessen — weil sie die Gesetze kennen, nach denen der Eintritt eines Geistes in einen Körper vor sich zu gehen hat.
Vor allem aber kennen sie keine Furcht. Die Weißen haben das Fürchten erst durch die Geschichten von Hölle und Teufel gelernt, und mit der Furcht ging ihnen die Beherrschung der feineren Naturkräfte verloren. Auch die Bitterkeit fehlte in ihrem Bericht nicht: Bevor die Bleichgesichter kamen, kannten die Indianer keine Furcht. Dann nahm man ihnen widerrechtlich das Land und schoss sie nieder wie Wild; Furcht und Hass zogen in ihre Herzen ein, und daraus erwuchsen die verhängnisvollen Kriege.
Ihr Schlusswort verdient es, festgehalten zu werden: In der geistigen Welt gibt es keine Religionen. Im höheren Leben sind alle Geister Brüder und Schwestern und untereinander gleich, sobald sie zur Erkenntnis des Großen Geistes gekommen sind. Dasselbe in einem Bild sagte einmal ein anderer Schutzgeist meiner Frau, ein Grönländer, der uns über die Religion seines Volkes berichtete: Man stelle sich eine große Kerze vor, auf einem Leuchter stehend, und um sie herum kleine Kerzen aus demselben Stoff. Die kleinen werden an der großen angezündet — das ist der Gottesfunke. Stirbt ein Mensch, wird nur die Kerze ausgeblasen; das Wachs kehrt in seine Bestandteile zurück. Das Licht aber stammt vom einen großen Licht — und angebetet wird nicht die Kerze, sondern das Licht.
Dr. Root
Seit der Zeit ihres allerersten Wirkens als Medium steht meine Frau unter dem besonderen Schutz des Geistes eines gewissen Dr. Root. Er hat unseren Kampf gegen die Besessenheit von Anfang an gefördert und uns gedrängt, damit vor die Öffentlichkeit zu treten. Von seinen Vorträgen sind zwei Stücke festzuhalten.
Das eine ist sein Bild vom Schlüssel. Glaube und Vertrauen sind nur der Schlüssel. Wer nichts hat als sein Glaubensbekenntnis, hält drüben den Schlüssel fest in der Hand — und steht im Dunkeln, weil er nie erfahren hat, zu welcher Tür er gehört. Erst Wissen und Erfahrung vertiefen die Einsicht, bis man die Tür zur Weisheit und Erkenntnis öffnen kann. Sein Rat darum: Gesellt zum Glauben das Erkennen.
Das andere ist der Blick in unseren eigenen Sitzungsraum. Bei jeder Sitzung sind weit mehr Geister als Menschen anwesend. Die Unwissendsten unter ihnen können höhere Geister weder sehen noch hören — ihr Begriffsvermögen für geistige Dinge ist noch verschlossen; von der geistigen Ebene aus ist ihnen nicht beizukommen. Darum müssen sie hierher gebracht werden: Wenn ein Geist durch den Körper des Mediums spricht, hören sie ihn. Und wenn sie miterlebt haben, wie ein erdgebundener Geist sich dieses Körpers bedient, war das ihre erste Lehrstunde; erst danach können sie mit hinübergenommen werden. Der kleine Lichtschein, der von einem solchen Kreis ausstrahlt, mag unbedeutend erscheinen — für die, die in Not und Dunkel sitzen, ist er von großem Segen.
Die russische Schauspielertruppe
Mehrere Jahre hindurch ist von einer Truppe verstorbener Schauspieler durch meine Frau als Medium ein Märchenspiel sittlichen Inhalts aufgeführt worden. Es waren ihrer zwölf — elf Darsteller und ein Spielleiter —, zu Lebzeiten russische Slawen. Nach den Anweisungen ihres Spielleiters traten die Darsteller in ständigem Wechsel so leicht und schnell in den Körper meiner Frau ein und wieder aus, dass der Rollenwechsel für die Zuschauer kaum zu bemerken war. Gespielt wurde in russisch-slawischer Sprache — einer Sprache, die meiner Frau nie im Leben zu Ohren gekommen war, die aber durch ihren Mund fließend und fehlerfrei erklang; Sitzungsteilnehmer, die der Sprache mächtig waren, haben es bestätigt.
Ihr Spiel führen sie in der Geisterwelt vor erdgebundenen Geistern auf, die oft in einer Art Halbschlaf liegen; von der Musik des Vorspiels werden die Schlafenden einer nach dem anderen wach und ahnen zum ersten Mal ein höheres Dasein. Dann folgt das Spiel als Anschauungsunterricht, denn alle Rollen sind sinnbildlich: Die Heldin ist die Liebe, ihr Verlobter die Wahrheit, der Raufbold die Selbstsucht, der Richter die Weisheit. Die Selbstsucht, von der Liebe abgewiesen, erschlägt die Wahrheit im Zweikampf; die Liebe gibt sich über dem toten Geliebten selbst den Tod; am Ende steht der Mörder vor dem Richter, und das Urteil der Weisheit lautet auf ewige Verbannung. Vor den menschlichen Sitzungsteilnehmern spielen sie dasselbe Stück, um zu beweisen, dass die Verstorbenen weiterleben und tätig sind wie einst.
Im Mai 1923 wohnte Sir Arthur Conan Doyle mit seiner Gattin einer dieser Aufführungen in unserer Anstalt bei. In seinem Buch „Unser zweites Amerika-Abenteuer“ hat er sie beschrieben — als eine ganz außerordentliche Leistung, die alle in staunende Bewunderung versetzte: „Ich habe alle großen Schauspielerinnen meiner Zeit gesehen, die Modjeska, die Bernhardt, die Duse, die Terry — aber ich glaube nicht, dass eine von ihnen imstande gewesen wäre, diese elf verschiedenen Rollen, ohne Bühne und ohne jegliches Kostüm, in solch überzeugender Weise zu spielen.“
Wie soll man diese Darstellungen der Führer einordnen? Mit einem Bild lässt sich das am besten sagen. Wer unten in den Gassen einer Stadt steht, hat keinen Überblick; er sieht die Gasse vor sich und die Gasse hinter sich und ist auf Straßenschilder angewiesen. Wer von einem Turm auf dieselbe Stadt hinabsieht, dem erschließen sich sofort Zusammenhänge. Und wer sie von einem Berg aus überblickt, hat das Gesamtbild vor sich.
Auf der anderen Seite gilt aber auch: Je weiter einer vom unmittelbaren Leben in der Stadt entfernt ist, desto schwerer fällt es ihm, die tatsächlichen Schwierigkeiten dieses Lebens zu verstehen. Und darum bewähren sich hier gerade die Seelen, die noch nicht so weit aufgestiegen sind. Was beim Lesen wirklich hilft, ist deshalb ein Blick auf die Verhältnisse, in die hinein solche Worte gesprochen werden.
Die Seele, die im irdischen Tod den Körper verlässt, wird in den meisten Fällen schon dringend erwartet — von ihren Freunden, oder von jenen, die weniger ihre Freunde sind und doch mit ihr verbunden. Dem entspricht der Empfang, und dem entspricht der weitere Weg.
Kann sie auch nur ein wenig über den Erdenplan aufsteigen, erwartet sie eine Welt, die sie bald für den Himmel hält. Aber man täusche sich nicht über die Maße. Wer aus dem Erdgeschoss in den ersten Stock steigt, ist höher gekommen, und wer nie etwas anderes gesehen hat, mag den ersten Stock für den Gipfel halten. Doch von dort bis zu den wirklichen Höhen, die mit Wissen und Erkenntnis verbunden sind, ist es so weit wie von diesem ersten Stock bis zum nächsten Stern.
Anders ergeht es dem, der nicht aufsteigen kann: Er bleibt an den Erdenplan gebunden — oder muss noch tiefer hinab. Was ihn dort erwartet, darauf wollen wir hier nicht eingehen. In den meisten Fällen aber bleibt ein Mensch, der die Beschäftigung mit den „höheren“ Dingen zeitlebens für unnötig hielt, zunächst einmal hier gefangen: gehalten von dem Wunsch nach Erlebnissen und Genüssen, die es nur auf der Erde gibt — das Rauchen sei hier nur am Rande erwähnt. Der eine für kürzere, der andere für längere Zeit.
So ist die astrale Umgebung unserer Erdenwelt ein Sammelpunkt der Unwissenheit und der Bindung an die Erdenwünsche. Daran richten sich die Helfer aus, die auf diesem Plan wirken — nicht, weil es ihnen selbst an Wissen fehlte, sondern weil es denen fehlt, zu denen sie sprechen. Wer Gefesselte befreien will, redet nicht von den Sternen, sondern von den Fesseln. Auf diesem Plan geht es darum weniger um Wahrheitssuche im höheren Sinn als um die Befreiung aus den niedrigsten Banden; und an dieser Aufgabe gemessen, sind die Worte der Führer gut gewählt.
Vorwort zum Schlusswort
Auf den folgenden Seiten steht das Schlusswort, mit dem Carl Wickland sein Buch beschließt. Es endet in einer Hoffnung: Die Wissenschaft werde eines Tages den eindeutigen Beweis für die Existenz der Geister erbringen — und damit wäre der Kampf im Großen und Ganzen gewonnen. Ein Gedanke dazu sei mir vorweg erlaubt; das letzte Wort soll ihm gehören.
So sehr ich ihm in allem anderen folge — an diesem einen Punkt sehe ich es anders. An Beweisen hat es nie gefehlt; es gibt und gab sie zu Tausenden. Lässt man die dritte Möglichkeit beiseite — dass alles erfunden sei —, dann gibt es zwei bewährte Arten, mit solchen Beweisen umzugehen. Die erste ist das Ignorieren: Was in ein bestimmtes Weltbild nicht hineinpasst, wird einfach übergangen. So ist es Wicklands Buch selbst ergangen. Es ist viele tausend Male gelesen worden — aber das Gebäude, das nach solchen Berichten hätte wanken müssen, hat nie auch nur gezittert. Die zweite Art ist weniger schön, aber ebenso wenig selten: das Lächerlichmachen. Man geht auf die Argumente gar nicht erst ein, sondern macht die Menschen lächerlich, die solche Dinge berichten; man spricht ihnen von vornherein die Kompetenz ab und erweckt den Eindruck: So etwas braucht man nicht ernst zu nehmen. Ein Beweis überzeugt eben nur den, der bereit ist, ihn zu prüfen.
Der Weg zu einer umfassenden Änderung führt meines Erachtens woanders entlang: über die Verbreitung tatsächlichen Wissens. Dazu gehört der Mut, zu der Andersartigkeit dieser Aussagen zu stehen, sie sachlich zu begründen und zu verteidigen. Und dazu gehört die Fähigkeit, diese Dinge wirklich zu verstehen — ein oberflächliches Wissen reicht dafür nicht aus. In diesem Sinn ist auch diese Bearbeitung von Wicklands Werk gedacht: als eine Ermutigung, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen, sie ans Licht zu holen und immer wieder auf sie hinzuweisen. Im Windschatten einzelner Mutiger treten dann vielleicht mehr und mehr andere hervor, die im Stillen längst zu der Erkenntnis gekommen sind, dass die Vorgänge im seelischen Bereich — und im Menschenleben überhaupt — vielschichtiger sind, als die herkömmliche Wissenschaft bisher anerkennt.
Ein überaus wichtiger Punkt wird in diesen Zusammenhängen immer wieder vergessen. Schnell fällt das Wort „unwissenschaftlich“. Wer es so gebraucht, verbiegt den Begriff. Die neuzeitliche Wissenschaft verdankt ihren beispiellosen Erfolg nämlich einer bewussten Selbstbeschränkung: Seit ihren Anfängen hat sie sich auf das festgelegt, was sich messen, zählen und im Versuch beliebig wiederholen lässt — auf das, was jeder Prüfende unabhängig nachprüfen kann. Alles andere hat sie ausdrücklich aus ihrem Arbeitsgebiet ausgeschlossen; nicht, weil es widerlegt wäre, sondern weil ihre Werkzeuge dafür nicht gemacht sind. Diese Beschränkung war eine Methodenwahl, kein Urteil über die Welt.
Eine Wissenschaft, die sich mit einem Bereich grundsätzlich nicht beschäftigt, macht über ihn keine Aussage — weder eine bejahende noch eine verneinende. Wer aber keine Aussage macht, hat auch nichts bewiesen. Dass die Wissenschaft zu den hier berichteten Dingen schweigt, ist deshalb kein Beweis ihrer Nichtexistenz; es ist die Folge einer Grenze, die sie sich selbst gezogen hat. Unwissenschaftlich ist nicht, was jenseits dieser Grenze liegt. Unwissenschaftlich ist, das Schweigen der Methode für ein Urteil über die Sache auszugeben.
Vielleicht aber steht uns eine Versöhnung näher bevor, als beide Seiten ahnen.
Denn die Wissenschaft selbst ist, ohne es laut zu sagen, an einem bemerkenswerten Punkt angekommen. Je tiefer sie in den Stoff hinabstieg, desto mehr zerrann er ihr unter den Händen. Erst zerfiel die Materie in Atome, dann die Atome in Teilchen, dann die Teilchen in etwas, das sich nur noch als Schwingungszustand beschreiben lässt, als Beziehung, als mathematische Ordnung — greifbar ist am Grunde nichts mehr. Was sie dort unten fand, waren keine letzten Bausteine, sondern Schwingung, Verhältnis, Ordnung. Damit soll nicht behauptet sein, wir könnten nun erklären, woraus der Stoff im Grunde besteht — mit dem Wort „Schwingung“ ist nichts erklärt und erst recht nichts weggewischt. Worauf es ankommt, ist etwas anderes: die Richtung, aus der die Form kommt.
Ein altes Experiment macht das sinnfällig. Streut man feinen Sand auf eine Metallplatte und streicht ihren Rand mit einem Geigenbogen, dann ordnet sich der Sand von selbst zu regelmäßigen Stern- und Blumenmustern — die Klangfiguren, mit denen Ernst Chladni vor über zweihundert Jahren sein Publikum in Staunen versetzte. Das Bemerkenswerte daran: Es muss gar kein Sand sein. Der Versuch gelingt mit Salz, mit Staub, mit feinen Körnchen jeder Art, und die Muster bleiben dieselben. Der Stoff ist austauschbar — und gerade darauf kommt es an. Die Formung geht nicht vom Stoff aus; sie geht von der Schwingung aus, die wie ein formendes Gesetz auf die Körnchen wirkt, welcher Art diese auch sind. Die Körnchen machen nur sichtbar, was die Schwingung ihnen vorzeichnet. So ähnlich spricht heute die Physik über die Materie: Der Stoff ist das Sichtbare, aber das Formende liegt nicht in ihm.
Sogar ihre Erzählung vom Anfang der Welt setzt die Gesetze schon voraus, nach denen sich alles erst bilden konnte. Sie beschreibt, wie sich aus einem unvorstellbar dichten Anfang Strahlung, Stoff, Sterne und Welten entfalteten — Schritt für Schritt, streng nach Regeln, die von der ersten Sekunde an in Kraft waren. Woher diese Regeln kommen, sagt sie nicht; sie kann es mit ihren Mitteln nicht sagen. Sie beschreibt eine Entfaltung, keine Entstehung. Die Ordnung geht dem Stoff voraus — das ist kein Glaubenssatz, das ist der nüchterne Befund am Ende des langen Weges nach unten.
Und eben dies ist es, was die Religion — dort, wo sie rein ist von Machtstreben und Prunk — von jeher von oben her wusste: dass am Anfang nicht der Stoff war, sondern das Wort. „Wort“ hieß den Alten dabei nicht Laut und Rede. Das griechische Wort, das am Beginn des Johannes-Evangeliums steht, ist Logos — und Logos bedeutet zugleich Sinn, Maß, Gesetz, lebendige Ordnung. Am Anfang war die Ordnung: So gelesen, sagen der erste Satz des Evangeliums und der letzte Stand der Physik nichts Entgegengesetztes.
Zwei Wege also, einer von unten, einer von oben — und sie treffen sich vor derselben Schwelle. Der eine verstummt dort, weil seine Werkzeuge nicht weiterreichen; der andere bezeugt, was jenseits der Schwelle wohnt. Das ist kein Widerspruch. Das sind zwei Seiten einer Medaille, die keine der beiden Seiten allein prägen kann.
Wer das erkennt, in dem darf eine alte Zerrissenheit heilen. Er muss nicht mehr wählen zwischen dem redlichen Denken und der Ahnung seiner Seele; er darf mit beiden Augen sehen. Und vielleicht ist das der stillste und tiefste Dienst, den Berichte wie die vorliegenden leisten können: nicht zu beweisen und nicht zu bekehren — sondern zu zeigen, dass die Welt geräumiger ist, als jede der beiden Seiten für sich behauptet hat, und dass der Mensch in ihr nicht gespalten zu leben braucht.
Schlusswort
Durch planmäßige Versuche lässt sich deutlich zeigen, dass vieles, was heute noch geheimnisvoll erscheint, sehr wohl zu erforschen und ans Licht zu bringen ist, wenn man nur die richtigen Wege dafür einschlägt. „Das Übernatürliche ist nichts anderes als das uns noch unbekannte Natürliche.“
Die Erforschung der medialen Erscheinungen sollte auf wissenschaftliche Grundlagen gestellt und in vernünftige, zuverlässige Bahnen gebracht werden — dadurch, dass man alle jene Geister auszuschalten sucht, die sich an der Schwelle zum Jenseits herumdrücken und aus Unwissenheit oder in betrügerischer Absicht die Wahrheit entstellen, um deren Klarstellung höhere Geister sich beständig mühen.
Vom Jenseits her geben sich fortgeschrittene Geister alle Mühe, weitherzige Forscher auf Erden als Mitarbeiter zu gewinnen, um in gemeinsamer Arbeit von beiden Seiten in Irrenanstalten, Kirchen, Universitäten und anderen Einrichtungen die Forschung ins Leben zu rufen. Diese Forschung gehört in die Hände von Wissenschaftlern; sie erfordert Männer, die bereit sind, alle Vorurteile beiseitezusetzen, um die Erscheinungen unbefangen zu prüfen und die Ergebnisse zu ordnen.
In der Chicago Daily Tribune vom 30. März 1905 hat Dr. J. K. Funk aus New York die Forderung erhoben, dass alle Fälle von besonderen geistigen Erscheinungen genau untersucht werden müssen, und schließt nach einem Hinweis auf unsere Arbeit und unseren Kampf gegen die Besessenheit mit einer Mahnung an die Presse, weitere Forschungen in dieser Richtung zu fördern:
„Man bedenke doch: Ein einziger wissenschaftlicher Nachweis vom Vorhandensein eines Geistes, und sei es auch nur eines bösen, hat mehr Beweiskraft für die Fortdauer des Lebens nach dem Tode als alle Predigten über Unsterblichkeit, die in den letzten zehn Jahren gehalten worden sind. Ein einziger solcher Nachweis wäre der Todesstoß für den Materialismus.
Wo immer derartige Fälle auftreten, sollte ihnen die Presse eifriger nachgehen als den größten Goldfunden. Solche Erscheinungen müssten so genau wie möglich beobachtet, beschrieben und der Welt mit allem Ernst — nicht zur vergnüglichen Unterhaltung — bekannt gegeben werden. Weshalb will die Presse nicht ernstlich heran an dieses Gebiet? Richtig behandelt, wäre das eine Aufgabe, mit deren Übernahme sich die Zeitungswelt eine geradezu königliche Würde verdiente.
Gladstone hatte sehr recht, als er in den Rundbriefen an die Mitglieder der Gesellschaft für mediale Forschung schrieb, dass diese Forscherarbeit die wichtigste Aufgabe in der ganzen Welt, ja die weitaus allerwichtigste Aufgabe überhaupt sei.“
Wissenschaftliche Körperschaften, die sich die gründliche Erforschung der waltenden Gesetze zum Ziel gesetzt haben, könnten mit Leichtigkeit ähnliche Tatsachen sammeln, wie dieses Buch sie bietet. Besonders reich würde die Ausbeute in den Irrenanstalten, deren Insassen fast durchweg stark medial veranlagt sind und zu brauchbaren Werkzeugen medialer Forschung erzogen werden könnten. Die niederen Besessenheitsgeister müssten ausgetrieben werden; dann ließen sich die medialen Fähigkeiten der Kranken richtig entfalten. Fortgeschrittene Geister sind jederzeit bereit, vom Jenseits her dabei mitzuhelfen und die so gewonnenen Medien gegen niedere Geister und ihre täuschenden Einflüsse zu schützen.
Auch für die Kirchen wären Sitzungen zum Zweck medialer Forschung von unschätzbarem Wert. Solche Feststellungen würden das Fortbestehen der Seele überzeugend beweisen und das bloße Glauben und Fürwahrhalten zu einem endgültigen Wissen vom Jenseitsleben machen.
Eines freilich darf man nicht: sich darauf versteifen, bestimmte Geister rufen zu wollen. Das gibt nur niederen und böswilligen Geistern Gelegenheit, die Menschen zu täuschen; leicht tritt dann ein Lügengeist in das Medium ein und spielt den Geist, den man hat sprechen wollen. Es muss grundsätzlich den Führungsgeistern des Mediums überlassen bleiben zu entscheiden, welcher Geist jeweils zu einer Kundgebung zugelassen wird. Erklärungen und Gründe für ihre Entscheidungen geben die fortgeschrittenen Geister von Zeit zu Zeit ganz von selbst — und machen damit den Unterschied zwischen sich und den unwissenden Geistern deutlich.
Als Ausgangspunkt für immer umfassendere Untersuchungen ist das Nationale Institut für mediale Forschung mit Sitz in Los Angeles geschaffen worden, um diese Fragen auf eine zuverlässige wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Diese Einrichtung will keinerlei Belange einer Kirche oder eines Ismus irgendwelcher Art vertreten; sie geht einzig darauf aus, Tatsachen zu sammeln. Und wir hoffen, dass sich dadurch andere Körperschaften ermutigen lassen, die Forschungsarbeit in gleicher Weise aufzunehmen, wie wir sie mit unseren Sitzungen auf diesem völlig unermesslichen Feld eröffnet haben.
Wir behaupten nicht und glauben auch nicht, mit diesem Forschungsweg ein Allheilmittel entdeckt oder eine vollkommene Erklärung für alle geistigen Störungen und geheimnisvollen menschlichen Verirrungen gefunden zu haben. Es ist aber gewiss ein Weg, auf dem man einsehen lernt, wie ungeheuer wichtig es ist, gründlich Bescheid zu wissen über die Rolle, welche die unsichtbare Welt in allen menschlichen Angelegenheiten spielt.
— Carl Wickland, 1924
Die kursiv gesetzten Einschübe stammen nicht von Wickland, sondern vom Herausgeber dieser Bearbeitung.