Glaube

Glaube


Hättest du Glauben in der Größe eines Senfkornes, so könntest du Berge versetzen…

Dieser Satz hat das Denken vieler Menschen geprägt, doch oft haben sie sich an den Bildern festgehalten: am winzigen Senfkorn und am gewaltigen Berg. Aber es geht weder um das Eine noch um das Andere. Es geht um das Prinzip dahinter: dass eine winzige, reine Essenz das Größte überhaupt bewirken kann. Es geht um eine Kraft, die in uns Menschen liegt, eine Kraft, die wie ein Schalter wirkt.

Wollen oder Wünschen?

Zuerst müssen wir einen entscheidenden Unterschied verstehen. Das irdische Wollen ist eine Kraft des Verstandes. Es will ein Ziel durchsetzen, es sucht nach erkennbaren Wegen und ist an die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs gebunden. Um dieses Ziel zu erreichen, ist man nicht selten bereit, Mittel zu gebrauchen, welche nicht immer rein oder der notwendigen Harmonie entsprechend sind. Dieses Wollen ist begrenzt und oft verkrampft.

Dem gegenüber steht das geistige Wünschen. Es ist keine Anstrengung, sondern ein Sich-Öffnen für eine Möglichkeit. Es klammert sich nicht an den Weg, sondern hält die reine Vision einer Lösung im Inneren. Man wünscht sich Dinge, die noch nicht da sind, Lösungen, die noch gar nicht erkennbar sind. Dieses Wünschen ist der wahre Kern des Glaubens. Es ist kein Fordern, sondern eine reine, kindliche Bitte.

Der Glaube als Schalter

Hier liegt der Schlüssel: Nicht die Größe der Kraft ist entscheidend, sondern die kindliche Reinheit. Der Glaube ist nicht die Kraft, die den Berg versetzt sondern der Schalter, der die unendliche Kraft freisetzt.

Ein Lichtschalter besitzt selbst keine Leuchtkraft. Seine einzige Funktion ist es, den Kontakt zu einem unendlich größeren Kraftwerk herzustellen. Genauso liegt die Kraft nicht in unserem Glaubensakt, sondern in der höheren, geistigen Kraft, an die wir uns anschließen. Unsere Aufgabe ist es nicht, die Kraftquelle zu sein, sondern in uns diesen Schalter zu finden und ihn mit reinem, vertrauensvollem Herzen zu betätigen. Die Antwort, die dann kommt, ist unvergleichlich viel größer als die Frage.

Die Blockaden: Warum wir den Schalter nicht umlegen

Doch was hält uns davon ab? Die Blockaden entspringen alle derselben Quelle: unserem Verstand. Die erste, offensichtliche Hürde ist seine rein materielle Ausrichtung. Er ist darauf geschult, die grobstoffliche Welt zu analysieren, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und sich auf das zu verlassen, was messbar ist. Aus dieser Perspektive, die an irdischen Möglichkeiten gebunden ist, muss er zu dem Schluss kommen: „Das ist unmöglich.“

Die viel größere und tückischere Hürde ist jedoch eine subtilere Spielart desselben Verstandes – eine, die sich als Glaube oder Religiosität verkleidet. Die alte Religiosität hat uns ein System des Aufrechnens gelehrt. Sie führt uns zu der lähmenden Frage: „Womit hätte ich dieses Wunder verdient?“ Wenn wir uns unserer Fehler bewusst sind, lautet die innere Antwort meist: „Eigentlich nicht.“ Dieser Gedanke des Unwertes ist die tiefste Blockade. Er postuliert: Sei erst gut, dann wird dir geholfen. Doch die Wahrheit ist umgekehrt: Nur mit der Hilfe kannst du alles richtig machen.

Der wahre Wert und der freie Wille

Um diesen Gedanken des Unwertes zu überwinden, müssen wir den Blick heben. Die gesamte Schöpfung, mit all ihren Universen und Galaxien, wurde auch als Schule für den menschlichen Geist geschaffen. Der unvorstellbare Aufwand, der dafür betrieben wurde, beweist den Wert, der dem Geist vom Licht aus beigemessen wird.

Dieser Wert ist eigen, er muss nicht erarbeitet werden. Der Beweis dieses Wertes liegt in der Fähigkeit des Geistes, sich nach oben, zum Licht hin, auszurichten. Erst diese beständige Ausrichtung gibt ihm die Kraft, über die Grenzen der Stofflichkeit hinauszuwachsen. Darin schließt er den ersten, entscheidenden Entwicklungsabschnitt ab und wird fähig, seine ureigene Aufgabe zu erkennen und zu übernehmen. Das fordert von ihm natürlich vorher, all das wiedergutzumachen, was er anderen gegenüber schuldig blieb. Aber der grundlegende Wert an sich bleibt unantastbar.

Doch weil der Geist einen freien Willen besitzt, kann er sich auch selbst abschließen. Entweder, weil er sich in dem Gedanken seines Unwertes gefangen hält. Oder, weil er andere Dinge für wichtiger hält und sich nach unten hin ausrichtet. Dies ist kein Ausschluss durch das Licht, sondern ein Ausschluss durch den Geist selber. Da seine Entscheidungsfreiheit nicht angetetastet werden darf, kann ihm dann nicht geholfen werden.

Die ausgestreckte Hand des Kindes

Und so kommen wir zum Anfang zurück. Der Glaube, der Berge versetzt, ist keine Anstrengung eines verkrampften Wollens. Er ist die Erkenntnis, dass wir den Schalter in uns tragen.

Es ist eine reine, kindliche Bitte, die auf dem Kanal von Licht und Reinheit sendet, der immer da ist und an den wir uns nur anzuschließen brauchen.

Daraus allein können Dinge und Geschehnisse erstehen, die Wundern gleichen. Diese zarte, kleine, kindliche Kraft muss der Mensch in sich finden. Es ist das Ausstrecken seiner Hand, wie ein Kind, das sich der Hilfe seiner Eltern vollkommen sicher ist, und diese Geste des Vertrauens ist es, die den Schalter umlegt und die Verbindung herstellt.

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