Dienen

Der Begriff „Dienen“ hat in unserer Zeit einen schlechten Ruf. Wir verbinden ihn oft mit Erniedrigung, mit dem Knien vor einem anderen Menschen oder mit dem Verlust der eigenen Würde. Wir wollen heute lieber „Herr“ sein als „Diener“. Doch das ist ein zutiefst menschliches Missverständnis, das uns von unserer eigentlichen Kraftquelle abschneidet.
Wenn ich von „Dienen“ spreche, meine ich kein unterwürfiges Beugen. Ich spreche von einer Haltung, die unsere Existenz überhaupt erst sichert und ihr Sinn verleiht. Um den wahren Dienst zu verstehen, müssen wir eine Tatsache anerkennen, die der moderne Mensch gerne verdrängt: Wir haben uns nicht selbst gemacht. Wir sind Geschöpfe. Und wo ein Geschöpf ist, da ist auch ein Schöpfer – oder ein Ursprung. Diese Schöpfung arbeitet nicht zufällig; sie folgt ehernen Gesetzen, die wir auch als Naturgesetze kennen und die das gesamte All durchziehen, vom Lauf der Sterne bis zum Schlagen unseres Herzens.
Was bedeutet nun „Dienst“ in diesem riesigen Getriebe? Es bedeutet nichts anderes, als sich freiwillig und bewusst in diese Gesetze einzufügen. Es ist wie beim Segeln, in dem man sich dem Wind anpasst, weil man die Segel richtig stellt – nur dadurch gewinnt das Boot Fahrt. Wir beherrschen nicht den Wind, sondern wir passen uns an.
Oder mit einem Musiker, der in mühevoller Arbeit lernt, sein Instrument zu „beherrschen“. Aber auch hier lernt er eigentlich nur, sich selbst immer genauer anzupassen an dessen Eigenart und damit an die Wirklichkeit, die es erst ermöglicht, Töne und Harmonie hervorzubringen.
Wahrer Dienst ist also kein Zwang und unterwürfiges Beugen, sondern das Ergebnis höchster Erkenntnis. Derjenige, der die Gesetze des Lebens erkennt und sich freiwillig nach ihnen richtet, verliert keine Freiheit. Im Gegenteil, er gewinnt die Unterstützung des Ganzen. Dienen ist im tiefsten Sinne Anpassung and die bestehende Harmonie, das bewusste Einschwingen in eine Ordnung, die größer ist als wir selbst.