Schöpfung oder Entwicklung?

Zwei Grundbegriffe stehen sich scheinbar scharf gegenüber – feindlich und offenbar unüberwindbar: die Idee der Schöpfung und die Idee der Entwicklung. Auf der einen Seite findet sich eine Position, die sich auf heilige Schriften stützt und davon ausgeht, dass alles ein Werk eines Schöpfers sei, der wie ein Zauberer gewirkt hat – auf eine Weise, die für uns unverständlich ist und bleiben wird. Diese Schöpfung sei unmittelbar erfolgt und in einem Zeitraum von wenigen Tagen vollzogen worden.
Auf der anderen Seite steht die moderne Wissenschaft. Sie spricht von Prozessen und Entwicklung. Sie folgert dies aus den Spuren der Vergangenheit und den Erscheinungen der Natur. Zugleich behauptet sie mit unterschiedlicher Sicherheit, dass alles aus einem Zufall entstanden sei. So stehen sich zwei Richtungen gegenüber wie Feinde. Dabei wäre eine Annäherung eigentlich naheliegend.
Das Bild des Baumeisters
Für den heute denkenden Menschen ist es unglaubwürdig, dass ein Schöpfer das Ganze in einer einzigen Tat in kürzester Zeit hervorgebracht habe. Ebenso unglaubwürdig ist es jedoch, dass all das Wunderbare um uns und in uns letztlich aus dem Nichts, durch bloßen Zufall, entstanden sein soll. Wir wissen aus Erfahrung: Nichts Bedeutsames entsteht zufällig. Jede Konstruktion, jedes Werk muss tatsächlich „gemacht“ werden.
Betrachten wir ein großes Bauwerk – einen Dom. Wir lesen oft, ein bestimmter Meister habe diesen Dom erbaut. Doch niemand meint damit, er habe jeden Stein selbst gesetzt. Gemeint ist die Anordnung, die Federführung, der leitende Wille. Das Tun selbst lag in unzähligen Händen von Steinmetzen und Zimmerleuten, die über Jahrhunderte an dem Werk schafften.
In unserer Welt können Dinge nicht einfach mit einem Gedanken abgeschlossen werden. Es ist ein langer Weg von der Planung über das Gerüst bis zur Fertigstellung. Wer schon einmal am eigenen Haus gearbeitet hat, weiß, wie viel Sorgfalt selbst Kleinigkeiten verlangen. Alles, was entsteht, muss von Grund auf geplant und bis in die feinsten Details geformt werden. Gibt es einen Grund anzunehmen, dass dies jemals anders gewesen ist?
Die Lücke der Wissenschaft
Die Wissenschaft hat die Vorgänge der Entwicklung genau beobachtet. Das Prinzip der Entwicklung lässt sich kaum leugnen, es sei denn, wir führen wieder die „Zauberei“ ein – dass etwas ohne Ursache aus dem Nichts entsteht. Doch es bleibt eine entscheidende Lücke: Die Wissenschaft beschreibt die Baustoffe, aber sie kann das Organisationsprinzip nicht erklären. Sie sieht die Steine, schweigt aber darüber, warum sie sich zu einem sinnvollen Ganzen fügen, statt ein Haufen Schutt zu bleiben.
Zudem trägt die Wissenschaft oft eine Vorannahme in sich: Dass es keinen Schöpfer gebe und daher alles Zufall sein müsse. Das ist keine Beobachtung, sondern eine bequeme Voraussetzung. Denn wer keinen Schöpfer annimmt, muss sich auch keiner höheren Ordnung verantwortlich fühlen.
Die Absurdität der Addition
Dieser Denkfehler zeigt sich auch in modernen Debatten. Viele glauben, künstliche Intelligenz werde irgendwann ein eigenes Bewusstsein entwickeln, einfach indem die Systeme größer und schneller werden. Doch es handelt sich immer nur um Addition, um Anhäufung.
Aus „mehr desselben“ entsteht nicht plötzlich etwas ganz anderes. Wer Zahlen addiert, erhält größere Zahlen – niemals eine Farbe. Wer Rechenleistung addiert, erhält schnellere Berechnungen – niemals Bewusstsein.
Betrachten wir es noch einfacher: Wir sehen den Asphalt unter unseren Füßen. Die Wissenschaft behauptet im Grunde, dass diese tote Materie sich irgendwann selbst so gewandelt habe, dass aus ihr Geist entstand. Dass der Staub, der Stein, der Teer irgendwann Selbstbewusstsein bekam. In Zeitlupe betrachtet wird die Absurdität offensichtlich: Das dimensional Höhere kommt niemals aus sich selbst hinzu. Es muss von anderswo kommen.
Die Synthese
Fügt man beide Seiten zusammen – das Beste aus jeder Hälfte –, ergibt sich ein neues Bild: Der Glaube an einen Bauherrn und der Ansatz der Entwicklung.
Dafür muss Unhaltbares weggelassen werden. Die Schöpfung in sieben Erdtagen ist ein Bild, das dem Vorstellungsvermögen früherer Menschen angepasst war. Auf der anderen Seite muss die Wissenschaft ihren Hochmut ablegen, alles allein aus dem Nichts erklären zu wollen. Eine solche Haltung führt letztlich in Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit. Denn wozu sich mühen, wenn alles nur Zufall ist?
Was in diesem Bild noch fehlt, ist der Begriff des Handwerkers. Hinter jedem großen Werk stehen viele Hände. Damit sind nicht die Menschen gemeint, sondern jene Kräfte und Wesen, die seit dem ersten Impuls („Es werde Licht“) für die Ausführung der Vorgänge in der Schöpfung verantwortlich waren. Schöpfung ist der Plan des Bauherrn – Entwicklung ist die planvolle, tätige Ausführung durch seine Handwerker. Auf das Wirken dieser Kräfte wird an anderer Stelle noch ausführlicher einzugehen sein, so wie es auch in anderen Zusammenhängen bereits erläutert wurde.