Das Hüten des Keimlings

Welch unermessliches Gute könnte nicht alles entstehen, wenn die Impulse, die im Menschen keimen – jene Ideen, Kleinigkeiten und Anfänge, die zunächst noch ganz unscheinbar sind – sich wahrhaft entfalten dürften? Oftmals ist zu Beginn noch ungewiss, wohin der Weg führt. Ein Mensch trägt eine leise Idee in sich – eine echte Intuition, die aus seinem tiefsten Inneren entspringt und nach Ausdruck verlangt; etwas, das er entfalten möchte oder im Stillen bereits gereift ist.

All diese zarten Regungen sind, sobald sie ausgesprochen werden, zunächst noch unreif. Sie sind von großer Zerbrechlichkeit und entbehren noch jeglicher Stabilität. Sie gleichen dem ersten Aufflackern eines Streichholzes. Schenkt man diesem kleinen Licht nicht sogleich neue Kraft, so verlischt es. Solche Ideen tragen sich nicht von selbst; ihnen fehlt noch die Beständigkeit einer ruhigen Kerzenflamme. Sie bedürfen der Nahrung. Im Grunde dienen sie erst einmal dazu, ein Empfinden zu wecken und einen weiteren Prozess in Gang zu setzen.

Mit diesem kleinen Flämmchen möchte man etwas entzünden – sei es in sich selbst oder im Gegenüber. Doch dann geschieht es: Der andere gewahrt das winzige Licht, lächelt vielleicht herablassend darüber und bläst es achtlos aus. Er nimmt es nicht ernst. Sein Blick haftet nur an dem, was im Augenblick sichtbar ist – und diese kleine Flamme wirkt fast kläglich. Er erkennt nicht das Potenzial, das in ihr schlummert. Und weil er sie auslöscht, wird niemals etwas daraus erwachsen können.

Dies ist einerseits eine Mahnung an jenen, der das Streichholz entzünden will: Ist im Inneren bereits genügend Substanz vorhanden, um der Flamme dauerhafte Nahrung zu geben? Ist der richtige Zeitpunkt schon gekommen, um dieses Licht nach außen zu tragen? Oder wäre es ratsamer, den Gedanken noch schützend in sich zu bewahren, bis er einen festen Urgrund gefunden hat oder die Flamme aus eigener Kraft stabil steht? So stark, dass sie in sich selbst ruht.

Man muss sich fragen: Ist das Gegenüber überhaupt bereit, dies aufzunehmen? Ist der andere schon reif dafür – oder kann er es zu diesem Zeitpunkt überhaupt sein? Ist er der richtige Adressat? Die primäre Verantwortung liegt beim Entzündenden selbst. Warum sollte man erwarten, dass der andere die nötige Nahrung liefert? Das wäre zwar wünschenswert, doch möglicherweise fordert man damit zu viel von seinem Nächsten.

Es wäre gewiss wunderbar, verhielte es sich anders: Wenn der Nächste für die eigenen Ideen wie ein bereiteter Acker wäre – eine empfängliche Fläche, auf der das Ausgesäte sofort Wurzeln schlagen kann. Eine Welt, in der Werte erkannt, gewürdigt und gestärkt werden, wäre wahrlich ein Ziel für eine ideale Gemeinschaft. Doch alle Bemühungen zur Veredelung der Welt und des eigenen Inneren muss der Mensch zuerst bei sich selbst ansetzen; er kann dies nicht vom anderen erzwingen.

So wandelt sich die Enttäuschung in eine Mahnung an sich selbst. Es ist nicht nur eine Mahnung angesichts der Unreife der Welt, sondern vor allem der Ruf, auf die eigenen Keime besser achtzugeben. Dies betrifft sowohl die Früchte der eigenen Entwicklung als auch jene Erkenntnisse, die einem als kostbares Wissen von Höherem anvertraut wurden – Wissen, das danach drängt, weitergegeben zu werden, um die Welt zu befruchten. Es ist ein Appell an das eigene Ich: Behüte zuerst das, was du in deinen Händen hältst!

Denn wie ist der Zustand unserer Welt im Moment? Die Umgebung und die vorherrschenden Gedankenwelten gleichen in Bezug auf neue, wertvolle Impulse oft einem harten, rissigen und vergifteten Boden. Solchen Boden findet man dort, wo über lange Zeit hinweg lieblos und destruktiv gewirtschaftet wurde. Es ist das geistige Abbild dessen, was wir als Umweltverschmutzung kennen. So beschaffen ist das Feld, das uns umgibt. Oft ist es gar nicht in der Lage, wertvolle Saat ohne gründliche Vorbereitung aufzunehmen und gedeihen zu lassen.

Wenn das, was der Mensch persönlich liebt – das, was ihm als Bestimmung zugedacht ist – scheinbar nicht aufgeht, darf er nicht in der Resignation verharren. Er muss sich selbst zur Achtsamkeit mahnen, seine Saat nur dort auszubringen, wo ein Gedeihen möglich ist. Er muss auf bereiteten Boden achten. Gleichzeitig muss er selbst zu dem werden, was er von anderen erhofft. Er muss in jenen Bereichen, in denen andere an ihn herantreten, feinfühliger und hellhöriger werden.

Er muss lernen zu verstehen, ob ihm etwas – sei es direkt oder indirekt – entgegengebracht wird; ob im anderen ein Wunsch oder ein Gedanke schlummert, der nach Ausdruck sucht und Nahrung braucht, um aufzugehen. Es ist der Aufruf, selbst das Vorbild für das zu sein, was wir uns von unseren Mitmenschen wünschen.

Betrachten wir das Bild der eigenen Kinder: Auch sie entlassen wir nicht direkt aus der Wiege in die volle Verantwortung des Arbeitslebens. Dazwischen liegen zwei Jahrzehnte, in denen sie genährt, gestützt und geformt werden müssen. In dieser Zeit wandeln sie sich und entwachsen dem Stadium der Hilflosigkeit. Erst wenn sie ihre eigene Form und innere Festigkeit gefunden haben, erlangen sie die Selbstständigkeit. Dann bedürfen sie nicht mehr der ständigen Behütung ihrer Gedanken durch andere. Diese Gedanken besitzen dann eine eigene Kraft, die sie unabhängig wirken lässt – vergleichbar mit jungen Menschen, die nach einer fundierten Ausbildung fähig sind, für sich selbst zu sorgen.

Dies sollte uns jedoch nicht davon abhalten, all die kleinen Dinge, die uns begegnen, mit gebührender Sorgfalt zu hüten. In erster Linie gilt es, das zu bewahren, was im eigenen Inneren aufkeimt. Wir sollten frühzeitig unterscheiden lernen: Handelt es sich um Unkraut oder um kostbare Triebe? Wenn sie kostbar sind, dann müssen wir sie mit Hingabe großziehen.

Und wenn etwas vom anderen auf uns zukommt, sollten wir stets bereit sein, dies zu fördern. Wir sollten den Nächsten unterstützen und ermutigen, damit er für das, was in ihm noch zart ist und des Schutzes bedarf, den Mut zur Entfaltung findet. Dies sollte unsere Aufgabe sein. Dabei dürfen wir die größte Sorgfalt walten lassen – dieselbe Achtsamkeit, die wir unseren eigenen Gedanken und Empfindungen entgegenbringen. Wenn wir so handeln, wird es sich organisch ergeben, dass auch wir von außen die Unterstützung erfahren, die wir benötigen, um unsere eigenen „geistigen Kinder“ – die heiligen Gedanken – zu behüten.

Weder das geistige Wissen noch die Ereignisse, die uns als Schicksal begegnen, sind dazu da, uns lediglich auf die Unzulänglichkeiten der Welt hinzuweisen oder uns zur Abkehr von ihr zu bewegen. Im Gegenteil: Alles dient dem Zweck, uns unseren eigenen Weg finden zu lassen. Es geht um die Wertschätzung des Kleinen, wie sie auch im Gebot „Du sollst nicht töten“ mitschwingt. Der Keim zum Guten darf nicht im Keim erstickt werden! Er soll durch uns selbst zur Entfaltung gebracht werden.

Dabei geht es nicht allein um das Gute in uns selbst. Alles, was den Keim zum Guten in sich trägt – sei es in uns oder in unseren Mitmenschen – verdient Schutz. Die Hoffnungen, Träume und Anstrengungen der anderen, die uns begegnen und nach Bestätigung oder Ermutigung suchen, bedürfen ebenso unserer Stütze. Nur indem wir dieses Gute erkennen und fördern, zum Wohle des Ganzen, wird die Wechselwirkung uns und unsere Umgebung emporheben. Dann dürfen wir an der Ernte dessen teilhaben, was wir vielleicht nicht selbst gesät, aber mit Fürsorge getragen und unterstützt haben.

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