Wer hat 1906 wirklich Stanford White erschossen?

Wer hat 1906 wirklich Stanford White erschossen?

Im Jahr 1906 wurde in Chicago ein junger Mann zum Tode verurteilt. Er hatte eine Frau ermordet – so weit war der Fall klar. Nicht klar war etwas anderes: Zwei der bekanntesten Psychologen der damaligen Zeit, beide Professoren in Harvard, erklärten öffentlich, der Verurteilte sei bei der Tat „nicht er selbst“ gewesen. Er habe in einem Zustand gehandelt, in dem ein Mensch sich gewissermaßen abspaltet und etwas tut, was er aus sich selbst heraus nie getan hätte.

Gehängt wurde er trotzdem. Die Frage aber blieb stehen: Was bedeutet Schuld, wenn jemand nicht Herr seiner selbst ist?

Das fünfte Kapitel von „30 Jahre unter den Toten“ nimmt diese Frage auf und führt sie einen Schritt weiter, als die beiden Harvard-Professoren es damals konnten oder wollten. Wo sitzt die Verantwortung, wenn jemand nicht Herr seiner selbst war? An welchem Punkt war sie noch vorhanden – und an welchem ging sie verloren? Dr. Carl Wickland berichtet aus dreißig Jahren Praxis von Fällen, in denen sich genau diese Frage stellt.

Wer hier nach Sensation sucht, wird wenig finden. Es geht ruhig und nüchtern um eine sehr alte Frage – und um den Versuch, sie genauer zu beantworten, als es Psychiatrie und Strafrecht heute tun.

Am Ende des Kapitels gibt eine der Verstorbenen selbst die Antwort. Sie lautet: Wo die Besessenheit beginnt, endet die Verantwortung. Aber der Weg dorthin – ein hohles Leben, Drogen, ungezügelte Leidenschaft – wird selbst gewählt. Und dafür trägt der Mensch die volle Verantwortung.

→ Zum Kapitel: Geister und Verbrechen

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