Erst im Dunkeln sehen wir wieder

Ich bin am Nachmittag aufgestiegen, ohne besonderen Grund, wie man eben manchmal geht, weil die Füße es wollen. Jetzt sitze ich oben auf einer Felsplatte, die noch die Wärme des Tages hält, und unter mir liegt das Tal. Der Himmel über mir scheint noch leer.

In dem Maß, wie es in der Natur dunkel wird, beginnt es in der Stadt zu glühen. Unauffällig zunächst, doch nach und nach immer deutlicher, unübersehbar — das Verhältnis kehrt sich um: Gerade durch das Blenden des künstlichen Lichtes scheint es in der Natur erst richtig dunkel zu werden. Doch das täuscht. Ich wende mich ab und gehe weiter — bis kein Schein mehr von unten heraufdrängt.

Ich setze mich wieder hin, und während ich sitze, tauchen sie auf. Nicht alle zugleich. Erst einer, den ich vorher übersehen hatte. Dann drei. Dann ein Dutzend dort, wo eben noch nichts war, dann Felder, dann Schleier, dann der ganze Strom — die Milchstraße, von Horizont zu Horizont, dieses unmäßige, lautlose Gewimmel, das die ganze Zeit dagewesen sein muss, während ich auf den leeren Himmel sah.

Mit der Ruhe kehrt in mich das Gefühl der Größe all dessen ein, was mich umgibt. Nach und nach erkenne ich auch Schönheit — und die unglaubliche Menge der Sterne. Ich hatte vergessen, dass es so viele sind.

Und das Zweite kommt langsamer und bleibt länger. Niemand hat diese Sterne ausgeschaltet, niemals sind sie schwächer geworden. Kein einziger hat aufgehört zu leuchten. Was zwischen ihnen und mir stand, war Licht — unser eigenes, künstliches Licht. Das Licht der Zimmer, in denen ich saß, der Bildschirme, in die ich sah, der Straßen, durch die ich ging. Ein Teil dieses Lichtes scheint wichtig — das Licht in den Häusern, die Laternen in den Straßen. Doch am hellsten ist das Neonlicht der Werbung, die die Aufmerksamkeit auf Dinge lenken möchte, die irdisch so bedeutend scheinen. Und sieh: Gerade dieses grellste Licht borgt sich seine Worte von den Sternen, die es überstrahlt. Himmlisch soll das Eis schmecken, paradiesisch die Reise sein, und die Versuchung ist eine Sünde wert. Es leuchtet mit den geliehenen Namen dessen, was hinter ihm verschwindet. All dies überblendet die milliardenfache Vielfalt und Schönheit des Alls.

Und je länger ich hinaufsehe, desto mehr kommt es mir vor, als wäre jeder dieser Sterne ein Lichtstrahl aus dem Ewigen — so fern und unerreichbar wie ein hohes Wort, ein hoher Gedanke, und doch wie ein Kompass die Richtung weisend. Erhaben.

Und diesen Glanz der Ewigkeit, der hohen Begriffe, haben wir überstrahlt und ersetzt durch unseren eigenen kleinen Himmel, in dem wir von jedem hohen Urbild ein kleines irdisches Abbild gemacht haben, das unseren Zwecken dient.

Werte — allein an diesem Wort sehen wir, was sich verändert hat: Es wird in der Sprache vornehmlich verbunden mit dem Geld, mit dem Habenwollen, mit dem Besitzen.

Und es ist nicht ein Wort allein. Das Gut war einmal der Name für das Höchste, das ein Mensch erstreben kann — die alten Denker sprachen vom höchsten Gut und meinten damit nichts, was man anfassen konnte. Wer heute von einem Gut spricht, meint einen Hof mit Feldern und Ställen, und „Hab und Gut“ ist, was man bei einem Brand verliert. Die Tugend war einmal die innere Kraft eines Menschen — das, wozu er taugt, sein bestes Vermögen. Heute klingt das Wort verstaubt; eine tugendhafte Frau ist eine Figur, über die man lächelt. Und das Ideal hieß einmal Urbild: das Vollkommene, nach dem sich alles Gewordene richtet wie der Steuermann nach dem Stern. Heute ist ein Idealist einer, den man nicht ganz ernst nimmt — ein Träumer, dem die Welt noch beibringen wird, wie sie wirklich ist. Drei Worte, drei Wege nach unten: Das eine wurde zu Besitz, das andere zum Gespött, das dritte zur Schwärmerei. Doch ihr Kern wurde nicht zerstört. Sie stehen alle noch am Himmel — nur sieht man sie nicht mehr, und wer sie ausspricht, erntet den Blick, den man für Leute übrig hat, die nachts auf Berge steigen.

Und so haben wir alle Sterne des Himmels durch irdische Abbilder ersetzt — in unserer Sprache, in unserem Denken.

Mit diesem Herabziehen sank auch unser Horizont — und wir verloren die Verbindung zum Himmel.

Doch die Sterne leuchten immer noch. Sie werden wohl auch noch leuchten, wenn von unserer Kultur und unseren Begriffen nichts mehr übrig ist.

Aber das ist kein Schlusswort. Es klänge nur so, wenn die Sterne uns verloren wären — und das sind sie nicht.

Denn das ist das Eigentümliche, das mir erst hier oben aufgeht: Worte kann man abnutzen, Bilder kann man verbiegen, Begriffe kann man überstrahlen — doch für die Natur gilt das nicht, und nicht für die Bilder, die sie schenkt.

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis … Jeder Vorgang in der Natur erfüllt seinen Zweck – und doch spricht er zugleich von etwas Höherem.

Betrachten wir das Bild des Samenkorns: Es fällt in die Erde und muss vergehen, um zur Quelle einer neuen Pflanze zu werden. Finden wir darin nicht das Bild des Menschen? Auch er muss sich im Irdischen vollkommen einbringen, sich hingeben, um eine höhere Frucht zu tragen. Wer sich hingegen nur bewahren will, wer sich zurückhält – der verdorrt im Grunde.

Wir kennen den Kreislauf des Wassers: Der Regen fällt herab – allem Leben zum Segen – und strömt über Bäche und Flüsse zurück ins Meer, zu seinem Ursprung. Erst dort, unter dem Einfluss des Sonnenlichts, verfeinert er sich und steigt wieder auf …

Oder die Raupe, die ihre kriechende Gestalt ablegt, um sich verwandelt als Schmetterling zu erheben und ihre Flügel auszubreiten …

Sie ist die eine Schrift, die durch Gebrauch nicht stumpf wird. Die Schwerkraft hat sich an Milliarden fallender Dinge nicht abgegriffen, der Morgen ist nach abertausend Wiederholungen kein Geschwätz geworden, und dieser Himmel über mir ist von allen, die je zu ihm aufgesehen haben, nicht leerer geworden, sondern hat auf jeden gewartet. Als hätte eine Weisheit, die das alles vorausgesehen hat — auch unser eigenes blendendes Abbild vom Licht, auch unser Vergessen —, dem Menschen neben der Sprache, die er verderben kann, eine zweite gegeben, die er nicht verderben kann: eine unverbrüchliche Hilfe, die sich jedem von Neuem erschließt, der sich ihr öffnet, heute Nacht so frisch wie am ersten Tag.

Man muss sie nicht erst übersetzen. Sie liegt in jeder Sprache vor, auch für den, der nicht lesen kann. Man muss nur hinausgehen, dem eigenen Licht davon, und warten, bis das Auge wieder arm genug ist zu sehen.

Die Natur gleicht einer Mutter: Schon im Sichtbaren gibt sie unbegreiflich viel — und doch ist sie unendlich viel mehr dem, der begreift, dass sie in jedem ihrer Vorgänge zugleich über sich hinausweist, auf eine Weisheit, auf eine Größe, deren Abbild sie ist.

Sie ist eine Leiter, die immer angelehnt steht. Man muss nur steigen.

Entdecke mehr von Psyche und Seele

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen