Vom Licht, der Schwere und der Ausrichtung

An einem Morgen fällt Licht auf ein Blatt. Nichts daran verlangt Aufmerksamkeit. Es ist nur ein schmaler heller Streifen auf Grün, ein wenig Wärme, ein kaum merklicher Glanz an der Kante eines Stängels. Die Pflanze steht still, so still, dass man vergessen könnte, dass in ihr eine Bewegung geschieht.

Nach einer Weile – vielleicht nach Stunden, vielleicht erst nach Tagen – ist sie anders geworden. Was zuvor nach allen Seiten offenstand, hat sich gesammelt; die Blätter haben ihre Flächen dem Hellen zugewandt, die jungen Triebe tragen eine Neigung, als folgten sie einem lautlosen Ruf. Niemand hat sie gerufen. Sie hat kein Auge, das dieses Licht sähe, keinen Gedanken, der es abwöge, keinen Willen, der sich entschlösse. Und doch wendet sie sich: langsam, treu, mit jener einfachen Sicherheit, die nicht aus Entscheidung kommt, sondern aus Zugehörigkeit.

In dieser einen Bewegung liegt schon alles: Das Lebendige wächst dem entgegen, dem es sich zuneigt. Die Pflanze strebt dem Licht zu, kann es jedoch nie erreichen. Und doch ist es gerade dieses Unerreichbare, das sie aufrichtet. Unter freiem Himmel steht sie aufrecht, weil das Licht gleichmäßig über ihr liegt. Je höher das ist, dem eine Pflanze folgt, desto gerader wird ihre Gestalt.

Doch das Licht ist nicht das Einzige, was sie führt. Im tiefsten Dunkel, wohin kein Strahl dringt, gibt die Schwere der Erde dem keimenden Samen die Achse vor. Sie ist ein verlässlicher Lehrer, doch sie gibt nur die Richtung, nicht die Gestalt. Eine Pflanze, die im Dunkeln allein der Schwere folgt, schießt fahl in die Länge. Ohne das Licht von oben bleibt das Streben ein blasses, hungriges Sich-Recken, das nie zur Fülle kommt.

Und doch ist dieselbe Pflanze, die sich dem Licht entgegenstreckt, zwingend an den dunklen Boden gebunden. Je höher sie steigen will, desto tiefer muss sie in der Erde wurzeln. Die Wurzel ist nicht der Feind der Krone, sie gehören zusammen. Im Irdischen trägt das Untere das Obere. Ohne diesen Halt im Erdreich gäbe es keinen Aufstieg ins Licht.

Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch eines auf: Die Pflanze kann sich nicht absichtlich falsch neigen. Man kann sie ins Dunkel stellen oder ihr den Himmel nehmen – sie selbst tut jedoch nie das Falsche. Sie strebt immer zum Licht. Ist nur wenig vorhanden, wächst sie eben krumm darauf zu, aber treu. Eine gekrümmte Pflanze ist kein Sünder. Sie ist ein Geschöpf, dem man den Himmel nahm. Man sieht sie an und denkt nicht „wie schlecht“, sondern „wie schade“.

Es gibt nur ein Wesen, das sich selbst vom Licht fernhalten kann.

Der Mensch ist nicht so festgelegt wie die Pflanze. Er kann sich dem zuneigen, wonach ihm der Sinn steht – darin liegt seine Größe und seine Gefahr zugleich. Er kann sich dem Höchsten zuwenden und gerade wachsen wie ein Baum unter freiem Himmel. Er kann sich aber auch dem Nahen oder gar dem Niedrigen zuwenden und darauf zuwachsen, bis seine ganze Gestalt gekrümmt ist. Das bleibt ihm nie verwehrt. Auch die Pflanze hat ihre Erde, an der sie hängt. Sie lebt mit dem Nahen und nährt sich davon. Sie wächst nur nicht zu ihm hin. Ihre Richtung gehört allein dem Hohen, und gerade darum kann sie für alles Nahe da sein.

Der Mensch verhält sich oft so, als wäre das Nahe auch das Höchste. Jemand wendet sich vielleicht ganz seinem Kind zu, beugt sich Jahr um Jahr schützend darüber – und das ist gut, denn das Kind braucht diese Nähe. Doch dieses Kind wächst – wächst er auch mit? Sonst bleibt er schmerzhaft zurück, wenn das Kind seinen eigenen Weg geht, und wird am Ende bitter. Ein anderer richtet sich völlig auf einen geliebten Menschen aus und passt sich dem anderen an, bis er und womöglich der Geliebte die Balance verlieren. Ein Mensch kann nicht das rettende Licht für einen anderen sein, kein dauerhafter Halt; er ringt ja immer selbst darum. Zwei, die sich nur aneinander klammern, statt sich je für sich aufzurichten, um selbstständig zu stehen, verwachsen so sehr, dass keiner mehr ohne den anderen stehen kann.

Die ganze Verkehrung liegt in der Einseitigkeit. Die familiäre Zuneigung zum Kind ist richtig, auch das Interesse für die Arbeit oder die Fürsorge um den eigenen Leib. Sie sind das Nahe – etwas, das sich immer wandelt und anpassen muss. Wer diesen Dingen sein ganzes Leben widmet, verliert die innere Achse und kommt nie zu seiner Gestalt. Eine Blüte lockt Insekten an und nährt sie, aber die Pflanze verlässt ihren Stand nicht, um ihnen nachzujagen.

Darum soll der Mensch das Höchste in seinem Leben an die erste Stelle setzen. Nicht weil ein Eifernder es verlangte, der sonst zürnt – sondern weil er selbst sonst krumm wächst. Es ist kein Gebot gegen ihn, es ist ein Gebot für ihn, so wie der Gärtner die Pflanze nicht ans Licht stellt, um ihr etwas abzuverlangen, sondern damit sie werde, was in ihr liegt.

Und was der Pflanze das Erdreich ist, das ist dem Menschen die ganze Natur um ihn her. Sie ist ihm nicht Last, sondern Leiter: Jede ihrer Stufen, recht verstanden, hebt ihn eine höher – bis dorthin, wohin keine Wurzel mehr reicht und nur noch das Licht ihn zieht.

So ist die Ausrichtung nach oben am Ende keine Abkehr vom Nahen, sondern das Einzige, was den Menschen für das Nahe frei macht. Wer zum Höchsten aufrecht steht, kann sich zu allem hinabneigen, ohne zu fallen, und es segnen, statt sich daran zu klammern. Es verlangt kein Ringen gegen sich selbst – es genügt, sich innerlich auszustrecken nach dem, was über uns ist, höher, als wir je reichen. Alles Übrige tut das Wachstum von allein.

Am Ende eines langen Weges steht manchmal ein alter Baum, frei und allein auf einer Höhe, sein Leben lang nichts über sich als den Himmel. Niemand hat ihn dorthin gestellt, niemand ihn gezogen. Er hat sich nur, Jahr um Jahr, ohne Hast und ohne Kampf, dem Licht entgegengestreckt – und ist dabei tief in den Grund gewachsen, so tief, wie er hoch geworden ist. Nun steht er da und gibt, ohne es zu wissen: Schatten in der Mittagshitze, ein Geäst voller Nester, im Herbst das Laub, das zu Erde wird und anderes nährt, und einen Stamm für den, der müde des Weges kommt und sich anlehnt. Nichts davon hat er gewollt. Es fällt ihm zu, weil er aufrecht wuchs. Er trägt das Hohe und das Tiefe in einem, und gerade weil er ganz nach oben gewachsen ist, ist er allem ringsum ein Segen geworden.

Entdecke mehr von Psyche und Seele

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen