Vom Werben und vom Zwingen

Es gibt Geschichten, die gut ausgehen und trotzdem wehtun, so sehr, dass man innehalten muss. Man kennt das Ende, man weiß, dass das Rechte siegen wird — und dennoch schnürt sich einem die Kehle zu, Seite um Seite, weil das, was hier geschieht, nicht geschehen dürfte.

So ergeht es mir mit einer Figur aus David Copperfield, jenem Roman von Charles Dickens. Da ist Agnes – klar, gütig, aufrichtig, ein Mensch, an dem nichts Falsches ist, einer von denen, in deren Nähe man selbst besser werden möchte. Und dann ist da Uriah Heep, der sich lautlos in ihr Leben drängt – kriechend und hinter der Maske einer endlosen, falschen Demut. Er will Agnes. Aber er wirbt nicht um sie, denn er glaubt, ihre Liebe nie zu gewinnen. Also wählt er den anderen Weg: Er umstellt ihren Vater mit Schuld und Scham, treibt ihn ins Verderben und legt am Ende den Preis auf den Tisch, den die Rettung kosten soll – die Tochter. Sie soll sich opfern, stumm, aus Liebe zu dem gebrochenen Vater – und sie tut es beinahe, ohne sich zu wehren.

Was an dieser Geschichte so unerträglich ist, liegt tiefer als das bloße Unrecht. Es ist nicht einmal das Schlimmste, dass Heep sie haben will. Das Schlimmste ist, wie er sie haben will. Er begehrt sie nicht, um durch sie besser zu werden, um sich an ihrer Reinheit emporzurichten. Er erträgt ihre Reinheit gar nicht, weil sie ihm seine eigene Hässlichkeit vorhält. Und darum will er sich nicht zu ihr erheben, sondern sie zu sich herabziehen – beschmutzen, entweihen, das Klare trüben, bis es ihm gleicht. Er will das Hohe nicht erreichen. Er will es erniedrigen.

Und hier ist der Punkt, an dem die Handlung zu mehr wird als nur eine Geschichte. Denn man spürt mit jeder Faser, dass Heep, selbst wenn ihm sein Plan gelänge, niemals das bekäme, worum es geht. Er könnte Agnes vor den Altar zwingen, ihre Hand, ihren Namen und ihren Leib in Besitz nehmen – und wäre der Liebe dennoch ferner als jeder andere Mensch auf der Welt. Er würde nur ein Zerrbild dessen in Händen halten, was er begehrte, und gerade dadurch, dass er es erzwang, hätte er das Wertvolle für immer verfehlt. Erzwungene Liebe ist keine Liebe mehr. Sie ist nur noch das erpresste Opfer eines ohnmächtigen Menschen – und damit das absolute Gegenteil von dem, was er eigentlich suchte.

Der rechte Weg wäre der schwerere gewesen, und er steht jedem offen, immer: nicht die Geliebte zu zwingen, sondern selbst ein solcher zu werden, dass die Liebe von selbst erwacht. Sich zu wandeln, zu werben, im höchsten Streben liebenswert zu werden — und zu warten, bis das andere Herz sich frei und von innen her öffnet. Was dann entsteht, will nicht besitzen, und gerade weil es nicht besitzen will, gibt es beiden unendlich mehr, als jeder Zwang je nehmen könnte. Der Werbende empfängt, was der Gewalttätige nie bekommt, weil das Eine sich nur schenken lässt und niemals rauben.

Man liest das, und das Herz lehnt sich auf gegen Uriah Heep. Man möchte ihm in den Arm fallen, möchte das reine Geschöpf vor diesen feuchten Händen bewahren. Und das ist gut so; dieser Aufruhr im Inneren ist gesund und richtig.

Nur — und hier wird es still, und vielleicht ein wenig beschämend — sollte man dann den Blick einmal von dem Buch heben und auf das richten, was uns alltäglich umgibt. Denn da ist noch eine andere, die gut ist, klar und unendlich wertvoll, an der nichts Falsches ist, in deren Nähe wir besser werden könnten: die ganze lebendige Natur. Sie täte uns nichts. Sie gäbe uns, aus sich selbst heraus, mehr, als wir uns träumen lassen, wenn wir um sie würben — wenn wir uns wandelten, sie verstehen lernten, ihr dienten und ihr die Zeit ließen, sich uns zu öffnen.

Aber wir werben nicht. Wir haben die Macht, und wir nehmen. Wir zwingen den Boden, uns zu geben, zwingen das Saatgut, zwingen das Lebendige, bis es hergibt, was wir verlangen. Und es gibt — es muss ja, es steht unter unserer Gewalt. Die Erträge steigen, die Hülle der Fülle ist da, scheinbar fehlt nichts. Und doch wissen wir im Innersten, dass etwas nicht stimmt, dass uns das Eigentliche entgeht, dass wir die Hülle halten und das Leben verfehlen — genau wie Heep die Hand hielte und die Liebe nie.

Wir sind, ohne es zu merken, in die Rolle dessen geraten, den wir im Buch verabscheuen. Wir nehmen das Reine und ziehen es herab, machen es uns gleich, beschmutzen es, weil wir nicht die Geduld und nicht die Demut haben, um es zu werben. Und das Bittere ist: Es müsste nicht so sein. Der andere Weg steht offen, wie er Heep offenstand. Die Natur wartet nicht mit Groll, sondern wie eine, die noch immer bereit wäre, sich zu schenken, wenn wir nur aufhörten zu zwingen und anfingen zu werben. Ihr Potenzial, einem Liebenden geöffnet, ist ohne Grenze. Wir müssten nur selbst die werden, denen sie sich freiwillig gibt.

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