Der Draht

Einst füllten sie den Horizont. Wo sie zogen, dröhnte der Boden, und das Dröhnen ging in die Erde über wie ein zweiter Herzschlag des Landes.

Ein einzelnes Tier schon war ein Berg aus Kraft. Die mächtigen Schultern, der gesenkte Kopf, das ganze Gewicht, das die Erde zu spüren bekam bei jedem Schritt — wo es stand, stand etwas Unverrückbares, und wenn es zu laufen begann, hätte nichts es aufhalten können, das ihm in den Weg geriet. Und diese Kraft, nicht in einem, sondern in tausend und abertausend Leibern, wurde zu etwas, wofür es kein Maß mehr gibt.

Sie kamen in Herden, deren Anfang und Ende kein Auge fassen konnte, ein einziger dunkler Strom über das hohe Gras. So weit der Blick reichte, war der Boden bedeckt und dunkel, und wenn die Herde sich in Bewegung setzte, schien nicht sie zu wandern, sondern die Erde selbst — als rollte das Land bis zum Horizont. Sie machten das Land, indem sie es durchzogen. Niemand hatte ihnen einen Weg gewiesen. Sie waren der Weg.

Ihre Kraft war ohne Maß, weil sie kein Maß kannte. Sie wussten nicht, dass sie stark waren, so wie der Fluss nicht weiß, dass er fließt. Es gab nichts, woran sie sich gehalten hätten, und nichts, das sie gehalten hätte. Sie gingen, wohin der Hunger und das Wetter sie riefen, und das war weit.

Dann kam über sie eine Macht, die ihnen unfassbar war. Sie war nicht stärker als das Tier — keine offene Gewalt hätte es zwingen können —, aber sie erschien stärker, und das genügte. Was geschah, ist nicht erzählbar, weil es nicht in einem Augenblick geschah. Es war kein Kampf. Es war ein Gewöhnen.

Heute steht es auf der Weide. Es ist schwer und ruhig, und in seinem Auge liegt etwas Treuherziges, fast Kindliches. Es hebt den Kopf, wenn man kommt, und senkt ihn wieder ins Gras. Man nennt es sanft. Mancher nennt es dumm. Es ist weder das eine noch das andere. Es hat nur aufgehört zu fragen.

Denn um die Weide läuft ein Draht. Er ist dünn, er hängt ein wenig durch, an manchen Stellen hat ihn der Wind verbogen. Ein Kind könnte ihn mit der Hand zur Seite drücken. Das Tier, das das Land einst gemacht hat, könnte hindurchgehen, ohne es zu merken — ein einziger Schritt, und der Draht wäre hinter ihm.

Aber das Tier geht nicht. Vor langer Zeit, als es jung war, hat es den Draht berührt, und der Draht hat zurückgeschlagen, ein kleiner, heller Schmerz, kaum der Rede wert. Einmal. Vielleicht zweimal. Seither geht es nicht mehr hin. Der Draht muss nicht mehr schlagen; es genügt, dass das Tier sich erinnert. Längst führt durch viele dieser Drähte kein Strom mehr — die toten halten so gut wie die lebenden. Was hält, ist nicht der Schmerz, sondern die Erinnerung an den Schmerz.

Und so steht es. Nicht eingesperrt — ein Schritt nur, und die Weite läge offen. Es ist nicht dies oder jenes, was ihm verwehrt wäre, dieses Gras, jener Hügel. Es ist stiller und schwerer: dass es niemals erfahren wird, wozu es fähig wäre. Die ganze ungeheure Kraft ist noch da. Sie schläft nur, hinter einem Faden, der sie nicht halten könnte, wenn sie ein einziges Mal aufwachte.

Über der Weide steht eine Eiche, die einzige weit und breit, und oben in ihr ist ein Nest. Die Jungen sind flügge geworden in diesen Tagen. Einer sitzt am Rand und schaut hinaus. Eine Weile sitzt er nur und sieht in die Luft, in die nichts ihn trägt, in der nichts ist als Weite. Dann, wie selbstverständlich, springt er. Einen Augenblick fällt er. Und dann tragen ihn die Flügel, und er steigt, und er ist frei.

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