Das Zauberwort

Das schlafende Lied
Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

— Joseph von Eichendorff

Zu Zeiten überkommt mich der Wunsch, alles loszulassen, keine äußeren Pflichten mehr erfüllen zu
müssen und nichts zu erwarten. Nur dies: einen Weg zu gehen, den ich noch nie gegangen bin, und zu
schauen, was geschieht.
Es ging bergan. Die Luft war kühl und feucht, und nach einer Weile gewöhnte sich das Gehör an die
Stille, bis sie selbst zu klingen begann. Die Schritte wurden gleichmäßiger. Licht fiel in schrägen
Bahnen durch die Blätter. Es roch nach Brennnesseln und nasser Erde, und auf dem Weg sah man noch
die Spuren von Fahrzeugen. Dann wurde der Weg steiler, der Anstieg stärker; einmal streiften
Brennnesseln die Haut, Glockenblumen standen am Rand. Der Wald schloss sich, das Moos wuchs
hoch, und auf dem Moos und den Blättern glänzte der Tau. Der Boden federte unter den Füßen, und der
Schritt wurde fast lautlos.
Höher hinauf wurde der Wald dunkler, die Bäume älter, dazwischen lag morsches, vermodertes
Holz. Hier oben begegnete mir kaum noch ein Mensch. Ich kannte diesen Wald überhaupt nicht. Ich war
in einem Neuland, und ich fühlte mich wie ein Entdecker, wie Robinson auf seiner Insel, und malte mir
aus, immer hier zu sein, ganz allein. Nach und nach merkte ich, wie meine Gedanken klarer wurden, wie
Bilder kamen, schöne Bilder, und wie ich in ein inneres Zwiegespräch geriet — mit wem eigentlich? Ich
verließ mehr und mehr die Wege, ging weglos durch den Wald und war doch vollkommen sicher, wach,
aufmerksam und ohne Angst, fand mich zurecht. Das Gefühl für die Zeit hatte ich verloren.
Und dann, plötzlich, vor mir: ein Steinpilz. Aufrecht, makellos. Den konnte ich doch nicht
mitnehmen — er stand da wie ein Denkmal. Ich war hin- und hergerissen, und ob ich ihn am Ende nahm
oder stehen ließ, weiß ich nicht mehr. Ich ging weiter. Die Landschaft öffnete sich, der Wald ging über
in eine Bergwiese: Heidekraut, Gras, knorrige Wurzeln, Nadeln, und blaue, wunderschöne
Heidelbeeren. Und Preiselbeeren, als Ausblick auf den Herbst. So ging es weiter, neben mir ein kleiner
Bach, und der Ausblick hinunter ins Tal. Ich war ruhig geworden und ganz bei mir.

Ich erlebte das alles nicht als dieses und jenes, nicht als Licht und Moos und Beere und Aussicht,
sortiert und gezählt. Es floss in eins. Es war ein einziger Strom, in dem ich selbst schwamm, und der
Wald und ich waren nicht zwei. Etwas strömte aus mir in ihn und aus ihm in mich zurück, und in diesem
Hin und Her stand der ganze Tag in einem Glanz, den ich nicht hätte benennen können. Ich wollte
nichts. Ich ging nur, und alles sang.
Erst zu Hause, am Abend, begann unmerklich das andere.
Ich dachte an den Wald zurück, und der Gedanke war schön, und mit ihm kam der Wunsch,
wiederzukommen. Noch einmal die Lichtung, noch einmal der Blick ins Tal. Es war ein unschuldiger
Wunsch, und doch lag in ihm schon ein feiner Riss. Denn nun wollte ich etwas. Ich wollte ein Erlebnis
zurückhaben, ich wollte es festhalten und noch einmal kosten — und das Wollen ist von anderer Art als
jenes Gehen, das nichts gewollt hatte. Der Wunsch, den Zauber wiederzufinden, ist schon nicht mehr der
Zauber.
Ich kam wieder, und ich kam noch oft. Und mit jedem Mal kannte ich den Wald ein wenig besser.
Ich wusste nun, wo die Lichtung lag und an welchem Hang die Beeren standen und unter welchen
Fichten im Herbst die Pilze kamen. Ich ging nicht mehr ins Ungewisse — ich ging zu den Stellen. Mein
Schritt wurde sicherer und mein Blick enger. Wo ich einst nur geschaut hatte, wollte ich jetzt haben. Der
Wald hatte sich nicht verändert; er war so schön wie am ersten Tag. Aber ich trug nun anderes in ihn
hinein, und so gab er mir anderes zurück. Ich brachte das Suchen, und er gab mir das Gesuchte. Das
Lied aber, das beim ersten Mal in allem geklungen hatte, war leiser geworden, und eines Tages merkte
ich, dass ich es nicht mehr hörte. Der Wald war zu einem reichen Ort geworden, voller Schätze, zu dem
ich ging, um mir etwas zu holen. Und gerade dadurch hatte er aufgehört zu singen.


Zwei Menschen kennen einander, flüchtig, seit langem schon. Sie haben sich gesehen, hier und da, und
nichts geschah. Und dann, an einem Tag wie jeder andere, bleibt ein Blick einen Atemzug zu lang.
Etwas hat berührt. Man könnte nicht sagen, was — es ist nichts Bestimmtes, kein einzelner Zug, keine
Schönheit, die sich nennen ließe. Es ist ein Ruf, der aus dem ganzen Menschen kommt und aus keiner
Stelle, wie ein Geruch, wie ein Geräusch aus weiter Ferne: etwas Unbekanntes, das zieht und lockt. Und
in demselben Augenblick, in dem es uns erreicht, veredelt es — und nimmt uns das Wollen aus der
Hand und das Ziel. Nur dann ist es echt: wenn wir, davon berührt, nichts mehr begehren.
Die Blicke treffen sich, und darin liegt ein stummes Fragen, ungewollt und doch entzündend. Die
beiden nähern sich von innen. Sie suchen, im anderen und in sich, und was sie finden, hat noch keinen Begriff geformt und auch kein Wort, lässt sich nicht fassen, und gerade darum bindet es beide, fester
und immer fester. So sollte es sein, und so sollte es bleiben.
Aber der Wandel kommt. Er kommt leise, an einem Tag wie jeder andere; die Hand, die sich
geöffnet hatte, schließt sich wieder um das, was sie halten will – und verliert es damit.

Oh – warum kann ich dich nicht halten?

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