
Jeder Mensch kennt es, auch wer sich nie mit solchen Dingen beschäftigt hat: Räume haben eine Stimmung. Das eine Haus fühlt sich warm und geborgen an, ein anderes bedrückt einen, kaum dass man eingetreten ist, ohne dass man sagen könnte, warum. Man spürt es an der Schwelle. Genau hier liegt die Tür zu allem Weiteren, denn was wir vage „Atmosphäre“ nennen, ist nichts Eingebildetes. Es ist etwas Wirkliches: die Ausstrahlung der Gedanken und Empfindungen, die an einem Ort gelebt werden.
Denn Gedanken sind nicht nichts. Sie sind wirkende Kräfte, die ausstrahlen und zurückwirken. Ein Ort, der über lange Zeit von einer bestimmten Art des Erlebens durchtränkt wurde, strahlt sie aus – und zieht das Gleiche an. Das ist ein einfaches Gesetz: Gleiches verbindet sich mit Gleichem. Jeder Mensch, jeder Raum wirkt darin wie ein Magnet, der heranzieht, was ihm ähnlich schwingt.
Ein Raum strahlt aus – und zieht damit Wesen an, die uns für kürzere oder längere Zeit in unserer irdischen Umgebung nahe sind: Verstorbene, die nicht loslassen können, Irrende, Ruhelose. Unsere ganze erdnahe Umgebung ist von ihnen erfüllt; manche nennen dies Ebene auch die Astralebene.
Die Türen eines Hauses, in dem nie gebetet und keine innere Ordnung gehalten wird, stehen für Jenseitige im Grunde völlig offen. Die Seelen und Geister, die sich in dieser erdnahen Sphäre bewegen, können dort ungehindert ein- und ausgehen. Sie tun es nicht grundlos, sondern immer dann, wenn sie einen Antrieb dazu haben – wenn sie in den Räumen etwas wahrnehmen, das sie anzieht: ungeklärte Streitigkeiten, Süchte, Sorgen oder reine Gedankenlosigkeit, auch Bindungen der Herkunft oder der Gleichart. Denn hier wird genossen, was der jeweilige Jenseitige am meisten begehrt. Wer diese Einflüsse nicht in seinen eigenen vier Wänden haben möchte, muss sein Haus schützen.
Doch wie schützt man ein Haus vor unsichtbaren Kräften? Genau hier liegt die Brücke zum Gebet. Ein wahrhaft empfundenes Gebet um Hilfe und Schutz verändert nicht nur die Schwingung der Räume und lässt sie für dunkle Einflüsse zu hell werden. Es bewirkt noch etwas viel Konkreteres: Es ist ein Ruf, der die jenseitige Hierarchie der Helfer in Bewegung setzen kann. Durch das Gebet kann ein Haus durch jenseitige Helfern oder Wesen geschützt werden – wie eine Festung gesichert, an deren Schwellen sie als Wächter stehen. Ein solches Haus ist für unberufene Geister kaum unerreichbar – außer, sie werden von den Bewohnern direkt eingeladen…
Ein Haus wird also nicht durch seine Mauern geschützt, sondern durch die Ausstrahlung seiner Bewohner. Wo gute, gesammelte, wohlwollende Empfindung gepflegt wird, strahlt der Ort ein Licht aus, an dem das Dunkle keinen Halt findet und von selbst weicht. Schutz und Licht sind zwei Seiten derselben Wirklichkeit: Was den Raum nach innen erhellt, weist nach außen ab.
Die alten Traditionen wussten darum. Der Haussegen – die Bitte „Christus, beschütze dieses Haus“, die man mit Kreide über die Tür schrieb – war Ausdruck dieses Schutzes. Die Buchstaben C + M + B werden zwar oft als Caspar, Melchior und Balthasar gedeutet, ursprünglich stehen sie jedoch für den lateinischen Segensspruch Christus mansionem benedicat („Christus segne dieses Haus“). Wichtig ist nur, ihn richtig zu verstehen: Es ist kein Zauber. Das Zeichen wirkt vor allem durch die innere Beteiligung dessen, der es setzt, und es lebt nur, wenn die Menschen im Haus es täglich durch ihre eigene Haltung erneuern. Es verblasst durch Lauheit und unreine Empfindung.
In all dem wirkt eine einzige Bedingung: Schutz und Hilfe können nur dort ankommen, wo sich der Mensch innerlich dafür öffnet. Und damit stehen wir vor dem Wort, das für viele das schwierigste ist – dem Gebet.
Für die meisten klingt „Gebet“ nach Kirche und formelhafter Sprache, und gerade darum bleibt es ihnen fremd. Man muss es darum ganz neu fassen. Ein Gebet ist im Kern eine gerichtete Bewegung des Inneren – ein inneres Aufflammen. Mechanisch heruntergesprochene Worte bewirken nichts – jedenfalls nichts Aufbauendes. Ihre ganze Kraft liegt in der Übereinstimmung von ernstem Wollen, tiefem Empfinden und Sammlung. Was ein solches Gebet tut, lässt sich ohne jede religiöse Voraussetzung beschreiben:
Es ordnet und beruhigt das Innere, es unterbricht die zermürbenden Gedankenschleifen, es hebt gleichsam die eigene Schwingung und macht dadurch empfänglich für feinere, stärkende Kräfte. Und es erzeugt genau jene Atmosphäre, die einen Raum schützt. Darum sind Hausschutz und Gebet in Wahrheit derselbe Vorgang. Ein Gebet ersetzt auch nie das Handeln; es bereitet es vor, als Quelle von Kraft, Klarheit und Eingebung für die wirklichen Aufgaben des Tages.
Aber das Eigentliche liegt viel höher: Wie ein Anruf über ein Telefon außenstehende Kräfte in Bewegung setzen kann, so kann ein rechtes Gebet Verbindung finden mit einer Kraft, die weit über allem menschlichen Denken und Erfassen steht. Doch das ist nicht selbstverständlich, ja heutzutage wohl eine große Ausnahme. Das liegt aber nicht an der Hilfe – die steht immer und überall bereit –, sondern am Menschen, der mit dem heute sogleich einsetzenden Zweifel die Kraft des Gebets sofort schwächt. Denn auch dieser Zweifel ist eine Kraft – eine Gegenbewegung, die dem Gebet entgegenwirkt
Im Grunde ein einfacher Vorgang. Aber man wird diese stille innere Bewegung nie wieder unterschätzen, wenn man einmal sähe, was sie auf der anderen Seite bewirkt. Jene, die in jene Welt zu schauen vermögen, schildern es in Bildern, die man nicht vergisst.
Ein aufrichtiges Gebet, so heißt es, entzündet sich im Menschen wie ein Funke und schießt vom Scheitel als ein feiner, unendlich heller Strahl senkrecht empor. Über den Städten der Menschen liegen oft schwere, graue Wolken – die verdichteten Gedankenformen von Sorge, Angst und Gier. Der Strahl eines echten Gebets durchschneidet sie mühelos, wie ein Licht die Finsternis. Für die dunklen Wesen ist er eine unberührbare, heilige Grenze; sie weichen erschrocken zurück, weil seine Schwingung die ihre weit übersteigt. Und dieser Strahl verliert sich nicht im Leeren: Er zieht eine glühende Spur hinter sich her wie ein Komet und schließt sich an die Stationen der Helfer in der Höhe an, wo er als leuchtendes, pulsierendes Zeichen empfangen wird.
Zugleich verwandelt sich die Ausstrahlung des Betenden selbst und leuchtet in Farben auf, je nach der Art seines Empfindens. Gebete aus tiefem Vertrauen und Dankbarkeit hüllen den Menschen in ein leuchtendes Blau und Gold; ein Gebet für einen anderen, aus reiner Liebe gesprochen, strömt in sanftem Rosa aus der Mitte der Brust hervor. Und als Antwort geschieht das Schönste: Von oben beginnt es leise zu regnen – ein feiner, leuchtender Tau aus winzigen, sternenklaren Teilchen, die auf den Betenden herabsinken und von ihm aufgenommen werden, bis jede Müdigkeit und alle Schwermut sich auflösen und einer tiefen, stillen Zuversicht weichen. Wo im Inneren dunkle Flecken saßen, Schatten der Sorge oder Spuren von Krankheit, dringt dieses flüssige Licht ein wie ein Bad aus lebendigem Kristall, schwemmt das Dunkle fort und ersetzt es durch vitale, strahlende Kraft, bis die innere Gestalt von innen her leuchtet wie Alabaster, den die Sonne durchflutet.
Am ergreifendsten aber ist das Bild der Fürbitte. Wenn jemand voll Mitgefühl für einen anderen, leidenden Menschen betet, spannt sich aus seiner Brust ein sanft glühender Bogen über jede Entfernung hinweg bis zu dem, für den er bittet. Dort entfaltet sich die Kraft und legt sich wie ein Mantel aus glitzernden Lichtperlen um den Leidenden. Und selbst wenn dieser noch so von Schmerz erfüllt ist, dass er das Licht nicht sogleich in sich einlassen kann, so ruht der Mantel dennoch schützend auf ihm, dämpft die Angriffe von außen, schenkt dem aufgewühlten Geist eine sanfte Kühlung – und wartet wie ein stiller, treuer Wächter darauf, dass die Seele sich endlich öffnet, um den Segen in sich aufzunehmen. Denn nichts wird aufgezwungen; alles wartet auf das erste, freie Sichöffnen des Inneren.
Wer solche Bilder einmal in sich aufgenommen hat, spürt, dass hier kein Gebet je ungehört verhallt. Es ist die schönste und mächtigste Bewegung, zu der eine Seele fähig ist. Diese und ähnliche Bilder – hier aus den Werken von André Luiz – sind gewiss nur Beispiele aus einer unendlichen Vielzahl von Möglichkeiten und Erscheinungen, die aber alle klar erkennbar sind als demütige Bewegungen dem Licht entgegen.
Und doch trägt jeder Mensch einen eigenen Widerstreit in sich, sobald er davon hört. Der eine hat als Kind vom Beten gehört und tut es seither, mehr oder weniger mechanisch, aus Gewohnheit. Ein anderer kümmert sich nicht darum. Ein Mensch in Not findet vielleicht plötzlich dazu zurück. Und wer sich innerlich mit solchen Dingen beschäftigt, versucht es, strengt sich vielleicht an – doch überall fehlt die selbstverständliche Einfachheit, die nur den kindlich reinen Seelen zu eigen ist. Der eine versucht mit aller Kraft, sein Gebet nach oben zu tragen; der andere betet zunächst aus Gewohnheit, weil das Beten geübt werden will. Entscheidend ist jedoch weder die Kraft noch die Gewohnheit, sondern die Reinheit des Gebets. Und hier ist das Befreiende zu sagen: Auch wenn nicht alles daran richtig ist, ist darum noch längst nicht alles falsch. Alles, was innerlich lebendig ist, kann sich entwickeln wie ein Keim, der irgendwann das Licht der Sonne erreicht und ihr entgegenwächst. Darum soll jeder, der diesen Wunsch in irgendeiner Weise in sich trägt, sich ihm immer wieder bewusst zuwenden.
Wenn hier dennoch von „Üben“ die Rede ist, dann nicht im Sinn eines mechanischen Wiederholens – wie beim Einstudieren einer Tonleiter am Klavier. Gemeint ist vielmehr ein inneres Ringen, getragen von Ehrfurcht und Sehnsucht.
Aber es ist zugleich jedem Menschen nach seinem Reifezustand vergönnt, Fehler zu machen – und er muss nicht fürchten, dass ihm etwas als Sünde angerechnet wird, wenn ihm dabei etwas misslingt. Zugleich soll er nichts übernehmen, was er nicht innerlich mittragen kann. Der eine sucht diesen inneren Weg oft, der andere nur selten, und ein Dritter vielleicht fast nie. Doch auf die Häufigkeit kommt es nicht an. Entscheidend ist allein, dass es echt ist – lebendig und aus innerem Antrieb geboren, ein wahrhaftiges Durchringen zum Licht.
Doch dürfen wir uns überhaupt so mit diesen Dingen beschäftigen? Ja – wir sollen es, wir müssen es sogar. Denn wie sollten wir sonst je zur Erkenntnis gelangen, zu einer tausendfachen, vielfältigen Erkenntnis?
Zum Üben gehört nämlich nicht nur das Tun, sondern ebenso das Nachdenken, das Lesen, das Bedenken – und auch das Irren. Denken ist keine Sünde. Denken ist die Voraussetzung eines tieferen Verständnisses.
Man soll nicht dem Irrtum verfallen, zu meinen, sobald wir denken, herrsche bereits der bloße Verstand. Das ist nicht der Fall. Eine echte innere Bewegung, das Empfinden des Suchenden, bringt von selbst auch ein Denken hervor. Und dieses Denken kann, wenn es tief genug geht, hoch genug strebt und mit einer gewissen Demut verbunden bleibt, geradewegs zur Erkenntnis führen.