
Es ist lange her, so erzählt die alte Kölner Sage, da lebte in der Stadt ein kleines, verborgenes Völkchen: die Heinzelmännchen. Es war eine besondere Art kleiner Wesen, und sie taten die liegengebliebene Arbeit der Menschen – heimlich bei Nacht, wenn alles schlief, denn sie wollten unerkannt bleiben. Die Bürger nahmen diese Hilfe dankbar an; ihre Sorgen waren vergessen, und sie konnten am Abend beruhigt zu Bett gehen.
Eines Tages jedoch spielte die Frau des Schneiders den Heinzelmännchen einen hinterlistigen Streich, denn ihre Neugier war groß und sie wollte die Wesen mit eigenen Augen sehen. Sie streute Erbsen auf die Treppe.
Gegen Mitternacht, als die Heinzelmännchen kamen, um ihre Arbeit zu verrichten, rumpelte es mit lautem Getöse in der Werkstatt: Die Männlein purzelten über die Erbsen, einer nach dem andern die Treppe hinab, und blieben am Fuß der Stufen liegen. Nun endlich sah die Frau die kleinen Wesen – und verfiel in ein höhnisches Gelächter.
Da machten sich die Heinzelmännchen traurig davon, hinaus in die dunkle Nacht, und verschwanden für immer. Am nächsten Morgen war die liegengebliebene Arbeit nicht getan, und auch fortan mussten die Menschen alles wieder allein verrichten, ohne die heimliche Hilfe.
So weit die Sage. Man könnte es bei dem hübschen, ein wenig wehmütigen Märchen belassen. Doch es lohnt sich, zu fragen, was in ihm bewahrt liegt, denn alte Sagen sind selten reine Erfindungen. Oft sind sie wie Gefäße, in denen wirkliches Wissen die Jahrhunderte überdauert hat und die lediglich mit dem Gewand einer Erzählung umkleidet wurden.
Dazu muss man nicht glauben, dass eine Schneidersfrau je tatsächlich Erbsen gestreut hat. Außerdem darf man bezweifeln, dass solche Wesen darüber stolpern würden…
Es gibt noch eine weitere Erzählung hierzu, eine Art Spottlied, wonach die Heinzelmännchen den Menschen die Arbeit abgenommen hätten, damit diese faul und bequem sein könnten: der Bäcker, der sich die Gesellen spart, der Handwerker, der sich schlafen legt, während die Kleinen für ihn schuften. Doch hier muss man nicht lange nachdenken, um zu spüren, dass diese Erzählung nicht stimmen kann.
Wer sich vorstellen kann, dass solche Hilfen den Menschen umgeben, der wird auch ahnen, dass diese Kräfte niemals die Trägheit fördern können. Sie unterstützen im Gegenteil nur den Fleißigen, den Redlichen, den mit rechtem, ehrlichem Sinn Schaffenden – sie geben ihm Eingebung, tragen sein Werk, behüten und beflügeln, was er mit ganzer Kraft begonnen hat.
Wer sich seiner Pflicht entzieht, empfängt von ihnen keine Hilfe; das widerspräche ihrem ganzen Wesen, das im Dienst an der lebendigen Ordnung steht, nicht im Dienst an der Bequemlichkeit des Menschen. Die Hilfe krönt die Arbeit – sie ersetzt sie nicht. Erst wo ein Mensch das Seine redlich tut, gesellt sich das Fördernde hinzu.
So verlässt das Feinere den Menschen: nicht im Groll, sondern in Trauer, wenn es mit Hohn beantwortet wird. Doch in Wahrheit wurden die Helfer nicht vertrieben – der Mensch machte sich selbst unfähig, sie noch wahrzunehmen.
Und in vielen ähnlichen Überlieferungen ist es nicht einmal nur die Neugier und der Spott. Es sind auch die Undankbarkeit, die kleine Böswilligkeit, der Hochmut des Klügeren – all die Regungen, die kühl und laut an die Stelle einer stillen, warmen Wahrnehmung treten. Wo sie einziehen, verstummt das Feinere.
Bei vielen Völkern findet sich dazu noch ein merkwürdiger Zug – ein Motiv, das so beharrlich wiederkehrt, dass es sogar den Weg in eine der erfolgreichsten Geschichten unserer Tage gefunden hat, in Harry Potter: das Verschwinden nach einem Geschenk von Kleidung. Speise haben diese Wesen immer gern angenommen – die Schale Milch, das Stück Brot, das man ihnen am Abend hinstellte. Vielleicht war es dabei nie die Speise selbst, auf die es ihnen ankam, sondern das, was in der Gabe lag: der stille Dank, der nichts fordert. Doch legte man ihnen Kleider hin, und geschah es aus reiner Dankbarkeit, so kamen sie niemals wieder. So erzählen es die Deutschen von ihren Wichtelmännern, die Engländer und Schotten von ihren Hausgeistern, und ähnlich die Völker des Nordens.
Das wirkt zunächst rätselhaft, beinahe unbillig: Die Menschen wollten doch nur Gutes tun. Aber man muss bedenken, was Einkleiden von jeher bedeutet. Wen man einkleidet, den nimmt man in Dienst. Der Soldat wird eingekleidet, wenn das Heer ihn nimmt; das Gesinde erhielt vom Herrn Lohn und Kleidung; wer ins Kloster eintritt, wird bis heute „eingekleidet“. Kleidung aus der Hand eines anderen ist nie bloß eine Gabe – sie ist das Zeichen, dass einer fortan dazugehört, in fremder Ordnung steht und fremden Willen trägt.
Genau das aber können diese Wesen nicht. Sie dienen nicht dem Menschen und haben ihm nie gedient; sie stehen in einer höheren Ordnung, und nur aus ihr heraus konnten sie dem Menschen zur Seite sein. In dem Augenblick, da der Mensch ihnen Kleider hinlegt, offenbart sich – ihm selbst vielleicht verborgen – sein eigenes Wollen: sie zu den Seinen zu machen, über sie zu verfügen. Und wieder ist es nicht so, dass die Helfer gekränkt davonziehen. Der Mensch selbst hat das Verhältnis verwandelt, in dem sie ihm nahe sein konnten. Wer den Helfer zum Knecht machen will, und geschähe es aus Liebe, der greift nach ihm – und hält am Ende nichts in der Hand.
Das Feinere lässt sich beschenken. Besitzen lässt es sich nicht.