Wie die Dinge zu uns kommen

„Je stärker Sie im Einklang mit Ihrem wahren Wesen sind, desto mehr passiert das, was Sie nicht erzwingen können.“

Das sagte Vera F. Birkenbihl in einem ihrer Vorträge. Sie meinte damit: Es tun sich ganz unvermutet Chancen auf, es ergeben sich günstige Gelegenheiten, man trifft zur richtigen Zeit die richtigen Menschen.

Wer das hört, nickt. Jeder kennt solche Fügungen aus dem eigenen Leben. Aber wenn man einen Augenblick verweilt, steht eine Frage auf, an der das Nicken endet: Wie kommt das ins Leben? Wie kommt es zu uns? Wie kann es sein, dass dem einen Menschen günstige Dinge zufallen und dem anderen nicht?

Denn eines ist gewiss: Die Dinge stellen sich nicht wie im Märchen aus dem Nichts ein. Nichts materialisiert sich in der Luft. Was uns zufällt, muss einen Weg in die Welt haben — durch die Natur, die es hervorbringt, und durch Menschen, die es in die Wirklichkeit tragen.

Wie ein Apfel wächst, ist einfach zu verstehen. Wie ein Auto gebaut wird, auch. Aber wie die Dinge zu uns kommen — das ist, wenn man genau hinschaut, gar nicht einfach zu verstehen. Denn sie hätten immer auch ganz anderswo hinkommen können.

Sehen wir uns die drei Dinge, die Vera Birkenbihl nennt, einzeln an. Denn es sind wirklich drei verschiedene Dinge.

Die unvermutete Chance. Unvermutet heißt: Ich habe nicht danach gesucht — ich hätte nicht einmal danach suchen können, weil ich nicht wusste, dass es sie gibt.

Jemand erzählt in meiner Gegenwart, gar nicht mir, ich stehe nur dabei, dass im Nachbarort einer seine Werkstatt aufgibt und die Werkzeuge abzugeben hat. Ich trage seit Jahren den halben Gedanken mit mir, eine Werkstatt einzurichten, habe aber nie etwas unternommen.

Was musste geschehen, damit diese Chance mich erreicht? Die Sache musste irgendwo bereitliegen, aus Gründen, die mit mir nichts zu tun haben — der alte Mann gibt auf, weil seine Hände nicht mehr wollen. Die Nachricht musste einen Weg zu mir finden, durch Menschen, die gar nicht wissen, dass sie mir etwas überbringen.

Und dann das Entscheidende: In mir musste etwas liegen, woran der Wortfetzen haften konnte. Zehn andere haben denselben Satz gehört und vergessen. Bei mir bleibt er hängen, weil der halbe Gedanke schon da war.

Die vermeintlich unvermutete Chance ist also gar nicht so unerwartet, sondern die Antwort auf etwas, das lange in mir schlummerte und dessen ich mir selbst kaum noch bewusst war.

Die günstige Gelegenheit. Hier ist es umgekehrt: Ich weiß, was ich will, aber es ging bisher nicht. Die Tür war zu. Günstig ist der Augenblick, in dem sie einen Spalt aufsteht.

Ich möchte seit langem mit einem bestimmten Menschen etwas klären, aber es ergab sich nie — immer waren andere dabei, immer war Eile. Dann bleibt eines Tages ein Bus aus, und wir stehen beide zwanzig Minuten an derselben Haltestelle.

Die äußeren Umstände mussten sich so stellen, dass das Hindernis für kurze Zeit fehlt — und ich musste den Augenblick als das erkennen, was er ist. Denn das ist das Heikle an der Gelegenheit: Sie sieht fast immer wie eine Störung aus. Der ausgefallene Bus ist zuerst ein Ärgernis. Wer über die Störung schimpft, hat die Gelegenheit schon verpasst.

Günstig ist sie nie von selbst — günstig wird sie durch den, der sie ergreift. Und ergreifen kann sie nur, wer sein Anliegen wach in sich trägt statt vergraben.

Der richtige Mensch zur richtigen Zeit. Das ist das Tiefste von allen, denn hier müssen zwei Leben passen, nicht eines. Der richtige Mensch ist ja nicht der angenehme oder der bedeutende — es ist der, der genau das hat oder ist, was mir jetzt fehlt, und für den ich vielleicht genau das bin, was ihm fehlt.

Einer hat etwas über Jahre aufgebaut und weiß nicht, wie er es weitergeben soll. Ein anderer sucht, ohne es genau benennen zu können, eine Aufgabe. Damit die beiden sich treffen, muss auf beiden Seiten alles Bisherige so gelaufen sein, dass jeder zur selben Zeit an derselben Stelle seines Weges steht — der eine reif zum Geben, der andere reif zum Empfangen.

Ein Jahr früher hätte der eine noch festgehalten, ein Jahr später hätte der andere sich anderweitig gebunden. Und dann braucht es noch den Kreuzungspunkt selbst: den kleinen Umweg, das Gespräch, das einer von beiden beinahe nicht geführt hätte. Der richtige Mensch zur richtigen Zeit ist darum das Unerzwingbarste von allem — meine Seite kann ich bereiten, aber die andere Seite bereitet ein ganzes fremdes Leben.

In allen drei Fällen zeigt sich dasselbe: Der entscheidende Schritt liegt nicht im Ereignis, sondern im Menschen. Der Wortfetzen haftet nur, wo etwas liegt, woran er haften kann. Die Störung wird nur dem zur Gelegenheit, der sein Anliegen wach trägt. Und dem richtigen Menschen begegnet nur, wer selbst zum richtigen geworden ist.

Und wie viele Kleinigkeiten mussten jedes Mal zusammenlaufen — ein Gedanke, ein Einfall, ein Wort, ein Zögern, ein Weg, der sich mit einem anderen kreuzte. Wäre eine einzige dieser Kleinigkeiten anders gelaufen, es wäre nichts daraus geworden.

Es gibt Filme, die genau damit spielen: eine erreichte oder verpasste Bahn, wenige Sekunden, und zwei ganze Leben laufen auseinander. Die Menschen spüren, dass an den Kleinigkeiten etwas hängt.

Aber sind es Zufälle? Das eigentliche Wunder der Zufälle ist ja nicht, dass sich etwas aus dem Nichts einstellt — sondern dass alles im richtigen Moment zusammenläuft. Das ist es, was wir eine glückliche Fügung nennen.

Und eine glückliche Fügung ist kein Wunder außerhalb der Naturgesetze. Sie ist etwas viel Größeres: ein Wunder innerhalb des Bestehenden.

Jeder Mensch bewegt sich in einer Landschaft. Wer in einer Gegend voller Obstbäume unterwegs ist, für den ist nicht so wichtig, ob er den einen Baum findet oder den anderen übersieht. Er ist von Fülle umgeben, und die Fülle fällt ihm auf der einen oder anderen Seite zu.

Wer dagegen in steinigem, gefährlichem Gelände geht, muss nicht an einer bestimmten Stelle stolpern. Aber niemand kann immer aufpassen. Irgendwann wird er stolpern. Nicht der einzelne Moment ist festgelegt — aber im Ganzen spielt jedem seine Landschaft das Ihre zu.

Nur: Diese Landschaft liegt nicht außen. Es ist eine innere Landschaft — eine Landschaft dessen, was wir als Gedanken, Gefühle und Empfindungen kennen. Die Landschaft der inneren Persönlichkeit.

Und sie ist nicht einfach da. Sie gleicht eher einem Teppich, der gewebt wird — gewebt aus unseren eigenen Wünschen, Gedanken und Hoffnungen, Faden um Faden, ein Leben lang. In diesem Teppich bewegen wir uns; er ist es, der dem einen Fülle zuspielt und den anderen durch steiniges Gelände führt.

Und wo ein Gewebe ist, mag der eine oder andere still weiterfragen: Dann muss es auch jemanden geben, der webt — und der in jedem Augenblick noch webt.

Und daraus ergibt sich, wie von selbst, eine praktische Umsetzung. Denn wem sich das erschließt, wer es auch nur nachvollziehen kann, dem eröffnen sich sogleich neue Blickwinkel für sein tägliches Leben.

Er beginnt zu erkennen, dass die Widerstände, die uns zeitweise in den Weg gelegt werden, im Grunde etwas Ähnliches sind wie Hilfen — Hilfen, den Takt wiederzufinden. Jenen Takt, der uns in den Fluss der richtigen Ereignisse bringt und uns mit der Harmonie des Gesamten verbindet.

Ein solcher Mensch wird diese besonderen Augenblicke, in denen er von seinen eigenen Absichten kurzzeitig abgehalten und in eine Lage gedrängt wird, die er nicht erwartet hat, in Ruhe nutzen. Er wird sich besinnen und zu ergründen suchen, was genau dieser Moment bedeutet — für ihn oder vielleicht für andere.

Denn womöglich steht er gerade jetzt mitten in einem solchen Augenblick, der für ihn selbst oder für einen ihm noch Unbekannten eine ganz besondere Möglichkeit birgt.

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