Grobhirn und Feinhirn

Fast jeder von uns spricht mehrmals am Tag in ein Handy. Wir halten es ans Ohr oder vor den Mund, sagen etwas, und ein paar hundert Kilometer weiter hört jemand unsere Stimme. Wir denken nicht darüber nach. Aber wenn man es einmal tut, wird es merkwürdig. Wo ist die Stimme, während sie unterwegs ist?

Am Anfang ist sie etwas ziemlich Grobes: Luft, die gegen eine winzige Membran drückt. Die Membran gibt den Druck an eine Spule weiter, die in einem Magnetfeld schwingt – das ist schon nicht mehr Luft, sondern bewegtes Metall, feiner, leiser. Die Spule macht daraus einen elektrischen Strom, so schwach, dass man ihn nicht spüren könnte. Der Strom wird verstärkt, in Zahlen zerlegt, und am Ende ist die Stimme eine Welle, die keinen Stoff mehr braucht und durch die Wand geht. An jedem Übergang wechselt das Material, in dem sie lebt: Luft, Metall, Elektronen, Feld. Hunderte kleiner Übergänge, und nirgends könnte man den Finger darauflegen und sagen: Hier ist sie. Sie ist nicht in der Membran und nicht in der Antenne. Sie geht hindurch. Wer die Antenne aufschneidet, um das Wort zu finden, findet Draht.

Das Handy ist also kein Apparat, der etwas tut. Es ist eine Kette von Wandlern, und jedes ihrer Glieder ist fein gegenüber dem vorigen und grob gegenüber dem nächsten. Grob und fein sind hier keine zwei Dinge, sondern zwei Richtungen, wie warm und kalt. Am einen Ende ist sie ganz grob, am anderen ganz fein, und dazwischen gibt es keine Stelle, an der das eine aufhört und das andere anfängt.

Und noch etwas: Kein Glied gibt das, was hindurchgeht, unverändert weiter. Jedes mischt etwas von seiner eigenen Art bei. Der Tontechniker nennt das die Färbung. Zwei Mikrofone, dieselbe Stimme – und doch klingt es zweimal anders, und keines von beiden ist falsch. Die Kette hat einen Ton.

Jetzt kann man den Blick vom Handy in der Hand auf die Hand selbst wenden, und weiter, auf den ganzen Menschen. Auch in ihm wirkt eine solche Folge von Wandlungen. Etwas geschieht ihm, außen oder innen; es geht durch Sinne und Nerven, durch Stellen im Kopf, für die es Namen gibt, und kommt als Wort, als Handbewegung, als Tat wieder heraus. Man hat lange geglaubt, es gebe im Kopf ein Sehzentrum, ein Hörzentrum, ein Sprachzentrum – Kästchen mit Zuständigkeiten. Das ist ungefähr so richtig, wie zu sagen, die Stimme sitze in der Antenne. Ein Arm hebt ein Gewicht, aber er tut es nicht aus sich heraus. Wer etwas Schweres trägt, spannt sich bis in die Zehen an. Die Bewegung geht durch den Menschen hindurch, wie die Stimme durch das Handy.

Und jeder Mensch hat seinen Ton. Der Körper eines Musikers ist nicht besser als der eines Handwerkers oder eines Malers. Er ist anders, in allen Teilen, bis in die Nerven hinein. Was beim Gerät die Färbung ist, ist beim Menschen die Persönlichkeit.

An dieser Stelle hört das Handy auf, mitzukommen. Denn das Handy ist fertig, wenn es die Fabrik verlässt. Durch Gebrauch wird es höchstens schlechter. Der Mensch nicht. Wer dreißig Jahre Geige spielt, hat nicht nur geübte Finger; man kann heute messen, dass die Stelle im Gehirn, die diese Finger führt, größer geworden ist – und zwar umso mehr, je früher er angefangen hat. Im Menschen wirkt eine Kette, die sich nach dem umbaut, was durch sie hindurchgeht. Das Gerät wird durch Gebrauch abgenutzt. Der Mensch wird durch Gebrauch gebaut.

Das ist die schöne Hälfte. Die andere Hälfte kennt jeder aus der ersten Biologiestunde. Der Pinguin hat Flügel und kann nicht fliegen. Der Fisch in der Höhle hat keine Augen mehr; in der Dunkelheit sind sie innerhalb weniger Generationen verschwunden. Was nicht gebraucht wird, bildet sich zurück. Das ist kein Urteil, es ist einfach die Folge. Der Pinguin hat das Fliegen dabei nicht einmal verloren – sein Flügel ist zur Flosse geworden, und unter Wasser fliegt er besser als jeder Vogel in der Luft. Die Kraft ist nicht weg, sie ist umgezogen. Und der Fisch vermisst nichts. In seiner Welt fehlt ihm nichts.

Nun kann man sich fragen, was das für den Menschen bedeutet, der beides kann: sich aufbauen, wo etwas in ihm gebraucht wird, und sich zurückbilden, wo nicht. Was, wenn ein Mensch – oder viele Menschen, über lange Zeit – fast nur noch an einem Ende dieser inneren Folge arbeiten? An dem Ende, das rechnet, benennt, ordnet, in Kästchen teilt? Dieses Ende würde mächtig werden. Und das andere Ende, das feine, das nicht benennt, sondern empfängt, bevor es Worte gibt, würde dünner. Nicht kaputt. Dünner. Und an der Naht zwischen dem mächtigen und dem dünnen Glied geschähe etwas, das die Technik gut kennt: Wo zwei Glieder nicht zueinander passen, wird ein Teil des Signals zurückgeworfen. Es kommt nicht an. Man würde es nicht einmal merken. Man würde nichts vermissen.

Etwas Ähnliches scheint, soweit ich es sehe, geschehen zu sein. Das Ende der Kette, das mit der irdischen Welt umgeht – die Wissenschaft nennt es das Großhirn oder Vorderhirn –, wurde über Jahrhunderte und Jahrtausende auf alles angesetzt, was sich messen, rechnen und beherrschen lässt, und es hat sich nach diesem Gebrauch gebaut. Es ist mächtig geworden. Das andere Ende, das die feineren Regungen aufnimmt, bevor der Verstand sie in Worte fasst, könnte in derselben Zeit immer weniger gebraucht worden und dadurch dünner geworden sein. Man könnte die beiden Enden, das Grobhirn und das Feinhirn nennen. Nicht zwei Organe, die nebeneinander liegen und die man gegeneinander ausspielen könnte, sondern die beiden Enden einer einzigen Kette, von der wir seit langem nur das eine Ende üben.

Darin liegt aber auch die Hoffnung, denn diese Entwicklung kennt nicht nur eine Richtung. Was gebraucht wird, kann wachsen. Wer sich dem Irdischen zuwendet, stärkt das grobe Ende. Wer sich dem Feineren zuwendet, dem, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht, stärkt das feine Ende – dieselben Organe, die dünn geworden sind, werden wieder gebraucht und können wieder stärker werden. Der Geiger beweist, dass es geht, und er beweist auch, dass es nicht über Nacht geht.

Nur: Was ist das Feinere? Hier liegt ein Missverständnis nahe, und ich möchte es ausräumen, bevor es entsteht. Es geht nicht darum, sich viel mit geistigen Dingen zu beschäftigen, mit Geistern, mit Übungen, mit Lehren. Das wäre nur wieder das grobe Ende, das sich einen neuen Gegenstand sucht. Das eigentlich Menschliche ist einfacher und schwerer zugleich: Es ist die Nächstenliebe. Die Barmherzigkeit. Die Sanftmut. Das sind die Tugenden des Geistes, und sie sind keine Gedanken, sondern Regungen, die in uns wirksam werden, lange bevor der Verstand ein Wort dafür hat. Wer einem Menschen beisteht, wer nachsichtig ist, wo er recht hätte, wer sanft bleibt, wo er hart sein könnte, der übt diese feine Seite seines Wesens – so, wie der Geiger seine Tonleitern übt. Nicht im Kopf. Im Leben.


Angeregt durch Aleš Svoboda, „O lidském mozku“ (Volání, 2006), ein bisher nur tschechisch erschienenes Buch auf der Grundlage von Abd-ru-shins „Im Lichte der Wahrheit“. Eigene Betrachtung, keine Wiedergabe.

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