
Jeder kennt den Film. Ein Mathematiker in Princeton, dem die Gleichungen zufliegen, und der zugleich Menschen sieht, die es nicht gibt. Der Film heißt „A Beautiful Mind“, der Mann hieß John Nash, und wer aus dem Kino kommt, nimmt eine Überzeugung mit, die er vorher schon hatte: Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander.
Das Sprichwort ist alt. Schon bei den Griechen steht die Frage, warum alle Großen in Dichtung und Philosophie Melancholiker seien; Seneca meinte, es habe nie ein großes Talent ohne eine Beimischung von Wahnsinn gegeben. Der Film hat das nur geerbt und in Bilder gesetzt.
Aber stimmt es? Und wenn ja – wie genau stimmt es? Denn ein Sprichwort ist bequem: Man kann jeden Fall damit erklären, ohne je genauer hinsehen zu müssen. Wenn man den Lebensläufen aber nachgeht, wird das Bild genauer – und dabei verschiebt es sich.
Man hat einmal die Werke Robert Schumanns Jahr für Jahr neben seine Stimmung gelegt. Die großen Jahre, 1840 mit den Liedern und 1849 mit der Fülle, sind die Jahre, in denen er hochgestimmt war, fast überdreht. In den Jahren der Schwermut steht wenig. Und in Endenich, in der Anstalt, in den letzten zwei Jahren, steht nichts mehr.
Hölderlin hat in seinem Turm noch Gedichte geschrieben, aber kleine, und keines mehr wie die früheren. Van Gogh hat in den Anfällen nicht gemalt, sondern zwischen ihnen. Und Nash selbst hat später gesagt, dass ihm die Wahnideen auf demselben Weg gekommen seien wie die mathematischen Einfälle. Der Unterschied lag nicht im Empfangen, sondern im Prüfen: Solange er einen Einfall noch nachrechnen konnte, wurde Mathematik daraus; als ihm diese Fähigkeit abhandenkam, blieb nur noch der Wahn.
Das Werk entsteht also nicht im Wahnsinn. Es entsteht daneben, in den Fenstern, und die Krankheit ist nicht die Quelle, sondern der Preis, den mancher zahlt, der an dieser Stelle steht.
Wo diese Stelle liegt, dazu gibt es eine Beobachtung, die ich für die wichtigste in dieser ganzen Frage halte. In Schweden hat man in den Registern von über einer Million Menschen nachgesehen, ob Menschen in schöpferischen Berufen häufiger psychisch krank werden. Sie werden es nicht, mit einer einzigen Ausnahme, der bipolaren Erkrankung. Was aber deutlich häufiger war: Die Geschwister von Menschen mit Schizophrenie oder bipolarer Erkrankung waren in den schöpferischen Berufen überrepräsentiert.
Die Anlage sitzt in der Familie. Bei dem einen wird sie Krankheit, beim anderen Werk. Man kann es sich so vorstellen: Beiden ist dieselbe Tür geöffnet worden, und durch sie kommt bei beiden mehr herein als bei anderen Menschen. Der eine kann tragen und ordnen, was hereinkommt; der andere wird davon überschwemmt. Die Tür ist dieselbe – der Unterschied liegt in dem, der dahinter steht.
Die Psychologie hat für diese Tür ein nüchternes Wort gefunden: den dünnen Filter. Es gibt Menschen, bei denen mehr hereinkommt, als das Bewusstsein gewöhnlich zulässt – im Traum, in der Wahrnehmung, in den Einfällen. Zusammen mit der Kraft, das Hereinkommende zu ordnen, ist der dünne Filter das Kennzeichen der schöpferischen Leistung. Ohne diese Kraft ist derselbe dünne Filter ein Kennzeichen der Gefährdung.
So weit die Beobachtungen. Sie zeigen, dass bei manchen Menschen mehr hereinkommt als bei anderen, und dass es darauf ankommt, was einer damit anfangen kann. Was da hereinkommt und woher, dazu sagen sie nichts; das liegt außerhalb dessen, was sich messen lässt. Genau dort möchte ich einen Schritt weitergehen.
Was heißt es, dass ein Mensch empfänglich ist – dass er, wie man sagt, Antennen hat? Ich glaube, man muss zwei Arten des Empfangens unterscheiden, und die meisten Verwirrungen in dieser Frage entstehen, weil man sie in einen Topf wirft.
Die eine Art hat jeder Mensch, der eine mehr, der andere weniger, und fast immer unbewusst. Es ist das Empfangen aus dem, was man die Gedankenwelt nennen kann: aus dem, was Millionen Menschen vor uns und um uns gedacht haben und was als Stimmung, als Einfall, als Meinung in der Luft liegt. Man sagt „mir kam ein Gedanke“ und trifft es damit genauer, als man weiß.
Aus dieser Quelle schöpft der Verstand, und er kombiniert daraus Neues, das meist nur neu zusammengesetzt ist. Deshalb geschieht es so oft, dass zwei oder drei Menschen an verschiedenen Orten zugleich auf dieselbe Idee kommen. Diese Art des Empfangens ist nicht rein. Sie bringt alles herein, das Hohe und das Niedrige, je nachdem, worauf ein Mensch eingestellt ist – und ein dünner Filter lässt davon mehr durch als ein dicker.
Die andere Art ist seltener und ganz anders. Sie kommt nicht aus dem, was Menschen gedacht haben, sondern von höher her. Sie kommt als Bild, nicht als Gedanke, und sie kommt, bevor es Worte gibt. Die alten Überlieferungen haben ihr einen Ort im Kopf gegeben, das dritte Auge, die Zirbeldrüse, und wer meine früheren Texte kennt, weiß, warum ich diesen Ort ernst nehme.
Was auf diesem Weg hereinkommt, ist rein. Aber es ist nicht bequem. Denn ein Bild, das von höher kommt, will in irdische Form gebracht werden – in Töne, in Farben, in Sätze, in eine Tat –, und der Verstand, der das leisten muss, ist dafür oft nicht gebaut. So entsteht ein Druck. Der Künstler kennt ihn; es ist die Spannung zwischen dem, was er gesehen hat, und dem, was er zeigen kann.
Wenn es gelingt, entsteht etwas, das Generationen überdauert. Wenn es nicht gelingt, bleibt der Druck – und er bleibt nicht folgenlos, vor allem nicht, wenn er lange dauert. Es gibt Menschen, bei denen etwas angekommen ist, das sie nicht formen können, und bei denen sich der Druck dann einen anderen Ausgang sucht – in der Unruhe, im Rückzug, in der Krankheit.
Man muss nun nicht annehmen, dass jeder, der krank wird, ein verhindertes Genie sei. Aber man darf annehmen, dass ein empfänglicher Mensch mehr trägt als ein unempfänglicher, und dass die Frage, was er mit dem Empfangenen anfängt, nicht nebensächlich ist, sondern über sein Leben entscheidet. Und daraus folgt etwas, das im Sprichwort nicht steht und im Film nicht vorkommt.
Ein Mensch mit dünnen Grenzen, mit Antennen, muss mehr auf sich achten als jeder andere. Nicht weniger. Das ist das Gegenteil dessen, was er meist tut. Denn die Versuchung liegt nahe, die Tür, die ohnehin offen steht, noch weiter aufzustemmen: mit Alkohol, mit Drogen, mit Substanzen, die versprechen, den Filter für eine Nacht ganz aufzuheben; und mit Techniken, die dasselbe auf sanftere Weise versprechen – Trance, Hypnose, das mechanische Wiederholen von Formeln, das Zurückführen in frühere Leben, Einweihungen aller Art.
Wer die Tür so öffnet, bekommt nicht das Hohe. Er bekommt, was der Öffnung entspricht: das, was aus der Gedankenwelt gerade am lautesten drängt. Bei Cannabis lässt sich das heute in Zahlen sagen; wer es täglich und hochpotent nimmt, hat ein vielfaches Risiko, an einer Psychose zu erkranken. Bei den Techniken lässt es sich nicht in Zahlen sagen, aber wer lange genug in der Psychiatrie gearbeitet hat, hat es gesehen.
Für einen Menschen, dessen Grenzen ohnehin dünn sind, ist all das nicht Erweiterung, sondern Gefahr. Bewusster Verzicht ist bei ihm keine Enge, sondern Vernunft – so wie ein Mensch mit empfindlicher Haut nicht in die Mittagssonne geht.
Was hilft dann? Denn Verzicht allein schließt nur die falsche Tür; er öffnet keine richtige.
Hier wiederhole ich etwas, das ich schon im letzten Text gesagt habe, und ich werde es noch öfter wiederholen, weil es mir wichtiger ist als alles Übrige. Der einzige Schutz, der trägt, ist ein natürlicher, und natürlich heißt: verbunden mit dem, was den Menschen zum Menschen macht.
Damit ist nicht gesagt, dass die Beschäftigung mit geistigen Dingen falsch wäre – sie ist es nicht, sie ist der Anfang von allem. Aber sie wird zur Falle, wenn sie beim Verstand stehen bleibt: wenn man Bücher sammelt statt Erfahrungen, Lehren vergleicht statt zu handeln, und dabei meint, man sei schon unterwegs, weil man viel darüber weiß. Das ist wieder nur das grobe Ende, das sich einen edleren Gegenstand gesucht hat.
Ebenso wenig ist die Suche nach Erlebnissen gemeint, und nicht der Asket auf seinem Berg, der sich allein und für sich vervollkommnen will. Sondern das, was in der Bergpredigt steht: die Sanftmut, die Barmherzigkeit, das reine Herz, der Friede, den man stiftet. Das sind keine Gedanken, es sind Regungen, und sie sind die einzigen, die von selbst in dieselbe Richtung gehen wie das, was von oben kommt.
Wer in ihnen lebt, baut das feine Ende seiner Kette auf – und baut zugleich den Verstand um, der das Empfangene formen soll. Bei ihm ist die Tür offen und das Haus geordnet. Bei ihm wird der Druck zur Arbeit und die Arbeit zum Werk, und sei das Werk nur ein Leben, das andere wärmt.
Und vielleicht ist das die genauere Fassung des alten Sprichworts. Nicht: Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander. Sondern: Wer viel empfängt, muss viel geben können. Sonst behält er es – und das hält niemand aus.